Grey's Anatomy 12x02

Gemessen an dem durchweg gelungenen Staffelauftakt aus voriger Woche kann Walking Tall kaum begeistern. Denn einigen gelungenen Szenen zum Trotz lässt man den obligatorischen, wie vorhersehbaren Handlungsstrang um Bailey (Chandra Wilson) als neue Chefärztin mehr oder weniger über sich ergehen. Der weder sonderlich überraschende, noch mitreißende Einfall, Bailey erst einmal an ihren eigenen Ansprüchen scheitern zu lassen, endet immerhin versöhnlich - Meredith (Ellen Pompeo) wird neuer Chief of General Surgery. Letzten Endes stellt sich neben Langeweile aber vor allem Ärger über die Entwicklung der Figur Miranda Bailey ein. Wie einige Leser-/innen bereits festhielten, scheint der einstmalig charakteristische Biss der Figur auf dem Weg zur zwölften Staffel verloren gegangen zu sein. Das mag vor allem daran liegen, dass die Autor-/innen auch Bailey (ähnlich wie Alex, Justin Chambers) zu wenig Aufmerksamkeit widmeten, ihr wenig bis keinen Raum zu relevanten Entwicklungsschritten ermöglichten.
Abseits dieser Storyline werden sämtliche Beziehungsdramen gestreift, allen voran das von April (Sarah Drew) und Jackson (Jesse Williams). Während in Bezug auf Bailey immerhin noch Potential zu Veränderung offen gehalten wird, dürften die Autor-/innen mit den neusten Entwicklungen diesen Handlungsstrang vollends gegen die Wand gefahren haben. Eine mal wieder relativ nervtötende April scheint dabei fast Strategie zu sein. Gutes Storytelling und grandios gespielte Umsetzung erzeugten einst große Sympathie für beide Figuren, die nun leider Gleichgültigkeit und Desinteresse weicht muss.
I need you to be my me.
Die tatsächlich einzig erfreuliche, wirklich schöne Szene rund um Baileys ersten Tag als neue Chefärztin am Grey Sloan Memorial, dürfte diese gewesen sein: Meredith wird neuer Chief of General Surgery und tritt damit nun auch per Titel in die Fußstapfen ihrer Mutter. Der Vertrauensbeweis und die Nähe, die zwischen Bailey und Meredith in diesem Moment spürbar wird, versöhnt gewissermaßen mit dem sonst mäßig interessanten Plot.
Die Entscheidung, Bailey zunächst an ihren Perfektionsansprüchen scheitern zu lassen, um sie dann mit der Hilfe von Ben (Jason George) und Dr. Webber (James Pickens Jr.) doch auf den richtigen Kurs zu bringen, könnte man schlicht als faul bezeichnen. Netter ausgedrückt wurde auf konsequente und nachvollziehbare Charaktererzählung gesetzt. Doch muss das gleich bedeuten, alles nach Schema F ablaufen zu lassen? Offensichtlich schon, und daher hangelt sich Bailey an einem allzu konstruiert-gewollten, künstlich dramatisierten Fall entlang, durch den sie sämtliche Oberärzte- und Ärztinnen gegen sich aufbringt. Denn so passend Baileys Verhalten hinsichtlich ihrer Vorstellungen als neue Chefärztin gewesen sein mag: Mit der riskanten, vielmehr unverantwortlichen Entscheidung in Bezug auf die Behandlung der Tumorpatientin Jade (Lindsay Kay Hayward) entpuppt sich der gesamte Handlungsstrang als Vorwand zur Illustration von Baileys Unsicherheiten und Schwierigkeiten auf dem Weg nach „Oben“.
Ende gut, alles gut, mit der unabdingbaren Standpauke von Dr. Webber klappt das mit dem Zusammenreißen und der Entschuldigung dann doch. Schade, dass die Möglichkeiten dieser Bailey-zentrierten Episode mehr oder weniger verschenkt wurden. Immerhin findet diese Storyline in Walking Tall auch schon ihr Ende.
I'm not sure we are worth fighting for
Leider hält auch der Rest von Walking Tall wenig erfreuliches bereit. Positiv gewendet könnte man sagen, hiermit sind alle unliebsamen Handlungsstränge abgearbeitet, Platz für Neues wird geschaffen - zumindest in Bezug auf April und Jackson kommt auf die Zuschauer-/innen wohl aber noch einiges zu. Weil die Ehestreitereien eigentlich schon jetzt Züge des Calzona-Dramas tragen, muss unweigerlich gefragt werden, warum das um alles in der Welt sein muss. Derek ist tot, Arizona (Jessica Capshaw) und Callie (Sara Ramirez) sind getrennt, Owen (Kevin McKidd) und Amelia (Caterina Scorsone) verhalten sich wie Teenies und Alex und Jo (Camilla Luddington) wird nach wie vor zu wenig Screentime gewährt. Lichtblick in letztgenannter Konstellation bietet zwar der Trailer zur kommenden Episode. Alles in allem kann sich aber noch immer mit Fug und Recht über den Umgang mit den Paaren von Grey's Anatomy beschwert werden.

Anstatt den Fokus auf mitreißende, interessante, witzige oder berührende Patientengeschichten zu richten, entscheiden sich die Autor-/innen zu oft in einem zu hohem Tempo für harte Schnitte und Tragödien zwischen den Hauptfiguren. Dass es auch anders gehen kann, beweisen die ersten Staffeln. Das zentrale Hin und Her zwischen Derek und Meredith war eben der Running Gag (okay, eher Running Drama), doch das hatte seine Berechtigung. Mittlerweile stellt sich angesichts unzähliger Brüche das Gefühl von Übersättigung ein. Aktuell gilt das natürlich vor allem für das drohende Ehe-Aus von April und Jackson. Innerhalb der Logik dieses Plots ließen sich trotz allem positive Aspekte finden. Das „reale“ Bild der sich in Quarantäne befindlichen April funktioniert hervorragend als Metapher: Nun ist sie es, die sich gewissermaßen in Isolation befindet, nicht zu Jackson durchdringen kann und auf seine Launen angewiesen ist. Jackson ist von Aprils zweimaliger Flucht offenbar so verletzt, dass er nicht mehr kann - und auch nicht will. Aprils Kampfansage am Ende der Episode scheint da leider nicht mehr viel retten zu können.
Das Problem dieses Handlungsstrangs liegt nicht zwingend darin, dass er als solcher überflüssig ist. Sicherlich könnte man sich auch damit arrangieren, wäre nicht alles so verflixt schnell gegangen - der Zeitsprung aus vergangener Staffel lässt grüßen. So fällt es schwer, sich in beide Figuren hineinzufühlen und gegebenenfalls mitzuleiden.
Fazit
In Walking Tall steht Miranda Baileys erster Tag als neue Chefärztin im Zentrum des Geschehens. Leider gelingt es dabei nicht, von allseits bekannten Mustern abzuweichen, sodass der gesamte Verlauf dieses Handlungsstrangs einigermaßen voraussehbar war. Ein nicht zwingend dramatischer Umstand - nach 12 Staffeln Grey's Anatomy kann nicht erwartet werden, dass die Autor-/innen das Rad neu erfinden. Ärgerlich ist indessen, dass der einst großartig kantigen, bissigen, sympathischen Figur Bailey nach und nach der Wind unter den Flügeln genommen wird. Hoffentlich darf sie im Laufe der kommenden Episoden zu dem zurückfinden, was ihre Figur so beliebt machte.
Am Rande des Geschehens wird man dem andauernden Ehekrach von April und Jackson zunehmend überdrüssig. Eine Versöhnung rückt in unerreichbare Ferne, sodass eine baldige Trennung schon fast herbeigesehnt wird. Das ist mehr als schade. Neben Arizona und Callie wurde in die Erzählung diese Storyline eine Menge Zeit investiert, und sicherlich soll, kann, muss, darf nicht jede in ein Happy End münden. Gleichzeitig wäre ein wenig Abwechslung hinsichtlich der unüberschaubaren Tragödien aber wünschenswert.
Promo zur Episode 12x03 der Serie „Grey's Anatomy“: Verfasser: Hannah Klein am Freitag, 2. Oktober 2015Grey's Anatomy 12x02 Trailer
(Grey's Anatomy 12x02)
Schauspieler in der Episode Grey's Anatomy 12x02
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