Downton Abbey 6x05

Mit der Erscheinung einer realhistorischen Person in Gestalt von Neville Chamberlain (gespielt von Rupert Frazer) in der fünften Episode der sechsten Staffel von Downton Abbey findet der Streit um das örtliche Krankenhaus sein vorläufiges Ende. 1925 noch Gesundheitsminister, wird der spätere Premier von England auf Wunsch der Old Lady Grantham (Maggie Smith), also known as „Sphinx“, zum Dinner geladen - ein verzweifelter Versuch ihrerseits, die bevorstehende Umstrukturierung des Cottage Hospitals zu verhindern. Im Zuge dieses Handlungsstrangs gelingt es erneut auf beeindruckende Weise, historische Entwicklungen der 1920er Jahre in den Plot glaubhaft einzuarbeiten.
Beeindruckend ist darüber hinaus die verblüffende Ähnlichkeit des Schauspielers Rupert Frazer mit Neville Chamberlain - der charakteristische Schnurrbart dürfte dazu aber einiges beigetragen haben.
An anderer Stelle kommen wir Mary (Michelle Dockery) und Ediths (Laura Carmichael) love interests näher. Während Edith weiterhin selbstbewusste, von der Familie weitestgehend unbeobachtete Schritte in Richtung Eigenständigkeit und Unabhängigkeit wagt, hemmen Mary mal wieder Standesdünkel - so ist zumindest der Anschein. Am Ende dieser wendungsreichen Episode zeichnet sich indessen ab, welche Zukunft die Autoren/-innen für die älteste Tochter vorgesehen haben.
Abgesehen von dem doch wenig fesselnden Plot um Mrs. Denker (Sue Johnston) und Spratt (Jeremy Swift) überzeugen aber vor allem die Entwicklungen rund um die Hausangestellten. Insbesondere scheint sich ein im vorangehenden Review geäußerter Wunsch zu erfüllen: Thomas Barrow (Rob James-Collier) darf sich endlich von seiner verständnisvollen und gutmütigen Seite zeigen. Ein angedeuteter Flirt zwischen Ms. Patmore (Lesley Nicol) und Mr. Mason (Paul Copley) bietet ebenso Anlass zur Freude.

It's time for me to strike out in my own direction
Angesichts der positiven Entwicklungen in Bezug auf Edith könnten argwöhnische Zuschauer/-innen befürchten, dass all das sehr bald wieder kippt. Wenn dem so wäre, dann bitte allenfalls in Bezug auf Bertie Pelham (Harry Hadden-Paton), der als Ediths love interest zwar ganz nett, für ihre Weiterentwicklung aber nicht zwingend erforderlich scheint. Das mag gefühllos klingen, doch so, wie wir Edith in den vorangehenden Episoden erlebten, deutet alles darauf hin, dass ihr Wunsch nach Selbstständigkeit nicht an einen Mann gebunden ist.
In diesem Zusammenhang fungiert die Szene des Vorstellungsgespräch für den Posten des Editors quasi als Reflexion auf Ediths „neues Leben“, was sie später selbst noch einmal verdeutlicht: „I'd like a life away from Downton“ und „It's time for me to strike out in my own direction, not just daughter and Mary's wake.“ Daran wäre ihr in jedem Fall gut geraten. Denn, so wie es aussieht, wird die Beziehung der beiden Schwestern in der kommenden Episode endgültig auf die Probe gestellt: Mary kommt der Wahrheit über die kleine Marigold auf die Spur.
Was sie aus diesem Geheimnis machen wird, ist längst nicht nur in Bezug auf Edith von Interesse. Vielmehr wird sich zeigen, welche Richtung Mary weiterhin einschlagen wird - die der hochnäsigen bis herablassenden, kalten „blessed Lady Mary“ oder ob sie sich, auch dank Toms (Allen Leech) Einfluss, wieder auf ihre freundlicheren Eigenschaften besinnt (die sie ohne Zweifel hat). Sicherlich ist eine Bewertung von Marys Charakter nur anhand dieser beiden Pole viel zu oberflächlich. Gerade ihre Willensstärke, die Durchsetzungskraft und ihre distanzierte Art sind es, die ihre Figur so interessant machen, sie auszeichnen. Und die emotionale Distanz, die sie gegenüber vielen Personen aufbaut, dient in den meisten Fällen als Schutzpanzer, der angesichts ihrer Geschichte nachvollziehbar bleibt.
Was hingegen wenig nachvollziehbar bleibt, ist ihre offene Missgunst gegenüber Edith. Die Erinnerung an Sybil sowie ihre freundschaftliche Beziehung zu Tom werden sie dahingehend hoffentlich umstimmen.
Im Zentrum dieser Episode steht in Bezug auf Mary jedoch ihr love interest Henry Talbot (Matthew Goode). Der automobilbegeisterte Henry sollte sich aber vermutlich nicht allzu große Hoffnungen machen - zumindest nicht in Bezug auf Mary, wohingegen er und Tom eine Menge teilen. Erstgenannte zweifelt aber nicht nur hinsichtlich des „Klassenunterschieds“ („I won't marry down.“). Ihre Begeisterung hält sich ohnehin in Grenzen, auch wenn sie betont, dass sie Mr. Talbot für einen durchaus netten und attraktiven Mann hält. Letzten Endes scheint für Mary aber sowieso anderes vorbestimmt.

Downton Abbey goes Splattermovie
Einen solchen Schockmoment haben die Autor/-innen ihren Zuschauer/-innen seit Matthews Tod wohl schon lange nicht mehr zugemutet. Ausgerechnet während des Dinners mit Gesundheitsminister Neville Chamberlain platzt das stressbedingte Magengeschwür von Lord Grantham (Hugh Bonneville), der die ebenso schockierte Gesellschaft sogleich mit einer Fontäne aus Blut regelrecht übergießt. Wäre diese Situation eine weniger ernst zu nehmende, könnte man angesichts der Absurdität dieser Szene, dieses Moments, beinahe lachen. Gerade, als der Streit zwischen der Old Lady und Isobel Crawley (Penelope Wilton), ein Streit zwischen beharrlichem Konservativismus und nicht weniger beharrlichem Fortschrittsglauben erneut zu eskalieren droht, beendet Lord Grantham das Gemetzel seinerseits (unfreiwillig, aber ebenso blutig).
Die drastische, aber gleichsam wirkungsvolle Metapher auf die gesellschaftlichen Umbrüche des 20. Jahrhunderts bleibt in jeder Hinsicht konsequent. Allem Anschein nach wird das Cottage Hospital zu einem Verbundskrankenhaus und Lord Grantham wird - ob er nun überlebt oder nicht - von Tochter Mary abgelöst werden, die sich ihrerseits auf eine neue Zeit einstellen muss.
Weniger einschneidend, aber nicht minder interessant sind die Entwicklungen um die Angestellten zu bewerten. Vor allem die Szenen um Thomas Barrow und Dienstboten Andy (Michael Fox) wurden berührend inszeniert. Andy, der wohl nicht nur an einer Karriere als Farmer, sondern möglicherweise auch an Daisy (Sophie McShera) interessiert ist, überwindet seine Berührungsängste in Bezug auf Thomas. Die Szene, in der der verzweifelte Andy Thomas' Hilfe annimmt, dürfte fast als die schönste und ergreifendste dieser Episode bezeichnet werden. Ergreifend, weil die Wut und Verzweiflung des jungen Dieners angesichts seines Analphabetismus förmlich spürbar wird. Und schön, weil Thomas Barrow tatsächlich einmal uneigennützig und gutmütig handelt - anstatt sein Wissen über Andy aus Rache an seinem Verhalten gegen ihn zu verwenden, bietet er ihm seine Hilfe an.
Fazit
Die fünfte Episode bleibt natürlich vor allem aufgrund des lebensgefährlichen Zusammenbruchs von Lord Grantham im Gedächtnis. Zwar wurde sein Magenleiden über mehrere Episoden hinweg thematisiert. Ein Blutbad in Splattermoviemanier dürften wohl aber die wenigsten Zuschauer/-innen erwartet haben. In der Konsequenz dieser Ereignisse schreitet die Serie nun in großen Schritten ihrem Ende entgegen. Zumindest zeichnen sich die kommenden Entwicklungen immer deutlicher ab, denn Lord Grantham wird aller Voraussicht nach zwar überleben - ob er jemals genesen wird, bleibt fraglich, so dass Mary alsbald seinen Posten übernehmen wird.
An anderer Stelle festigen sich auch die Aussichten in Bezug auf Ediths Leben. Ob nun mit oder ohne Mann: Einem unabhängigen Leben in London steht nun fast nichts mehr im Wege. Auch die Plots um die Hausangestellten glänzten durch Witz und Emotionen. Sei es in Bezug auf Thomas und Andy oder hinsichtlich der Andeutungen um Ms. Patmore und Mr. Mason.
Verfasser: Hannah Klein am Montag, 19. Oktober 2015(Downton Abbey 6x05)
Schauspieler in der Episode Downton Abbey 6x05
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