The Walking Dead 4x14

Man möchte meinen, dass es Episoden wie The Grove sind, die den Existenzgrund der Serie The Walking Dead rechtfertigen. Trotz so mancher Logiklöcher, Style over Substance, Zombieaction plus Blut und Gewalt sind es hier die zwischenmenschlichen Töne, die diese Episode zu einer der bislang erinnerungswürdigsten der Serie werden lassen. Dabei liegt der Fokus wieder einmal auf wenigen Akteuren. Lediglich Carol (Melissa McBride), Tyreese (Chad Coleman), Mika (Kyla Kenedy), Lizzie (Brighton Sharbino) und Baby Judith tauchen auf und sorgen hier für eine Tour-de-Force, die manchen Zuschauer vielleicht an seine Grenzen bringen könnte.
Was ist nur mit den Samuels-Schwestern los?
Wie schon mehrfach in dieser Staffelhälfte ködern die Autoren die Zuschauer mit einer Eröffnungsszene, die neugierig macht. Ein Mädchen - wie wir später noch erfahren sollen, ist es Lizzie - spielt darin mit einem Zombie Fangen. Die Szene ist kurz, aber effektiv. Weil sie aus der Perspektive des Küchenfensters eingefangen wird, wo ein Wasserkessel pfeift. Außerdem macht sie deutlich, dass hier etwas nicht stimmen kann. Wer ist schon so fahrlässig, und spielt mit einem Walker fangen? Es ist ein Vorgriff auf das, was in dieser Episode noch kommen wird.
Für Lizzie ist Carols Rückkehr eine gute Sache. Sie möchte sich ihr gegenüber beweisen und will ebenso wie sie Wache schieben. Außerdem gibt sie vor Carol damit an, wie nützlich sie ist. Währenddessen schlafen Tyreese und Mika auf den Gleisen, was ebenfalls ein schönes Bild ergibt: eine kleine Metapher für die imaginären Züge, die sie in dieser Episode noch überrollen werden. Gleichzeitig wirkt es so, als würde Carol die Kinder ständig prüfen. Fast so, wie Rick es mit ihr getan hat, kurz bevor er sie in der Episode Indifference auf sich allein gestellt zurück ließ.
Während Lizzies Verhalten bei Carol die Alarmglocken klingeln lässt, weil sie nicht zu verstehen scheint, wie gefährlich die Walker sein können und sie durchaus mit Stolz berichtet, dass sie Tyreese im Gefängnis gerettet hat, indem sie zwei Menschen erschoss, scheint Mika ihr fast so, als wäre sie nicht hart genug. Ein späteres Gespräch mit der jüngeren der beiden ergibt, dass sie sich nicht scheut Walker zu erledigen, aber bei Menschen eben ihre Skrupel hat. Eigentlich ganz vernünftig, möchte man meinen - zumindest wenn die alten Regel noch gelten würden. Mika erinnert Carol offenbar stark an ihre eigene, inzwischen verstorbene Tochter Sophia, die keiner Fliege etwas zuleide tun konnte, und deren Verschwinden bekanntlich einen Großteil der zweiten Staffel ausmachte. Auch Mika würde kein unschuldiges Reh töten. Immerhin haben sie ja Pfirische...
Tyreese leidet nebenbei an einer Arm-Wunde und hat leichte Fieberalbträume. Um die Wunde zu verarzten, benutzt Carol etwas Baumharz, was die Entzündung verhindern soll. Alles Weitere scheint eigentlich harmonisch zu laufen. Man erinnert sich an Carols Vorlesen im Gefängnis - was Tyreese schon fast vergessen hat -, sucht nach etwas Wasser und Mika macht den Fehler, die Hasenleichen anzusprechen, wofür sie einen bösen Blick der Schwester erntet. Doch noch bringt keiner der Erwachsenen Lizzie damit in Verbindung oder vermutet gar eine ernste Störung...
Manche Walker muss man töten, andere nicht

Während Carol und Mika Wasser suchen, spielen Tyreese und Lizzie etwas „ich sehe was, was du nicht siehst“, bis ein Walker sie aufschreckt, der ins Gleisbett stolpert und dort liegen bleibt. Tyreese will ihn reflexartig erlösen, damit er später nicht zur Gefahr wird, aber Lizzie hindert den hammerschwingenden Hühnen daran - mit der Begründung, manchmal sei es nötig, sie zu töten, und manchmal nicht. Es soll nicht die letzte Begegnung mit diesem Walker sein...
Bald riechen Carol und Tyreese ein Feuer in der Nähe und finden einige Häusschen, die von einem kleinen, aber feinen Stacheldrahtzaun umgeben sind. Die beiden Erwachsenen gehen rein, um das Haus zu sichern, die Kinder sollen draußen warten. Natürlich lässt eine Walkerattacke nicht lange auf sich warten. Es ist Mika, die den Untoten mit drei Schüssen erledigt, während Lizzie eine Art Zusammenbruch hat. Es scheint, als sähe sie die Walker als Freunde, wie sich etwas später auch bei ihrem fahrlässigen Fangspiel zeigt, nach dem sie einen Totalausraster hat und Carol anschreit. Spätestens hier dürfte Carol und allen Zuschauern wohl klar werden, dass hier etwas im Argen liegt und man Lizzie am besten nicht aus den Augen lassen sollte. Außerdem wurde sie am Anfang der vierten Staffel so eingeführt, dass sie einen Walker Nick nannte und somit vermenschlichte. Die Entwicklung zu einer gestörten Persönlichkeit ist somit eigentlich nur konsequent.
Man muss sich natürlich auch Fragen, was die Gesamtsituation mit der Psyche eines jungen Menschen anrichten kann. In The Walking Dead haben wir dazu nun verschiedene Entwürfe gesehen. Sophia und Mika, die beide sehr unschuldig blieben, sowie Carl und Lizzie, die bisweilen gefährlich Nahe an den Soziopathenstatus kamen. Carl hat den Vorteil eines (fast) stabilen sozialen Umfelds. Es gab zwar manche Hürde auf dem Weg - Shane oder Loris Tod -, aber auch moralische Stützen wie Dale, Rick, Hershel und Michonne, die ihn wieder ausgeglichen haben.
Dennoch bleibt es nicht bei Lizzies Ausraster, nachdem Carol ihre „Spielgefährtin“ tötet. Sie schleicht sich erneut davon und wird von ihrer kleinen Schwester dabei erwischt, wie sie den Gleisbettwalker mit einer Maus füttert. Damit ist unomstößlich klar, dass es Lizzie war, die die Untoten am Gefängniszaun gefüttert und somit die ganze Gruppe in Gefahr brachte. Außerdem hat Lizzie bekanntlich auch eine Ratte an ein Brett genagelt und einige unschuldige Hasen auf dem Gewissen, die der Gruppe am Wegesrand begegnet waren. Dass es ausgerechnet die kleine Schwester ist, die die einsichtige und vernünftigere der beiden ist, ist eine nette Wendung. Doch Lizzie scheint nicht kapieren zu können, dass tot in dieser Welt tot bedeutet. Stattdessen meint sie, sie könne die Walker kontrollieren oder zur Vernunft bringen, und so streckt sie dem Gleiswalker ein wenig lebensmüde die Hand hin. Dabei bleibt es nicht: Das Feuer sorgt dafür, dass einige angesengte Untote aus dem Gestrüpp kommen und die Schwestern aufscheuchen. Kurz vor dem Ziel bleibt Mika im Zaun hängen und nur das beherzte Eingreifen von Carol kann die Situation entschärfen. Zu viert erschießen sie die verkolten Untoten, wobei es fast ein wenig so wirkt, als würde Lizzie sich erneut zurückhalten. Immerhin scheint sich Tyreeses Treffsicherheit erheblich verbessert zu haben, seit er in Woodbury war.
Dieses Erlebnis scheint Lizzie aufzuwecken - diesen Eindruck vermittelt sie jedenfalls Carol. Lizzie meint, die Gefahr durch die Walker nun einschätzen zu können. Und Carol macht ihr noch einmal deutlich, dass diese Welt schrecklich und angesteinfößend sein kann und dass sie einen verändert. Das Heranwachsen ist eben nicht mehr so, wie es früher einmal war. Die Gruppe versucht, trotz aller Warnzeichen, etwas Normalität einkehren zu lassen, röstet einige Pecannüsse und vertagt etwaige Konsequenzen auf einen anderen Zeitpunkt.
Tyreese und seine Träume von Karen

Nicht nur wegen des Psychogramms der Kinder ist diese Episode spannend. Auch wegen der Brisanz, die in der Paarung Tyreese und Carol liegt. Er ist der Mann, der so viel verloren hat: Seine Freundin wurde im Gefängnis umgebracht, und über den Aufenthaltsort oder das Überleben seiner Schwester Sasha kann er nur mutmaßen. Er ist verletzt, muss sich um drei fremde Kinder kümmern und leidet unter Alpträumen. Darin träumt er von seiner Ex und vergisst, dass sie tot ist und sieht einen Killer, der ein Fremder ist. Das alles erzählt er ausgerechnet der Frau, die ihm seine Liebe genommen hat. Eigentlich mit der Intention, die Krankheit einzudämmen und so die Gruppe zu beschützen, aber das verrät sie ihn bei diesem Gespräch (noch) nicht. Vielmehr wertschätzt Tyreese das, was Carol für die Kinder und die Gruppe tut und quittiert das mit einer Umarmung. Die Unterhaltung findet im Kontext der Erörtung statt, ob man an diesem Ort etwas verbleiben sollte. Doch diese Entscheidung wird ihnen von jemandem abgenommen.
Lizzie, the Killer
Als Carol und Tyreese von ihrem Spaziergang zurückkehren, finden sie Lizzie vor, die ihre eigene Schwester erstochen hat und mit blutigen Händen vor ihnen steht. Auch die Versicherung, dass sie ja bald zurückkehren wird, weil sie ihren Kopf verschont hat, sorgt nicht gerade für Freude. Als Carol auch nur einen Schritt in Mikas Richtung macht, zielt Lizzie mit ihrer Pistole auf ihre Mentorin. In dieser Situation ist noch das Beruhigendste, dass sie Baby Judith nichts getan hat (was bezüglich ihres vorherigen Mundzuhaltens fast einem Wunder gleicht). Obwohl sie selbst in einem Nebensatz sagt, ihr Werk sei noch nicht zu Ende, sie habe durchaus die Absicht, Ähnliches mit dem Baby anzustellen.
Lizzie will warten und den beiden Erwachsenen zeigen, was passiert. Durch geschicktes zureden schafft es Carol, Lizzie davon zu überzeugen, ihr die Waffe zu überreichen, sich mit Tyreese von der Leiche ihrer Schwester zu entfernen und erst einmal ins Haus zu gehen. Lizzie begreift nicht, was sie getan hat. Carol sorgt dafür, dass die kleine Mika nicht zum Walker wird, und diskutiert dann mit Tyreese die weitere Vorgehensweise. Ob Carol etwa mit Lizzie weggehen soll? Oder Tyreese? Oder sollte man erst versuchen, mit ihr zu reden?
Just look at the flowers, Lizzie
Es kommt, wie es kommen muss. Lizzie bemerkt zunächst den ernst der Lage nicht und läuft durch die Gegend, als wäre nichts gewesen. Vielleicht sogar noch etwas fröhlicher als sonst. Dann dämmert ihr jedoch endlich an Carols Verhalten ihr gegenüber: Sie hat etwas unverzeihbares getan. Carol muss das tun, was sie bei ihrer eigenen Tochter noch Rick überlassen hatte. Mit den Worten: „Just look at the flowers, Lizzie“ setzt sie dem Mädchen per Kopfschuss ein Ende. So traurig Lizzies Schicksal ist, so abgebrüht muss das Reh sein, das erneut zu sehen ist und sich auch von dem Schuss nicht hat verschrecken lassen. Tyreese und Carol beerdigen die Mädchen noch an Ort und Stelle und Carol nutzt im Anschluss die Gelegenheit für ihr eigenes Geständnis.
Vergeben, aber nicht vergessen

Am Tisch schiebt sie Tyreese ihre Pistole zu und gesteht den Mord an Karen und David. Sie legitimiert ihr Handeln mit der Absicht, die Gruppe beschützen zu wollen. Es war weder ein Fremder noch Lizzie, wie Tyreese zeitweise dachte. Carol ist bereit, die Konsquenzen zu tragen. Zwar muss sich Tyreese sehr beherrschen und krallt sich am Tisch fest, dennoch vergibt er ihr. Das ist sicherlich ein großer Akt der Menschlichkeit und fühlt sich nach der Zeit, die inzwischen vergangen ist, sogar richtig an. Die Frage ist nun, wie sich die Zweckgemeinschaft der beiden entwickeln wird. Kann Tyreese tatsächlich vergessen? Könnte er Carol etwa absichtlich in einer Gefahrensituation hängen lassen? Eins steht fest, dort im Haus können und werden sie nicht bleiben. Also versuchen sie einen Neuanfang in "Terminus"...
Fazit
The Grove ist eine emotional aufwühlende Episode von The Walking Dead. Es ist genau jene Gruppe im Fokus, die man nach den Episoden mit Beth und Daryl sehen wollte. Es kommt zu einigen Ereignissen, die sich abgezeichnet haben, aber dennoch unerwartet aufgelöst werden.
Comiclesern kommt die Geschichte um die Samuels wie ein Remix einer Nebenhandlung in der Vorlage mit getauschten Protagonisten vielleicht bekannt vor, das schmälert aber nicht die Umsetzung in der TV-Serie, die in dem Fall vielleicht sogar besser gelungen ist.
Scott Gimple und die Autoren der Serie lösen Geheimnisse auf, die in der ersten Staffelhälfte etabliert wurden und nehmen die Figuren dermaßen in die Zange, wie es selbst große Mengen von Zombies kaum könnten. Insgesamt ist es erfreulich, wie nebensächlich die Zombies eigentlich sind (auch wenn die verkohlten Zombies wieder ein optisch ansprechendes Gimmick der Woche sind) und wie sehr die menschliche Tragödie im Mittelpunkt steht. Lizzie und Mika gehen damit als tragische Opfer ihrer Lebensumstände in die Seriengeschichte ein und die Zahl der Kinder, die in dieser Welt Platz haben, sinkt erneut.
Tyreese und Carol bleiben mit seelischen Wunden zurück, die erst einmal aufgearbeitet werden müssen, während am Horizont schon wieder neue Gefahren drohen. Denn obwohl sich Tyreese gütig zeigt, ist längst nicht klar, ob er seine Worte später nicht bereuen wird. Dazu kommt, dass die Ausführung der Geschichte ausgesprochen gut gelungen ist. Hoffentlich bleibt das Niveau der verbleibenden zwei Episoden ebenso hoch.
Videovorschau auf die Episode US (4x15) der US-Serie The Walking Dead:
Verfasser: Adam Arndt am Montag, 17. März 2014(The Walking Dead 4x14)
Schauspieler in der Episode The Walking Dead 4x14
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