The Romanoffs 1x05

© iane Lane kämpft in „The Romanoffs“ mit ihrem Gewissen: Ist der Klavierlehrer ihrer Kinder pädophil? (c) Amazon Prime Video
„Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich“, heißt es im ersten Satz von „Anna Karenina", geschrieben Ende des 19. Jahrhunderts von Leo Tolstoi. Mit The Romanoffs hat dieses Zitat nichts zu tun, doch der Serienmacher Matthew Weiner nutzt die großen Worte der russischen Dichter, der Puschkins, Dostojewskis und eben auch der Tolstois, um von der teils eklatanten Inhaltsleere seiner Episoden abzulenken - so wie Adlige sich einst in Blumen eindeckten, um ihren fauligen Gestank zu übertünchen. Ging die Formkurve der Amazon-Miniserie zuletzt noch leicht nach oben, sorgt Bright and High Circle (1x05) nun für den vorläufigen Tiefpunkt.
„Ein guter Mensch ruiniert nicht einfach das Leben eines anderen wegen irgendeiner Anschuldigung.“ Dieser Satz passt schon eher zur DNA der Serie und zu Matthew Weiner, der ihn immerhin geschrieben hat. Dabei hätte er sich vorher eine einfache Frage stellen sollen: Ist es wirklich klug, sich zum Thema #MeToo zu äußern, wenn man selbst beschuldigt wurde? Im November 2017 meldete sich die ehemalige Mad Men-Autorin Kater Gordon zu Wort, mit der Weiner vor zehn Jahren den Emmy für das beste Drehbuch einer Dramaserie gewann. Sie warf ihrem Arbeitgeber vor, von ihr verlangt zu haben, sich für ihn zu entkleiden, schließlich habe er so viel für sie getan. Ihre Kolleginnen stellten sich rasch hinter sie. Und Weiner stritt zunächst alles ab, räumte aber später ein, dass er für die Korrektheit seiner Erinnerungen nicht garantieren könne.
Mit Blick auf The Romanoffs habe ich bislang versucht, den Künstler von der Kunst zu trennen, zumal niemand sicher sagen kann, was genau passiert ist. Sicherlich gibt es gute Gründe, in solchen Fällen konsequenter zu sein (siehe dazu Axelzucken 4x14: Kill Your Darlings - Der Mythos vom genialen Künstler). Da nun Weiner das Thema aber selbst aufmacht, provoziert er eine Reaktion. Zwar ist unklar, ob er besagte Episode vor oder nach Veröffentlichung der Vorwürfe gegen ihn geschrieben hat, allerdings hätten er oder Amazon deutlich sensibler sein und im besten Fall auf die Ausstrahlung verzichten müssen.
Ohne jedes Taktgefühl
Wie im echten Leben lässt Weiner auch in der fiktiven Geschichte keine endgültige Klärung zu. Im Zentrum der Anschuldigungen steht der charmante Klavierlehrer David Patton, gespielt vom Girls-Star Andrew Rannells. Auf den ersten Blick ist er der perfekte Socializer und somit auch der Liebling der spießbürgerlichen Oberschicht. Mütter wie Katherine Ford (Diane Lane), die wir letzte Woche bereits kurz in der Episode Expectation (1x04) trafen, sehen in ihm nicht nur den musikalischen Mentor ihrer Kinder, sondern auch einen engen Freund der Familie. Kein Wunder also, dass Katherine bis ins Knochenmark erschüttert wird, als ihr die Special Victims Unit der Polizei erstmals Fragen stellt.

Ihr Ehemann Alex (Ron Livingston) urteilt vorschnell und hält es perverserweise nur für passend, dass ein offenkundig homosexueller Mann womöglich pädophil sein könnte. Alex ist der wohl unsäglichste Charakter dieser Episode, den Weiner gegen Ende zur Krönung seiner völligen Geschmacksverirrung auch noch zur moralischen Instanz erhebt. Das Plädoyer zur Wahrung der Unschuldsvermutung, wonach es das schlimmste Verbrechen überhaupt sei, den Ruf eines Mannes zu besudeln - ja, auch schlimmer als Mord -, stammt nämlich ausgerechnet von ihm. Begründet wird dieser Imagewandel um 180 Grad durch ein merkwürdiges Kindheitserlebnis des Familienvaters, das so lächerlich platt inszeniert und eingebettet wird, dass man ernsthaft überlegen muss, ob sich Weiner hier nur einen dummen Scherz erlaubt, quasi eine Parodie seiner selbst...
Mehr als nur ein Ausrutscher
Was genau will Weiner mit diesem Super-GAU einer Serienepisode überhaupt erreichen? Will er die Leute unterschwellig von seiner Unschuld überzeugen oder versucht er, sich selbst ein Weltbild hinzubiegen, das ihm besser in den Kram passt? Keinesfalls will ich an dieser Stelle zu persönlich werden - denn wer bin ich schon, um jemanden zu verurteilen, den ich gar nicht kenne? Doch als großer Fan von Weiners Arbeit bin ich schlichtweg enttäuscht und frustriert. Gerade in Mad Men gewann man den Eindruck, dass der Serienmacher selbst toxische Männlichkeit und die Unterdrückung von Frauen ankreidet. Doch hier in The Romanoffs erklärt er plötzlich „tratschende Hausfrauen“ zu den wahren Feinden.
Auch hier gleicht die Einbindung seltsamer Rückblicke in die Vergangenheit von David eher einer billigen Sketch-Show als einer hochwertigen Prestigeserie. Zur Erklärung: Katherine und ihren Freundinnen wird allmählich klar, dass der Musiklehrer ein echter Blender ist, der sich nicht nur abenteuerliche Lügen ausdenkt, sondern auch die Geschichten anderer für sich beansprucht. So geht er beispielsweise damit hausieren, dass seine Vorfahren zur Romanow-Dynastie gehörten, ihren Namen während der McCarthy-Ära allerdings ablegen mussten. Tatsächlich gehört dieses Kapitel jedoch zur Familienhistorie von Katherine. Darüber hinaus hat David für einen seiner Schüler Alkohol gekauft, was ihn in den Augen der besorgten Mutter durchaus verdächtig erscheinen lässt. Ihren drei Söhnen hat er aber scheinbar nichts angetan.
Der verspielte Andrew Rannells kann nicht einmal mit seinen unterhaltsamen Monologen, die er theatralisch am Klavier begleitet, diese Episode von The Romanoffs noch retten. Bright and High Circle ist ein einziger Fehltritt, der Weiners Reputation sicherlich nicht gut tun dürfte. Für das Amazon-Format wird es nun schwer sein, in den verbleibenden drei Ausgaben das Ruder noch herumzureißen. Nach dem bereits verpatzten Einstieg muss das Finale schon mindestens herausragend sein, damit die achtteilige Anthologieserie nicht als peinliches Debakel in Erinnerung bleibt.
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Verfasser: Bjarne Bock am Sonntag, 4. November 2018(The Romanoffs 1x05)
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