The Romanoffs 1x03

© livia Rogers (Christina Hendricks) erleidet am Set der Regisseurin Jacqueline Gerard (Isabelle Huppert) das Trauma ihres Lebens. (c) Amazon Prime Video
Hätte Amazon Prime Video vor einer Woche zur Premiere von Matthew Weiners Anthologieformat The Romanoffs nicht The Violet Hour als Auftaktepisode ausgewählt, sondern House of Special Purpose, die nun als dritte Folge der achtteiligen Miniserie erschien, wären die Kritiken wohl deutlich besser ausgefallen. Derzeit hält das jüngste Werk des Mad Men-Machers nur knapp 52 Prozent bei Rotten Tomatoes - ein verheerendes Ergebnis, wenn man bedenkt, wie groß die Ambitionen waren, genauso wie das Produktionsbudget (rund 70 Millionen Dollar).
The Romanoffs: Interview mit dem Showrunner Matthew Weiner
Die New York Times nannte die Serie „elegant, aber frustrierend“, während man sie im Rolling Stone immerhin als „wunderschönes Durcheinander“ rühmte. Soll heißen: Es lassen sich durchaus sehenswerte Ansätze in Weiners diffuser Aufarbeitung der russischen Zarengeschichte finden, doch es fehlt einfach an Konsistenz. Ein nicht ganz so guter Ersteindruck sollte aber keinesfalls bewirken, dass The Romanoffs vorschnell abgeschrieben wird. So viel künstlerisches Vertrauen hat sich Weiner als Schöpfer von Mad Men sicherlich verdient.
Everything is weird
Dass die Episode House of Special Purpose so viel mehr zu bieten hat als ihre Vorgängerinnen, liegt in erster Linie an ihren Hauptdarstellerinnen: Christina Hendricks (Mad Men) und Isabelle Huppert („Elle“). Die beiden spielen hier zwei Schauspieldiven, die gemeinsam an einer fiktiven Miniserie namens „The Romanows“ arbeiten. Olivia Rogers (Hendricks) übernimmt die weibliche Hauptrolle der Zarengattin Alix von Hessen-Darmstadt, während Jacqueline Gerard (Huppert) Regie führt, aber eigentlich viel lieber selbst vor der Kamera stehen würde. Ihr liegt das Projekt besonders am Herzen, denn es geht um die Geschichte ihrer Urahnen. Zumindest behauptet auch sie, blaues Blut zu haben.
Olivia ist der Point-of-View-Charakter dieser Episode, die sich wohl am ehesten dem Horror- oder dem Mysterygenre zuschreiben lässt. Von der ersten Sekunde an liegt am Set eine merkwürdige Spannung in der Luft, die dem erfahrenen Filmstar keineswegs entgeht. Alle, wirklich alle Beteiligten verhalten sich in ihrer Gegenwart merkwürdig. Und auch das urige Hotel irgendwo im Grenzgebiet zwischen Tschechien, Österreich und Deutschland entspricht nicht ganz ihren Erwartungen. Die erste Hälfte der erneut anderthalbstündigen Folge fühlt sich an wie eine Mischung aus Twin Peaks und „The Shining“. Gegen Ende kennt die Tour de Force kein Halten mehr...

Anfangs sind die kleinen Schrullen von Jacqueline noch eher harmlos und fast schon lustig. Ihrem Nikolaus-Darsteller Brian (Mike Doyle) gibt sie beispielsweise die Regieanweisung, in seiner Zarenuniform einen Elvis-Hit zu schmettern - eine Szene, die so tatsächlich in der endgültigen Serie landen soll. Als sie aber vor allen Anwesenden seine Männlichkeit infrage stellt und sogar seine Testikel in die Mangel nimmt, verfliegt der Spaß. Noch drastischer wird es, als Olivias Kollege Samuel (Jack Huston) in seiner Rolle als Rasputin sexuelle Gewalt gegen sie anwendet. Niemand greift ein, was für die Schauspielerin nur eines bedeuten kann: Sie ruft ihren Manager Bob (Paul Reiser) an, um die Produktion zu canceln.
Doch so einfach ist das nicht und Olivia erkennt sehr bald, in welcher Gefahr sie wirklich schwebt. Erst wird sie von einem Geist im Hotelzimmer heimgesucht und dann spricht Jacqueline beim gemeinsamen Dinner plötzlich in Zungen, scheinbar besessen von der wahren Alix von Hessen-Darmstadt. Undenkbar, dass all der Wahnsinn auch nur halb so dramatisch erschienen wäre, wenn Weiner auf eine weniger talentierte Schauspielerin als Huppert hätte zurückgreifen müssen. Sie und Hendricks bilden zwei perfekte Antipole. Wahrscheinlich hat es aber auch geholfen, dass mit der Autorin Mary Sweeney diesmal eine Frau am Drehbuch beteiligt war. Und wie es der Zufall so will, wirkte sie damals tatsächlich selbst bei Twin Peaks mit...
Sweet dreams
Wenn wir eines über Matthew Weiner wissen, dann, dass seine Fantasie fest in der Realität verhaftet ist. Geister und übernatürliche Erscheinungen sind also nicht sein Stil, weshalb hinter Olivias Trauma eine logische Erklärung stecken muss. Und eine Erklärung gibt es tatsächlich, wobei nun jede/-r selbst entscheiden muss, wie logisch die klingt: Am Ende war alles nur ein Trick von Jacqueline, um aus Olivia die bestmögliche Darbietung herauszukitzeln. Auf die Palme bringt sie ihren Star, als sie kurzfristig beschließt, das große Finale mit der Ermordung der gesamten Zarenfamilie zu streichen und stattdessen alle leben zu lassen. Olivia verlässt das Set nun auf eigene Faust, wird aber bald vom Produktionsteam eingefangen und in einen mysteriösen Raum gebracht. Und plötzlich ist sie selbst Teil der Hinrichtungsszene. Schüsse fallen und sie geht zu Boden.
„Cut, and that's a wrap!“ Jacqueline und alle Beteiligten feiern die zutiefst authentische Performance, die nur so authentisch sein konnte, weil sie eben echt war. Auch im wahren Leben werden Schauspieler hin und wieder ins kalte Wasser geworfen, um ungespielte Reaktionen aus ihnen herauszuholen. Man denke nur an Alan Rickman, der im Finale von „Stirb langsam“ tatsächlich und ohne Vorwarnung in die Tiefe gestürzt wurde, natürlich unter größten Sicherheitsvorkehrungen. Im besten Fall dienen solche Erlebnisse irgendwann als nette Anekdoten, doch das, was Olivia angetan wurde, sprengt natürlich jeden Rahmen.
Weiner und Sweeney entscheiden sich für das poetischste, wenn auch wiederum für das übertriebenste Finale: Sie wollen uns Zuschauer glauben lassen, dass Olivia vor lauter Schreck tatsächlich stirbt. Jacqueline kann ihr Meisterwerk also vollenden, doch ihre Schauspielerin kostet es das Leben. Insgesamt ist die Episode eine interessante Reflexion über den Preis von wahrer Kunst und die Opferbereitschaft ihrer Künstler. Tiefes Unbehagen löst der Missbrauch aus, der Olivia widerfährt. Doch Unbehagen ist wohl auch das Ziel dieser Episode, die einen von der ersten bis zur letzten Minute in Spannung hält.
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Verfasser: Bjarne Bock am Sonntag, 21. Oktober 2018(The Romanoffs 1x03)
Schauspieler in der Episode The Romanoffs 1x03
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