Grey's Anatomy 12x23

Wenn die Episode At Last eines gezeigt hat, dann, dass die Stärke von Grey's Anatomy an erster Stelle in der ausführlichen Charakterentwicklung liegt. Die Aussichten für das anstehende Staffelfinale sind daher positive: Von dramatischen Zwischenfällen, bezogen auf plötzliche Unglücke und dergleichen, dürften die Zuschauer/-innen dieses Mal verschont bleiben.
So spitzen sich in „At Last“ dann auch sämtliche Konflikte der Protagonist/-innen zu. Mit Ausnahme von Ben (Jason George) und Bailey (Chandra Wilson) sowie April (Sarah Drew) und Jackson (Jesse Williams) rücken die Beziehungen gleichrangig in den Vordergrund der Handlung. Doch selbst in diesem Zusammenhang deuten sich Veränderungen an: Eine Wiedervereinigung von April und Jackson scheint immer wahrscheinlicher zu werden und auch Ben und Bailey werden den Waffenstillstand wohl bald besiegeln.
Deutlich präsenter zeigt sich dagegen das Vorhaben, alle anderen Konflikte noch einmal zu rekapitulieren und sie zugleich zu verschärfen. Während Callies (Sara Ramirez) Entschluss, in Seattle zu bleiben, bereits fest ist, wartet Penny (Samantha Sloyan) nur noch auf die Besiegelung ihres (Serien-)Schicksals. So weit, so absehbar: Callie beendet die Beziehung, Penny wird die Stadt verfrüht verlassen. Und wenn sich im Finale nicht doch noch einmal alles wendet, verabschieden wir ihre Figur damit endgültig. An anderer Stelle findet die noch junge Romanze zwischen Kyle (Wilmer Valderrama) und Steph (Jerrika Hinton) ein trauriges Ende. Eng miteinander verknüpft versetzt ein „rein hypothetisches Gespräch“ über Hochzeiten dagegen gleich mehrere Figuren in Wallung. Angesichts des ehemaligen Trailers von Derek erfährt die Beziehung von Amelia (Caterina Scorsone) und Meredith (Ellen Pompeo) einen neuen Tiefschlag, von dem sich Erstgenannte glücklicherweise nur kurzzeitig verunsichern lässt. In diesem Zusammenhang erhält nicht nur Riggs (Martin Henderson) endlich eine absehbare, aber deshalb nicht weniger erfreuliche „Aufgabe“. Auch zwischen Jo (Camilla Luddington) und Alex (Justin Chambers) bewegt sich schließlich etwas.

I want a real life
Sie ist wieder da: die verbitterte, ungerechte Meredith. Und auch, wenn ihre erneut aufkommende Trauer angesichts des verkauften Trailers von Derek (der nunmehr Owen gehört) sehr gut nachempfunden werden kann, bleibt ihr Verhalten gegenüber Amelia restlos unfair. Die erneute Verunsicherung, die sie in ihrer „Schwester“ auslöst, kann kaum anders als Berechnung gedeutet werden, als bewusste Verdrängung dessen, was Amelias Glück in ihr auslöst: Nach Merediths Empfinden erhält Amelia gerade all das, worauf sie verzichtet und was sie sich selbst nicht zugesteht. Eine glückliche Beziehung (mit dem Ex ihrer besten Freundin), das erstarkte Selbstbewusstsein einer Neurochirurgin, die ihrem verstorbenen Bruder in nichts mehr nachsteht und überhaupt eine große Rolle in Merediths Leben sowie in deren zwischenmenschlichen Beziehungen. „Get your own life!“, schleudert Meredith Amelia kurz vor Kyles OP an den Kopf. Spätestens an diesem Punkt dürfte klar gewesen sein, dass dieser Satz vielmehr ihr selbst hätte gelten können.
So viel Unverständnis ihr in Bezug auf Amelia auch entgegenschlagen mag, ist es dennoch bemerkenswert, wie geschickt und konsequent präzise die Tiefen ihres Charakters immer wieder herausgearbeitet werden. So ist dieser „Rückfall“ dann auch nur von kurzer Dauer. Er markiert sogar vielmehr den Weg, den Meredith seit Dereks Tod beschritten hat, sowie ihren Drang nach einem Neuanfang. Der Bogen zu Alex, der Merediths zynischen Kommentaren mit einer herzergreifend ehrlichen Ansage ein Ende bereitet, holt sie schließlich wieder zurück auf den Boden der Tatsachen und stellt die Weichen für alles Nachfolgende: „Just because you choose to be unhappy, doesn't mean everybody else has to. You're hot, you're smart, you're funny - maybe Thorpe didn't work out, but that doesn't mean you have to stop trying!“
Der leidenschaftliche Kuss nach heftigem Wortwechsel zwischen Riggs und Meredith auf dem Parkplatz kann schließlich als Highlight dieses Handlungsstrangs, wenn nicht gar der gesamten Episode bezeichnet werden. Die Spannung zwischen den beiden Figuren war längst spürbar, auch wenn die Zeichen zunächst ein wenig in Richtung Maggie (Kelly McCreary) standen. An das Finale können allein aufgrund dieser Szene große Erwartungen gestellt werden. Dies gilt natürlich auch für das Glück im Schnelldurchlauf bei Owen und Amelia. So ganz kann der plötzlichen Harmonie und dem puren Liebestaumel noch nicht recht getraut werden; die Beantwortung des Heiratsantrags von Amelia vor Owens neuem Haus steht bis zur kommenden Woche noch weiter aus. Ein lächelnder Owen deutet aber auf einen positiven Ausgang hin - beiden wäre es von Herzen gegönnt.

You ruined everything
Wären die einzelnen Entwicklungen nicht so sorgfältig und nachvollziehbar ausgearbeitet, könnte At Last schnell der Vorwurf einer überdramatisierten Soap gemacht werden. Am offensichtlichsten wird dieses Anleihen vielleicht noch in Bezug auf Steph und Kyle. So können nur Vermutungen darüber angestellt werden, was die Autor/-innen mit dem doch etwas plötzlichen (und unnötigen) Tod von Stephs neuem Freund bezwecken wollten. Durch die nun notwendige Auseinandersetzung mit Stephs Trauer wird ihr eine präsentere Rolle sowie eine größere Bedeutung als Figur eingeräumt - zumindest zeitweise.
Ob Gleiches auch für Jo gelten wird, die Alex' emphatischen (dritten) Heiratsantrag am Ende dieser Episode ablehnt, bleibt fraglich. Leider gelang es den Autor/-innen auch in dieser Staffel nicht, Jo relevante und interessante Handlungsstränge zu verschaffen, die nicht nur als Randnotiz funktionieren. In ihrem „I can't“ könnte sich indes mehr andeuten, als die naheliegende Annahme für ihre Ablehnung. Das ewige Hin und Her, Alex' Zögern und seine enge Freundschaft zu Meredith boten für Jo immer Anlass zum Zweifel. Ob dies die ausschlaggebenden Gründe für die nun gefällte Entscheidung sind, werden die Zuschauer/-innen erst im kommenden Finale erfahren.
Wie sich die Dinge bei Arizona (Jessica Capshaw), Callie und Penny wohl entwickeln werden, ist indes eine weitere große Frage für das Staffelfinale. Dem Ende der Beziehung kann ebenfalls noch nicht so recht getraut werden, auch wenn Merediths aufmunternde Worte an Penny bezüglich ihres Stipendiums in Richtung New York weisen. Ob Arizonas berechtigte Wut auf Callie in absehbarer Zeit allerdings verrauchen wird, ist indes anzuzweifeln.
Fazit
In der vorletzte Episode der zwölften Staffel spitzen sich nahezu alle relevanten Beziehungskonflikte dieser Staffel zu. Dabei gelingt es, viele dieser Konflikte zueinander in Beziehung zu setzen, allen voran das Verhältnis von Amelia, Meredith und Alex. Trotz des vorgelegten Tempos bleiben die Fortschritte zwischen Amelia und Owen glaubhaft, wenngleich ihre Beständigkeit noch etwas unsicher erscheint. Der Handlungsstrang um Meredith stellt in seiner Vollkommenheit indes das Highlight dieser Episode dar. Der Weg von der Trauer zu einem Neuanfang wurde hierbei in Kurzform rekapituliert, um schließlich und endlich mit einem mutigen Schritt auf die von Shonda Rhimes herself angestrebte „Wiedergeburt“ der Protagonistin abzuschließen.

Weil auch Alex' Figur und Beziehung nun einer potentiell radikalen Veränderung gegenübersteht, ebenso wie die Charaktere Steph, Callie und Arizona, kann Staffel 13 schon jetzt mit Spannung erwartet werden. Für das kommende Finale bleibt zu hoffen, dass auch Aprils und Jacksons Beziehung noch einmal in den Vordergrund rückt. Und dass wir mehr sehen werden von Meredith Grey und Nathan Riggs.
Verfasser: Hannah Klein am Freitag, 13. Mai 2016Grey's Anatomy 12x23 Trailer
(Grey's Anatomy 12x23)
Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 12x23
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