Downton Abbey 6x07

Kurz vor Ende entwickeln sich die Dinge auf Downton Abbey gefühlt rasend schnell. Dieser Eindruck mag aber vor allem aufgrund der Fülle an Ereignissen entstehen, in deren Zentrum das angekündigte Automobilrennen von Henry Talbot (Matthew Goode) steht. Ob der dramaturgisch mitreißenden und auch visuell perfekt inszenierten Episode muss fast befürchtet werden, Julian Fellows habe das Pulver für sein nahendes Staffelfinale frühzeitig verschossen. Aufgrund mancher loser Fäden, die noch zusammengeführt werden müssen, erübrigt sich diese Sorge aber fast.
Auffällig sind indessen die handlungsinternen Parallelen, die zwischen den Figuren gezeichnet werden. Während sich Mary (Michelle Dockery) nun aufgrund der (vorläufigen?) Trennung von Henry endlich mit sich selbst konfrontieren muss, steht auch Thomas Barrow (Rob James-Collier) an einem Wendepunkt. Die Dimension seiner mehr oder minder selbst verschuldeten, aber dennoch tragischen Isolation spielt sich natürlich auf einer weitaus existentielleren Ebene ab, als dies bei Mary der Fall ist. Das innere Gefängnis dieser beiden Figuren lässt sich trotzdem vergleichen und wird in dieser siebten Episode der sechsten Staffel „Downton Abbey“ emotional greifbar und treffend inszeniert.
Die Kontraste der jeweiligen Entwicklungen könnten indes größer nicht sein: Mal abgesehen von Thomas steht der Dienerschaft von Downton eine blühende Zukunft bevor, die in ihren Zwischentönen für berührende wie amüsante Momente sorgt. Gleiches gilt für Edith (Laura Carmichael) und Mrs. Hughes (Phyllis Logan). Beide sind auf ihre Weise in der „modern world“ angekommen.

What's the point?
Das vertrauliche Gespräch mit Kammerdienerin Anna (Joanne Froggatt) diente der entscheidungsunwilligen Lady Mary eigentlich nur noch einmal zur Bestätigung dessen, was sie vermutlich schon längst wusste: Der Funke zwischen ihr und Henry Talbot mag - zumindest von ihrer Seite - nicht so recht überspringen. Während letztgenannter bereits die Hochzeitsglocken klingen hört, changiert Mary zwischen dem Bedürfnis nach Anerkennung, Nähe und Zuneigung sowie der vermeintlichen Einsicht, dass ihre jeweiligen Lebensstile nicht zusammenpassen. Spätestens nach dem tödlichen Unfall von Henrys bestem Freund Charlie (Sebastian Dunn) während des Autorennens bringt man als Zuschauer/-in aber eine gehörige Portion Empathie auf für den verliebten Rennfahrer, der Marys Unsicherheit spürt.
Gleichzeitig erinnert das gesamte Setting natürlich schon auf den ersten Blick an Marys größtes Trauma, Matthews Tod. So sorgt Toms (Allen Leech) Ansage an Mary, nachdem diese schließlich die Beziehung zu Henry per Telefon (!) beendet, zumindest dafür, das bisher Gesehene in Frage zu stellen: „But let me tell you this. You will be hurt again, so will I. Because being hurt is part of being alive.“ Ach Tom, du gute Seele von Downton Abbey.
Ob es an den Close-up-Shots oder der Downton Abbey-typischen, dramatisch-musikalischen Untermalung liegt, die die Wirkung dieses Ausspruchs zusätzlich verstärken, ist letztlich egal. Denn sie treffen so oder so, die Frage ist nur, ob Tom seine Schwägerin an dieser Stelle richtig einschätzt. In einem Rückblick scheint seine Vermutung aber plausibel. Mary zeigte sich bereits beim Kennenlernen von Henry von sich aus interessiert und das markiert einen erheblichen Unterschied zu vorigen Interessenten, Liebhabern oder Affären. Nach dieser intensiven Szene zwischen Tom und Mary kann die kommende Episode jedenfalls mit Spannung erwartet werden.
Neben der Fastverlobung von Edith und Bertie Pelham (Harry Hadden-Paton), der nur noch Ediths Angst vor seiner Reaktion in Bezug auf Marigold entgegensteht, werden die komplizierten, meist schwermütigen Liebesverflechtungen dieser Episode vor allem durch die großartigen Szenen zwischen Maggie Smith, Penelope Wilton und Phoebe Sparrow als „cool little Miss“ aufgelockert. Die beiden erstgenannten Damen erreichen in der siebten Episode einen abermaligen Höhepunkt, was mittlerweile nur noch mit amüsiertem Erstaunen wahrgenommen werden kann.
So folgt Pointe auf Pointe, jeder Satz ist eine Spitze, bestehend aus trockenstem britischen Humor und dazu der würdevoll herablassende Ausdruck einer Maggie Smith - all das wird nach dem Ende dieser Serie schmerzlich vermisst werden. Wie zum Beispiel, als sie sich betont unterkühlt nach dem Stand der Dinge hinsichtlich des Krankenhauses erkundigt („Are things going well in my former kingdom?“), genauso wie die gesamte Szene des eiskalten Schlagabtauschs zwischen ihr und Miss Amelia Cruikshank, der baldigen Schwiegertochter von Lord Merton.

I am nothing
Ein weiterer Höhepunkt in emotional berührender Hinsicht stellt die Szene um Andy (Michael Fox) dar. Während des Picknicks, das Ms. Patmore (Lesley Nicol anlässlich des großen Prüfungstages von Mr. Molesley (Kevin Doyle) und Daisy (Sophie McShera) veranstaltet, rückt Andy unfreiwillig mit der Wahrheit raus. Dass er nicht lesen kann, sorgt dabei bei den Picknickgästen fast weniger für Betroffenheit als sein niederschmetterndes Selbstbild: „I'm too stupid to learn. So there we have it. I'm a fool who knows nothing. I am nothing.“
Mit dem Angebot des Dorfschullehrers, Andy nach seiner Arbeit zu unterrichten, hebt sich die Stimmung allerdings nur für einen kurzen Moment: Thomas Barrow, der von Carson (Jim Carter) ständig an seinen bevorstehenden Fortgang erinnert wird, fühlt sich nun vollends nutzlos. Diese Szene ist, nebenbei bemerkt, nur eine unter vielen, die die Isolation und Verzweiflung von Thomas in dieser Episode unterstreicht. Nach all diesen unheilvollen Momenten scheint es nun aber fast wahrscheinlich, dass Julian Fellowes Thomas am Ende doch noch etwas Glück und Zufriedenheit gönnen wird.
Neben dem herzlichen Gespräch zwischen Daisy und Ms. Patmore kann man sich aber vor allem für den bescheidenen Mr. Molesley freuen. Der gutherzige Butler wird nun zum Lehrer der Dorfschule befördert; eine Aussicht (unter vielen), die die kommende Episode mit Sicherheit bereichern wird. Gleiches gilt für die Szenen zwischen Carson und Mrs. Hughes, die ihrem nörgeligen Ehemann endlich die Stirn zu bieten weiß - auf höchst amüsante Art und Weise.
Fazit
Mit der siebten Episode ist ein vorläufiger Höhepunkt der sechsten Staffel erreicht. Trotz der dichten Erzählung und etlicher Handlungsfortschritte wird eine emotionale Wirkung nicht verfehlt. Dies gilt insbesondere für die Szenen zwischen Tom und Mary, aber auch in Bezug auf Thomas Barrow, Diener Andy oder Mr. Molesley gelingt es, die Zwischentöne zu treffen. So ist es zum jetzigen Zeitpunkt fast unvorstellbar, wie all die noch offenen Handlungsstränge in nur zwei Episoden zu Ende erzählt werden wollen.
Die oftmals schwermütige Atmosphäre der Episode wird darüber hinaus von einer Vielzahl an humorvollen Szenen und amüsanten Einfällen ausgeglichen. Wie erwähnt überrascht es dabei besonders in Bezug auf Maggie Smith und Penelope Wilton, dass das Potential dieses Duos noch längst nicht erschöpft scheint. Heimliche Favoritin dieser Episode ist aber Mrs. Hughes, der es mit einer fast schon spitzbübischen Freude gelingt, ihrem Ehemann Carson einen Einblick in das Leben als Hausfrau zu ermöglichen.
Verfasser: Hannah Klein am Montag, 2. November 2015(Downton Abbey 6x07)
Schauspieler in der Episode Downton Abbey 6x07
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