Downton Abbey 6x08

Mit Pauken und Trompeten beschert Julian Fellows seinen Fans ein Downton Abbey-Serienfinale, das es in sich hat. Die Entscheidung, Mary dabei ins Zentrum der Ereignisse zu stellen, entlang ihrer Figur also sämtliche Konflikte zu verhandeln, erweist sich grundsätzlich als goldrichtig. Dass dabei einige Nebenhandlungen, bisweilen auch humoristische Einlagen auf der Strecke bleiben, ist letzten Endes verzeihlich - vor allem aufgrund der grandiosen Szenen zwischen Mary, Edith, und der Old Lady Grantham. In Hinblick auf das noch ausstehende Christmas Special kann davon ausgegangen werden, dass auch diese noch zum Zug kommen werden.
Trotz der breiten Bühne, die die AutorInnen Michelle Dockery in ihrer Darstellung der Lady Mary bescheren, verbleibt der ein oder andere Wermutstropfen. So hätte man ohne weiteres konsequenter sein dürfen und nebensächliche Handlungsstränge zugunsten tiefergehender Szenen rund um Mary aufgeben können. Fraglos werden ihre charakterlichen Ambivalenzen grandios inszeniert (die Parallele zu Thomas Barrow!) und gespielt (großes Lob an Michelle Dockery). Trotz mühevoller Einleitungen gelingt es indes kaum, dem schlussendlichen Happy End zwischen Henry Talbot (Matthew Goode) und Mary die notwendige Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Neben Michelle Dockery dürfen aber vor allem Allen Leech als Tom, Laura Carmichael als Edith und Maggie Smith als Old Lady Grantham glänzen. Ihre jeweiligen Szenen mit Mary sind es, die die großen Momente dieses Finales ausmachen. Aber auch rein visuell brilliert diese vorletzte Episode. Allein die Auftaktszene erinnert dank der Wildblumenwiese und der spazierenden Ladys an ein Gemälde Claude Monets („Dans la Prairie“, 1876) oder Pierre-Auguste Renoirs („Femme avec parasol dans un jardin“, 1875), während die Fotografie vor Ms. Patmores (Lesley Nicol) B&B eine beinahe nostalgische Stimmung erzeugt.
Make peace with yourself
Vor allem in dieser Staffel fiel Mary immer tiefer in alte Verhaltensmuster zurück. Nach dem längst überfälligen Showdown zwischen ihr und Schwester Edith fällt dann aber selbst Marys engster Vertrauter und Schwager Tom vom Glauben an das Gute ab. Während sowohl die Szene des großen Knalls zwischen den Schwestern als auch Toms befreiende Standpauke infolgedessen für sich stehen, wurde Marys Charakter und ihrer Entwicklung nie so viel Raum gegeben wie in dieser Episode.
Michelle Dockery gelingt es dabei auf großartige Weise, sämtliche charakterliche Nuancen ihrer Figur zu treffen. Gleichzeitig, und das ist natürlich ebenso den AutorInnen zu verdanken, bewahrt sie die Ambivalenz ihrer Figur. Wenn nicht auf den ersten, so wird spätestens auf den zweiten Blick erkennbar, wie stimmig und klug Marys Changieren zwischen äußerem Schutzpanzer und innerer Zerbrechlichkeit, Angst, und Unsicherheit auch visuell umgesetzt wurde. Die „wahre“ Mary blitzt immer dann auf, wenn sie sich in „sicherer“ Umgebung befindet, wenn also die Gefahr gebannt ist, dass ihr jemand zu Nahe kommen könnte. Ihr engster Vertrauter Tom kennt Mary dahingehend so gut, dass es ihr Angst macht:
„Don't lie! Not to me. You can't stop ruining things, for Edith, for yourself, you pull in the sky, if you could, anything - to make you feel less frightened and alone!“ Das hat gesessen. Mary weiß, dass Tom Recht hat, und eigentlich wissen es alle. Ihr halbherziger Entschuldigungsversuch gegenüber Edith endet daraufhin natürlich trotzdem im Desaster - einem lange überfälligen, das stellt Edith gegen Ende der Episode richtig fest. Ihre rausgebrüllte Wut angesichts der Tatsache, dass Mary nun erfolgreich für die Entlobung von Bertie Pelham (bzw. Hexham) und Edith verantwortlich ist, dürfte für viele ZuschauerInnen eine Genugtuung gewesen sein („I know you. I know you to be a nasty, jealous, scheming bitch!“). Trotzdem fällt es schwer, Mary in die Schublade der eiskalten, herablassenden und missgünstigen Tyrannin zu stecken. Eine tendenzielle Egoistin ist sie - darüber lässt sich wohl kaum streiten. Dass sie aber auch warmherzige, humorvolle und selbstlose Momente in sich trägt, ist ebenso wenig zu verneinen.

Michelle Dockery verleiht ihr in dieser Episode einen mimischen Ausdruck, der seinesgleichen sucht - vor allem in humoristischer Hinsicht. Ihr völlig verwirrt-baffes Gesicht, als sie von Ediths potentiellem gesellschaftlichen Aufstieg erfährt, wird nur noch in der Szene mit ihrer Großmutter übertroffen. Wenn aus ihrem „I don't know, she was so ...“-Gesicht kein Gif wird, dann weiß ich auch nicht (min. 56:20).
Nobody can believe, that I know my own mind
Dieses ansonsten wirklich ergreifende Gespräch mit ihrer Granny, Old Lady Grantham, dürfte wohl nicht das alleinige, aber dennoch ausschlaggebende Moment für Marys Sinneswandel gewesen sein. Von Tom zurück nach Downton beordert, unterbricht Erstgenannte also extra ihre Südfrankreich-Reise, um der Enkeltochter zu verdeutlichen, was Mary eigentlich längst weiß, sich aus Angst davor, verletzt zu werden, aber nicht eingestehen kann: Sie liebt Henry, und um den Teufelskreis aus selbstzerstörerischer (und -verordneter) Einsamkeit und missgünstiger Projektion auf andere zu durchbrechen, muss sie sich das endlich eingestehen. Die schlussendliche Hochzeit von Mary, sowie der Waffenstillstand zwischen ihr und Edith kann indessen nur schwerlich als das bewertet werden, was es sein sollte: ein Happy End. Es drängt sich schlicht die Frage auf, weshalb Marys große Charakterentwicklung zwingend an dieses romantische Märchen gebunden werden musste - vor allem deshalb, weil ihrer Entwicklung damit jegliche Glaubwürdigkeit geraubt wurde. Ihre Bindungsangst müsste konsequenterweise nur als Symptom, nicht als Ursache ihrer Probleme gelesen werden, und die Ehe mit Henry scheint daher (wie auch jene mit Matthew) nur ein Pflaster auf der Wunde zu sein. Denn nach Matthews Tod fiel sie bekanntermaßen zurück in alte Handlungsmuster. Zu der eigentlichen Verlobung müssen daher auch nicht viele Worte verloren werden. Bemerkenswert, dass in den Szenen um Henry nicht einmal annähernd so viele Funken sprühten oder so viel Energie spürbar war, wie in denen zwischen Mary und Tom.
Bereits in der vorangehenden Review erwähnt, wurde die Parallele zwischen Thomas Barrow (Rob James-Collier) und Marys inneren Kämpfen in dieser Episode natürlich besonders deutlich. Ob Thomas' Seelenheil aber mit dem Zugeständnis, vorerst auf Downton bleiben zu können, gerettet ist? Eine ähnliche Frage schließt sich in Bezug auf Edith an. Ihr Lächeln am Ende dieser Episode verwehrt einer klaren Deutung. Glücklicherweise steht uns der endgültige Abschied von Downton Abbey erst noch bevor.

Fazit
Auf großer Bühne bröckelt die harte Fassade von Lady Mary in diesem (halben) Serienfinale; entlang ihrer Entwicklung gestaltet Julian Fellows die vorletzte Episode von Downton Abbey. Wenn es auch in der grundlegenden Entscheidung diskussionswürdig ist, Marys Wandel konstituierend an das Happy End mit Henry Talbot zu binden, retten viele großartig gespielte Szenen zwischen den Hauptfiguren auch über andere Makel hinweg.
Neben den lautstarken, schauspielerisch hervorragend umgesetzten Gefühlsausbrüchen von Tom und Edith, überzeugte darüber hinaus einmal mehr der feine Sinn für Humor dieser Serie. Wie sich in Episode 8 zeigte, bedarf es dafür nicht immer einem Wortwechsel zwischen der Old Lady Grantham und Mrs. Crawley (Penelope Wilton): Allein Marys Grimassen sind in dieser Episode preisverdächtig.
Einhergehend mit der Fokussierung auf eine Figur ist natürlich das etwaige Verschwinden der Nebenhandlungen hinter ihr. Insgesamt verbleibt zwar ein Eindruck von willkommener Abwechslung, so auch der doch recht amüsante Plot um Ms. Patmore. Gleichzeitig wird emotional aufgeladenen Handlungssträngen ein wenig die Schlagkraft genommen, wie in Bezug auf Thomas Barrows Selbstmordversuch, aber auch hinsichtlich der schönen Szenen um Mr. Molesley. Nachdem nun Marys Geschichte zu Ende erzählt wurde, treten diese Figuren im Christmas Special hoffentlich mehr ins Scheinwerferlicht.
Verfasser: Hannah Klein am Montag, 9. November 2015(Downton Abbey 6x08)
Schauspieler in der Episode Downton Abbey 6x08
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?