The Walking Dead 6x04

The Walking Dead 6x04

Die The Walking Dead-Episode Here is not here beantwortet nicht direkt die brennende Frage aus der vorherigen Folge, sondern widmet sich komplett der Figur Morgan. Die LĂŒcke zwischen seinem letzten Auftritt und seiner Ankunft in Alexandria steht im Mittelpunkt.

Szenenfoto aus der „The Walking Dead“-Episode „Here's Not Here“ / (c) AMC
Szenenfoto aus der „The Walking Dead“-Episode „Here's Not Here“ / (c) AMC
© zenenfoto aus der „The Walking Dead“-Episode „Here's Not Here“ / (c) AMC

Seitdem Morgan (Lennie James) in der fünften Staffel von The Walking Dead wieder aufgetaucht ist und offenbar einen deutlichen Wandel durchgemacht hat, steht die Frage im Raum, wie es dazu kommen konnte. Showrunner Scott M. Gimple lĂ€sst es sich in Here is not here nicht nehmen, persönlich fĂŒr AufklĂ€rung zu sorgen.

Clear 2.0

Nach einem Feuer in seinem altem Unterschlupf muss Morgan sich wieder in der freien Wildnis herumschlagen. Dabei greift er alle Walker an, die ihm ĂŒber den Weg laufen. Er tut das, was er sich angewöhnt hat. Er schaltet sie aus, verbrennt sie und stellt neue Fallen auf, um den Perimeter zu schĂŒtzen. SpĂ€ter benutzt er auch Zombieinnereien, um damit Botschaften zu hinterlassen.

Er ist so in seiner Welt gefangen, dass er im Wahn auch zwei Menschen tötet. Den einen per Stoß in die Kehle, den anderen erwĂŒrgt er mit den eigenen HĂ€nden. Seine Situation Ă€ndert sich schlagartig, als er eine Ziege hört, die sich in der NĂ€he zweier HĂŒtten befindet. Dort wird er vom Hausherrn angesprochen, und statt auf Feindseligkeit trifft er hier auf eine offene Einladung zum Essen - Falafel steht auf dem Speiseplan.

Die einzige Bitte des Mannes: Morgan soll das Tier in Ruhe lassen. Doch weil er trotz mehrfacher Warnungen nicht reagiert und gar auf ihn schießt, kassiert Morgan einige gezielte SchlĂ€ge mit dem Bo und landet in einer Zelle. Außerdem wird ihm das Buch „The Art of Peace“ als LektĂŒre hingeworfen. Doch daran hat er zunĂ€chst kein Interesse und verlangt, dass man ihn töten soll.

Szenenfoto aus der „The Walking Dead“-Episode „Here%26#039,s Not Here“
Szenenfoto aus der „The Walking Dead“-Episode „Here%26#039,s Not Here“ - © AMC

Nichts aber lĂ€ge dem Mann, der sich als Eastman (John Carroll Lynch) vorstellt, ferner. Er stammt aus Atlanta und war dort in der forensischen Psychiatrie tĂ€tig. Sein Job war es, zu prĂŒfen, ob GefĂ€ngnisinsassen Gefahr laufen, noch einmal straffĂ€llig zu werden oder ob sie bereit fĂŒr den Wiedereintritt in die Gesellschaft sind. Dabei hat er ĂŒber 800 FĂ€lle beurteilt.

Die Grundkonstellation entspricht einer bottle episode, also einer Episode, in der nur zwei Figuren auf engem Raum miteinander interagieren. Gut gemachte Flaschenepisoden gehören fĂŒr mich persönlich zur ganz großen Serienkunst - ich erinnere mich immer wieder gerne an Fly. Morgan ist ohnehin eine meiner Lieblingsfiguren aus The Walking Dead, und darum freut es mich sehr, dass ihm eine eigene Flashback-Episode gewidmet wird.

In meinen Augen haben sich die Autoren eine interessante PrĂ€misse einfallen lassen. Der verrĂŒckte, gebrochene Mann trifft auf einen ruhigen, zen-artigen Vegetarier, der eine Vorliebe fĂŒr die KĂ€seproduktion entwickelt hat und dabei die Ruhe in Person ist - und dabei aber aus ĂŒblichen Schönheitsidealen und Heldenmustern herausfĂ€llt. Durch den Kampfsport Aikido, dessen Prinzipien er lebt, hat er sich dieser traurigen Welt angepasst und sich geschworen, dass nun jedes Leben heilig und schĂŒtzenswert ist. Wer The Walking Dead kennt, der weiß, dass so ein Konzept wohl nicht auf Dauer funktionieren kann. Leider.

The Art of Peace

Szenenfoto aus der The Walking Dead“-Episode „Here%26#039,s Not Here“
Szenenfoto aus der The Walking Dead“-Episode „Here%26#039,s Not Here“ - © AMC/Justina Mintz

Eastman beschĂ€ftigt sich mit allerhand Arbeiten rund ums Haus. Sei es nun der Ziege einen KĂ€fig zu bauen, sich an der Kunst des KĂ€semachens zu versuchen oder aber als Selbstversorger Nahrung anzubauen. Dabei lebt er friedlich in seiner HĂŒtte am Wald, die ab und zu von einigen streunenden Walkern besucht wird, die er mit seinen Aikido-FĂ€higkeiten erledigt, ehe sie sich an der Ziege Tabitha vergreifen können. Die Ziege ist dabei Warnsystem und Lockmittel zugleich.

Morgan ist davon ĂŒberzeugt, alles aufrĂ€umen zu mĂŒssen. Und dazu zĂ€hlt auch Eastman, weswegen er sich einen Weg aus seinem GefĂ€ngnis suchen will. Er zweckentfremdet seinen Reißverschluss, um ein Holzbrett in der Zelle zu lockern. Doch wie der KĂ€seliebhaber Morgan verrĂ€t, ist sein GefĂ€ngnis nicht einmal verschlossen. Die Wahl liegt also bei Morgan. „Do or do not. There is no try“, wie Meister Yoda sagen wĂŒrde. Morgan darf sich aussuchen, ob er gehen oder auf der Couch Platz nehmen möchte. Er entscheidet sich fĂŒr Option drei: den Angriff und die Zerstörung - wie ein Zombie, der Instinktgetrieben alles Lebendige konsumieren möchte.

Im Fall von Morgan kommen große SchuldgefĂŒhle dazu. Er konnte damals seine Frau Janice nicht von ihrem Zombiedasein erlösen, was im Endeffekt dazu gefĂŒhrt hat, dass sein Sohn Duane - das Einzige, was ihm noch blieb - zum Walker wurde. Darum scheint es, greift er Eastman an, um seine gerechte Strafe zu kassieren. Genau das lĂ€sst Eastman aber nicht zu, sodass Morgan sich selbst bestraft, indem er Zeit in der Zelle absitzt.

Unwissentlich zerstört Morgan beim Kampf eine der kostbarsten Erinnerungen aus Eastmans vorherigem Leben. Das gezeichnete Bild seiner Tochter, die Eastman auch eine Hasenpfote geschenkt hat, welche ihm GlĂŒck bringen sollte. Außerdem ist das Geschenk der Tochter dafĂŒr verantwortlich ist, dass er mit dem Aikido angefangen hat und ĂŒberhaupt so lange ĂŒberleben konnte.

In gewisser Weise will Eastman Morgan zu seinem GlĂŒck zwingen. Der Menschenkenner beschließt, einige Besorgungen zu tĂ€tigen und hinterlĂ€sst die HĂŒtte inklusive Ziege in Morgans Obhut. Er erkennt, dass tief in Morgans PTSD ein guter Mann schlummert. Das Aikido-Mantra, dass man selbst die böseste Person nicht töten sollte, hinterlĂ€sst bei Morgan offenbar tiefen Eindruck. Das Vorbild Eastman ist allerdings auch ein passendes Modell, an dem man sich durchaus orientieren kann. Das Leben im Einklang mit der Natur. mit sich selbst und seiner Umwelt, der respektvolle Umgang mit den Toten, die mit einem Kreuz beerdigt werden, und das Wiederaufbauen von zerstörten Dingen gehören fĂŒr Eastman zur SelbstverstĂ€ndlichkeit.

Fraglich ist, wie sich sein Lebensstil auf den Rest der Welt ĂŒbertragen lĂ€sst. SpĂ€testens bei großen Gruppen und wilden Feinden, wie es die Wölfe zu sein scheinen, könnte man damit an die Grenzen kommen. Doch Eastmans Botschaft ist simpel: Der Großteil der Menschen ist rehabilitierbar, nur EinzelfĂ€lle haben wirklich böse Absichten. Morgan wird also SchĂŒler dieser Philosophie und erfĂ€hrt vom grĂ¶ĂŸten HĂ€rtefall, der Eastman jemals begegnet ist. Crighton Dallas Wilton, ein Mann hinter dessen nach außen hin freundlichen Fassade der Ex-Psychiater sofort durchblicken konnte und so eine Freilassung verhindern konnte. Doch genau diese EinschĂ€tzung musste seine Familie mit dem Leben bezahlen. Denn der einzige Grund fĂŒr den anschließenden GefĂ€ngnisausbruch war: pure Rache.

Jedes Leben ist heilig?

Eastman möchte einen Trip machen, benötigt allerdings Schutzkleidung. Morgan weiß durch sein vorheriges Lager, wo diese zu finden ist. Allerdings begegnet Morgan dem jungen Mann, den er zuvor mit seinen eigenen HĂ€nden getötet hatte - nun als Zombie. Die PTSD schlĂ€gt zu und macht Morgan handlungsunfĂ€hig (siehe auch Nicholas in der vorherigen Folge). Und als Eastmann Morgan retten will, wird er gebissen. FĂŒr einen kurzen, aber intensiven Moment kommt der alte Morgan wieder zum Vorschein. Er greift seinen Mentor an. Sieht dann aber ein, dass das nichts bringt. Allerdings bekommt er noch eine Lektion in Sachen GĂŒte, als er ein Paar vor einem Untoten rettet und dafĂŒr sowohl ein Dankeschön als auch eine kleine AufwandsentschĂ€digung in Form einer Konservendose erhĂ€lt.

Wieder in Eastmans HĂŒtte angekommen, blicken sie der RealitĂ€t ins Auge. Die Ziege wird von einem Walker verspeist und Eastman hat nicht mehr lang zu leben. Morgan kann auch nicht allein hier verbleiben.

Kurz vor seinem Ableben spricht Eastman dann Klartext: Crightons abscheuliche Tat hatte Eastman damals doch motiviert selbst Rache zu nehmen. Und aus diesem Grund ist die Zelle in der HĂŒtte entstanden, in der er ihn zum Verhungern einsperren wollte. Scheint es zunĂ€chst so, als hĂ€tte er dies nicht durchgezogen, kommt spĂ€ter ans Tageslicht, dass er es doch getan hat, Eastman jedoch dadurch keine Genugtuung zuteil wurde.

SpÀter zieht Morgan mit klarem Kopf und neuem Mantra los, um ultimativ wieder den Anschluss an die restliche Menschheit zu finden und womöglich andere zu retten.

Don't ever be sorry

Seine Geschichte erzĂ€hlt Morgan derweil dem Gefangenen Wolf, den er nicht etwa umgebracht, sondern nur ausgeknockt hatte, um ihn zu fesseln und ihm eine zweite Chance zu geben - so wie es Eastman bei ihm getan hatte. Er ist verletzt und erhoffte sich in Alexandria Medizin. Doch statt zur Vernunft zu kommen, droht er damit, alle Leute der Stadt zu töten, sollte er ĂŒberleben. Morgan sperrt ihn dennoch weg, wobei er wenigstens den SchlĂŒssel benutzt. Es scheint, dass er die eine Person in ĂŒber 800 FĂ€llen gefunden hat, die nur böses im Schilde fĂŒhrt. Bewahrt er dieses Geheimnis weiterhin und bringt alle Bewohner inklusive Frauen und Kinder in Gefahr oder bricht er seinen Eid, der jedes Leben als schĂŒtzenswert sieht?

Fazit

Szenenfoto aus der „The Walking Dead“-Episode „Here%26#039,s Not Here“
Szenenfoto aus der „The Walking Dead“-Episode „Here%26#039,s Not Here“ - © AMC

Here is not here baut eine sehenswerte Backstory fĂŒr diese neue Version von Morgan auf. Wie passt ein solcher Pazifist in eine raue, tödliche und erbarmungslose Welt? Lohnt es sich zweite Chancen zu geben oder gibt es Menschen, bei denen das vergebens ist.

Lassen sich Morgans Lehren fĂŒr die Community adaptieren oder ist eine hĂ€rtere Vorgehensweise wie bei Rick oder Carol der Weg zum Überleben? Reicht das bloße Überleben ĂŒberhaupt aus oder sollte die Gruppe endlich einmal weiter denken und eine mögliche Zukunft im Auge haben, in der es nicht immer nur um töten oder getötet werden geht?

Ich begrĂŒĂŸe es immer, wenn man sich bei „TWD“ nicht nur durch die Zombie-Action hetzt, sondern Zeit fĂŒr das Seelenleben der Figuren nimmt. Und genau das macht diese Episode in meinen Augen. Zumal Morgan zwar auch eine traumatische Vergangenheit hat, aber doch eine, die sich gĂ€nzlich von unserer bekannten Gruppe unterscheidet.

Das Kuriosum Morgan, der pazifistische Zen-KĂ€mpfer, bleibt also faszinierend und fĂŒhrt zu einer weiteren sehenswerten Einzelepisode mit moralischen Implikationen, die zu allerlei Diskussionen fĂŒhren.

Der Serientrailer zur Episode Now der Serie The Walking Dead (6x05):

Verfasser: Adam Arndt am Montag, 2. November 2015

The Walking Dead 6x04 Trailer

Episode
Staffel 6, Episode 4
(The Walking Dead 6x04)
Deutscher Titel der Episode
Hier ist nicht hier
Titel der Episode im Original
Here is not here
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 1. November 2015 (AMC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 2. November 2015
Autor
Scott M. Gimple
Regisseur
Stephen Williams

Schauspieler in der Episode The Walking Dead 6x04

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