Bates Motel 1x10

Während ihrer Jungfernstaffel konnte Bates Motel sich mit der Hilfe von zeitgemäßen Impulsen wieder und wieder aus dem übermächtigen Schatten, den der Hitchcock-Klassiker der Serie hinterlassen hat, herausspielen. Auch die Strategie, die verhängnisvolle Mutter-Sohn-Dynamik in dem moralisch vollkommen verwerflichen Umfeld von White Pine Bay zu platzieren, ist aufgegangen. Die Serie „Bates Motel“ kann so auch Kenner von Robert Blochs Roman „Psycho“ mit angenehm unangenehmen Überraschungen überrumpeln.
Ein schreckliches Geheimnis
Im ersten Staffelfinale von Bates Motel erhalten die Zuschauer wichtige Informationen, die das Wesen der Norma Bates (Vera Farmiga) noch nachvollziehbarer werden lassen. Zunächst wird dafür in einer therapeutischen Sitzung mit Dr. Kurata (Hiro Kanagawa) angedeutet, dass in Normas Kindheit etwas vorgefallen sein muss, vor dem die Frau bis heute - auch sprichwörtlich - die Flucht ergreift. Wie groß das Ausmaß an Lügen und alternativen Realitätsentwürfen in ihrem Leben tatsächlich ist, manifestiert sich erst in ihrem Geständnis gegenüber Norman (Freddie Highmore): Norma wurde über viele Jahre hinweg von ihrem eigenen Bruder vergewaltigt.
Auch ihre Eltern, die Norma in dem Gespräch mit Kurata noch in übertrieben harmonischen Tönen schilderte, hatten ihre Tochter nicht gerettet, was sich in der Gegenwart in ihrem chronischen Misstrauen manifestiert. Misstrauen nicht nur gegenüber dem Therapeuten, sondern auch gegenüber Sheriff Romero und nicht zuletzt gegenüber Dylan, dessen Abstammung durch Normas inzestuöse Vergangenheit in ein dunkles Licht getaucht wird. Deutet sich hier eine furchtbare Ursache für die unterschwellige Abneigung an, die Norma ihrem Ältesten entgegenbringt?
Fatales Timing
Einzig Norman stellt in Normas Augen eine große Ausnahme dar. Allein ihm kann sie vertrauen, was wiederum in unangebrachten Erwartungen ihm gegenüber resultiert. In Normas Augen ist Norman weniger ihr Sohn, sondern mehr ihr Verbündeter im Kampf gegen die Welt. Während sie sich dem Psychologen gegenüber verschließt, wählt sie in einem unglaublich schlechten Moment ausgerechnet Norman, um sich den Missbrauch aus ihrer Kindheit von der Seele zu reden.
Norma ist das Leben mit der Lüge so vertraut, dass sie nur wenige Sekunden nach dem schrecklichen Geständnis schon wieder über Emma Decodys (Olivia Cooke) Kleid jubeln kann. Durch ihre Offenbarung ebnet sie unbeabsichtigt den Weg für Normans neuerlichen mentalen Aussetzer. In Anbetracht von Normas eigenem Trauma und der Tatsache, dass sie davon ausgeht, vielleicht noch an diesem Abend sterben zu müssen, fällt es jedoch schwer, ihr ihre mangelnde Sensibilität zum Vorwurf zu machen. Wieder einmal gelingt es Bates Motel meisterhaft, Normans furchtbaren Werdegang so unabwendbar wie niederschmetternd voranzutreiben.

Blackout
Neben Normas zeitlich fataler Offenbarung begünstigen noch weitere Faktoren, dass Norman erneut von einem Blackout heimgesucht wird. Auch die augenscheinlich gute Chemie zwischen Bradley (Nicola Peltz) und seinem Bruder Dylan (Max Thieriot) haben Normans emotionales Innenleben in Aufruhr versetzt. Der Schlag ins Gesicht durch Richard (Richard Harmon) und der Streit mit Emma dürften ebenfalls einen kleinen Teil zu dem Blackout beigetragen haben, da diese in seinem Fall stets durch starke Gefühle ausgelöst werden.
Als Norman im Hause seiner Lehrerin Miss Watson (Keegan Connor Tracy) plötzlich sexuelle Begierde verspürt, taucht wieder das diabolische Trugbild seiner Mutter auf. Dabei scheint Normans Schuldgefühl darüber, nach der schrecklichen Erkenntnis über Normas Vergangenheit überhaupt erregt zu sein, in Selbsthass umzuschlagen - und dieser resultiert wiederum in Ekel und Hass gegenüber den „schmutzigen“ Frauen.
Wie „psycho“ ist Norman schon?
Die Macher von Bates Motel beenden die erste Staffel der Serie mit einem Cliffhanger, der Norman mit dem Prädikat „schuldig“ versehen möchte: Miss Watson liegt leblos im Negligé und mit aufgeschlitzter Kehle auf dem Boden ihres Schlafzimmers. Jetzt kommt es darauf an, wie schnell aus Norman, dem verletzlichen Heranwachsenden, der schreckliche Killer Norman Bates werden soll. Noch lassen sich die kreativen Köpfe Carlton Cuse, Kerry Ehrin und Anthony Cipriano in Gestalt von Watsons mysteriösem Bekannten Eric - mit dem die Lehrerin auch am Telefon gestritten hatte - alle Optionen offen...
Mysteriöser Romero
Der Sheriff Alex Romero (Nestor Carbonell) entwickelt sich - abseits der Mitglieder der Familie Bates - zu einem der vielversprechendsten Charaktere von Bates Motel. Wie bereits in der Episode The Man in Number 9 (1x07), als er der Familie so kreativ aus der Shelby-Klemme geholfen hatte, demonstriert er auch in Midnight, welch ausgeprägte Machtposition er in White Pine Bay innehat. Nachdem sowohl Keith Summers als auch Zack Shelby mittlerweile das Zeitliche gesegnet haben, beseitigt er nun selber noch den letzten entscheidenden Teilhaber des Rings aus Mädchenhändlern. Wie bei allem, was er tut, ist es schwer, seine Motivationen - geschweige denn sein Ziel - zu erahnen: Lässt sich aus Romeros „Not in my town you piece of shit“, das er dem Leichnam von Jake „Joe“ Abernathy (Jere Burns) hinterherzischt, etwa schließen, dass er die illegalen Geschäfte an sich verabscheut? Ist er „zu gut“, um die 150.000 Dollar aus dem Frauenhandel, die nun ja praktisch herrenlos sind, zu behalten?
Es ist zwar schade, dass die Serie mit dem skrupellosen Abernathy einen äußerst vielversprechenden Gegenspieler einbüßt. Dennoch erleichtert es die unberechenbare Ambivalenz, die mit Romeros Figur einhergeht, auch der zweiten Staffel von Bates Motel mit einer ausgeprägten Vorfreude zu begegnen.

Schauspielkunst
Auch für den Fall, dass Jere Burns seine einschüchternde Rolle nicht dank einer kugelsicheren Weste wieder aufnehmen wird, kann die Serie noch auf einen wirklich hervorragenden Cast zurückgreifen. Freddie Highmore, der auch in dieser Episode wieder Großartiges leistet, begeistert in allen emotionalen Lebenslagen gleichermaßen. Besonders beeindruckend ist der Moment, in dem seine Lehrerin ihre professionelle Grenze überschreitet und den Jungen umarmt. In die Überforderung, die Norman hier zu empfinden scheint, mischt sich für einen Moment eine dunkle Begierde. Auch die heikle Sequenz, in der Norma ihrem Sohn von ihrem Bruder berichtet, hat dank dem perfekt harmonierenden Spiel zwischen Highmore und Vera Farmiga eine sehr beklemmende Intensität inne.
Humor als Lichtlein in der Dunkelheit
Neben den grandiosen schauspielerischen Leistungen und den geschickten Anspielungen an die Vergangenheit, in denen sich eine ehrfürchtige Hommage an die originale Materie manifestiert, zeichnet sich die Serie weiterhin auch durch einen unterschwelligen Humor aus. Dieser erleichtert es, die düstere Geschichte genussvoll zu verfolgen. Normas wütender Sturm auf Romeros Polizeirevier birgt ebenso einen witzigen Charme in sich wie das „Screw off, shithead!“, mit dem sie einen unfreundlichen Passanten nach einem recht ungelenk inszenierten Zusammenstoß adressiert. In diesem Zusammenhang begeistert auch ihre unerfahrene Tollpatschigkeit während des Showdowns zwischen Romero und Abernathy.
Fazit
Im Verlauf der Episode Midnight konnte man sich zwischenzeitlich etwas desorientiert vorkommen. Der Ausflug von Emma und Norman in die stereotypische Welt einer amerikanischen Highschool schien - genau wie die recht wirkungslos verhallenden Auftritte von Maggie Summers (Jillian Fargey) - zu viel Spielzeit in Anspruch zu nehmen. Im Nachhinein lernt man den weihnachtlichen Ball in all seiner weißen Reinheit jedoch als tiefen Kontrast zu der dunklen Hauptthematik von Bates Motel und dem kriminellen Treiben in White Pine Bay schätzen.
Dank der neuen Erkenntnisse über Norma ist es nun einfacher nachzuvollziehen, warum ihr in Bezug auf Norman die erwachsene Reife fehlt, durch die sich Eltern im besten Falle auszeichnen sollen. Die kindliche Freude, die beispielsweise in ihrem Schießtraining mit Dylan zutage kommt, deutet darauf hin, dass ein Teil von ihr aufgrund der freudlosen Kindheit in einem frühen Entwicklungsstadium verharrt ist.
Wegen des verlockenden Cliffhangers, einem noch interessanter gewordenen Romero und einem Mutter-Sohn-Verhältnis, das packender ist denn je, kommt die ausgezeichnete erste Staffel von Bates Motel mit „Midnight“ zu einem würdigen Abschluss: „Everything is good“ - auf eine sehr verstörende Art und Weise...
Verfasser: Thordes Herbst am Dienstag, 21. Mai 2013(Bates Motel 1x10)
Schauspieler in der Episode Bates Motel 1x10
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