The Romanoffs 1x04

© manda Peet und John Slattery spielen in „The Romanoffs“ ein Liebespaar, das einfach nicht sein sollte. (c) Amazon Prime Video
„Eine Frau wird im Verlauf eines Tages mit jeder einzelnen Lüge konfrontiert, die sie jemals erzählt hat.“ So lautet die offizielle Inhaltsangabe zur vierten Episode von The Romanoffs, die den Titel Expectation trägt. Was zunächst wie die übernatürliche Prämisse eines Dickens'schen Märchens klingt, ist im Endeffekt natürlich viel unspektakulärer. Im Prinzip haben wir es hier mit der guten alten Eine-Frau-betrügt-ihren-Mann-und-kriegt-ein-Kind-von-seinem-besten-Freund-Geschichte zu tun, in der Amanda Peet (Brockmire) und John Slattery (Mad Men) als glücklose Liebende zu sehen sind.
Der Showrunner Matthew Weiner hat sich bei dieser ausnahmsweise „nur" einstündigen Episode in Sachen Drehbuch völlig herausgehalten - keine allzu schlechte Entscheidung, besonders mit Blick auf das Finale der Folge, das deutlich besser sitzt als bei den ersten drei Ausgaben der Serie. Seine alte Mad Men-Kollegin Semi Chellas übernahm diesmal die Autorenschaft und nutzte die Chance, um den Schauspieler Slattery, der ja ebenfalls am AMC-Drama beteiligt war, in bekannte Gefilde zurückzuschicken. Weiner konnte dafür ein paar Experimente in der Inszenierung wagen, die teils glückten und teils scheiterten. Interessant bleibt das Amazon-Format The Romanoffs so allemal.
Odyssee in New York
Der größte Vorteil der Episode Expectation im Vergleich zu ihren Vorgängerinnen liegt in der merklich reduzierten Handlungsdichte. Statt uns einen überhasteten plot twist nach dem anderen vor den Latz zu knallen, nimmt sich Weiner sehr viel Zeit, um uns die Protagonistin Julia (Peet) behutsam vorzustellen. Mehrere Minuten fährt sie zunächst wortlos durch Manhattan, sodass wir Zuschauer maximal als neugierige Passanten Kontakt aufnehmen können. Die Figur ist auf dem Weg zu ihrer hochschwangeren Tochter Ella (Emily Rudd), um einen äußerst unangenehmen Streit beim Mittagessen auszutragen - aber das weiß sie da noch nicht.
Unterwegs will man sie uns sympathisch machen, indem sie fremden Menschen in beiläufigen Alltagssituationen hilft (Stichwort: „Save the Cat!"). Nur leider klappt das nicht, denn anfangs wirkt Julia in beinahe allen Konfliktsituationen - und davon gibt es überraschend viele - irgendwie im Unrecht. Ihrer Tochter wirft sie vor, dass sie zu bourgeois sei und eines Tages bereuen würde, als einfache Hausfrau und Mutter zu enden, statt sich selbst eine Karriere aufzubauen. Ella bleibt cool, sodass man bald schon hinterfragt, wer von beiden eigentlich älter und reifer ist. Außerdem wird deutlich, dass sich hinter Julias Selbstgerechtigkeit sehr viel Unsicherheit verbirgt.
Man muss kein Psychologe sein, um zu erkennen, dass die Hauptfigur der Episode eine Getriebene ist. Tatsächlich verharrt sie an keinem Handlungsort länger als wenige Minuten und bleibt ständig in Bewegung. Nach der enttäuschenden Interaktion mit ihrer Tochter huscht sie gleich zur nächsten mit Daniel (Slattery), dem besten Freund ihres Ehemannes Eric (John Tenney), mit dem sie vor vielen Jahren eine heimliche Affäre hatte. Daniel ist Ellas echter Vater, doch das weiß niemand außer den beiden, womit der Grund für Julias Unruhe rasch gefunden wäre.

Für Slattery ist dies nicht der erste Auftritt in The Romanoffs, denn in der zweiten Episode mit dem Titel The Royal We war er kurz als Historiker auf dem Kreuzfahrtschiff zu sehen, auf dem die russische Adelsdynastie ihr großes Familientreffen abhielt. Zudem ist er der Autor des fiktiven Buches „The Romanovs", das als Vorlage zur ebenfalls fiktiven Miniserie dient, die in der dritten Folge House of Special Purpose produziert wird. Allmählich kommen die losen Verbindungen der Anthologieserie also zusammen. Und auch mit Blick auf Mad Men bietet Slatterys Figur eine interessante Parallele, da er dort schon einmal einen grauhaarigen Junggesellen spielte, der der heimliche Vater des Kindes eines anderen Mannes ist.
Doch anders als Roger Sterling ist Daniel keine Witzfigur, sondern vielleicht sogar der tragischste Charakter dieser Episode. Wie er selbst sagt, musste er mitansehen, wie ein anderer Mann ohne es zu wissen sein Leben übernahm, wodurch er dazu verdammt ist, für seine eigene Tochter immer nur der „creepy fake uncle“ zu sein. Julia hat entschieden, bei Eric zu bleiben und die Wahrheit vor ihm zu verschweigen. Aber auch sie ist kein Monster, sondern handelt nur aus Liebe. Über die Jahre hat sie gelernt: Als Mensch trifft man zwar seine eigenen Entscheidungen, allerdings fühlt es sich meist so an, als würden die Dinge einem einfach nur passieren, bis die Illusion, man könnte das Schicksal kontrollieren, vollständig verschwunden ist.
Töchterliche Versöhnung
Weiner spielt als Regisseur mit diversen Flashback-Momenten und sogar mit einer alternativen Wunschvorstellung. Gerüche und Geräusche versetzen Julia zurück in ihre Vergangenheit, als die Affäre mit Daniel noch voll im Gange war. Auch diese Szenen helfen, den Charakter über die Laufzeit der Episode menschlicher zu machen - obwohl man zunächst erstmal verstehen muss, dass es sich tatsächlich um ihre eigenen Erinnerungen handelt, da ihre jüngeren Schauspieldoubles verblüffend wenig Ähnlichkeit beweisen. Und auch besagte Traumsequenz sorgt zunächst für Verwirrung, weil sie Weiner wohl ein wenig zu subtil gestaltet. Konkret geht es um Julias Geständnis gegenüber Eric, dem obligatorischen Romanow dieser Folge, welches es so nie geben wird - und das ist gut so, denn seine noble Vergebung wäre als Finale viel zu pathetisch.
Die echte Katharsis soll sich nicht zwischen Mann und Frau, sondern Mutter und Tochter ereignen. Als Julia zur Krönung ihres Horrortages mit Gallensteinen ins Krankenhaus muss, ist es eben Ella, die (noch immer hochschwanger) nicht von ihrer Seite weicht. Sie kennt das große Geheimnis ihrer Mutter, das sie selbst ja mehr betrifft als alle anderen. Sie fragt sie schließlich, ob sie ihn anrufen wolle und wählt Daniels und nicht Erics Nummer. Ein einfacher Blick genügt, um das auszusprechen, was knapp 25 Jahre lang unausgesprochen blieb und Julia so sehr belastete, dass sie buchstäblich krank davon wurde.
Ein perfektes Finale, das man zu Beginn der Geschichte kaum vorhersehen konnte. Expectation spielt als Episode gekonnt mit den Erwartungen der Zuschauer und weiß genau, wohin die Reise gehen soll. Weiner hat diesmal nur eine Stunde Zeit, um uns mit dem Leben der Hauptfigur vertraut zu machen und tatsächlich fällt es anfangs schwer, sie zu verstehen. Peets fesselnde Performance kann einige Lücken überdecken, obwohl es an sich schwerfällt, ihr mit ihren gerade einmal 46 Jahren die werdende Großmutter abzukaufen. Weiners Wagemut mit Blick auf die ungewohnten Schnitttechniken und Kameraeinstellungen sorgt für zusätzliche Sehenswerte. Schon jetzt freut man sich auf die nächste neue Ausgabe von The Romanoffs, die glücklicherweise eine Woche auf sich warten lässt, statt sich sofort zum lieblosen Wegbingen anzubieten.
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Verfasser: Bjarne Bock am Sonntag, 28. Oktober 2018(The Romanoffs 1x04)
Schauspieler in der Episode The Romanoffs 1x04
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