Westworld 2x10

Westworld 2x10

Mit der Episode The Passenger machen Lisa Joy und Jonathan Nolan die Schleife um eine teils sehr emotionale, teils schockierende und teils wahnsinnig frustrierende zweite Staffel von Westworld. In dem überlangen Finale sind zahlreiche Wendungen geboten - doch erzielen diese auch den erwünschten Effekt?

„Westworld“ (c) HBO
„Westworld“ (c) HBO
© ??Westworld“ (c) HBO

Westworld ist und bleibt ein Rätsel. Das liegt nicht nur daran, dass die HBO-Produktion auf eine regelmäßig recht komplizierte, verwirrende Erzählstruktur baut, in der munter zwischen unterschiedlichen Zeitlinien gesprungen wird, bis man den Zuschauern mittels einer schockierenden Enthüllung den Boden unter den Füßen wegzieht, was wiederum alles auf den Kopf stellt, was man sich als Beobachter zuvor ausgemalt hatte. Nein, „Westworld“ ist vor allem ein Rätsel an sich, weil die Serie so viele verschiedenen Sachen auf einmal sein möchte, jedes verfügbare Feld in gleichen Maßen bestellen will und dabei immer wieder an sich selbst scheitert.

In der zweiten Staffel wechselten sich die Episoden munter ab, in denen große Emotionen sowie charaktergetriebene Einzelgeschichten auf der einen und handlungszentrierte Schnitzeljagden sowie erklärungslastige Ausflüge bezüglich des Geschehens hinter den Kulissen des Parks auf der anderen Seite. Erstere (siehe Akane No Mai oder auch Kiksuya) stachen dabei heraus. Manchmal gelang es den Verantwortlichen sogar, eine spannende Kombination aus beiden Welten zu kreieren, wie man es in den Epsioden Reunion oder auch The Riddle of the Sphinx beobachten konnte.

False promises

Zuletzt kehrte man aber wieder vermehrt zu der Art des Erzählens zurück, die den Zuschauern nicht nur eine erhöhte Aufmerksamkeit abverlangt. Sondern diese setzt auch darauf, dass das Publikum sich davon begeistern lässt, sich mit unerwarteten Geheimnissen und folgenschweren Enthüllungen bombardieren zu lassen, während man gleichzeitig eigene Theorien spinnt, wohin die Reise letzten Endes gehen könnte. Dabei ist in der entscheidenden Phase der zweiten Staffel von „Westworld“ ein seltsames Ungleichgewicht entstanden, was den Serienmachern wirklich am Herzen zu liegen scheint und was eher weniger.

The nature of reality

Die Finalepisode The Passenger möchte uns einen Mix aus all dem anbieten, was die Serie auszeichnet. Und auch wenn man zwischendurch grandiose, emotionale Momente einstreut, die ihre Funktion hervorragend erfüllen, merkt man der Folge an, dass sie vor allem dem Plot dienen und Antworten liefern soll. Das ist absolut verständlich und zum Ende der Staffel auch notwendig. Aber warum fühlt sich die große Auflösung, dass es Dolores (Evan Rachel Wood) letztlich in die Welt der Menschen geschafft hat, in der sie sich in naher Zukunft mit ihrem „Schöpfer“ Bernard (Jeffrey Wright) messen wird, während ein paar Hosts den Übergang in eine neue, unantastbare Welt geschafft haben, so leer an?

Irgendwie kommt in „The Passenger“ am Ende alles genau so, wie man es sich vorgestellt hat, was fast schon ein klein wenig ironisch ist, überlegt man doch nur, wie hart die Serienmacher um Lisa Joy und Jonathan Nolan mit der Menschheit ins Gericht gehen. Der Mensch ist einfach, ein simpler Algorithmus, der leicht zu berechnen und dadurch wiederum furchtbar vorhersehbar ist. Auch „Westworld“ ist in dieser Hinsicht einfach, versteckt dies aber unter einer schillernden Fassade. Exzellente Schauspielleistungen, wundervolle Aufnahmen, bei denen man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt, schockierende Twists - das alles dient dazu, das Gesamtpaket „Westworld“ zu bereichern und zu verkomplizieren.

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HBO
HBO - © HBO

Nightmares

Und irgendwo unter dieser fabelhaften Hülle sollte ein Herz schlagen. Das tut es auch, wie wir mehrfach in dieser Staffel gesehen haben. Doch viel zu oft wird dieses ruckartig mit einer sterilen Kontrolleinheit ausgetauscht, die einen simplen Code abfeuert, anstatt die Zuschauer mit etwas zu fesseln, das emotional komplett berühren kann. In den gut anderthalb Stunden, die The Passenger an Laufzeit verschlingt, schafft man es viel zu selten, Szenen mit einem emotionalen Gewicht auszustatten, das einen so schnell nicht wieder loslässt. Vielmehr ist man als Zuschauer darum bemüht, fleißig Informationsschnipsel aufzusammeln, um sich einen Reim aus dem Gesehenen zu machen. Und das kann wiederum ungemein frustrierend sein.

Für die meiste Zeit werden in „The Passenger“ Lücken gestopft, die die ambitionierte Erzählstruktur der Serie mit sich gebracht hat. Die erste Hälfte der Episode dient dabei eigentlich nur dazu, die verschiedenen Charaktere in Position zu bringen. Dolores sammelt auf ihrem Weg zum Valley Beyond William (Ed Harris) ein und trifft nahe der gigantischen Serverfarm „The Forge“ auf Bernard, während sich auch die Bluthunde von Delos in Richtung des Ortes aufmachen, in dem die Hosts um Ghost-Nation-Anführer Akecheta (Zahn McClarnon) den Weg in eine neue, unverdorbene Welt beschreiten wollen. Von außen hinterlässt man einen tollen Eindruck: Ob Maeves (Thandie Newton) imposante Selbstrettungsaktion, die epischen Landschaftsaufnahmen, das Zusammentreffen der zentralen Figuren - auf dem Papier richtet man ein großes Finale an.

Gilded cages

Doch dann stottert der Motor plötzlich. In den in etwa 90 Minuten, die „The Passenger“ umfasst, schleicht sich die eine oder andere Länge ein, was man bei der Fülle an Figuren ein Stück weit verzeihen kann. Was vielmehr stört, ist der wirre Charakter der Erzählung selbst, die in der zweiten Hälfte des Staffelfinals so viel erklärt, aufklärt und enthüllt, dass es den Zuschauer übersättigt. In der „Forge“ angekommen tauchen Dolores und Bernard in die nächste künstliche Welt ab, in der die Daten von gut vier Millionen Menschen gespeichert sind und über Jahre von einem System - dargestellt von Williams Schwager Logan (Ben Barnes) - ausgewertet wurden, um die menschliche Psyche zu verstehen und zu entschlüsseln.

The bottom

Die Erkenntnis aus den vielen Tests ist aber eben erschreckend einfach: Der Mensch an sich ist nicht wirklich etwas Besonderes, auch er folgt nur einem Code, den man fein säuberlich niedergeschrieben hat und den Dolores sich nun zu eigen macht. Während Bernard nach wie vor für eine friedfertige Lösung plädiert, will Dolores die Backups ihrer Peiniger löschen. Die Hosts, von denen viele für immer das Zeitliche segnen, entsendet sie noch in eine unberührte Welt, die niemals gefunden werden kann. Sie selbst wird dann aber von Bernard niedergestreckt - doch ihre Reise ist noch lange nicht vorbei. Wie sich nämlich herausstellt, hat Bernard Charlotte Hale (Tessa Thompson) (nachdem diese Elsie umgebracht hat) nachgebaut. Der Host, in dem der Geist von Dolores weilt, übernahm dann die Rolle des Originals und dient Dolores nun als Ausweg, um in die echte Welt zu gelangen.

Ich würde gerne etwas mehr fasziniert oder mitgerissen von dieser Entwicklung sein, aber sie löst leider nicht mehr als ein müdes Lächeln bei mir aus. Ja, all dies ist nicht uninteressant und kommt recht unerwartet, doch das Abreißen dieses Plots, bei dessen Aufdröselung man uns brav ein Puzzleteil nach dem anderen auf den Tisch legt, inklusive Hinweis, an welcher Stelle wir dieses einzufügen haben, ödet mich ehrlich gesagt etwas an. Zwischenzeitlich schaffen es eine Evan Rachel Wood und ein Jeffrey Wright in ihrem Zusammenspiel, etwas aus den beiden Charakteren, die eine spezielle Verbindung auszeichnet und die so verschieden sind, herauszukitzeln. Doch die emotionalen Einsätze und die Fallhöhen sind eben recht überschaubar.

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HBO - © HBO

Survivors

Nun kann man sich die Frage stellen, warum man Westworld überhaupt schaut. Wegen des sehenswerten Genremixes aus Western und Science Fiction? Wegen des Mystery-Aspekts, der das Miträtseln zur Pflichtaufgabe macht? Oder wegen der Figuren und ihrer potentiellen Charakterentwicklung? So gerne ich meine grauen Zelle anstrenge und so gerne ich mich an den vielen Rätseleinlagen der Serie beteilige, so sehr hätte ich mir doch gewünscht, dass man in der Finalepisode der Staffel weniger auf diese Karte gesetzt hätte. Denn The Passenger fühlt sich dadurch eher wie das Abarbeiten einer Checkliste an, als dass es einen über ein paar Überraschungen hinaus nachhaltig bewegen kann.

Es gibt, wie bereits erwähnt, aber durchaus auch ein paar Ausnahmen. Maeves gewaltiges Selbstopfer für ihre Tochter gehört dazu, ebenso wie der Augenblick, als Akecheta seine verloren geglaubte Frau endlich wieder in seine Arme schließt. Wir fühlen diese Momente in ihrer Gänze, weil wir zuvor nicht nur intime Einblicke in die emotionale Gedankenwelt von Maeve und Akecheta erhalten haben, sondern auch, weil Szenen wie diese auf mehr als nur einfachen Plot bauen. Als Zuschauer ist es ein Leichtes, einen Bezug zu derartigen Momentaufnahmen herzustellen. Das Vortragen neuerlicher Twists fühlt sich dahingegen schrecklich kalt und bedeutungslos an.

Lost in thought

Hier und da findet „Westworld“ in The Passenger sein Herz, doch es ist leider zu selten. Am Ende wird der theatralische, aber aufrichtige Abgang von Lee (Simon Quarterman), der noch einmal seinen eigenen Monolog zum Besten gibt, bevor er den Heldentod stirbt, möglicherweise mehr nachhallen, als vieles, was in und um „The Forge“ herum passiert. Und das ist bezeichnend. Natürlich kann man jetzt gespannt auf die Zukunft blicken, wenn in der dritten Staffel der Serie zwei Philosophien aufeinandertreffen werden - die von Dolores und die von Bernard -, die über das Fortbestehen ihresgleichen in der Welt der Menschen bestimmen werden. Aber die Art und Weise, wie dieser potentielle Konflikt zwischen ihnen uns am Ende in Aussicht gestellt wird, erscheint so blutleer, so beiläufig.

Brave new world

Symptomatisch für dieses Problem und die Herausforderung an die Macher, in naher Zukunft den vielen Szenen ihrer Serie emotionale Bedeutung zu geben, so dass man sich als Zuschauer auch wirklich darum kümmert, was passiert, ist übrigens der Epilog dieses Staffelfinales. Ist der Man in Black doch ein Host? Befindet er sich in einer anderen Art der Simulation? Und wann spielt diese Szene überhaupt, als er von seiner Tochter überprüft und auf Genauigkeit getestet wird? Was werden wir uns nicht die Köpfe darüber zerbrechen, auch meine Wenigkeit wird sicherlich noch die eine oder andere Portion Hirnschmalz investieren, um diesem neuen Mysterium nachzugehen. Aber ist es das eigentlich wert, wenn es am Ende wieder nur eine weitere gefühllose Antwort auf diese Frage geben wird?

Ich persönlich möchte Westworld keinesfalls aufgeben, weil die Serie bereits eindrucksvoll gezeigt hat, zu was sie im Stande sein kann. Nach einer guten bis sehr guten ersten Hälfte der zweiten Staffel ist man jedoch schnurstracks zu den hausgemachten Problemen zurückgekehrt, die letztlich auch schon in der ersten Staffel so störend und frustrierend gewesen sind. Und das ärgert mich wohl am meisten: dass man die gleichen Fehler noch einmal gemacht hat. Und dass man nach wie vor einfach nicht weiß, was für eine Serie man eigentlich genau sein will. Die Finalepisode The Passenger fasst stellvertretend einige der größten Stärken - die Inszenierung und diverse tolle, erhabene Charaktermomente - sowie Schwächen - der Hang zu Mysterien und kalten Twists - der HBO-Produktion zusammen. Die Hoffnung in diesem naiven Serienjunkie stirbt zuletzt, dass man in Staffel drei das Ruder erneut herumreißen und sein großes Potential abrufen kann.

Wie hat Euch die zweite Staffel von „Westworld“ gefallen? Teilt Ihr die Kritik an der Serie? Oder seht Ihr das anders? Ist Ashley Stubbs auch ein Host? Und spielt das überhaupt eine Rolle? Was erhofft Ihr Euch von der dritten Staffel? Schreibt es uns in die Kommentare!

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Verfasser: Felix Böhme am Montag, 25. Juni 2018

Westworld 2x10 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 10
(Westworld 2x10)
Deutscher Titel der Episode
Der Passagier
Titel der Episode im Original
The Passenger
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 24. Juni 2018 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 26. Juni 2018
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Dienstag, 26. Juni 2018
Autoren
Jonathan Nolan, Lisa Joy
Regisseur
Fred Toye

Schauspieler in der Episode Westworld 2x10

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