The Walking Dead 6x04

Seitdem Morgan (Lennie James) in der fünften Staffel von The Walking Dead wieder aufgetaucht ist und offenbar einen deutlichen Wandel durchgemacht hat, steht die Frage im Raum, wie es dazu kommen konnte. Showrunner Scott M. Gimple lässt es sich in Here is not here nicht nehmen, persönlich für Aufklärung zu sorgen.
Clear 2.0
Nach einem Feuer in seinem altem Unterschlupf muss Morgan sich wieder in der freien Wildnis herumschlagen. Dabei greift er alle Walker an, die ihm über den Weg laufen. Er tut das, was er sich angewöhnt hat. Er schaltet sie aus, verbrennt sie und stellt neue Fallen auf, um den Perimeter zu schützen. Später benutzt er auch Zombieinnereien, um damit Botschaften zu hinterlassen.
Er ist so in seiner Welt gefangen, dass er im Wahn auch zwei Menschen tötet. Den einen per Stoß in die Kehle, den anderen erwürgt er mit den eigenen Händen. Seine Situation ändert sich schlagartig, als er eine Ziege hört, die sich in der Nähe zweier Hütten befindet. Dort wird er vom Hausherrn angesprochen, und statt auf Feindseligkeit trifft er hier auf eine offene Einladung zum Essen - Falafel steht auf dem Speiseplan.
Die einzige Bitte des Mannes: Morgan soll das Tier in Ruhe lassen. Doch weil er trotz mehrfacher Warnungen nicht reagiert und gar auf ihn schießt, kassiert Morgan einige gezielte Schläge mit dem Bo und landet in einer Zelle. Außerdem wird ihm das Buch „The Art of Peace“ als Lektüre hingeworfen. Doch daran hat er zunächst kein Interesse und verlangt, dass man ihn töten soll.

Nichts aber läge dem Mann, der sich als Eastman (John Carroll Lynch) vorstellt, ferner. Er stammt aus Atlanta und war dort in der forensischen Psychiatrie tätig. Sein Job war es, zu prüfen, ob Gefängnisinsassen Gefahr laufen, noch einmal straffällig zu werden oder ob sie bereit für den Wiedereintritt in die Gesellschaft sind. Dabei hat er über 800 Fälle beurteilt.
Die Grundkonstellation entspricht einer bottle episode, also einer Episode, in der nur zwei Figuren auf engem Raum miteinander interagieren. Gut gemachte Flaschenepisoden gehören für mich persönlich zur ganz großen Serienkunst - ich erinnere mich immer wieder gerne an Fly. Morgan ist ohnehin eine meiner Lieblingsfiguren aus The Walking Dead, und darum freut es mich sehr, dass ihm eine eigene Flashback-Episode gewidmet wird.
In meinen Augen haben sich die Autoren eine interessante Prämisse einfallen lassen. Der verrückte, gebrochene Mann trifft auf einen ruhigen, zen-artigen Vegetarier, der eine Vorliebe für die Käseproduktion entwickelt hat und dabei die Ruhe in Person ist - und dabei aber aus üblichen Schönheitsidealen und Heldenmustern herausfällt. Durch den Kampfsport Aikido, dessen Prinzipien er lebt, hat er sich dieser traurigen Welt angepasst und sich geschworen, dass nun jedes Leben heilig und schützenswert ist. Wer The Walking Dead kennt, der weiß, dass so ein Konzept wohl nicht auf Dauer funktionieren kann. Leider.
The Art of Peace

Eastman beschäftigt sich mit allerhand Arbeiten rund ums Haus. Sei es nun der Ziege einen Käfig zu bauen, sich an der Kunst des Käsemachens zu versuchen oder aber als Selbstversorger Nahrung anzubauen. Dabei lebt er friedlich in seiner Hütte am Wald, die ab und zu von einigen streunenden Walkern besucht wird, die er mit seinen Aikido-Fähigkeiten erledigt, ehe sie sich an der Ziege Tabitha vergreifen können. Die Ziege ist dabei Warnsystem und Lockmittel zugleich.
Morgan ist davon überzeugt, alles aufräumen zu müssen. Und dazu zählt auch Eastman, weswegen er sich einen Weg aus seinem Gefängnis suchen will. Er zweckentfremdet seinen Reißverschluss, um ein Holzbrett in der Zelle zu lockern. Doch wie der Käseliebhaber Morgan verrät, ist sein Gefängnis nicht einmal verschlossen. Die Wahl liegt also bei Morgan. „Do or do not. There is no try“, wie Meister Yoda sagen würde. Morgan darf sich aussuchen, ob er gehen oder auf der Couch Platz nehmen möchte. Er entscheidet sich für Option drei: den Angriff und die Zerstörung - wie ein Zombie, der Instinktgetrieben alles Lebendige konsumieren möchte.
Im Fall von Morgan kommen große Schuldgefühle dazu. Er konnte damals seine Frau Janice nicht von ihrem Zombiedasein erlösen, was im Endeffekt dazu geführt hat, dass sein Sohn Duane - das Einzige, was ihm noch blieb - zum Walker wurde. Darum scheint es, greift er Eastman an, um seine gerechte Strafe zu kassieren. Genau das lässt Eastman aber nicht zu, sodass Morgan sich selbst bestraft, indem er Zeit in der Zelle absitzt.
Unwissentlich zerstört Morgan beim Kampf eine der kostbarsten Erinnerungen aus Eastmans vorherigem Leben. Das gezeichnete Bild seiner Tochter, die Eastman auch eine Hasenpfote geschenkt hat, welche ihm Glück bringen sollte. Außerdem ist das Geschenk der Tochter dafür verantwortlich ist, dass er mit dem Aikido angefangen hat und überhaupt so lange überleben konnte.
In gewisser Weise will Eastman Morgan zu seinem Glück zwingen. Der Menschenkenner beschließt, einige Besorgungen zu tätigen und hinterlässt die Hütte inklusive Ziege in Morgans Obhut. Er erkennt, dass tief in Morgans PTSD ein guter Mann schlummert. Das Aikido-Mantra, dass man selbst die böseste Person nicht töten sollte, hinterlässt bei Morgan offenbar tiefen Eindruck. Das Vorbild Eastman ist allerdings auch ein passendes Modell, an dem man sich durchaus orientieren kann. Das Leben im Einklang mit der Natur. mit sich selbst und seiner Umwelt, der respektvolle Umgang mit den Toten, die mit einem Kreuz beerdigt werden, und das Wiederaufbauen von zerstörten Dingen gehören für Eastman zur Selbstverständlichkeit.
Fraglich ist, wie sich sein Lebensstil auf den Rest der Welt übertragen lässt. Spätestens bei großen Gruppen und wilden Feinden, wie es die Wölfe zu sein scheinen, könnte man damit an die Grenzen kommen. Doch Eastmans Botschaft ist simpel: Der Großteil der Menschen ist rehabilitierbar, nur Einzelfälle haben wirklich böse Absichten. Morgan wird also Schüler dieser Philosophie und erfährt vom größten Härtefall, der Eastman jemals begegnet ist. Crighton Dallas Wilton, ein Mann hinter dessen nach außen hin freundlichen Fassade der Ex-Psychiater sofort durchblicken konnte und so eine Freilassung verhindern konnte. Doch genau diese Einschätzung musste seine Familie mit dem Leben bezahlen. Denn der einzige Grund für den anschließenden Gefängnisausbruch war: pure Rache.
Jedes Leben ist heilig?
Eastman möchte einen Trip machen, benötigt allerdings Schutzkleidung. Morgan weiß durch sein vorheriges Lager, wo diese zu finden ist. Allerdings begegnet Morgan dem jungen Mann, den er zuvor mit seinen eigenen Händen getötet hatte - nun als Zombie. Die PTSD schlägt zu und macht Morgan handlungsunfähig (siehe auch Nicholas in der vorherigen Folge). Und als Eastmann Morgan retten will, wird er gebissen. Für einen kurzen, aber intensiven Moment kommt der alte Morgan wieder zum Vorschein. Er greift seinen Mentor an. Sieht dann aber ein, dass das nichts bringt. Allerdings bekommt er noch eine Lektion in Sachen Güte, als er ein Paar vor einem Untoten rettet und dafür sowohl ein Dankeschön als auch eine kleine Aufwandsentschädigung in Form einer Konservendose erhält.
Wieder in Eastmans Hütte angekommen, blicken sie der Realität ins Auge. Die Ziege wird von einem Walker verspeist und Eastman hat nicht mehr lang zu leben. Morgan kann auch nicht allein hier verbleiben.
Kurz vor seinem Ableben spricht Eastman dann Klartext: Crightons abscheuliche Tat hatte Eastman damals doch motiviert selbst Rache zu nehmen. Und aus diesem Grund ist die Zelle in der Hütte entstanden, in der er ihn zum Verhungern einsperren wollte. Scheint es zunächst so, als hätte er dies nicht durchgezogen, kommt später ans Tageslicht, dass er es doch getan hat, Eastman jedoch dadurch keine Genugtuung zuteil wurde.
Später zieht Morgan mit klarem Kopf und neuem Mantra los, um ultimativ wieder den Anschluss an die restliche Menschheit zu finden und womöglich andere zu retten.
Don't ever be sorry
Seine Geschichte erzählt Morgan derweil dem Gefangenen Wolf, den er nicht etwa umgebracht, sondern nur ausgeknockt hatte, um ihn zu fesseln und ihm eine zweite Chance zu geben - so wie es Eastman bei ihm getan hatte. Er ist verletzt und erhoffte sich in Alexandria Medizin. Doch statt zur Vernunft zu kommen, droht er damit, alle Leute der Stadt zu töten, sollte er überleben. Morgan sperrt ihn dennoch weg, wobei er wenigstens den Schlüssel benutzt. Es scheint, dass er die eine Person in über 800 Fällen gefunden hat, die nur böses im Schilde führt. Bewahrt er dieses Geheimnis weiterhin und bringt alle Bewohner inklusive Frauen und Kinder in Gefahr oder bricht er seinen Eid, der jedes Leben als schützenswert sieht?
Fazit

Here is not here baut eine sehenswerte Backstory für diese neue Version von Morgan auf. Wie passt ein solcher Pazifist in eine raue, tödliche und erbarmungslose Welt? Lohnt es sich zweite Chancen zu geben oder gibt es Menschen, bei denen das vergebens ist.
Lassen sich Morgans Lehren für die Community adaptieren oder ist eine härtere Vorgehensweise wie bei Rick oder Carol der Weg zum Überleben? Reicht das bloße Überleben überhaupt aus oder sollte die Gruppe endlich einmal weiter denken und eine mögliche Zukunft im Auge haben, in der es nicht immer nur um töten oder getötet werden geht?
Ich begrüße es immer, wenn man sich bei „TWD“ nicht nur durch die Zombie-Action hetzt, sondern Zeit für das Seelenleben der Figuren nimmt. Und genau das macht diese Episode in meinen Augen. Zumal Morgan zwar auch eine traumatische Vergangenheit hat, aber doch eine, die sich gänzlich von unserer bekannten Gruppe unterscheidet.
Das Kuriosum Morgan, der pazifistische Zen-Kämpfer, bleibt also faszinierend und führt zu einer weiteren sehenswerten Einzelepisode mit moralischen Implikationen, die zu allerlei Diskussionen führen.
Der Serientrailer zur Episode Now der Serie The Walking Dead (6x05):
Verfasser: Adam Arndt am Montag, 2. November 2015The Walking Dead 6x04 Trailer
(The Walking Dead 6x04)
Schauspieler in der Episode The Walking Dead 6x04
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