The Walking Dead 6x09

Ich falle bei dieser Besprechung der The Walking Dead-Episode am besten direkt mit der Tür ins Haus: No Way Out ist die bisher beste Folge der gesamten Serie. Volle fünf Sterne. Für mich ist das eine Premiere. Denn die Höchstwertung habe ich - trotz starker Folgen wie Clear, The Grove oder No Sanctuary, um nur einige zu nennen -, seit ich die Reviews in der dritten Staffel übernommen habe, noch nie vergeben. No Way Out ist der Serienhöhepunkt. Und es wird schwer, das Dargebotene noch zu toppen - zumindest aus der Actionperspektive. Regie führt Greg Nicotero, der normalerweise für die Gestaltung der Special Effects und der Untoten verantwortlich zeichnet und nebenbei auch einige der bisherige Highlight-Episoden inszeniert hat.
Your property now belongs to Negan!
Die Episode verfügt natürlich auch über einen bockstarken und ziemlich spannenden Anfang: Daryl (Norman Reedus), Abraham (Michael Cudlitz) und Sasha (Sonequa Martin) werden auf ihrem Weg im Tanklaster nach Alexandria von einer schwerbewaffneten Biker-Gang aufgehalten. Die Gang fordert den gesamten Besitz des Trios ein. Und über den Anführer lernen wir außerdem noch einiges über den Mann, der schon lange seinen Schatten auf die Serie wirft: Negan. Normalerweise würde man sofort jemanden aus der Gruppe umbringen, dann mit dem Rest der Überlebenden zu deren Wohnort fahren, um diesen auszukundschaften und zu schauen, was es zu holen gibt. Der von Christopher Berry gespielte Sprecher der Gruppe überzeugt jedenfalls in seinem kurzen Auftritt durch seinen rabenschwarzen, sarkastischen Humor und seine Bedrohlichkeit. Allerdings schwatzt er auch viel zu gern, was natürlich dem schweigsamen badass Daryl in die Karten spielt.
Er geht nämlich mit einem Biker nach hinten, um die Besitztümer zu checken, macht ihm dort aber den Garaus und holt sich die RPG, die nun ganz plötzlich schon zum Einsatz kommt. „Natürlich“ werden manche jetzt sagen. Ich für meinen Teil hätte nicht gedacht, dass Daryl so eiskalt zuschlägt, zumal der Tank so nah dran ist. Statt also Sasha oder Abraham zu verlieren, fliegt die gesamte Gang in die Luft. Bereits hier wollte ich Luftsprünge machen. Was für ein toller Moment! Super finde ich es außerdem jedes Mal, wenn Abraham keck fragt, wer jemand ist. „Who's Deanna?“ wird hier zu „Who's Negan?“ Von der Gang bleibt kaum etwas übrig, daran lässt Nicotero keinen Zweifel.

Walk like a Zombie!
Eine kleine Ungereimtheit gibt es bei Ricks Gruppe. Im Cliffhanger der Vorgängerepisode haben wir Sam (Major Dodson) nach seiner „Mom“ rufen hören. Dieses Detail wird hier nun ausgespart und sollte damit nur ein spannungssteigerndes Element sein. Stattdessen schafft es die Gruppe im ersten Anlauf sogar ziemlich weit, und das ohne große Verluste. Gabriel (Seth Gilliam) verspricht Rick (Andrew Lincoln), auf dem Zwischenhalt Baby Judith in seiner Kirche in Sicherheit zu bringen. Statt ihn wie sonst abzuwürgen, nimmt Rick das Angebot an und schaut zu, wie sich der Geistliche mit Zombieschleim bedeckt auf den Weg macht. Durch ein mittelschweres Wunder schafft Gabriel es durch die Horde - zum Glück ist Judith ein relativ ruhiges Baby. Jessie (Alexandra Breckenridge) hätte gerne, dass Sam noch mitgegangen wäre, doch dieser konnte sie davon überzeugen, dass er es alleine schafft.
Schaurig schöne Inszenierung, aber Ron is still the worst
Rons Hass auf Carl (Chandler Riggs) ist auch weiterhin zu spüren, etwa als er etwas länger braucht, um ihm die Hand zu geben. Die Szene liefert dazu ein paar schöne Zombieexponate, die der Gruppe begegnen.
Als es dunkel wird, geht der Rest der Gruppe weiter. Die drei Andersons werden flankiert durch die Grimes-Männer und Michonne (Danai Gurira). Genau im unpassendsten Augenblick erinnert sich Sam an Carols (Melissa McBride) Worte zu den Untoten, die den kleinen Jungen lebendig verspeisen könnten, außerdem sieht er einen kleinen Untoten. Die PTSD, die wir schon zuvor gesehen haben, schlägt also mit der vollen Härte erneut zu und leitet sein Todesurteil ein.

Wenn man eines kritisieren könnte, dann das niemand die plötzlich auftauchenden Walker sieht, die kraftvoll zubeißen. Das löst eine fatale Kettenreaktion aus: Jessie wird hysterisch ob des Verlusts ihres Jüngsten und lässt nicht von Carl ab, sodass auch sie gebissen wird. Ihren eisernen Griff muss Rick nun mit Machetengewalt lösen. Der letzte Überlebende des Anderson Klans ist also Ron, der die Situation den Grimes ankreidet und zum Schuss ansetzt. Michonne reagiert blitzschnell mit einen Schwertstich durch Rons Brust, doch das verhindert den Schuss nicht, der Carl mitten ins Auge trifft.
Mir fehlen fast die Worte bei dieser Ereignisabfolge, die fast 1:1 aus den Comics übernommen wurde und dort zu den größten, weil schockierendsten Momenten überhaupt zählt. Visuell schafft es Nicotero durch kurze Flashbackschnitte das Innenleben der Figuren (Erinnerungen an Jessie etwa) in diesem Moment zu verdeutlichen. Außerdem beeindruckt die Zurückhaltung der Grimes-Männer in diesem Moment, die nicht etwa losschreien und die Situation verschlimmern, sondern so rational bleiben, wie es eben geht. Besonders Michonnes Reaktion hat mich dabei eiskalt erwischt und innerlich klatschen lassen. Die Autoren machen in dieser Episode einfach keine Gefangenen, was großen Respekt verdient. Auffällig ist, dass es in dieser Episode sowohl bei den Untoten, als auch bei Carls Verletzung etwas mehr CGI-Einsätz gibt. Aber das ist nicht weiter schlimm, man kann eben nicht alles mit Make-Up lösen. Michonne sorgt jedenfalls dafür, dass die Gruppe weiterhin eine Überlebenschance hat und schnetzelt den Weg frei.
Glenn und der Glaube an die Menschheit

Glenn (Steven Yeun) verschlägt es gemeinsam mit Enid (Katelyn Nacon) in die Kirche, wo er hofft, weitere Munition oder eine Waffe zu finden, weil das Duo nur noch zwei Schuss übrig hat. Das moralische Zentrum der Serie, das noch immer keinen Menschen auf dem Gewissen hat, darf diesmal etwas überzeugender argumentieren, warum es sich zu kämpfen lohnt. Dabei geht es nicht nur um die Personen, die noch übrig sind, sondern auch um die, die bereits verloren gingen. Dale, Tyreese, Andrea, Sophia und wie sie nicht alle heißen. Bei Enid sind es die Eltern, die ihr Leben für sie ließen. Und siehe da, natürlich finden sie auch in der Kirche eine Waffe.
Nun, da Enid überzeugt ist, zu kämpfen, lässt sie sich auch nicht davon abhalten und will sich - ähnlich wie Glenn - nicht sagen lassen, dass man zurückbleiben soll. Stattdessen schlägt sie vor, dass sie zu Maggie (Lauren Cohan) klettern kann, während er für Ablenkung sorgt. In dieser Episode schaffen es die Autoren, so gut wie jedem wichtigen Charakter einen tollen Moment auf den Leib zu schneidern. Auch bei Enid gelingt das, indem man ihren Kampfwillen und ihre Entschiedenheit aufzeigt.
Der geläuterte Wolf?

Ärztin Denise (Merritt Wever) ist derweil in der Gewalt/Obhut des Wolfes (Benedict Samuel). Der Einfluss der Medizinerin scheint tatsächlich durchzukommen und er motiviert sie zum Überleben und Kämpfen. Ein wenig plagen sie noch die Zweifel, doch die muss sie ablegen, wenn sie eine Chance haben will. Als es dann dunkel geworden ist, wagen sie doch den Vorstoß und eigentlich sieht es so aus, als könne der Wolf flüchten. Doch weil Denise in Gefahr schwebt, eilt er zu ihrer Rettung - und wird dafür gebissen. Nun ist es an ihr, das Leben des Wolfes zu retten, sie müssen nur zur Krankenstation kommen. In gewisser Weise hatte Morgan (Lennie James) also doch recht, dass selbst aussichtslose Fälle sich noch verändern können. Die sonst so ängstliche Denise darf außerdem ein wenig ihren Mut demonstrieren. Doch ihr großer Moment folgt an einer anderen Stelle.
Jeder packt an. Genugtuung für Carol?
Tara (Alanna Masterson) und Rosita (Christian Serratos) harren derweil aus, bis sie wissen, wie es um Carol und Morgan steht. Denn durch die Flucht des Wolfes sind die Schusswaffen knapp, und planlos sollte man, wie Rosita richtig anmerkt, nicht in diese Zombieansammlung laufen. Ein wenig später kommt es zur Aussprache zwischen Carol und Morgan. Er analysiert - ohne sie zu kennen - ihr Vorleben, während Carol ihr Entscheidung bereut, Morgan nicht umgebracht zu haben. Denn sie findet seine Zen-Einstellung als egoistisch. Ihm gehe es dabei nur um seinen eigenen Seelenfrieden, nicht um das Wohl der Gruppe. Es wird spannend sein, nach den Ereignissen dieser Episode einen Kompromiss zu finden oder ein Umdenken bei Carol zu erreichen. Denn langsam steht sie mit dieser Sicht fast alleine da.
Wenig später kriegt Carol doch noch, was sie will, als sie den Wolf vor die Flinte kriegt - jedoch ohne zu wissen, dass Denise ohne ihn nicht überlebt hätte (allerdings ohne ihn vielleicht auch nie in die Situation gekommen wäre).
Jedenfalls kann sich die Ärztin zu Heath (Corey Hawkins), Aaron (Ross Marquand), Spencer (Austin Nichols) und Co. retten. Ihr bleibt allerdings kaum Zeit zum Verschnaufen. Sie sieht, was Carl zugestoßen ist, und hat nur wenige Sekunden, um als Badass-Ärztin zu funktionieren, die in solch einer stressigen Situation zum Lebensretter wird. Der Moment ihrer kurzen mentalen Vorbereitung ist für mich ein magischer und gehört zu den besten dieser ohnehin schon fantastischen TWD-Ausgabe.
Für die OP wird natürlich Licht und Strom gebraucht, was die Beißer anzieht. Um den Eingriff bei seinem Sohn nicht von den Walkern kompromittieren zu lassen, geht Rick wieder nach draußen und legt die Walker mit seinem Beil um. Was soll ich sagen? Highlight folgt hier auf Highlight. Denn nicht nur Rick, sondern bald auch Michonne, Spencer, Aaron und Heath sorgen dafür, dass die Masse der Untoten sich lichtet. Zunächst wird der Eindruck erweckt, dass manche Bewohner nur feige zuschauen, aber das ändert sich schnell, als selbst Eric, Olivia und Tobin die Waffen auspacken. Vereinzelte schwarze Schafe gibt es dennoch, oder solche, die eben gar nicht mit dem Kämpfen vertraut sind und sich deswegen in die Kirche zurückziehen. Apropos Kirche: Selbst Gabriel - feiger, nutzloser Gabriel - packt die Machete aus und trägt seinen Teil dazu bei. Damit macht er sich gleich doppelt verdient: Durch die reibungslose Rettung von Judith und den Kampf gegen die Untoten. Und wo wir schon von Feiglingen sprechen: Ja, auch Eugene (Josh McDermitt) lässt es sich nicht nehmen an der historischen Schlacht (ja, von ihr wird man noch reden!) mitzuwirken. Morgan trifft - wie sollte es anders sein - abschließend natürlich noch auf den verwandelten Wolf, den er mit seiner Catchphrase „I'm sorry“ die Lichter ausbläst.
Superglenn
Erst sehr spät sehen wir, wie Maggie aus ihrer misslichen Lage befreit wird, auch wenn die bis dahin verstrichen Zeit nicht klar ist, können wir annehmen, dass sie eine Weile auf der Plattform warten musste. Und so schüren die Autoren wieder einmal die Angst um Glenn, der die Ablenkung spielt und von Zombies umzingelt wird. Natürlich geht ihm dabei die Munition aus. Allein mit dem „Glenn in tödlicher Gefahr“-Szenario könnte man inzwischen ganze Folgen füllen. Ich schlage hier den Namen Glennsel in Distress vor, denn oft wird die Figur im wirklich allerletzten Moment noch einmal gerettet (siehe Mülltonne, Baseballschläge, Gefängnis, etc.) und kommt glimpflich davon. Diesmal sind es Sasha und Abraham, die die Walker mit ihren Waffen umnieten, während Daryl mit dem Inhalt von Patty und einer weiteren RPG ein feuriges Ende für die Untoten kredenzt. Die Montage der Bewohner Alexandrias, die mitmachen ist ebenfalls ein netter visueller Einfall, der den Zusammenhalt der Gruppe durch die Katastrophe verdeutlicht.
Walk of Death
Tatsächlich schafft man mit vereinten Kräften, alle Untoten restlos zu beseitigen. Die Beteiligten lecken sich die Wunden, während manche von Denise verarztet werden. Nun heißt es nur noch um Carl (Caaaaaaaaaaaaarl) bangen. Seine Verletzung ist schließlich nicht ohne, und der junge Grimes ist der einzige Grund für Rick, weiterzumachen. Denn für ihn will er die Zivilisation wieder aufbauen und ihm zeigen, was möglich ist: eine komplett neue Welt. Die Hoffnung stirbt zuletzt, denn Carl erwidert Ricks Griff in den letzten Sekunden der Episode.
Fazit
Die Episode No Way Out ist von vorne bis hinten ein Sahnestück der Seriengeschichte. Action, Spannung, Charaktermomente, eine Prise Humor (vor allem Galgenhumor) und Unmengen von Untoten und WTF-Momenten sorgen dafür, dass die Höchstwertung fällig ist.
Zudem gelingt es, die Momente aus der Comicvorlage einzufangen (allen voran die Andersons und Carl), aber gleichzeitig - etwa durch das Intro - für Überraschungen zu sorgen. Nicotero liefert hier einfach großes Zombiekino ab und wagt ein paar audio-visuelle Experimente, die aufgehen und funktionieren. Man kann sich vielleicht fragen, warum die Autoren wieder mal die „Glennsel in Distress“ herausholen und warum Morgan und Carol vergleichsweise wenig zu tun haben, aber das ist bei dieser Folge der Extraklasse Jammern auf hohem Niveau.
Ein Highlight jagt das nächste, es ist schwer, nur einen Höhepunkt zu bestimmen: die RPG gegen die Biker, der Verlust der Andersons, der Schuss in Carls Auge, der Zusammenhalt der Gruppe, die Schlüsselmomente für Gabriel und Denise, Michonne, die wieder schnetzeln darf, und ihre blitzschnelle Reaktion bei Ron. Das ist „TWD“ par excellence. Ich freue mich wie selten auf den Fortgang der Staffel, frage mich jedoch auch, ob das so schnell wieder getoppt werden kann. Spätestens zum Staffelfinale erwarte ich das nächste Ausrufezeichen!

The Walking Dead 6x09 Trailer
(The Walking Dead 6x09)
Schauspieler in der Episode The Walking Dead 6x09
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