The Walking Dead 6x12

Die The Walking Dead-Episode Not Tomorrow Yet ist eine voller Kontraste. Vergleicht man mal die einleitenden Minuten und den Abschluss, dann weiß man, wovon ich hier schreibe. Eingangs könnte man annehmen, in der falschen Serie gelandet zu sein. Und der Cliffhanger am Ende macht dann ganz klar deutlich, dass die Risiken steigen und Fehler teuer bezahlt werden könnten.
Carol im Cookie-Fieber
Die Einleitung muss auf jeden Fall Erwähnung finden, denn Carol (Melissa McBride) haben wir nun seit dem Zeitsprung nicht mehr gesehen. Sie scheint auf ihre Weise glücklich zu sein oder kann sich zumindest gut ablenken. Sie betreibt Konservenshopping, sammelt Eicheln für ihre Kekse und kümmert sich um eine Streunerin, auch wenn das ihre Kleidung mit Blut überströmt. Trotzdem verteilt sie das fertige Naschwerk in der Stadt, während der komisch-freundliche Soundtrack das Treiben begleitet. Ein Empfänger der Kekse ist Tobin (Jason Douglas), der offenbar eine freundschaftliche Beziehung zu Carol aufgebaut hat. So freundschaftlich jedenfalls, dass sie ihm ständig böse Kosenamen gibt und ihn freundlich beschimpft (Hey, was wurde eigentlich aus CaRyl?). Bereits in dieser Szene steht fest: Da könnte noch etwas gehen. Und später küssen sich die beiden dann auch - nachdem er ihr gesagt hat, dass sie so etwas wie die gute Herbergsmutti für alle ist, weswegen sie sich auch um die unangenehmen Dinge, wie die Abwehr von Eindringlingen kümmern kann.

Doch zuvor kehrt der prallgefüllte RV aus dem Hilltop zurück, und zwar mit Essen für einen Monat, aber auch mit der Androhung, dass die Gruppe in den Kampfmodus schalten muss. Für Carol endet also wieder einmal die Zeit als Heimchen, was auch mit dem symbolischen Ablegen des Kekses auf Sams Grab und den dunklen Wolken am Himmel mehr oder minder subtil gezeigt wird.
Eine weitere Sache, die Carol erfolgreich verdrängen beziehungsweise totschweigen konnte, ist der Streit mit Morgan (Lennie James), der Denise (Merritt Wever) - und somit auch Carl (Chandler Riggs) - fast das Leben gekostet hätte. Doch als Morgan die Sache nach einmal aufdröseln will, blockt sie ihn ab. Es gibt Wichtigeres zu klären. Etwa Ricks (Andrew Lincoln) Ansage in der Kirche.
Fight for Food
Dort erzählt Rick der Gruppe, die ganz offensichtlich nicht alle 54 Anwohner Alexandrias abbildet, sehr offen von dem Deal, den Maggie (Lauren Cohan) mit Gregory (Xander Berkeley) ausgehandelt hat. Die Nahrungsversorgung ist wichtig, weswegen die Dienstleistung der Gruppe, der Kampf gegen Negan und die Saviors, ein nötiger Tausch ist. Dabei kommt auch zur Sprache, dass Daryl (Norman Reedus) und Co. ihnen schon einmal begegnet und nur knapp mit dem Leben davon gekommen sind. Für Rick und viele andere steht deswegen fest, dass es heißt: Kämpf' oder Stirb. Diesmal will man selber der Angreifer sein und sich nicht überrumpeln lassen. Der Einzige, der eine Alternative sucht, ist Morgan. Er fragt, ob man nicht verhandeln könnte. Das aber würde das Überraschungsmoment und so den Vorteil der Gruppe zunichtemachen. Des Weiteren ist der Rest der Gruppe von dem Vorschlag alles andere als begeistert. Selbst Aaron (Ross Marquand), der das alte Alexandria repräsentiert, will so etwas wie die Wölfe und die Zombieherde mit allen Kräften verhindern. Zwar lässt Rick ihn seine Opposition vortragen und darüber diskutieren, macht aber auch deutlich, dass man sich mit diesem Konsens abfinden muss, wenn man weiterhin hier leben will.
Introspektiven
Die Episode Not Tomorrow Yet schafft etwas, das nicht immer bei The Walking Dead gelingt. Wir erfahren in kurzer Zeit, was viele der Gruppenmitglieder denken und was dieser Auftrag für ein Einschnitt in ihrem Leben sein kann. Carol mag zwar nach außen hin gerne abhärtet erscheinen, führt aber dennoch Buch über jedes Leben (18 an der Zahl), das sie genommen hat. Doch wenn ihr Einsatz verlangt wird, dann ist sie zur Stelle und bereit, sich für die Gruppe in die Gefahr zu begeben.
Auch Glenn (Steven Yeun) und Maggie wollen trotz Schwangerschaft bei der Aktion dabei sein, wobei Maggie vorschlägt, auf Distanz zu bleiben und den Perimeter zu bewachen. Das findet Carol (wie übrigens auch viele Leser und Zuschauer) unnötig und viel zu fahrlässig. Prinzipiell kann man das so sehen, besonders in einer so gefährlichen Welt. Dennoch hat sie auch schon einiges durchgestanden und ist nicht plötzlich aus Porzellan, nur weil sie schwanger ist.
Bei Abraham (Michael Cudlitz) und Rosita (Christian Serratos) findet eine Beziehungszäsur statt. Abraham packt seine Sache und will ausziehen, was sie nicht ohne Erklärung hinnehmen will. Der „wortgewandte“ Ex-Soldat darf wieder einen Spruch sondergleichen heraushauen (in etwa: „Warum ist Scheiße braun?“). Doch die Wahrheit, die er ihr zunächst nicht zutraut, ist härter. Damals glaubte er, dass sie die einzige Frau auf der Welt sei, nun weiß er es besser. Hart, härter, Abraham. Trostpreis Eugene (mit einem fantastischen „Virginia is for Lovers“-Shirt) kann ihr da auch nicht über den Herzschmerz hinweghelfen.
Apropos Herz: Tara und Denise sind ein ganz schön knuffiges Paar. Da Tara bald auf einen zweiwöchigen Run geht und darüber hinaus auch bei Ricks Angriffsplan mitmachen möchte, gesteht sie Denise ihre Liebe. Die Ärztin will das erwidern, wenn Tara von ihrer Mission zurückkehrt. Hoffentlich kann sie das dann auch ...
Rick und seine Stoßtruppe rund um Daryl, Maggie und Glenn sammeln derweil Informationen, zeichnen Skizzen und fragen den Hilltopper dezidiert aus, um einen Angriffsplan zu schmieden. So lobe ich mir das!
Rick möchte in der Nacht angreifen, wenn man es am wenigsten erwartet, wobei die Saviors auch dann Wachen aufgestellt haben. Das Ziel ist also, den Gefangenen zu befreien, die Waffenkammer zu finden und alle zu töten. Zudem will man ihnen den Kopf von Gregory quasi auf dem Silbertablett servieren. Makaber, makaber!
Operation „Kill them all“

Die Mission erfordert so gut wie alle Manpower, die sie haben. Kaum einer der wichtigen Kämpfer ist nicht dabei. Spontan sieht es so aus, als wären nur Carl, Tobin, Spencer und Morgan nicht mit von der Partie. Das ist zum einen riskant, verdeutlicht aber auch, wie viel Rick einzusetzen bereit ist und was auf dem Spiel steht.
Zudem sehen wir, dass sich das Verhältnis von Rick und Gabriel tatsächlich extrem gewandelt hat. Rick fragt den Geistlichen, ob er sich wirklich dazu bereit fühlt. Aber Gabriel ist mit vollem Elan dabei, glaubt allerdings, im Kern noch der gleiche Mann wie früher zu sein. Was auch für zahlreiche Menschen aus Ricks Gruppe gilt. Rosita fasst das im Gespräch mit Carol am besten zusammen: Sie wollen nicht töten, sie mögen es nicht, aber es passiert. Somit bildet Morgan tatsächlich eine kleine einsame Pazifisteninsel, während der Großteil bereit ist, sich die Hände schmutzig zu machen.
Mit Kopf und List

Glenn und Heath haben die Aufgabe, einen Walker zu finden, der als Gregory-Double herhalten kann und somit die Saviors auf die falsche Fährte lockt. Weil die Nase nicht ganz passt, muss Rick noch einmal nachhelfen - und wird dafür von Andy (Jeremy Palko) als unheimlicher als die Saviors eingestuft. Obwohl sowohl Heath (Corey Hawkins) als auch Glenn schon Erfahrungen mit Albträumen in der Zombiewelt gemacht haben, schätzen sie sich glücklich, dass sie bis dato keinen Menschen umbringen mussten. Diese Episode stellt dahingehend einen Gamechanger dar.
Das Kapitel zeichnet sich überdies dadurch aus, dass es sehr viel mehr Schimpfwörter und Beleidigungen als sonst umfasst. Bei Negan geht es eben rau zu. Nur wo hat Carol ihr schlimmes Mundwerk (und die Zigaretten) plötzlich her? Andy muss allein mit dem Kopf vorstellig werden und funktioniert tadellos als Lockvogel. Dass die Saviors nicht ganz koscher ist, sieht man daran, wie sie mit dem Kopf spielen. Dafür halten sie ihr Wort und lassen Craig frei. Diesen Moment nutzt die Gruppe, um anzugreifen und das Versteck zu säubern.
Es sollte mich ja eigentlich nichts mehr überraschen, aber die brachiale Gewalt, die dabei zum Einsatz kommt, ist immer noch erschreckend. Wahrscheinlich auch, weil sie nicht gegen lebende Tote, sondern gegen Menschen gerichtet ist. Sowohl Daryls als auch Michonnes Kills der Wachen gehen in Mark und Bein.
Die gesamte Mission wirkt dabei wie das „TWD“-Äquivalent zu „Zero Dark Thirty“ und umfasst einige schwer zu verdauende Szenen. Ob nun den lautlosen Rick, der einem ein Messer in den Kopf rammt oder Heath und Glenn, die über ihren moralischen Schatten springen und es ihm gleichtun müssen. Glenn schafft es jedenfalls vor Heath. Und als sie die Trophäensammlung der Saviors in Form von Polaroidaufnahmen der Opfer sehen, dürfte die Reue zumindest ein Stück weit abgemindert sein. Glenn schaut jedenfalls zurecht mit entsetzen auf die Fotos. Negan und die Saviors erfreuen sich also in gewisser Weise an Abscheulichkeiten und deuten Schreckliches an.
Was den Einsatz von Gabriel angeht, finde ich, dass dieser endlich einmal passend gelungen ist. Etwa als Tara mit Jesus (hehe) und ihm im Auto sitzt und beichtet, dass sie Denise angelogen hat. Nicht unbedingt was ihre Liebe betrifft, sondern vielmehr was ihre Vergangenheit angeht (schließlich hat sie für den Governor ähnlich gehandelt). Doch wenn es zum Schutz der wichtigsten Menschen ist, so die Rechtfertigung, dann sind die Handlungen in Ordnung.
Abraham und Sasha harmonieren leider nicht mehr so gut. Dadurch kann der Alarm ausgelöst werden, was die Gruppe in Zugzwang bringt. Maggie möchte eingreifen, Carol das aber verhindern. Jesus muss in den Ninjamodus wechseln und Andy soll die anderen nach Hilltop fahren. Der Rest ist The Walking Dead in bester Actionfilmmanier. Ricks Crew kommt ohne Verluste durch, während die Saviors einer nach dem anderen fallen. Glenn (ja, wieder Glenn!) und Heath sind es, die sich wie Westernhelden vor den übermächtigen Verfolgern in die Waffenkammer retten und dann mit ordentlich Wums zuschlagen können. Ein Einziger lebt noch, doch der wird von Jesus ausgeschaltet. Hatten beide Runner vorher noch keinen Menschen auf dem Gewissen, ist das nun definitiv nicht mehr der Fall. Das belastet beide, Heath aber wohl noch mehr als Glenn.
Und auch Gabriel stellt sich als Bibelverse zitierender Killerpadre heraus, der einen im Gras liegenden Savior mit einem Amen begleitet erschießt. Diesmal gilt es einfach keine Kompromisse zu machen.
Offene Fragen

Manche aus der Gruppe sind bereit für den Abschied. Heath und Tara etwa wollen von dort aus direkt zu ihrer längeren Expedition aufbrechen, während Morgan in Alexandria an etwas herumschweißt (aber an was?). Ein einzelner Savior konnte sich die Nacht über verstecken, versucht ausgerechnet mit Daryls gestohlenem Motorrad die Flucht und kassiert dafür aber nur Kugeln und einen Tackle von Daryl, der wissen will, woher er das Bike hat. Die Antwort dürfte Dwight lauten. Doch was ist mit ihm? Ist er Teil von Negans Gruppe? Per Walkie Talkie kommt jedenfalls die Warnung einer weiblichen Stimme, dass der Rest der Gruppe in ihrem Visier ist und man Carol und Maggie in der Gewalt hat. Was nun? Weil Carol in der Nähe ist, dürfte Hoffnung bestehen, gleichzeitig hat sie sich in den letzten Wochen stark zurückgezogen und kämpft mit einigen Gewissensbissen. Wir wissen auch nicht, wie stark die Gegner sind. Spannend.
Wir erinnern uns: Dwight und seine Begleitung sind damals mit dem Bike und der Armbrust entkommen, wollten sich aber nicht der Gang, die sie verfolgte, anschließen. Ist das immer noch der Fall? Sind sie nun Anhänger Negans oder kochen sie ihr eigenes Süppchen? Warum aber, beschützen sie dann den Bike-Dieb?
Andeutung von Comicwissen!
Gerade die letzte Szene erinnert stark an einem Moment aus dem Comic, allerdings wieder mal als Remix mit vertauschten Rollen und anderen Vorzeichen. Man kann also gespannt sein, wie dies gelöst wird. Comicecke Ende!
Fazit
Die Autoren haben in meinen Augen einen Lauf. Not Tomorrow Yet ist eine weitere starke Folge von The Walking Dead, die sowohl heitere Momente (Carols Einstiegsszene), profunde Charaktermomente (zu viele, um sie noch einmal aufzuzählen) und knallharte Action mit einem nachvollziehbaren Plan hat und die Gruppe so kompromisslos wie selten zuvor zeigt. Dazu kommt ein mordsmäßiger Cliffhanger. Die Wartezeit bis zur Auflösung wird eine Tortur. Dabei ist Negan nach wie vor selbst gar nicht in Erscheinung getreten und wird bestimmt noch bis zum Staffelende auf sich warten lassen. Kann er ruhig, wenn der Rest weiterhin auf diesem spannenden und sehenswertem Niveau bleibt.
Serientrailer zur Episode The Same Boat der Serie The Walking Dead (6x13):
Verfasser: Adam Arndt am Montag, 7. März 2016The Walking Dead 6x12 Trailer
(The Walking Dead 6x12)
Schauspieler in der Episode The Walking Dead 6x12
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