The Walking Dead 6x10

Nach dem ziemlich explosiven Kracher No Way Out liefern die Macher von The Walking Dead mit der Folge The Next World nun das passende Kontrastprogramm. Eine solch heitere Folge der Zombieserie hatten wir schon ziemlich lange nicht mehr - wenn überhaupt.
Statt sich lange mit der Heilungsphase von Carl (Chandler Riggs) zu beschäftigen, wie es etwa die Comicvorlage gemacht hat, überspringt die TV-Serie einige Wochen und spart so auch die Aufräumarbeiten aus. Rick (Andrew Lincoln) und Co. haben ihr neues Zuhause von Leichen befreit und sich auf den Wiederaufbau und die Verbesserung der Ortschaft eingeschworen, auch wenn das nur nebenbei in den Dialogen durchkommt. Michonne hat es sich im Grimes-Haushalt sehr gemütlich gemacht und verbraucht raue Mengen an Zahnpasta. Carl geht es (den Umständen entsprechend) gut, wie ein neues Foto mit Augenklappe und Schwester Judith zeigt. Zu der neuen Situation der Grimes gibt es ein schönes Internet-Meme: Judith sieht aus wie Shane und Carl wie der Governor. Läuft also bei Rick.
Tatsächlich scheint die Laune der Überlebenden prächtig zu sein. Da dröhnt „More than a feeling“ aus dem Radio und die Bewohner geben Daryl (Norman Reedus) und Rick zahlreiche Listen mit auf den Weg zum großen Supply Run. Neben Zahnpasta würde Denise (Merritt Wever) etwa gerne Tara eine Freude mit etwas Limo machen. Sie sieht aber gleichzeitig ein, dass medizinische Versorgung und überlebenswichtige Nahrungsmittel Priorität haben. Doch Daryl enttäuscht seine Freunde nur selten und wird es zumindest versuchen.
Eugene (Josh McDermitt) macht sich derweil nützlich und gibt den beiden eine Landkarte mit auf dem Weg, die zeigt, wo sie Agrargut finden könnte, damit das Anbauen von Nahrung vorangetrieben werden kann, um nicht nur von solchen Ausflügen abhängig zu sein. Darüber hinaus hat die Gruppe offenbar einige weitere Vorsichtsmaßnahmen, wie Fallen am Eingang, aufgestellt.
Schon kann der Road Trip von Daryl und Rick losgehen, der neben der Nahrungssuche auch dem Scouting gewidmet ist. Denn schon seit einigen Wochen sind sie keinen Menschen mehr begegnet. Nur stellt sich die Frage, ob das nun als positives oder negatives Zeichen zu werten ist. Ricks gute Laune schlägt sich auch in seiner Musikbegeisterung nieder, die Daryl wohl nicht so teilt (vielleicht mag er auch nur Ricks Geschmack nicht). Fest steht: Das ist keine Durchschnittsepisode, sondern etwas Besonderes. Doch zunächst zu einigen anderen Figuren.
Maggie in Deannas Fußstapfen?
Maggie (Lauren Cohan) macht sich Sorgen um Enid (Katelyn Nacon), da die sich weiterhin gerne unangekündigt fortschleicht und offenbar auch nicht angepackt hat, als die anderen die Stadt wieder auf Vordermann gebracht haben. Sie bietet ihr ein offenes Ohr an. Natürlich auch, weil die junge Frau maßgeblich an der Rettung der Schwangeren beteiligt war. Bleibt zu hoffen, dass Maggie trotz Schwangerschaft wieder etwas aktiver ins Seriengeschehen eingreifen darf. Und das nicht nur in administrativer Funktion.
Michonne hält die Augen offen
Neben ihrem Zahnpastakonsum hat Michonne (Danai Gurira) während ihrer Schicht als Wachposten auch Spencer (Austin Nichols) im Auge, dem sie in den Wald folgt. Der Sohn der Monroes ist mit einer Schaufel unterwegs und vertritt sich nach seinen Schichten gerne die Beine. Doch seine Ausflüge haben wohl einen anderen Hintergrund. Er fühlt sich in Alexandria nicht mehr heimisch, seit seine Eltern und sein Bruder verstorben sind.
Carl und Enid flüchten auch gerne in den Wald, chillen, lesen Comics („Invincible“ von Robert Kirkman) und picknicken. Enid hat mittlerweile aber keine Lust mehr auf diese Ausflüge. Das wird spätestens dann deutlich, als ihnen ein Walker über den Weg läuft, den Carl zwar zu Fall bringt, aber nicht tötet. Die Untote stellt sich als Grund für Spencers Spaziergänge heraus, denn es handelt sich um Deanna (Tovah Feldshuh), die Carl verschont hat.
Zwar hilft Michonne Spencer bei der Fixierung des Mutterzombies, er selbst muss sich aber um den Todesstoß kümmern, der ihm einen Abschluss ermöglicht. Anders als sonst üblich erfolgt dieser durch den Hinterkopf und somit fast friedlich und liebevoll. Die Schaufel ist für das Grab dabei, das der ehemaligen Anführerin Alexandrias auch gewährt wird, ebenso eine Holzschnitzerei mit ihrem Anfangsbuchstaben. Die Gruppe kehrt langsam wieder zu ihren Prä-Zombieausbruch-Gewohnheiten zurück und damit auch zu ihrer Menschlichkeit, was auch Deannas Botschaft an ihren Sohn unterstreicht: „I still know my way“.

Dass Carl Deanna nicht vom ihrem Dasein erlöst hat, hat auch seinen Grund, wie er Michonne später erzählt, nachdem sie ihm eine Standpauke gehalten hat. Er ist der Meinung, dass es jemand machen muss, der die betroffene Person liebt. So wie in diesem Fall Spencer. Und der gute Carl würde das im Falle Michonnes natürlich auch übernehmen. Süß, morbide oder unheimlich? Die Wahl fällt mir schwer, aber irgendwo ist das doch eine verschrobene Nettigkeit und zeigt, wie nah sich die Figuren sind. Was ebenfalls goldig ist: Carl der seiner kleinen Schwester L'il Asskicker von den Sternen erzählt. Awwww!
DaRicks Adventures in Looting
Für alle Shipper gibt es in der Episode The Next World auch endlich wieder einmal das Dream-Team Daryl und Rick, die ich hier gerne „DaRick“ nennen möchte, im Zusammenspiel. Und das funktioniert einfach wunderbar. Der Humor, die Absprachen, die kleinen Sticheleien und das Teamwork sind herrlich.
Schnell findet das Duo einen Jackpot in Sachen Loot: einen Transporter gefühlt mit reichlich Nahrungsmitteln. An der nächsten verlassenen Tankstelle kommt noch ein Getränkeautomat dazu, mit dem man auch Denises Wunsch erfüllen könnte. Doch zunächst gilt es, an den Inhalt zu kommen. Dabei werden sie jedoch von Paul Rovia aka Jesus (Tom Payne) überrascht, der ihnen ihre Beute streitig macht. Angeblich ist er vor einer zweistelligen Anzahl von Walkern weggelaufen, was die beiden jedoch als Lüge durchschauen und ihm demnach auch nicht sagen, dass sie ein Camp haben. Viele Comicfans dürften sich auf das Debüt dieser Figur gefreut haben, und auch ich muss sagen, dass ich nicht enttäuscht wurde. Es gibt zwar einige kleine Abweichungen, allein wegen der Existenz von Daryl (der keine Comicvorlage hat), aber das macht nichts.

Eine größere Änderung betrifft Pauls Nachnamen. In den Comics heißt er Paul Monroe, wie Spencers Familie, das dürfte abgeändert worden sein, um die TV-Zuschauer nicht zu verwirren. Erhalten bleiben derweil seine formidablen Nahkampfkünste, die DaRick ganz schön ins Schwitzen bringen.
Ich habe mich vor seiner Einführung gefragt, ob Jesus nicht in eine ähnliche Kerbe wie Daryl schlägt, was die Autoren durch eine Konkurrenzsituation durchaus anschneiden. Denn ein kleines bisschen sehen die Figuren wie Brüder oder zumindest Brothers from another mother aus. Muss sich Reedus also um seine Fanbase sorgen? Mal schauen. Immerhin darf Daryl seit No Way Out wieder zeigen, warum die Fans ihn liebgewonnen haben.
Doch nicht nur im Nahkampf hat Jesus es drauf, er kann auch Ablenkungen aus dem Hut zaubern (die Knaller) und unauffällig den Besitz anderer Leute stehlen, wie etwa Ricks Autoschlüssel vom Truck, den sie gerade erst gefunden haben.
Jesus Christ Superstar

Der erfahrene Fährtenleser Daryl kann das gestohlene Auto natürlich nachverfolgen und mit ihm die Limo, die beide trinken, als wüssten sie nicht, wie normale Menschen trinken. Der verschwitzte Look der beiden (hat Daryl wohl im Zeitsprung mal eine Dusche genommen?) dürfte so manchem weiblichen Zuschauer sicherlich auch gefallen.
Der Kampf der beiden ist wie schon der Rest der DaRick-Storyline durchaus humoristisch gehalten. Ob nun Daryl, der aus dem fahrenden Auto hüpft, um den Dieb zu jagen, wie der Coyote den Road Runner, und sich so eine Partie fangen ereignet, oder die Kabbelei im Auto um die Schlüssel inklusive Rettung mit der geklauten Pistole („Duck!“), auch die Tatsache, dass ein gefesselter Jesus dennoch irgendwo auf dem Truck mitfahren kann und auch der begleitende Soundtrack - bei mir hat das Ganze für ein Dauergrinsen gesorgt. Zwar ist es schade, dass der Truck dann im See landet und untergeht, aber durch den Happy-Go-Lucky-Rick ist das alles nur halb so schlimm.
Während Daryl ablehnt, Jesus mit nach Alexandria zu nehmen, sieht Rick Potential. An einer Stelle setzt er die drei Fragen an, doch da läuft Jesus weg, weil er das Entwenden des Autos im Kopf hat. Da Jesus aber trotz der kleinen Kämpfe nie die Waffe gezogen hat und auch sonst eher noble Ansichten hat, nehmen sie ihn doch mit - wenn auch im ausgeknocktem Zustand.
Rick ist inzwischen vollends von Alexandria überzeugt, wie er bei der Heimreise auch noch einmal versichert. Als letzter seiner Kameraden hat er das also eingesehen und hat eine Vision für eine große Zukunft. Den Neuankömmling liefern sie bei Ärztin Denise ab und hinterlassen ihm etwas Wasser und eine Botschaft.
Rick und Michonne = Liebe???
Rick und Michonne erzählen sich von ihren ereignisreichen Tagen, wobei Rick wohl der Gewinner ist und ihr immerhin ein paar Atembonbons statt der versprochenen Zahnpasta mitbringt. Am liebsten würde Rick einfach nur den Kopf abschalten und relaxen und - wie soll man sagen - tut das dann auch. Denn wie aus heiterem Himmel geben sich Rick und Michonne ihren körperlichen Gelüsten hin, knutschen erst und haben dann tatsächlich Sex (nettes Detail: Ricks Colt und Michonnes Katana auf den jeweiligen Nachttischen).
Allerdings sind sie nicht ganz so ungestört, wie sie vielleicht dachten, denn Jesus - der alte Schlingel!- hat sich in das Grimes-Haus geschlichen und möchte mit ihm reden.
Die Paarung Rick und Michonne ist im Kontext der TV-Serie eigentlich ziemlich passend. Die Schwertschwingerin ist spätestens seit Ricks Delirium, Carls Puddingessen und der Sprühkäseepisode kaum noch von den Grimes-Männern zu trennen. Auch in No Way Out spielte sie den Lebensretter und schnetzelte nach Carls Verletzung den Weg frei.

Comic-Exkurs
Leser, die nicht an Comicreferenzen- und Vergleichen interessiert sind, springen am besten direkt zum Fazit. Für Comicleser kommt das Schäferstündchen durchaus überraschend, denn die Vorlage ist im Vergleich zur TV-Serie etwas ergiebiger was Sex angeht. Dort hatten Michonne und Rick allerdings in etwa zu diesem Zeitpunkt jeweils andere Partner, die auch in der Serie existieren oder existiert haben. Wer das genauer in den Kommentaren diskutieren will, benutzt aber aus Respekt den Leuten, die die Comics noch nicht gelesen haben, bitte Spoiler-Tags.
Ob die beiden eine Zukunft in der TV-Serie haben, bleibt abzuwarten, es gäbe aber sicherlich weniger passender Power Couples. Ich zähle mich also zu den Fans von RickChonne.
Fazit
The Next World macht seinem Titel alle ehre und präsentiert eine veränderte Gemeinschaft und Figuren, die sich teilweise erfrischend anders verhalten. Statt wie nach dem Gefängnis einen Emo Rick zu präsentieren, wird die Trauerphase einfach übersprungen, was ich nur begrüßen kann. Viele andere Figuren wirken glücklich und erfüllt, was natürlich nicht allzu lange anhalten, doch als kleiner Einschub gerne einmal ein paar Folgen durchgehalten werden kann. Ob das allen so geht, muss sich noch zeigen, weil wir erst mal nur circa ein drittel der Figuren zu Gesicht bekommen.
Die Einführung von Jesus ist geglückt und es bleibt zu hoffen, dass der badass auch im TV so wunderbar dargestellt wird wie im Comic. Neben der ordentlichen Portion Humor sorgt auch der Episodenabschluss für Vorfreude auf die nächste Episode und die Möglichkeit, dass aus Rick und Michonne mehr werden könnte, stellt eine interessante Richtung dar, die die Macher meinetwegen gerne verfolgen können.
Promo zur Episode Knots Untie der Serie The Walking Dead (6x11):
Verfasser: Adam Arndt am Montag, 22. Februar 2016The Walking Dead 6x10 Trailer
(The Walking Dead 6x10)
Schauspieler in der Episode The Walking Dead 6x10
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