Grey's Anatomy 12x24

Der Aufhänger der diesjährigen Finalepisode der zwölften Staffel dürfte nicht sonderlich überrascht haben: Owen (Kevin McKidd) und Amelia (Caterina Scorsone) heiraten. Selbstverständlich - denn auch das kann kaum überraschen - kann diese Hochzeit nicht ohne einen akuten Nervenzusammenbruch seitens Amelia über die Bühne gehen. Wo kämen wir denn da hin? Und so kommt dieser Handlungsstrang auch nicht ohne die ganz großen Fragen aus: Kann es nur eine große Liebe geben? Ist Liebe grenzenlos? In diesem Zusammenhang scheitert der Versuch, gerade letztgenannter Frage annähernd gerecht zu werden. Das ist schade. Die mit Amelias psychischem Kollaps einhergehende Konfrontation mit Meredith gerät seltsam blutleer. Die Chance, diesem schier endlosen Konflikt endlich ein Ende zu bereiten, wurde ein weiteres Mal versäumt.
Dem Drama nicht genug, darf Ben (Jason George) seine nunmehr dritte (!) Not-OP unter widrigen Bedingungen durchführen. Sicherlich war auch dieser Einfall einigermaßen vorhersehbar: Unter massivem Druck und ohne Betäubung bringt Ben Aprils Baby durch einen Kaiserschnitt zur Welt. Dank dieser Heldentat findet auch der Streit zwischen ihm und Bailey (Chandra Wilson) endlich ein Ende. Aufgrund ihrer Konstruiertheit sind die Entwicklungen um Alex (Justin Chambers) und Jo (Camilla Luddington) dagegen das wohl mit Abstand größte Ärgernis dieser Episode. Neben einer wenig überzeugenden Camilla Luddington irritiert vor allem die peinliche, weil völlig abwegige Inflagrantisituation mit Andrew DeLuca (Giacomo Gianniotti). Einmal ganz abgesehen von der vielfach geäußerten Vermutung, weshalb Jo Alex' Antrag ablehnte: Sie ist bereits verheiratet.

Kompensiert werden diese weniger erfreulichen Entwicklungen allerdings durch die umwerfende Spannung, die sich schon jetzt zwischen Meredith und Riggs (Martin Henderson) aufbaut. Die Versöhnung zwischen Callie (Sara Ramirez) und Arizona (Jessica Capshaw) ist dagegen etwas ambivalenter zu bewerten - wird Callie nun doch nach New York ziehen?
This wedding is doomed
Die finale Episode dieser Staffel beginnt mit einem vertrauten Bild voller Erinnerungen: Meredith und Alex liegen nebeneinander im Gras, die Zuschauer/-innen beobachten sie aus der Vogelperspektive, der Ton des Gesprächs ist gewohnt nüchtern bis unterhaltsam-zynisch. Amelias Hochzeitstag wird damit gerahmt von einer bewusst eingesetzten Nostalgie, die ihre Wirkung allerdings nur teilweise entfalten kann. Wenngleich der nachfolgende Nervenzusammenbruch seitens Amelia vorhersehbar daherkommt, ist er doch notwendig und konsequent: Amelia ist eine labile Person, deren tiefe Verunsicherung zwangsläufig an einem dermaßen aufgeladenen Ereignis wie einer Hochzeit zum Tragen kommen muss. Merediths Zutun an dieser Verunsicherung ist indes kaum mehr abzustreiten.
Deshalb wäre es durchaus lohnenswert gewesen, die Fülle an Geschehnissen in diesem Staffelfinale zugunsten der Entwicklungen um Amelia, Meredith und Alex etwas zu reduzieren. Gerade die Auseinandersetzung zwischen den Schwägerinnen hätte gerne mehr Raum einnehmen können, auch wenn die obligatorische Flucht der drei Schwestern schon fast filmreife Züge annimmt. Zwischen Slushies, Supermarktregalen und einer vom Regen durchnässten Braut gelingt es in diesen Szenen, der Handlung etwas von ihrer verzweifelten Ernsthaftigkeit zu nehmen. Gleichzeitig irritiert vor allem Merediths schizophrenes Verhalten gegenüber Amelia.
So entsteht der Eindruck, als könne sie sich von der Projektion ihrer eigenen Gefühle auf Amelia immer nur punktuell lösen: Sie ist beste Freundin und person für genau diesen einen Tag. Dass Amelia sicherlich mehr von einer dauerhaft guten Beziehung zu Meredith hätte, scheint keiner Erwähnung wert. Owens Vertrauen in Amelia ist dagegen die erholsame Atempause, die die Zuschauer/-innen in all dem Chaos nur zu nötig haben, und auch seine freundlichen Worte an Riggs lassen Hoffnung für seine Figur aufkommen.
Überhaupt zählen die Szenen um Riggs und Meredith erneut zu den besten dieser Episode. Erstaunlicherweise gelingt es, in nur kurzen, pointierten Dialogen eine Vorausschau auf alles, was passieren könnte, zu bieten. Vor allem Riggs' lange, bedeutungsvolle Blicke an Meredith deuten darauf hin, dass dieser love interest zu einer ernsthaften Beziehung werden könnte - wäre da nicht Maggie, die Meredith in der allerletzten Szene des Finales ihr Interesse an Riggs gesteht.

I trust you
Während sich die oben genannten Entwicklungen vor allem um die Frage drehen, ob es nur eine große Liebe im Leben geben kann, geht es bei April und Jackson, Ben und Bailey sowie Alex und Jo vor allem um Vertrauen. Für die emotionale Spannung dieser Episode wäre es indes nicht zwingend notwendig gewesen, April eine dramatische Geburt und Ben eine weitere heikle Not-OP zu bescheren. Dank der soliden darstellerischen Leistung der Protagonist/-innen und den positiven Aussichten für April und Jackson und der Versöhnung von Ben und Bailey findet der Handlungsstrang aber ein gelungenes Ende.
Weniger gelungen und vielmehr ärgerlich ist das, was sich die Autor/-innen für Alex und Jo überlegt haben. So wirkt es unfreiwillig ironisch, wenn Alex Jo zunächst deutlich klar macht, dass er endlich glücklich sein will, ohne Geheimnisse, ohne Drama, ohne Tragödien - um den Plot in genau eben jenes Drama münden zu lassen. Jo ist also bereits verheiratet und konnte sich von ihrem gewalttätigen Ehemann aus Angst vor Rache nicht scheiden lassen. Damit dieser Hintergrund nicht zum bloßem Selbstzweck verkommt, hätte man ihm schlicht deutlich mehr Zeit einräumen müssen, auch, wenn die Notwendigkeit dieses Twists an sich nicht nachvollziehbar bleibt.
So scheitert der Einfall an mangelnder Entfaltungsmöglichkeit, an dürftigem darstellerischen Ausdruck seitens Camilla Luddington und nicht zuletzt an dem wirklich peinlichen „Erwischt!“-Moment, der sich später in Alex' und Jos gemeinsamem Apartment mit Andrew DeLuca abspielt. Große Enttäuschung stellt sich in erster Linie aber deshalb ein, weil die Autor/-innen Alex' Figur, seiner Bedeutung und seinen Möglichkeiten für und in dieser Serie seit geraumer Zeit nicht (mehr) gerecht werden.
Fazit
Das Finale der zwölften Staffel von Grey's Anatomy zeichnet sich vor allem durch den Versuch aus, alle wichtigen Handlungsstränge dieser Season zusammenzuführen. Trotz einiger Kritikpunkte gelingt dieses Vorhaben größtenteils: Der Rückgriff auf nostalgische Bilder hat in einer langlebigen Serie wie „Grey's Anatomy“ seine Berechtigung und die geschickte Verbindung zu neueren Entwicklungen ermöglicht einen runden wie aussichtsreichen Abschluss.

So sind es weniger die dramatischen Ereignisse um April oder Amelia, die zu den stärksten Momenten in Family Affair zählen. Vielmehr überzeugen da schon die Nebenhandlungen und Details, seien es die pointierten Dialoge zwischen Meredith und Riggs, die für die kommende Season sehr vielversprechend erscheinen, oder die visuell ansprechende Inszenierung dieser Episode - von der ersten Szene bis hin zur Braut im Supermarkt. Obwohl viele Entwicklungen insgesamt kritisch bewertet wurden, ergibt sich durch sie viel Spielraum für die kommende Staffel - insbesondere für Meredith und Riggs, für April und Jackson und hoffentlich auch für Alex und Jo.
Verfasser: Hannah Klein am Freitag, 20. Mai 2016Grey's Anatomy 12x24 Trailer
(Grey's Anatomy 12x24)
Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 12x24
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