Downton Abbey 6x06

Es ist Frühsommer geworden auf Downton Abbey und gleich zu Beginn wird dem Bangen um Lord Grantham (Hugh Bonneville), der in der vorigen Episode eine lebensgefährliche Operation zu überstehen hatte, ein Ende gesetzt. Noch bettlägerig bespricht er mit Tochter Mary (Michelle Dockery) und Schwiegersohn Tom (Allen Leech) das Vorhaben, Downton Abbey den Dorfbewohner/-innen einen Tag lang zugänglich zu machen, um Spenden für das Krankenhaus zu sammeln.
Die Stimmung in diesen Szenen könnte man als heiter bis amüsierend beschreiben - wissen die adligen Lords und Ladys doch selbst nicht mehr so genau, wer das Anwesen gebaut oder welcher Künstler es mit seinen Werken ausgestattet hat. Gleichzeitig macht sich nach diesem Tag kaum ein Familienmitglied Illusionen darüber, wie es mit Downton Abbey weitergehen wird.
Alles ist in Auflösung begriffen und das wird auch andernorts augenscheinlich. Die bitteren Tränen von Thomas Barrow (Rob James-Collier) am Ende der Episode verdeutlichen indes die Schlagkraft der Veränderung, mit der nicht alle Bewohner/-innen umzugehen wissen.

Our influence is finished
Ein Tag der offenen Tür auf Downton Abbey? Plötzlich erlangen die unabwendbaren gesellschaftlichen Umbrüche für die adligen Bewohner des Anwesens eine ganz eigene Dimension. Weder die Umstrukturierungen der Verwaltung von Downton Abbey und der umliegenden Ländereien noch der Einzug technischer Innovationen berührte die Familie Crawley derart konkret und persönlich wie in der Konfrontation mit ihrem eigenen verstaubten Lebensstil - und zwar durch die Augen der Dorfbewohner. Zunächst überwiegt aber die humorvolle Inszenierung dieses Tages.
So konnte man sich abwechselnd amüsieren über die Unbeholfenheit der „Tourguides“ Cora (Elizabeth McGovern), Edith (Laura Carmichael) und Mary. Alle drei glänzten sie durch charmante, wenn auch eher peinliche Unwissenheit über das ehrwürdige Anwesen, in dem sie seit Generationen leben - sei es in Bezug auf die Architektur („And you know, he... built lots of lovely... big buildings...“) oder die wertvollen Gemälde („That's quite good, too!“). In diesen Momenten der Episode hagelt es nur so vor subtilen Pointen, wie auch in der wortlosen Szene mit Mr. Molesley (Kevin Doyle), der noch gerne etwas hinzugefügt hätte, es sich dann aber anders überlegt. Vielleicht darf er sein großes Allgemeinwissen aber bald an lernwillige Schüler/-innen weitergeben.
Die Ernsthaftigkeit der Lage wiederum variiert in ihren jeweiligen Konsequenzen - auch das führen uns die Autor/-innen erneut geschickt vor - natürlich erheblich. Von existenzieller Bedrohung kann für die Familie Crawley nur bedingt die Rede sein, im Gegenteil. Doch während Edith als Chefin ihres Magazins eine blühende Zukunft in London bevorsteht und Mary (in welcher Form auch immer) Verwalterin des Anwesens bleiben wird, zeichnen sich sogar für Cora nennenswerte Chancen auf ein Leben nach dem „Zerfall“ ab. In Bezug auf letztgenannte Entwicklung blitzt sogar eine gewisse Aufmüpfigkeit gegenüber Ehemann Robert auf, die eine gelungene Abwechslung darstellt.
Zumindest dann, wenn man nicht gerade Fan von Lady Granthams mal fast devoter, hauptsächlich aber treudoofer Sanftmütigkeit ist. Überhaupt stellt sich jetzt, da sich in Bezug auf ihre Figur etwas zu bewegen scheint, rückblickend ein Gefühl von Stillstand ein. Abgesehen von wenigen Handlungseinbrüchen (zum Beispiel ihrer Fehlgeburt) bewegte sie sich mehr im Hintergrund des Geschehens, was sich nun im Plot um das Krankenhaus merklich änderte. Zu ihrer großen Überraschung („Golly!They've sacked the captain!“) soll Cora nämlich nun anstelle ihrer Schwiegermutter, der Old Lady Grantham (Maggie Smith), Vorsitzende des Krankenhauses werden. Ohne Zweifel wird dies auch in der kommenden Episode thematisiert werden - denn, wie abzusehen war, ist letztgenannte darüber alles andere als begeistert.
This is moving much faster, than I'd imagined
Ein romantischer Kuss im Regen, ein beinahe liebevoll routinierter Kuss zur Begrüßung - und doch ist schon jetzt absehbar, für wen der beiden Geküssten eine Zukunft mit neuem Mann vorstellbar ist. In der sechsten Episode bestätigen sich die Einschätzungen in Bezug auf Mary und Henry Talbot (Matthew Goode). Henry begeistert sich nämlich nicht nur für Autos, sondern ist auch von Mary mehr als angetan - das beruht leider aber nur bedingt auf Gegenseitigkeit. Sicher gefällt es Mary, Gefallen zu finden. Doch das ist fast schon alles, denn von Henrys Heiratsavancen zeigt sie sich vielmehr abgeschreckt als erfreut.
Wobei Begeisterungsstürme in Bezug auf die reservierte, kaltschnäuzige Mary ohnehin nicht zu erwarten sind. Seltsamerweise sieht der Umgang zwischen ihr und Schwager Tom da schon anders aus. Die Vertrautheit der beiden und die zunehmende gemeinsame Screentime lassen fast vermuten, dass da noch etwas kommen muss. Unüblich wäre eine solche Konstellation (aus historischer Sicht) der Form nach sicher nicht.

Ausgeglichener geht es dagegen bei Edith und Bertie Pelham (Harry Hadden-Paton) zu. Dennoch will der Funke dieser Storyline nicht so recht überspringen - und das trotz der netten Szene im Kinderzimmer der kleinen Marigold. Möglicherweise mag das an einem noch ausstehenden Wendepunkt der Ereignisse liegen. Es wäre durchaus vorstellbar, dass sich die Zuschauer, sobald Bertie die Wahrheit über Marigold erfährt, von diesem wieder verabschieden werden.
Vorstellbar ist in diesem Zusammenhang auch, dass es Mary sein könnte, die anstelle Ediths mit der Wahrheit rausrückt. Mit dem Auftauchen von Evelyn Napier (Brendan Patricks) in dieser Episode wurde an die Storyline um den türkischen Botschafter Kemal Pamuk erinnert - für den nachfolgenden Skandal war indes Edith verantwortlich. Ediths Geheimnis bietet für Mary nun die Chance, sich zu rächen - oder sich schwesterlich zu verhalten.
Der emotionale Tiefpunkt der Episode wird aber von den Entwicklungen um Thomas Barrow bestritten. Es ist schlicht herzzerreißend, wie die Zeit (im weitesten Sinne) gegen ihn arbeitet. Zunächst von Carson darüber aufgeklärt, dass seine Position im Haushalt nicht mehr zeitgemäß sei, kommt auch sein innerlicher Wandel zu spät. Im Hinblick auf die noch ausstehenden Episoden kann der Fortlauf dieses Handlungsstrangs jedenfalls mit Spannung erwartet werden.

Fazit
Zwischen humorvoller Inszenierung und ernsten Untertönen geht Downton Abbey langsam, aber sicher seinem Ende entgegen. In „Episode 6“ der sechsten Staffel nehmen die Autor/-innen dabei die Konsequenzen der gesellschaftlichen Umbrüche erneut in den Blick. Während sich der Großteil der adligen Bewohner/-innen kaum vor existenziellen Sorgen fürchten muss, sieht es downstairs erwartungsgemäß anders aus. In dieser Hinsicht berührt vor allem der Handlungsstrang um Thomas Barrow. Die Strategie, seine Figur zuletzt weicher, nahbarer und verletzlicher zu zeichnen, geht damit auf: Es wäre zu schade, würde ihm ein trauriges und einsames Ende bevorstehen.
Weniger mitreißend gestaltet sich dagegen der mittlerweile zähe Plot um das Krankenhaus. Selbst die Wortgefechte zwischen der Old Lady Grantham und ihren auserwählten „Opfern“ retten nur mühselig über viele träge Szenen hinweg. Mit Cora als neuer Präsidentin des Krankenhauses gewinnt die Storyline hoffentlich bald an Abwechslung und einem Perspektivwechsel.
Verfasser: Hannah Klein am Montag, 26. Oktober 2015(Downton Abbey 6x06)
Schauspieler in der Episode Downton Abbey 6x06
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