The Walking Dead 4x06

Mindestens einmal pro Staffel weicht The Walking Dead vom gewöhnlichen ErzÀhlmuster ab und widmet sich einer kleineren Gruppe oder einzelnen Figuren. Diesmal ist nach langer Abwesenheit also der Governor (David Morrissey) wieder zu sehen, den wir zwar in der letzten Episode einige Sekunden lang zu Gesicht bekamen, davor aber zuletzt am Ende der dritten Staffel gesehen hatten.
Genau zu diesem Zeitpunkt in der Handlung setzt auch die Episode Life Bait ein. Denn wir sehen, wie das ehemalige Oberhaupt von Woodbury nach seinem Amoklauf gegen seine StreitkrÀfte mit seinen beiden einzigen verbliebenen Vertrauten Martinez (Jose Pablo Cantillo) und Shupert (Travis Love) in eine ungewisse Zukunft gefahren ist.
Dabei scheint der Governor seine Taten nicht vollends verarbeitet zu haben. Er wirkt apathisch und antriebslos. Als ein Walker etwa auf ihn zulĂ€uft und ĂŒber das Lagerfeuer fĂ€llt, ist es Martinez, der dem Untoten die Lichter ausknipst.
Auch der Grund, warum Ricks vergröĂerte Gruppe nicht nach Woodbury zurĂŒckgegangen ist, wird hier offenbart. Der Governor hat die ganze Stadt abgefackelt, wie ein Kind, das ein Spielzeug kaputt macht, damit andere nicht damit spielen können.
Doch was dann? Es folgt eine Periode der Ziellosigkeit. Der Governor lÀsst sich gehen, erlebt das Leid und die Verluste der anderen, die auf HÀuserfassaden mitteilen, wer gestorben ist, lÀsst sich einen Bart stehen und irrt ohne seine zwei Helfer umher.
Bis er bei einer Familie Asyl erhĂ€lt, der er eine astreine LĂŒgengeschichte auftischt. Er stilisiert sich zum Opfer eines Wahnsinnigen hoch und Ă€ndert seinen Namen und seine Hintergrundgeschichte, wie es ihm in den Kram passt. Aus Phil wird also Brian und aus dem wahnsinnigen Massenmörder ein harmloser Ăberlebender. Zumindest fĂŒr die Familie von Don (Danny Vinson).
Wolf im Schafspelz
Warum genau der Governor zu dieser Familie geht, wird nicht unmittelbar klar. Ist es vielleicht, weil sie die ersten Ăberlebenden sind, denen er seit vielen Tagen oder Wochen begegnet ist? Will er seine eigene Menschlichkeit testen? Ist es Liebe auf den ersten Blick? Alles Möglichkeiten, die man nicht ausschlieĂen sollte.
Denn als erstes sieht er Lilly (Audrey Marie Anderson) und ihre Tochter Megan, denen er sich vorsichtshalber mit gezogener Waffe nĂ€hert. Als dann auch noch Schwester Tara hinzu kommt, signalisiert er freundliche Absichten und ĂŒberlĂ€sst ihnen seine Waffen.
ZunĂ€chst bleibt er schweigsam, dafĂŒr redet Tara umso mehr und findet klare Worte. Sie behauptet, zur Polizei Atlantas zu gehören, und wĂŒrde nicht davor zurĂŒckschrecken, von ihrer Waffe Gebrauch zu machen. Eine Nacht könne der Governor zunĂ€chst bleiben, was mit einem witzigen Fistbump besiegelt werden soll. DafĂŒr kriegt er nicht nur ein Dach ĂŒber den Kopf, sondern auch etwas zu Essen und reichlich Gesellschaft von Lilly.
Bald schlieĂen sie ihren Besucher ins Vertrauen und erzĂ€hlen ihm, dass sie nur ĂŒberleben konnten durch die Weitsicht des Vaters, der alle drei Frauen eingesammelt hatte, bevor es eng wurde. Er hat frĂŒher als Fahrer fĂŒr einen Nahrungsmittelhersteller gearbeitet, weswegen man auch mehr als genug zu essen habe. Allerdings ist Don schwer krank und braucht Sauerstoff. Der Grund dafĂŒr wird spĂ€ter offenbart: Lungenkrebs im vierten Stadium. Lebenserwartung: Wenige Tage.
Die wenige Zeit verbringt Don mit seiner Enkelin Megan, die er durch ein selbstgemachtes Backgammonspiel etwas bei Laune halten kann.
Backgammon und Munition
Auch wenn der Governor sehr schweigsam ist, zeigt er fĂŒr die Zuschauer doch eine unerwartet hilfreiche Seite. Nicht nur, dass er den Vater Don nach einigen Bitten ins Schlafzimmer bringt, er erklĂ€rt sich spĂ€ter auch bereit, das richtige Backgammonspiel vom Nachbar zu âleihenâ, dass der unter seinem Bett lagert. Dabei findet er nicht nur das Spiel, sondern auch Munition, eine Waffe sowie die Ăberreste des Nachbarn. Die Familie scheint keinerlei Erfahrung mit den Untoten zu haben. Denn dem Mann wurde nur in den Körper, statt in den Kopf geschossen. Der Governor beendet sein tristes Badewannendasein, er kehrt zu seinen neuen Bekannten zurĂŒck und macht ihnen und vor allem Megan eine Freude.
Wahrscheinlich weckt diese kleine, heile Familie Erinnerungen an seine eigene Frau und sein Kind Penny und bringt seine unverdorbene Seite zum Vorschein. Denn er schaut sich das einzige Bild an, das ihm ĂŒbrig geblieben zu sein scheint. Das entgeht auch Lilly nicht, die, als er in seinem Zimmer schlĂ€ft, einen kurzen Blick darauf erhaschen kann. SpĂ€ter weiht sie ihn auch ĂŒber den Verbleib von Megans Vater ein. Ein Lotterieticket war ihm wichtiger als Tochter und Frau, sodass er verschwand. Eigentlich will Lilly dem Fake-Brian als Gegenleistung etwas Verpflegung mit auf den Weg geben und bittet ihn um einen Gefallen: Da der Vater nicht mehr lange zu leben hat, sein Sauerstoff-Vorrat knapp wird und er Erfahrung in der freien Zombie-Wildbahn hat, soll Brian aka Phil im Altenheim schauen gehen, ob er vielleicht den ein oder anderen Tank sichern könnte.
Dort angekommen trifft er auf allerhand Rentnerzombies, die er bewusst umgeht, um an die Tanks zu kommen. Eigentlich sieht es so aus, als wolle er viele Tanks holen, doch der so erzeugte LĂ€rm zieht sĂ€mtliche âSlow-Walkerâ an, immerhin kann er mit etwas MĂŒhe noch zwei Tanks einheimsen. Ein paar Blessuren trĂ€gt er trotzdem davon, die Lilly, anscheinend eine ehemalige Krankenschwester, verarztet.
Bevor es dazu kommt, lernt er Megan etwas besser kennen, die sich fĂŒr den Grund seiner Augenklappe interessiert. Nach dem wichtigsten Schwur aller Zeiten, dem Pinky-Swear, also dem mit dem kleinen Finger, verspricht Megan, niemanden etwas vom Grund zu erzĂ€hlen. Dass er ein Pirat sein soll, kauft ihm selbst die Kleine nicht ab. DafĂŒr aber, dass er sein Auge verloren hat, als er jemanden, der ihm sehr wichtig war, beschĂŒtzen wollte.
Bauernopfer
Der Abschied wird also zunĂ€chst aufgeschoben. Allerdings verabschiedet sich der Governor dann doch endlich von seinem wildgewachsenem Bart. Penny bringt er ein neues Spiel bei: Schach. Obwohl sie wohl eher von den Figuren beeindruckt ist als von den Regeln. Die wichtigste Lektion jedoch scheint zu sein, dass man ein Schachspiel auch gewinnen kann, wenn man fast alle Bauern geopfert hat. Bezeichnend fĂŒr den Governor, der sicher noch etwas vorhat. Nebenbei erinnert Megan den Ex-Woodburyaner sicherlich auch an seine verlorene Tochter Penny, die zwar schon ein Zombie war, aber dennoch, seiner Meinung nach, von Michonne umgebracht wurde.
Zeit fĂŒr den Abschied von Opa Don ist es inzwischen auch. Friedlich ist er dahin geschlummert. Die Information, dass das schon eine Weile her ist, macht den Governor natĂŒrlich hellhörig. Ăhnlich wie Michonne in der dritten Staffel lĂ€sst er seine Mitmenschen allerdings - etwas fahrlĂ€ssig - im Dunkeln tappen. Zwar hat er Lilly davor schon gesagt, dass man die Untoten per Kopf- und nicht per Körpertreffer erledigen muss, aber dass ein Toter auch ohne Zombiebiss als Untoter zurĂŒckkommt, hat er verschwiegen. Und so wird Tara denn auch fast gebissen. Einzig das recht schnelle und beherzte Kopfeinschlagen rettet die Restfamilie, aber verstört und verĂ€ngstigt Megan fĂŒr eine Weile.
DafĂŒr hebt er allerdings auch ein Grab aus, in dem der Vater nun fĂŒr immer ruhen kann. WĂ€hrend Tara sich denken kann, warum âBrianâ so gehandelt hat, hat Megan Angst vor dem Opa-Killer. AnschlieĂend verbrennt er das Familienfoto, also das letzter ErinnerungsstĂŒck an sein frĂŒheres Leben und möchte aufbrechen. Lilly allerdings will so nicht weiterleben und bittet ihn, dass sie gemeinsam etwas Neues suchen.
On the road gibt die freche und sarkastische Tara zu, dass sie gar kein richtiger Cop sei, allerdings immerhin eine Ausbildung angefangen hatte. Sie versuchen ihr GlĂŒck mit einem Truck und schlafen im Frachtraum auf engsten Raum nebeneinander, was allerdings Lilly und den Governor nicht von einem kleinen Techtelmechtel neben den schlafenden Verwandten abhĂ€lt.
End of the road
Doch bald gibt das Auto den Geist auf und sie mĂŒssen zu FuĂ weiter. NatĂŒrlich kann das nicht gut gehen. Tara stolpert - und das in der NĂ€he einer groĂen Zombieansammlung. WĂ€hrend Lilly stĂŒtzt und Tara dabei Krach macht (warum sagt der Governor auch hier nichts?), braucht Megan ein bisschen, bis sie den Ernst der Lage realisiert, weiterlĂ€uft und dann vom Governor getragen wird, um Boden gut zu machen.
WĂ€hrend wir nicht genau wissen, was mit den beiden Schwestern passiert, stĂŒrzen der Governor und Megan in eine Grube, die verdĂ€chtig so aussieht, wie eine der Walkerfallen des Governors. Dort bringt er einige Untote mit bloĂen HĂ€nden und Knochen um, und beweist einmal mehr, dass mit ihm nicht zu spaĂen ist. Nebenbei hört man oben auch vereinzeltes Maschinengewehrfeuer. WĂ€hrend der Governor Megan verspricht, dass sie bei ihm sicher ist, entdeckt der staunende Martinez die beiden im Graben.

Woher der plötzliche Geisteswandel?
Es scheint so, als wĂŒrde der Governor-Exkurs in der nĂ€chsten Episode noch weitergehen. Dennoch fragt man sich, woher der plötzliche Sinneswandel kommt. Auch warum das Ex-Oberhaupt von Woodbury sich von seinen Kumpanen getrennt hatte.
Jedenfalls wirkt der Governor fast so, wie er sich zum Anfang der dritten Staffel gibt. Nett, zuvorkommend und hilfreich, aber etwas schweigsamer und verschlossener. Damals steckte hinter der Fassade allerdings insgeheim eine geheime Folterkammer, ein Kopfaquarium, eine Zombie-Tochter, die an die Kette gelegt wurde, und eine Walker-Gladiatorenarena.
Steckt diesmal auch KalkĂŒl dahinter oder sind seine Absichten wirklich nobel? Immerhin gab es keinen einzigen Versuch, der Familie Schaden zuzufĂŒgen. Vielmehr liest er ihnen jeden Wunsch von den Lippen ab und hilft, wo es geht. AuĂerdem: So ein Bart und die Frisur wĂ€chst nicht ĂŒber Nacht, er muss also schon Wochen, wenn nicht sogar Monate alleine unterwegs gewesen sein. Und wir wissen, dass sein Weg irgendwann wieder zum GefĂ€ngnis fĂŒhren wird. Ob nun in guter oder schlechter Absicht, muss sich dann wohl zeigen.
Gelungene Flaschenepisode
Schon im letzten Drittel der dritten Staffel, war die Episode Clear ein Highlight. Auch dort wurde sich auf wenige Figuren konzentriert und unaufgeregt das interessante und traurige Schicksal eines Einzelnen (Morgan) erzĂ€hlt. Live Bait erinnert im positiven Sinne an das Walking-Dead-Adventuregame von Telltale Games. Wir lernen eine völlig andere Gruppe kennen, erfahren, wie die sich bisher geschlagen hat, und verbringen viel Zeit mit ihr. Der downloadable Content des Spiels macht Ăhnliches: In fĂŒnf kurzen Episoden lernen wir jeweils einen oder mehrere Ăberlebende kennen und werden einfach so in ihre Welt geworfen. Das Ergebnis ist erfrischend und wahnsinnig interessant. Das sollte vielleicht nicht in jeder dritten Episode passieren, aber ein- oder zweimal pro Staffel wĂ€re so ein ausfĂŒhrlicher episodenlanger Exkurs doch begrĂŒĂenswert.
Dass der Vater der beiden starken Frauen kein allzu langes Leben mehr vor sich hat, war beispielsweise recht frĂŒh abzusehen. Trotzdem ist die gemĂ€chliche ErzĂ€hlweise ein fĂŒr mich lohnenswerter und erzĂ€hlerisch befriedigender Ausflug. Ohne riesengroĂen Zombeschlachten, aber mit reellen Gefahren und GefĂŒhlen. In gewissem MaĂe hatten wir solche Geschichten auch in dieser Staffel schon mehrere Male: die Frau, die Rick im Wald trifft etwa oder das junge Paar, das Rick und Carol kennenlernen. Diesmal allerdings stehen sie so gut wie die ganze Episode im Mittelpunkt und haben so Zeit, sich zu entfalten.
Fast immer waren die neuen Figuren dabei so etwas wie das Spiegelbild zu demjenigen, mit dem sie interagieren: Die Frau im Wald hat nichts mehr, bis auf ihren Zombie-Ehemann (so hĂ€tte es Rick auch gehen können), Morgan hat seinen Sohn verloren (hĂ€tte Rick ebenfalls passieren können) und die beiden fröhlichen ObstpflĂŒcker waren vielleicht zu gutglĂ€ubig, um in der Zombie-Apocolypse auf sich allein gestellt zu ĂŒberleben (was wĂ€re Rick ohne die Gruppe?).
Die Familie, die der Governor nun trifft, ist so etwas wie seine Ersatzfamilie. Die beiden MĂ€nner sind nicht mehr da, was ein Vakuum hinterlĂ€sst, das er fĂŒllen könnte. Auch wenn es fast so scheint, als wĂ€re ihm Ersatztochter-Megan wichtiger als die AffĂ€re Lilly. Ob das GlĂŒck lange bestand hat oder Martinez es vielleicht zerbricht, werden wir wohl bald erfahren.
Fazit
FĂŒr mich die bisherige Highlight-Folge der vierten Staffel. Nicht nur, weil sie vom ĂŒblichen Muster abweicht und Abwechslung zum trostlosen GefĂ€ngnis und der Seuche bietet, sondern auch weil der Governor eine durchaus faszinierende andere Seite zeigt, mit der man eigentlich nicht unbedingt gerechnet hĂ€tte. Hatte man zuvor erwartet, dass sein Rachedurst an Rick, Michonne und Co. unendlich ist, kommt man nun ins Zweifeln, ob die Autoren nicht vielleicht einen anderen Weg einschlagen werden.
Des Weiteren haben mir die Figuren, mit denen der Governor interagiert, durch die Bank weg gut gefallen und ich hoffe, dass das noch nicht das Letzte war, was wir von ihnen gesehen haben. Als groĂer Fan von Kurzgeschichten empfinde ich das Einstreuen eben solcher als gute Abwechslung in einer so seriell erzĂ€hlten Serie wie The Walking Dead. Besonders, nachdem wir bisher so viel Zeit im GefĂ€ngnis oder anderen klaustrophobischen Orten verbracht haben.
Videovorschau auf die Episode Dead Weight (4x07) der US-Serie The Walking Dead:
Verfasser: Adam Arndt am Montag, 18. November 2013The Walking Dead 4x06 Trailer
(The Walking Dead 4x06)
Schauspieler in der Episode The Walking Dead 4x06
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