The Romanoffs 1x06

© zenenbild der „Romanoffs“-Episode „Panorama“: Abel (Juan Pablo Castaneda) und Victoria (Radha Mitchell) genießen die Aussicht. (c) Amazon Prime Video
Eine Anthologieserie, in der jede Episode eine völlig neue Geschichte erzählt, hat viele Nachteile gegenüber einer klassisch linearen Serie. Man könnte sogar argumentieren, dass sie gar keine echte Serie ist, da man als Zuschauer nicht die Chance erhält, über längere Zeit mit den Figuren mitzufiebern. Auch bei The Romanoffs hatte ich dieses Problem bereits, was bei einem Werk des Mad Men-Machers Matthew Weiner sogar doppelt schmerzt, weil er normalerweise ja dafür bekannt ist, seine psychologisch glaubwürdige Charakterarbeit über Staffeln vorauszuplanen.
Diese Woche werden bei seinem neuen Amazon-Format allerdings die wenigen Vorteile deutlich, denn nach dem Totalausfall der letzten Episode Bright and High Circle (1x05) kann die jüngste Ausgabe namens Panorama (1x06) nun mit Leichtigkeit zur alten Form zurückkehren. Soll heißen: Wenn nach jeder Folge alles rausgeschmissen wird - also leider auch die guten Dinge -, gibt es keine Altlasten. Die inzwischen typischen Schwachpunkte von The Romanoffs schwingen aber trotzdem weiter mit, allen voran das patentiert überstürzte Finale...
Mehr Poet als Journalist
Zumindest auf dem Papier ist die neue Episode gar nicht so weit entfernt von Weiners Meisterstück Mad Men: Der mexikanische Schauspieler Juan Pablo Castaneda wird zum Don-Draper-Verschnitt Abel Erikson, ein gut aussehender Dichter, gefangen im Beruf des Journalisten. Don Draper (Jon Hamm) war ja selbst ein gut aussehender Dichter, gefangen im Beruf des Werbetexters. Beide sind dem Alkohol nicht abgeneigt - dürfen sogar bei der Arbeit trinken -, tragen Anzüge und verführen Frauen. Innerlich sind sie selbstverständlich von Einsamkeit gequält, daher auch die vielen Kompensationen.
Was wäre, wenn Don Draper in den Sechzigern schon Tinder gehabt hätte? Vermutlich hätte er in wenigen Wochen ganz New York „durchgespielt“. Abel hingegen hat Tinder und schreibt der Datingplattform peinliche Gedichte mit der philosophischen Tiefe eines 16-Jährigen. Genau wie Don in der berüchtigten Mad Men-Episode The Summer Man (4x08) darf auch er im Voiceover sein eigenes Leben kommetieren, ein Stilmittel, auf das Weiner damals und heute besser verzichtet hätte. Ohnehin fällt es schwer, Abel zu mögen, da er weder privat noch beruflich der beste Mensch zu sein scheint.
Sein Chefredakteur Frank Sheffield (Griffin Dunne) sagt ihm sogar mehrmals ganz direkt, dass er ein „beschissener Journalist“ sei - tatsächlich handelt es sich wohl um die „glaubwürdigste“ Darstellung eines Journalisten seit Tom Hardy in „Venom“. So viel schon mal vorweg: Am Ende der Episode wird unser Held zum Rücktritt gedrängt, da seine jüngste Story völlig in die Hose geht. Konkret geht es dabei um eine superschicke Arztpraxis für Milliardäre mitten in Mexiko-Stadt, Abels Heimat.

Abel hat den Verdacht, dass die Klinik ihren todkranken Patienten Heilungen verspreche, die gar nicht existieren würden. Moderne Scharlatane, die es auf die Reichsten der Reichen abgesehen haben, für die die Ärmsten der Armen - von denen es Mexiko natürlich viel mehr gibt - nicht allzu viel Mitgefühl aufbringen dürften. Konfrontiert mit den Anschuldigungen, stellt der Chefarzt Dr. Siquieros alias Dr. Dios (Roberto Medina) ein durchaus interessantes Dilemma in den Raum: Hilft er der Menschheit nicht viel mehr, wenn er reichen Individuen ihr Geld abknöpft und ihnen wenigstens Hoffnung verkauft? Die Mittel gingen immerhin direkt in die Forschung, sodass eines Tages vielleicht echte Heilungen existieren. Abel im Gegensatz schade der Welt mit seinem selbstgerechten Journalismus der Prinzipien, da er nicht das größere Ganze im Auge behalte...
Persönlich wird die Sache für Abel, als er in der Klinik die schöne Romanow-Nachfahrin Victoria (Radha Mitchell) und ihren zwölfjährigen Sohn Nick (Paul Luke Bonenfant) kennenlernt. Genau wie der einstige Zarensohn Alexei Nikolajewitsch leidet auch dieser Nick an der schrecklichen Bluterkrankheit und auch er erbte sie von seiner Mutter, die sich deshalb so schuldig fühlt, dass sie jeden Mediziner der Welt aufsucht. Da aber kein seriöser Arzt helfen kann, wenden sich beide schließlich an Betrüger, die große Versprechungen machen. In diesem Szenario ist Dr. Dios also der listige Rasputin, der Alix von Hessen-Darmstadt Flausen in den Kopf setzt. Die historischen Figuren sollten ja noch auch aus der bisherigen Highlight-Episode House of Special Purpose (1x03) mit Christina Hendricks bekannt sein.
Ein Liebesbrief an Mexiko
Da auch Abel weiß, dass man dem Jungen vermutlich nicht helfen kann, will er ihm und seiner Mutter wenigstens ein paar unvergessliche Erlebnisse im wunderschönen Mexiko-Stadt ermöglichen - und vielleicht auch ihr Vertrauen gewinnen, damit sie als Zeugen seiner Story auftreten. Ab diesem Moment macht die Episode mit dem passenden Titel Panorama wirklich Spaß, denn ähnlich wie im Richard-Linklater-Klassiker „Before Sunrise“ dürfen wir als Zuschauer nun zu den Reisegefährten der Protagonisten werden und eben nicht nur den Handlungsort kennenlernen, sondern auch sie als Charaktere.
Plötzlich wirkt selbst Abel immer sympathischer, da er nicht nur Nick gut unterhalten, sondern auch seine Mutter trösten kann. Rasch passiert natürlich, was passieren musste: Abel verliebt sich in Victoria. Und auch sie erkennt die Güte in seinem Herzen, sodass sie ihm, als er ihr die ganze Wahrheit sagt, später schnell verzeiht - vielleicht sogar ein wenig zu schnell. Der Höhepunkt der Sightseeingtour durch Mexiko-Stadt, das ehemalige Tenochtitlan, die Hauptstadt der Azteken, ist das epische Wandgemälde von Diego Rivera am Palacio Nacional. Der Michelangelo Mexikos zeigt darin nicht weniger als die gesamte Geschichte Lateinamerikas und Weiner ist so nett und gewährt uns Zuschauern jede Menge Einblicke auf das Kunstwerk.
Ganz am Ende will der Regisseur vielleicht sogar ein bisschen zu viel: In der letzten Szene schreitet Abel über den weltberühmten Plaza de la Constitución, der unter anderem auch Schauplatz des letzten Bond-Streifens war. Eine Straßenmusikerin mit Totenkopfschminke spielt dort Regina Spektors „Birdsong“ und plötzlich kommen von rechts und links Indios durchs Bild gelaufen - und dann Kolumbus und Konsorten und später die Konquistadoren. Weiner präsentiert in dieser Plansequenz die Geschichte Mexikos im Schnelldurchlauf, gegipfelt durch das Auftreten solcher Nationalhelden wie Frida Kahlo, Rivera selbst und Karl „Carlos“ Marx. Bis jetzt vermag ich nicht zu sagen, ob dieses Finale entweder sehr gut oder sehr schlecht ist, überraschend und mutig ist es aber allemal. Dieser Satz passt übrigens auch auf die gesamte Serie bezogen...
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Verfasser: Bjarne Bock am Sonntag, 11. November 2018(The Romanoffs 1x06)
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