The Walking Dead 6x14

In der Episode Twice as Far der Zombieserie The Walking Dead versuchen die Macher uns zunächst durch Bilder alltäglicher Routine davon zu überzeugen, dass die Gefahr nicht allgegenwärtig ist. Später in der Folge gibt es jedoch eine gegenteilige Lektion, die wohl lautet, dass man immer wachsam sein sollte.
Routine oder Aufbruchstimmung?
Da ist zum Beispiel Olivia (Ann Mahoney), die sich um Vorräte und die Waffenkammer kümmert. Sie ist, wie wir wissen, nicht unbedingt geboren für diese Aufgabe, dennoch macht sie routiniert immer wieder die Garagentür auf, unterzieht alles einer Inventur und lebt, ohne einer Gefahr ausgesetzt zu sein, in den Tag hinein. Morgan (Lennie James) baut derweil sein Werk fertig, das sich als Gefängniszelle entpuppt - diesmal mit abschließbarer Tür, also anders, als sie beim Wolf oder Jesus (Tom Payne) zum Einsatz kam. Rick fragt nur, warum. Man müsste vielleicht fragen: Warum nicht? Denn durch sein Werk ermöglicht Morgan der Gruppe, wieder auf zivilisierteren Pfaden zu wandern, wenn sie ihre große Auseinandersetzung (die schon einem Krieg nahekommt) beendet haben. Carol (Melissa McBride) ist gezeichnet von ihren Erlebnisse aus der vorherigen Folge und hat den Rosenkranz behalten. Genauso wie die Zigaretten, die sich in dem Aschenbecher auf ihrer Veranda sammeln. Ob nun als Mahnmal an die Opfer oder als Entscheidungshilfe, das bleibt bis zum Ende der Episode offen.
Daryl (Norman Reedus) hat jedenfalls sein Motorrad wieder und schaut sich außerdem die ihm bereits aus Always Accountable bekannte Figur an, die Dwight (Austin Amelio) und seinen Mitstreitern gehörte. Das ist ein mehr oder minder subtiler früher Hinweis, dass ein Wiedersehen mit der Figur ins Haus stehen könnte. Daryl jedenfalls hinterfragt seine damalige Entscheidung, die Gruppe gehen zu lassen. Denn im Endeffekt sind sie wohl doch in die falschen Hände geraten. Wie sonst kam das Bike in den Besitz der Saviors? Für Carol ist Daryls Meinungsänderung nur ein weiterer Beweis dafür, dass das Töten nicht unbedingt der Weg ist, den sie weiterverfolgen möchte. Gleichzeitig erfährt Daryl, dass für Carol und Maggie (Lauren Cohan) keine Provokation der Entführer nötig war, um sie alle zu töten.
Rosita (Christian Serratos) tröstet sich derweil mit Spencer (Austin Nichols) über Abraham (Michael Cudlitz) hinweg. Für sie scheinen jedoch kaum Gefühle im Spiel zu sein, während er direkt die Beziehung definieren und vertiefen möchte. Armer naiver Spencer ... Auch bei Carol und Tobin scheint sich so etwas wie Routine und Vertrautheit breitzumachen. Doch wie lange wohl?
Apotheke
Das Drama nimmt seinen Lauf, als Denise (Merritt Wever) Rosita und Daryl für einen Routine-Supply-Run verpflichten möchte. Sie vermutet in einem Souvenirladen eine versteckte Apotheke, was Plünderern bisher vielleicht entgangen sein könnte. Dort könnte man die medizinischen Vorräte aufstocken. Da Denise so gut wie keine Zeit auf sich allein gestellt verbracht hat, begleiten sie die beiden.
Odd Trio
Das Trio Daryl, Denise und Rosita wirkt auf den ersten Blick willkürlich zusammengewürfelt, wobei Daryl und die Ärztin in der Vergangenheit schon so manche witzige gemeinsame Szene hatten. Rosita passt erst nach längerem Überlegen dazu, war sie doch eine der Personen, die beim Wolfangriff zugegen war.
Die Autoren bezwecken mit dem Team-up, dass die Figuren voneinander lernen. So versucht Denise, Daryl zu vermitteln, dass seine Fahrweise mit der Gangschaltung über kurz oder lang die Fahrzeuge zerstört. Auf ihrem Weg stören ein Baum und ein paar darunter begrabene Walker den Weg. Daryl und Rosita kümmern sich darum, während Denise im Auto bleibt und angespannt das Treiben beobachtet. Beim Looten findet Rosita immerhin ein paar Schnapsfläschchen, die natürlich auch noch zum Einsatz kommen.
Nach ein paar kleinen Differenzen bezüglich des Weges (Daryl will den langen, aber sicheren Weg; Rosita den kurzen aber unbekannten entlang der Gleise), treffen sie sich dann doch wieder und looten den Laden namens Edison. Da es nicht Daryls erstes Rodeo ist, klopft er gegen die Tür, um zu schauen, ob die Untoten sich melden, und gibt dann Denise zu verstehen, dass sie sich zurückhalten soll.
Dass Denise wirklich nicht mit dem Überlebenskampf vertraut ist, wird dadurch unterstrichen, dass sie der Gestank, der ihr entgegenschlägt, fertigmacht. Dabei darf die unbedarfte Denise ein ums andere Mal mit ihrem Galgenhumor glänzen, als ihr etwa ihr Frühstück (Outmeal) wieder hochkommt. Fertig machen sie außerdem die Kinderfotos, die sie auf dem Boden erblickt, und das, was sich ihr offenbart, als sie dem Klopfen folgt. Dort sieht sie nämlich eine Mutter, die sich mit ihrem Kind eingesperrt hat und wahrscheinlich ohne Vorräte nicht weit gekommen ist. Neben dem roten „Hush Hush Hush“ an der Wand, sehen wir dabei auch einen Kinderschuh. The Walking Dead zeigt uns zwar kein Zombiebaby, aber doch das traurige Danach. Immerhin ist die Apotheke ein Jackpot und führt dazu, dass man in Alexandria wohl einige Wehwehchen behandeln kann.
Rollenspiel - Level Up für Eugene?

Abraham und Eugene sind ebenfalls für eine kleine Mission unterwegs. Dabei zeichnet sich Eugene durch mehrere neue Wesenszüge aus: Er übernimmt freiwillig Wachschichten, hat sich im Waffentraining ausbilden lassen und eine neue Frisur (Man-Bun). Das macht seinen Begleiter Abraham neugierig. Woher der Sinneswandel? Eugene sieht seine Situation als Rollenspiel und ihn als Figur, die ein Level aufgestiegen ist, was Abraham jedoch nur bedingt glauben kann.
Eugenes Idee, Munition selbst herzustellen, wird von Abraham jedenfalls mit Begeisterung aufgenommen. Beim Hilltop ist der Vorrat schon verbraucht und auch in Alexandria wird man nicht ewig von den Kugeln zehren können. Eugene ist sicher, dass er diesen Job übernehmen könnte. Sein Selbstbewusstsein ist so hoch, dass er sich außerdem gleich anmeldet, um einen mit Blei übergossenen Walker zu erledigen. Doch so schlau stellt er sich dabei nicht an. Ein Profi im Walker-Töten ist er nicht, da Abraham ihn bis zwei anzählt, ehe er seinen Begleiter rettet. Obwohl er fast gestorben wäre, wünscht er Abraham danach zur Hölle und die Wege der beiden trennen sich vorerst. Eugene meint, dass er keine weiter Hilfe benötige. Das soll er beweisen, indem er alleine und lebendig wieder nach Hause findet.
Es ist schon sehr lange her, dass wir so viele gemeinsame Szenen zwischen Abraham und Eugene hatten. Dabei erschaffen die Autoren ein verbales Meisterwerk nach dem anderen. Denn schließlich handelt es sich hier um die beiden Figuren, die einen ganz eigenen und teilweise kaum nachvollziehbaren Sprachduktus haben. Als Fan der Abraham-Ismen ist das für mich ein Fest - und gleichzeitig zum An-den-Kopf-fassen („picking up a turd by its clean end“).

Dennis/Denise
Nach dem erfolgreichen Suppy-Run erzählt Denise Daryl, was es mit ihrem Bruder auf sich hatte. Dabei handelte es sich um einen sechs Minuten älteren Zwillingsbruder, der aber das genaue Gegenteil seiner Schwester war. Dennis war laut, mutig, aber auch wütend, was eine gefährliche Kombination ist, wie Daryl bezüglich seiner Erfahrungen mit Merle (Michael Rooker) bestätigen kann.
Beim Rückweg, der nun über die Schienen verläuft, kann man sich als Zuschauer direkt die Frage stellen: Warum läuft Denise mit einigem Abstand zu Rosita und Daryl? In einem Auto erblickt sie eine Kühltasche, die sie unbedingt haben will. Problem dabei: Im Auto befindet sich ein Walker. Und da ihr die Erfahrung im Walker-Killen abgeht, gestaltet sich diese Konfrontation nicht gerade einfach. Allerdings besteht sie darauf, es allein zu schaffen, weil sie nicht immer gerettet werden will. Es ist eine Art Reifeprüfung für sie. Sympathisch dabei ist, dass sie sich danach spontan übergeben muss und natürlich ins nächste Fettnäpfchen tritt, denn das Erbrochene landet auf der Brille. Das alles scheinbar nur für eine Dose Limo, oder aber als Beweis, dass sie es könnte, wenn es darauf ankommt. Genau das führt zu einer Moralpredigt von Rosita. Doch für Denise geht es beim Überleben darum, auch Risiken einzugehen, denn aus Angst, hat sie darauf verzichtet, mit Tara mitzugehen oder ihr „Ich liebe dich“ zu erwidern.
Suddenly
Doch zu all dem wird es nicht mehr kommen, da ihr bei ihrer passionierten Ansprache der Bolzen einer Armbrust ins Auge geschossen wird. Wieder einmal spielen Scott M. Gimple und Co. mit den Erwartungen der Zuschauer und bescheren uns den Remix einer Comicszene. Wen der Bolzen in den Comics trifft, wird hier allerdings nicht verraten und in den Kommentaren bitte aus Rücksicht auch nur mit Spoiler-Tags diskutiert. Doch ohnehin geht hier vielmehr um die Plötzlichkeit des Moments und im Zusammenhang mit Denise und der TV-Version auch wieder einmal mehr um das Sterben einer ziemlich unschuldigen Figur, die willentlich keine Menschen auf dem Gewissen hat. Außerdem trifft es wieder eine Figur, die medizinisch begabt ist (siehe Hershel, Bob, Pete). Da passt es ja gut, dass es im Hilltop zumindest einen Frauenarzt gibt. Um ihre Figur ist es dennoch definitiv schade, nicht nur, weil eine lesbische Figur weniger da ist, sondern auch weil man mit Denise sicherlich noch spannende Storylines hätte erzählen können.
Dark Dwight Rises aka Motherdick!

Der Verantwortliche ist schnell ausgemacht: Der durch die Figur und das Motorrad bereits angeteaserte Dwight gibt sich als Schütze zu erkennen und hat außerdem einen ängstlichen, aber wehrhaften Eugene im Schlepptau. Dwight ist optisch verändert: Sein halbes Gesicht ist nun vernarbt. Warum das so ist, wissen Comicleser bereits. Da die Erklärung noch folgen könnte, lassen wir sie hier zunächst beiseite.
Nun bereut Daryl natürlich noch mehr, ihn gehen gelassen zu haben, obwohl seine Begleitung auf Insulin angewesen war. Der Hass ist jedenfalls stark in ihm. Dwight macht deutlich, dass er eigentlich auf Daryl gezielt habe. Bereut Dwight etwa auch, mit dem Leben davongekommen zu sein? Ist ein Leben unter Negan schlimmer als der Tod?
Dwight fordert von der Gruppe, dass sie ihm zeigt, wo sie leben. Er möchte alles für sich beanspruchen. Das wollen Daryl und Co. natürlich verhindern. Die Möglichkeit zur Gegenwehr eröffnet sich durch Eugene, der ihre Aufmerksamkeit auf Abraham lenkt, der sich versteckt hält, so aber angreifen kann.
Dies ermöglicht eine weitere 1:1-Kopie aus den Comics - nämlich Eugenes beherzten Biss in die Intimregion (Motherdick) von Dwight. Es gelingt tatsächlich die Situation zu drehen, wobei keiner richtig triumphieren kann und Dwight den Rückzug anordnet. Daryl geht die Munition aus, eigentlich möchte er die Verfolgung aufnehmen, doch Rosita braucht seine Hilfe, um den angeschossenen Eugene fortzuschaffen. Nach seinem Bike hat Daryl jedenfalls nun auch seinen geliebten Crossbow wieder.
Heilung
Während Eugene durch die gesammelten Medikamente also mit dem Leben davonkommen wird, entschuldigt sich Abraham bei ihm und zollt ihm Respekt. Eugene stellt außerdem klar, dass er seinen Kumpel nicht in Gefahr bringen wollte, sondern den taktisch passenden Moment abgewartet hat. Eugenes Skillset kann nun also in die Produktion von Munition gesteckt werden.
Abraham klopft anschließend bei Sasha (Sonequa Martin-Green) an, die ihn nach seiner „Das Leben ist kurz“-Ansprache zu sich einlädt. Daryl begräbt derweil gemeinsam mit Carol Denise. Für Carol scheint das der Tropfen zu sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Per Brief macht sie mit Tobin Schluss und will sich auf eigene Faust durchschlagen: Sie verweigert das weitere Töten. Hat Morgan sein Ziel erreicht? Ob das Exil lange hält oder sie bald wieder der Gruppe helfen muss, wird sich zeigen. Meine Angst, dass wir Carol bald verlieren könnten, wächst immer mehr, je näher wir zum Finale kommen. Was durch den Fakt unterstrichen wird, dass sie noch einmal viel Screentime, mehr Menschlichkeit und mehr Schwächen von den Autoren zugeschrieben bekommt. Noch zwei Episoden, dann wissen wir mehr.
Fazit

Twice as Far bringt den ersten herben Verlust auf Seiten von Ricks Gruppe seit einiger Zeit. Für die Charaktere selbst sind Monate vergangen, seit etwa Jessies Familie zum Zombieopfer wurde.
Denise mag zwar noch nicht lange Teil der Gruppe gewesen sein, konnte aber in meinen Augen in kurzer Zeit zu einer sympathischen Figur aufgebaut werden, deren Tod schmerzt und der Gruppe einen empfindlichen Dämpfer verpasst. Gimple und Co. präsentieren wieder einmal mehrere ikonische Comicmomente mit neuen Elementen und führen Comicleser zumindest bei einem erwarteten Tod aufs Glatteis.
Doch die Gefahr ist noch lange nicht gebannt. Ganz im Gegenteil: Der Rückschlag, der noch kommt, dürfte heftig sein.
Auch wenn wieder nur wenige Figuren vorkommen, wurden sie doch ziemlich treffend eingesetzt. Rosita etwa dürfte den Respekt von Daryl geerntet haben und erweist sich im Kampf wieder einmal als sehr fähig. Eugene zeigt derweil, dass er die richtigen Ideen für das weitere Überleben hat, die jedoch nicht auf seine Überlebensskills übertragbar sind.
Daryl bereut seine gute Ader, was sich nun rächen soll. Wir werden sehen, ob er zur Vernunft kommt oder sofort Vergeltung üben möchte. Fest steht: Die Gruppe darf nicht zu überheblich werden, sonst folgt die Quittung auf den Fuß.
Merritt Wever verdient für ihre Performance ebenfalls ein großes Lob. Liebenswürdig, trottelig, aber doch irgendwie heldenhaft und mit großem Herz hat sie Denise zu einem überaus menschlichen Charakter in dieser tristen Welt werden lassen. Ich werde sie vermissen.
Serientrailer zur Episode East der Serie The Walking Dead (6x15):
Verfasser: Adam Arndt am Montag, 21. März 2016The Walking Dead 6x14 Trailer
(The Walking Dead 6x14)
Schauspieler in der Episode The Walking Dead 6x14
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