The Walking Dead 6x13

Die zweite HĂ€lfte der sechsten Staffel von The Walking Dead entwickelt sich langsam zu einer der stĂ€rksten StaffelhĂ€lften ĂŒberhaupt. Seit der RĂŒckkehr aus der Pause gibt es keinen einzigen DurchhĂ€nger - was ich als Zuschauer so bisher noch nicht erlebt habe. Es wird langsam unheimlich.
Von unserer Gruppe stehen in der Folge The Same Boat hauptsĂ€chlich Maggie (Lauren Cohan) und Carol (Melissa McBride) im Mittelpunkt. Beide wurden nach dem Alarm von einer Splittergruppe der Saviors aufgegabelt. Die AnfĂŒhrerin der Gruppe heiĂt Paula (Alicia Witt) und ist nicht zu Scherzen aufgelegt. Paula und ihre Crew sehen, wie Primo von Rick und Co. vom Motorrad geholt wird und ĂŒberlegen, ob sie einen Tausch eingehen.
Unter anderen Bedingungen hĂ€tte Paula ihre Gefangenen möglicherweise sofort umgebracht. Primo ist aber medizinisch begabt und deswegen wohl wichtig. Dennoch geht sie taktisch teilweise sehr klug vor. Sie stĂŒlpt den Geiseln einen Sichtschutz (in Form ihrer Jacken) ĂŒber, damit diese nicht erfahren, wo sie hingebracht werden (was aber nur bedingt nutzt, wenn man es mit FĂ€hrtenlesern wie Daryl zu tun hat). Auch Ă€ndert sie die Walkie-Talkie-KanĂ€le, um Ricks Gruppe nicht mithören zu lassen.
Im Verlauf der Episode erfahren wir mehr und mehr ĂŒber die Geiselnehmer und merken, dass sie auf gewisse Weise gar nicht so anders sind. Besonders Carol stellt sich wieder sehr geschickt an, was Informationsbeschaffung angeht. Aber auch Maggie erhĂ€lt endlich mal wieder mehr Screentime und darf ihr Verhandlungsgeschick beweisen.
Die Gruppe verzieht sich in ein Safe House, das allerdings nicht mehr ganz so sicher ist. Waffen, Walker und fehlende Nahrung erschweren die Sicherheit. Paula trennt Carol und Maggie jedenfalls so, dass sie einander nicht bei der Entfesselung behilflich sein können. Doch die beiden Damen brauchen dafĂŒr nur ein spitze Kante. Ăberraschend ist Carols Rosenkranz, dem sie den Walker abnimmt und bei dem man sich zunĂ€chst nicht sicher sein kann, ob er nun als Waffe oder wirklich als Glaubenssymbol dient - bislang haben wir Carol meines Wissens nach nicht (intensiv) beten sehen. Was wir aber schon gesehen haben: Maggie als Geisel. Damals noch in den FĂ€ngen des Governors, was fĂŒr sie sehr traumatisch war. Darum scheint sie nun besser darauf eingestellt zu sein.
Panik oder Performance? âAre you actually afraid to die?â

Bei Carol muss man im Prinzip immer mit einem Plan rechnen, wenn ein Angriff auf die Gruppe vonstatten geht. Diesmal jedoch bleibt man als Zuschauer ratlos. Denn Carols Panik, die Melissa McBride mit einer AuthentizitĂ€t spielt, das es einem kalt den RĂŒcken runterlĂ€uft, hĂ€tte durchaus echt sein können. Carol ist seit ihrer Wandlung und Sophias Tod oft die Aggressorin, aber nicht die Gefangene gewesen. Eine Panikreaktion hĂ€tte also tatsĂ€chlich glaubhaft stattfinden können, da die Situation neu fĂŒr sie ist. Allerdings merkt man bald, dass sie damit die vornehmlich weiblichen Geiselnehmer tĂ€uschen möchte.
Die Zweifel kommen auf, weil wir tatsĂ€chlich gesehen haben, dass sich Carol um Maggie und ihr Ungeborenes sorgt. Weswegen es zunĂ€chst befremdlich erscheint, dass sie den Geiselnehmern von Maggies Schwangerschaft erzĂ€hlt. Aber da appelliert sie offenbar an die Mutterinstinkte der Frauen, die alle in gebĂ€rfĂ€higem Alter sind und ihrer EinschĂ€tzung nach schon einiges erlebt haben mĂŒssen. Das dĂŒrfte einfach der Transfer von sich auf andere sein, The Same Boat eben. Taktisch lenkt sie so auch von sich auf Maggie, die in den Mittelpunkt des Interesses rĂŒckt, und Carol weitere versteckte Handlungen und Analysen ermöglicht. Das Kinderkriegen in der Zombie-Welt stöĂt jedenfalls auf UnverstĂ€ndnis und wird als eine Art SchwĂ€che ausgelegt, wĂ€hrend Maggie dies aber als StĂ€rke und ihre eigene Wahl darstellt (You go Girl!). Die Schwangerschafts-Taktik wirkt dann auch bei der Raucherin, die den GlimmstĂ€ngel wieder ausmacht, angewendet.
You're not the good guys

Paulas Gruppe ist angeschlagen, denn Donnie (Rus Blackwell) wurde von Carol geistesgegenwÀrtig angeschossen und kann ohne Primo nicht behandelt werden. Maggie teilt ihre Erfahrung von ihrem Vater Hershel, bei dem das Àhnlich hÀtte enden können. Doch Paula will darauf nicht hören. Donnie hat Probleme, sich zu kontrollieren, und schlÀgt Paula, was Maggie und Carol zum Eingreifen bewegt. Im Endeffekt ist es aber Paula selbst, die ihn ausknockt, wÀhrend die Frauen nun getrennt vernommen werden. Bei Carol (und so manchem Zuschauer) werden bei dieser kurzen Szene sofort Erinnerungen an Ed wach.
Michelle (Jeananne Goossen), die rechte Hand Paulas, widmet sich Maggie, von der sie mehr zu deren Lager erfahren will. Denn anhand ihres Auftretens und ihrer relativ gepflegten Erscheinung kann man erkennen, dass es ihnen so schlecht nicht gehen kann. Dass Michelle zu Negans Saviors gehört, wird dadurch deutlich, dass sie gewisse Regeln wiederholt (âThe way you stay alive, is you produce for usâ). AuĂerdem spricht sie davon, dass sie sich eine Verletzung zugezogen habe, als sie nach ihrem Freund sehen wollte, der zu den Opfern der RPG, also der Biker-Gang gehörte und verbrannte. Der Name auf ihrem Schmuck gilt allerdings nicht dem Liebhaber, den sie ohnehin kaum kannte, sondern ihrem Vater Frank, nachdem sie ihr Baby benennen wollte, das sie - so die Implikation - verloren haben muss.
Carol kann Paula dafĂŒr aber auf eine falsche FĂ€hrte locken, denn Paula kauft ihr den panischen SchwĂ€chling ab, der sich an den Glauben klammert, seit die Tochter gestorben ist. Paula meint, stark zu sein und MĂ€nner nicht zu brauchen, wie etwa Donnie, den sie durchaus killen wĂŒrde, wenn sie wollte. Anders als bei Morgan (Lennie James) hĂ€lt sich Paulas Menschenkenntnis also in Grenzen.
Den Tausch mit Rick ĂŒberlegt sich Paula noch, weil sie glaubt, dass der Handel noch mehr zu ihren Gunsten ausfallen könnte - schlieĂlich haben sie zwei Geiseln.
We are all Negan!
Was wissen wir eigentlich ĂŒber Negan selbst? Die Antwort lautet zumindest in der TV-Serie: nicht wirklich viel. Das macht uns Paula noch einmal deutlich, als sie sagt, dass alle Negan seien. Der Persönlichkeitskult ist dabei ein starker und interessanter Ansatz. NatĂŒrlich war der Governor auch von sich selbst ĂŒberzeugt und gröĂenwahnsinnig. Negan lĂ€sst sich aber anscheinend noch viel mehr feiern und auf ein Podest stellen.
Carol jedenfalls verlangt eine Zigarette, um sich schwach darzustellen und bei Paula den Anschein zu erwecken, dass sie sich nicht an ihre Prinzipien halte (weil sie raucht sobald Maggie weg ist). So bringt Carol sie dazu, ĂŒber ihrer Vergangenheit zu reden. Dahingehend hatte Paula Carol zuvor abgewĂŒrgt, doch bei dieser Gelegenheit hĂ€lt sie einen schönen Superschurken-Monolog.
Dabei kommt zur Sprache, dass sie mal SekretĂ€rin in Washington, D.C. war, niedere Arbeiten fĂŒr den verhassten Boss erledigte und bei der Armee-Evakuierung an ihn gebunden war, statt bei ihrer Familie und ihren vier Töchtern zu sein. Demnach war er auch der erste, den sie umgebrachte. Und bei weitem nicht der letzte. Allerdings zĂ€hle sie schon lange nicht mehr. Doch genau diese Einstellung habe sie stĂ€rker und hĂ€rter gemacht. Anders als Carol bedeuten ihr die Morde aber nichts mehr. Genau deswegen warnt Carol sie jedoch, das könnte sie zerstören. Denn sie wird sterben, ob durch Carols Hand oder eine andere.
God is dead
Paula lĂ€sst sich nach dem GesprĂ€ch mit Carol scheinbar auf den Tausch ein und will sich schon bald mit Rick treffen. Doch da er schnell zusagt, schlieĂt sie, dass etwas im Busch sein könnte. Carol versucht ihr klarzumachen, dass Rick sich an sein Wort halten wĂŒrde. Doch Paula glaubt, dass sie ihnen schon auf der Spur sind und hofft auf die VerstĂ€rkung, die sie per Funk gerufen hat. Beim Herausgehen legt sie noch ein paar Walker um, wobei es bei einem aussieht, als wĂŒrde sie ihn nur in den Hals stechen, oder?
Das ist alles, was Carol hören muss, um Hardcore-Carol herauszuholen. Der Rosenkranz erweist sich als Befreiungsinstrument, dass die Tape-Fesseln löst. Carol kann die Lage im Safe House sondieren und Maggie befreien. Die Raucherin wird mithilfe des inzwischen toten Donnie aus dem Verkehr gezogen, wÀhrend Maggie mit reichlich Blutlust auf sie einsticht.
Besonders interessant ist fĂŒr mich folgendes: Carol plĂ€diert dafĂŒr, dass man sich auch herausschleichen kann und nicht volles Risiko gehen muss, wĂ€hrend Maggie die Mission so beenden will, wie geplant. Was heiĂt: Kill them all, of course! („We have to finish this!“) Hat Pazifist-Morgan also doch mehr Einfluss auf Carol und ist die Religion gar nicht so vorgeschoben? Wir werden sehen, ob und wie sich das entwickelt.
Paula jedenfalls sieht, dass sich die beiden befreien konnten und wirft ihnen Scheinheiligkeit vor. Allerdings hat sie aus ihrer Perspektive auch recht: Sie haben Donnie, Molly und zig weitere auf dem Gewissen und ihr Zuhause zerstört. Carol versucht allerdings mehrfach, sie zum Gehen zu bewegen und ihr eine Chance zu lassen. Das ist etwas, was sie vorher nie getan hĂ€tte. Sie kann also mit Paulas Leidensgeschichte mitfĂŒhlen. Trotzdem ist die Situation gefĂ€hrlich, denn Carol und Maggie sind bei Walkern, die aufgespieĂt wurden, von denen sich einer befreien kann.
Doch damit nicht genug: Michelle kommt hinzu und liefert sich einen dreckigen Fight mit Maggie, bei dem sie klar auf ihre Schwachstelle abzielt: den Bauch. Carol macht damit per Kopfschuss ein Ende. Allerdings kann man sich sowohl beim Kampf mit Michelle als auch bei Paula fragen, warum die jeweils andere (also Maggie und Carol) kurz zuschaut, statt direkt zurĂŒckzuschlagen.
I told you to run

Das Ableben von Paula reiht sich dann in eine lange Reihe von extrem harten Momenten in letzter Zeit an. Die Ex-SekretĂ€rin wird zu Walker-Schaschlik. Die GerĂ€usche des Verspeisens und Gurgelns sind dabei gefĂŒhlt extra intensiv und laut, was bei mir ebenso wie Carols Panik extremes Unbehagen verursacht hat.
Doch damit sind wir noch nicht am Schluss. Denn die beiden kĂŒmmern sich noch um die VerstĂ€rkung, die per Funk gerufen wurde. Das wirkt fast so wie bei „Thelma & Louise“, die nach dem Trauma zusammenarbeiten. Carol verstellt ihre Stimme und fordert die Gruppe auf, zum Kill Floor zu kommen - und dort werden sie dann, ziemlich brutal, verbrannt.
Positiv hervorzuheben ist, dass beiden dieses Verhalten keinen SpaĂ macht und sie emotional hart mitnimmt. Carol kassiert dafĂŒr eine lĂ€ngst ĂŒberfĂ€llig Umarmung von Daryl (Norman Reedus) und auch Maggie meint, dass sie an ihre Grenzen gekommen ist. Primo ist derweil der letzte Savior, den Rick nach Informationen befragen will. Doch der sagt zum Motorrad nur, dass sie es gefunden haben. Wo ist dann Dwight (Austin Amelio), der es zuletzt hatte? Die Negan-GehirnwĂ€sche scheint stark zu sein, denn auch Primo meint, dass er Negan sei. Rick sieht keinen Grund, weiter Zeit mit ihm zu verschwenden und drĂŒckt aus nĂ€chster NĂ€he ab. Die Folge endet mit einem starken Bild: Carol drĂŒckt den Rosenkranz so fest, dass sie blutet. Wie lange kann sie das alles noch mitmachen?
Fazit

„Holy Shit!“ The Same Boat spielt zwar fast nur in geschlossenen RĂ€umen und konzentriert sich auf die Psychologie und das Innenleben der Figuren, prĂ€sentiert dann aber zum Episodenende hin wieder einige Momente, die in Mark und Bein dringen und verdeutlichen, wie krass der Konflikt zwischen Mensch und Mensch werden kann. Es fĂ€llt immer schwerer, Ricks Gruppe nicht als Schurken zu sehen, auch wenn sie sich und andere Gruppen vor Erpressern und Mördern schĂŒtzen. Dennoch kann das Ganze nicht spurlos an den Beteiligten vorbeigehen und wird auch noch eine harte Retourkutsche nach sich ziehen.
Die Episode ist ein wunderbares Showcase fĂŒr die Figuren Maggie und Carol, die beide in der Situation herrlich zusammenpassen und beweisen können, wie interessant und facettenreich ihrer Darstellerinnen schauspielern können, wenn man sie mal lĂ€sst. Melissa McBride hatte diese Gelegenheit nun schon öfter, doch Cohan saĂ zuletzt viel zu oft auf der Ersatzbank. Zu unrecht, wie diese Episode beweist. Ich fordere schon lange, dass man Cohan/Maggie mehr zu tun geben soll und werde, zumindest seit einigen Episoden, endlich erhört.
Nun muss sich zeigen, ob ihre Figur wirklich genug von der Action hat und sich wieder zurĂŒckzieht oder doch wieder in die Gefahr gezogen wird. Chapeau jedenfalls erneut an die Autoren und Regisseure, die diese unglaublich intensive Geschichte erzĂ€hlen.
Wenn ich etwas kritisieren wĂŒrde, dann vielleicht, dass nicht alle Mitglieder aus Paulas Gruppe unbedingt begnadete Schauspieler sind (#SorryNotSorry Molly aka Jill Jane Clements). Das wird aber durch Gastdarstellerin Alicia Witt mehr als wieder ausgeglichen, die eine faszinierende Schurkin spielen darf und dafĂŒr nur eine einzige Episode Zeit hat.
Serientrailer zur Episode Twice as Far der Serie The Walking Dead (6x14):
Verfasser: Adam Arndt am Montag, 14. MĂ€rz 2016The Walking Dead 6x13 Trailer
(The Walking Dead 6x13)
Schauspieler in der Episode The Walking Dead 6x13
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?