The Walking Dead 6x01

Wieder einmal experimentieren die Kreativen von The Walking Dead in einem Staffelaufakt mit der Erzählung. First Time Again spielt dabei mit Flashbacks, die in Schwarz und Weiß (wie es die Comics übrigens seit Jahr und Tag sind) gehalten werden, während die Gegenwart in Farbe präsentiert wird.
Dieses Stilmittel lässt die Zuschauer die ganze Episode über im Dunkeln tappen und nimmt auch den Comiclesern einen gewissen Informationsvorteil, was zu begrüßen ist.
Ein Canyon voller Untoter
Die Bewohner Alexandrias nehmen sich in der Gegenwart einer gewaltigen Menge von Untoten an, die sich in einem Canyon in der Nähe der Stadt angesammelt haben. Wie im Verlauf der Episode herauskommt, befand sich dort einmal ein Camp mit gut einem Dutzend Menschen. Mit der Zeit ging das Camp verloren und die Walker-Massen wurden immer größer, doch bisher blieben die Walker da und attackierten glücklicherweise nicht das Camp. Rick (Andrew Lincoln) hat einen komplizierten und gefährlichen Plan, die Herde aus der unmittelbaren Nähe von Alexandria zu locken, doch dazu müssen alle an einem Strang ziehen. Das ist leichter gesagt als getan. Denn, wie die Flashbacks zeigen, herrscht keine Harmonie.
Deanna (Tovah Feldshuh) ist vom Tod ihres Gatten noch gebeutelt und tendiert daher zu Ricks harter Linie, während einige schon länger ansässige Bewohner der Stadt so ihre Probleme mit Ricks Ideen haben. Carter (Ethan Embry) etwa, der gemeinsam mit Reg den Zaun der Stadt geplant hat und bisher auch ohne Ricks Gruppe überleben konnte. Eine kritische Stimme kann allerdings auch guttun, was sie in dem Moment macht, als er Schwachstellen im Plan anspricht. So eine Stimme kann wertvoll sein, statt sich nur von Jasagern zu umgeben. Eine konstruktive Lösung hat er dabei aber nicht, die kommt von Eugene (Josh McDermitt), der vorschlägt, dass einige Zaunplatten zur Umlenkung der Walker genutzt werden.
Der Konflikt zwischen Rick und Morgan (Lennie James), der in den Trailern so hochgekocht wurde, entpuppt sich zumindest im Auftakt als viel heiße Luft. Morgan ist zwar ein aufmerksamer Beobachter und gibt oft die Stimme der Vernunft, die Rick im Zaum hält, doch ein richtiger Clash der Ideologien zwischen Zen-Meister mit Bo-Stab und Constable-Grimes bleibt aus. Morgan bereichert die Gruppe dennoch und ist schnell ein wertvolles und vollwertiges Mitglied, das wieder etwas mehr Menschlichkeit aus Rick herauskitzelt, wenn es darauf ankommt.
Beispielsweise beim Konflikt rund um die Frage, ob der Mörder Pete innerhalb der Stadtmauern begraben werden soll, setzt sich Rick zwar durch. Doch Morgan kann ihn, auch wenn erst der Umweg einer Walker-Attacke auf Petes Sohn Ron (Austin Abrams) dazwischenkommen muss, umstimmen, so dass sie ihm doch im Wald ein Grab ausheben, statt ihn einfach nur dort zu deponieren. Für Ron ist es schwer zu begreifen, was sich durch Rick verändert hat. Er mag vom Mann, der seinen Vater getötet hat, verständlicherweise nicht zu hören kriegen, wie man sich verhält, dennoch rettet er ihm in dieser Folge das Leben, was Ron zumindest etwas auf seine Seite ziehen sollte. Nebenbei wird für Ron noch eine Storyline aufgebaut, bei der ein Keil namens Carl (Chandler Riggs) zwischen Enid (Katelyn Nacon) und ihn getrieben werden könnte.
Vergeben, aber nicht vergessen
Glenn (Steven Yeun) lässt hingegen seine Auseinandersetzung mit Nicholas (Michael Traynor) auf sich beruhen. Zwar weiht er Maggie (Lauren Cohan) ein, entscheidet sich aber, es nicht an die große Glocke zu hängen, denn sonst würde Nicholas wohl die Exilierung drohen. Dafür steht er in Glenns Schuld und tut bei Außeneinsätzen, was man ihm befiehlt. Allerdings muss auch Glenn einsehen, dass er nicht unfehlbar ist, denn, als Glenn zusammen mit Rückkehrer Heath (Corey Hawkins) seinen Teil des großen Plans erfüllt, ist es Nicholas, der zur Stelle ist, als die Zombies zur Gefahr werden. Es sieht so aus, als habe er dazugelernt und nun deutlich weniger feige sei als zuvor.

Die Einführung Heaths, im Comic immerhin direkt am Anfang in Alexandria dabei, erfolgt über den Umweg, dass er mit einem gewissen Scott und einer Annie auf einer längeren Tour war. Allerdings hören die Zuschauer hier davon zum ersten Mal. Heath scheint im direkten Vergleich mit anderen uns bekannten Bewohnern Alexandrias jedenfalls durchaus auf sich selbst Acht geben zu können, sonst hätte er wohl kaum mehrere Wochen außerhalb der Stadtmauern verbracht. Und auch so beweist er früher als die anderen Mut und Hilfsbereitschaft und meldet sich freiwillig für Ricks riskantes Manöver.
Wir erfahren zudem, dass Tara (Alanna Masterson) endlich auch aus ihrem Koma erwacht, dabei aber nicht Noahs Ableben mitbekommen hat. Hier bauen die Macher um Scott Gimple einen netten kleinen Seitenstrang um sie und Maggie auf. Da Nicholas derjenige ist, der Noahs Tod zu verantworten hat, ist Tara entsetzt, als sie erfährt, dass er ungestraft davonkommt. Maggie allerdings glaubt an zweite Chancen, denn auch Tara befand sich einst auf der falschen Seite, nämlich der des Governors, der ihren Vater Hershel auf dem Gewissen hat. Trotzdem ist sie für erstere nun trotzdem zu einer wichtigen Bezugsperson geworden. Tara darf übrigens auch den besten Spruch der Episode vom Stapel lassen, als Eugene sieht, dass sie wohlauf ist: „Thank god nothing happened to your hair!“
Daryl (Norman Reedus) ist derjenige, der die gewaltige Walker-Herde fortlocken soll. Er fährt also im Schritttempo auf seinem lauten Motorrad voran, während Sasha (Sonequa Martin) und Abraham (Michael Cudlitz) ihm in einem ebenfalls nur langsam fahrenden Auto zur Seite stehen. Daryl folgt zwar, loyal wie er ist, Rick aufs Wort, doch es gibt eine Meinungsverschiedenheit zwischen den beiden. Rick ist dafür, zunächst keine weiteren Leute in die Stadt zu holen, während Daryl darin den Fortbestand der Gruppe sieht. Die Details zu diesem Streitpunkt werden aber wohl erst einmal aufgehoben.
Abe und Sasha sind derweil diejenigen, die in letzter Zeit als etwas lebensmüde dargestellt wurden oder aber den Thrill und die Gefahr durch die Walker brauchen. Während Abraham sich an der Baustelle abreagieren konnte, ist Sasha als Scharfschützin tätig. Bei der Autofahrt gibt Abraham zwar leichte Bedenken wegen Sasha von sich, ist aber doch derjenige, der aus dem fahrenden Auto steigt, um sich um vom Weg abgekommene Walker zu kümmern.
Insgesamt möchte ich loben, dass endlich einmal für etwas ein großer Plan ausgearbeitet wurde, bei dem im Prinzip alle an einem Strang ziehen können und jeder weiß, was er oder sie zu tun hat. Allerdings muss ich mich dabei fragen, was die Exit-Strategie für Daryl, Abraham und Sasha ist. Beim grünen Checkpunkt soll sich der Rest der Gruppe zurückziehen und sie noch gute 20 Meilen weiterfahren. Doch, wie genau garantiert wird, dass sie zurückkommen, wird wohl nicht überlegt oder einfach darauf vertraut, dass sie es schon irgendwie schaffen.
Außerdem: Auch wenn es badass aussehen soll, kann ich mir jetzt schon hunderte von Memes zu Daryl und der Walker-Herde ausmalen. Spontan fällt mir „Yakety Sax“ aka die Benny Hill Show-Musik als Untermalung für eine Parodie ein.
Der Testlauf wird ernst

Eigentlich soll der Plan rund um das Weglocken der Zombies so etwas wie ein Testlauf sein. Ricks Ziel ist es, die Bewohner für Zombies zu schulen. Sie müssen lernen, die Gefahr einzuschätzen und sich auch im Notfall verteidigen können. Als Carter etwa bei der Vorbereitung von einem Walker überrascht wird, will Rick sehen, ob er sich wehren kann, was ihm allerdings nicht gelingt. Der Wurf ins kalte Wasser ist aber sicherlich eine Taktik, die sinnvoll erscheint, denn nicht immer wird jemand von den Überlebenden in der Nähe sein und das Unangenehme übernehmen.
Carter muss gleich zweimal durch die harte Grimes-Schule des Überlebens. Denn, als er glaubt, unbeobachtet zu sein, wiegelt er inmitten der Vorbereitung einige andere Alexandrianer auf und will es ihnen schmackhaft machen, Rick zu töten. Das belauscht aber Eugene, der das fast mit seinem Leben bezahlt - bis Rick, Daryl und Morgan dazukommen und die Situation drehen. Durch die moderaten Kollegen Daryl und Morgan lässt Rick sich schließlich besänftigen und erst das scheint Carter zum Einlenken zu bringen.
Carter wird in dieser Episode als Mahnmal benutzt, um zu zeigen, was passiert, wenn man Ricks Training nicht ernst nimmt. In der Gegenwartshandlung zieht er mit Rick an einem Strang, aber er bleibt dennoch unachtsam und wird ein Walker-Happen. Dazu kommt, dass sein Schreien fast dafür sorgt, dass der ganze Plan kippt, also sieht sich Rick, der es es allerdings erst mit Worten versucht, gezwungen, sein Leben zu beenden. Er bittet Morgan, dass er dem Rest der Gruppe erklärt, was vorgefallen ist.

Morgan wird also als Vermittler eingesetzt, als Verbindung zwischen Ricks Gruppe und den restlichen Bewohnern Alexandrias. Bemerkenswert ist übrigens auch seine Begegnung mit Carol (Melissa McBride): Obwohl er sie nicht kennt, kann er sie ohne Weiteres lesen. Zwar nicht ganz genau, weil er fragt, ob sie auch eine Polizistin war, aber immerhin blickt er hinter die Hausfrauenfassade und sieht, dass sie allzeit bereit ist. In Ricks Plan ist Carol - wie schon öfter mal - der Notfallanker, der schauen soll, wie die restlichen Leute reagieren und ticken.
Dass Rick Morgan vertraut, sieht man daran, dass er ihn Judith halten lässt. Rick hat also eine weitere unterstützende Hand, auf die er vertrauen kann. Für Morgan ist Rick trotz des Moments des Wiedersehens außerdem noch immer der gleiche Mensch, dem er bereits mehrfach begegnet ist. Offen bleibt die Frage, wer Morgan beigebracht hat, mit dem Kampfstab umzugehen, aber die Staffel ist ja noch jung. Immerhin wissen wir, dass dies geschehen sein muss, nachdem wir ihm in Clear begegnet waren.
Die längste Zeit über funktioniert der Plan und alle seine komplexen Zwischenstationen für die Gruppe erfreulich gut, doch dabei hat man außer Acht gelassen, dass es Eingriffe von außen geben könnte. Da hat Morgan wohl nicht ausreichend von seiner Begegnung mit der W-Gang erzählt... Wer sonst sollte dahinterstecken? Denn plötzlich treibt ein dröhnendes Geräusch die Walker kurz vor dem Ziel in Richtung Alexandria und somit zu den unvorbereiteten Bewohnern, den Kindern und den Schwachen. Gelingt die Abwehr? Fest steht: Gegen eine solche Herde haben selbst die Überlebenden um Daryl, Carol, Michonne und Co noch nie gekämpft.
Fazit

Die Handlungszeit von First Time Again ist beim ersten Anschauen vielleicht nicht immer ganz klar auszumachen, aber daran liegt auch ein Teil der Faszination dieses Auftakts. Die Idee, die Flashbacks visuell abzuheben und den Zuschauern so wichtige Veränderungen mitzuteilen, kommt bei mir jedenfalls gut an. Die Autoren entscheiden sich dabei nicht immer für die offensichtlichste Option (siehe Glenn/Nicholas oder Carter/Eugene), was für die gruppeninternen Konflikte und die Spannung zuträglich ist.
Die Figur Morgan bleibt ebenfalls faszinierend und ist wegen der Klasse ihres Darstellers Lennie James eine Bereicherung für das Ensemble. Langsam muss man allerdings aufpassen, dass man Ricks Gruppe nicht mit badasses verstopft. Weiterhin besteht ein Problem darin, dass wir es mit zu vielen Figuren zu tun haben, bei denen einfach nicht alle genügend Screentime erhalten können. Carl war etwa nur kurz zu sehen, während von Aaron quasi jede Spur fehlte und auch Maggie oder Carol hatten viel zu kurze Auftritte - dabei hatte der Auftakt bereits Überlänge. Vielleicht spart man sich in Zukunft einfach ein paar Slo-Mo-Bikeszenen mit Daryl und widmet sie anderen Figuren. Trotzdem hat mir dieser Auftakt ausgesprochen gut gefallen, denn die Bedrohung durch die Walker ist sehr ernst und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie diese Situation mit hunderten Untoten ohne jegliche Verluste verkraftet werden soll.
Der Serientrailer zur nächsten Episode, JSS (6x02), der US-Serie The Walking Dead:
Verfasser: Adam Arndt am Montag, 12. Oktober 2015The Walking Dead 6x01 Trailer
(The Walking Dead 6x01)
Schauspieler in der Episode The Walking Dead 6x01
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