The Romanoffs 1x07

© zenenbild der Romanoffs-Episode End of the Line: Kathryn Hahn und Jay R. Ferguson suchen in Russland nach familiärer Erfüllung. (c) Amazon Prime Video
Im Abspann der jüngsten Episode von The Romanoffs, die den Titel End of the Line (1x07) trägt, erklingt der Billy-Joel-Song „I Love You Just the Way You Are“ (zu Deutsch: „Ich liebe dich so wie du bist“). Aber das Lied und seine Botschaft werden in den anderthalb Stunden davor als Lüge entlarvt, denn Liebe ist eben nicht bedingungslos und sogar manche Eltern können ihr Kind nicht auf die Art und Weise lieben wie sie eigentlich müssten. Thematisch ist die vorletzte Folge der achtteiligen Anthologieserie von Amazon Prime Video sicherlich die traurigste. Düster wirkt sie aber auch allein aufgrund ihres Handlungsortes, der eisigen Küstenstadt Wladiwostok im Südosten Russlands.
Ja, ganz recht: Nach sieben langen Episoden und einer halben Weltreise schafft es die Zarenserie endlich in ihr vermeintliches Heimatland. Doch der Regisseur Weiner inszeniert Russland keineswegs als Sehnsuchtsort, sondern vielmehr als Hölle auf Erden. Korruption, Täuschung und Missbrauch lauern hier an jeder Ecke. Und trotzdem zieht es das amerikanische Ehepaar Joe (Jay R. Ferguson) und Anka Garner (Kathryn Hahn) dorthin, um das zu kriegen, was zur Vollendung ihres Glücks noch fehlt: ein gesundes Kind. Allerdings nimmt ihr Plan rasch eine erschütternde Wendung, wodurch es zur emotional aufwühlendsten und vielleicht stärken Szene kommt, die The Romanoffs bislang zustande bringen konnte.
Bitte nicht lächeln
Wie üblich nutzt Matthew Weiner die fast 90-minütige Laufzeit seiner Episode, um anfangs Atmosphäre aufzubauen. Dass dabei selbst so banale Momente wie ein Besuch im Supermarkt oder eine Grenzkontrolle halbwegs unterhaltsam sind, verdankt er größtenteils den beiden blendend aufgelegten Hauptdarstellern Ferguson und Hahn. Erstgenannten kennen die Fans von Mad Men noch als Werbezeichner Stan Rizzo - und genau wie die anderen beiden Alumni des AMC-Dramas, Christina Hendricks und John Slattery, scheint auch er dem Serienmacher Glück zu bringen. Kann es wirklich Zufall sein, dass ausgerechnet die drei Episoden mit Ferguson, Hendricks und Slattery die stärksten von The Romanoffs sind?
Aber auch das Setting an sich sorgt für Spannung. Wladiwostok wirkt in Weiners Vision wie die Welt von Fargo, aber ohne Humor. Elena (Annet Mahendru), die einheimische Kontaktperson der Garners, weist die Ausländer sogar explizit darauf hin, dass sie sich in Russland das Lächeln abgewöhnen sollten, da man sie sonst für verrückt halte. Das Verbot oder umgekehrt die Pflicht zum Ausdruck von Freude spielt an einem späteren Zeitpunkt in der Folge übrigens noch einmal eine Rolle...
Selbst rein stilistisch lassen sich große Ähnlichkeiten zwischen der vorliegenden Ausgabe, End of the Line, und der Hendricks-Episode House of Special Purpose (1x03) erkennen. In beiden Geschichten geht es um Amerikaner, die in der Fremde auf sich allein gestellt sind und allmählich spüren, dass irgendwas nicht stimmt und sie in Gefahr schweben. Wie genau Weiner dieses unterschwellige Gefühl der Unruhe erzeugt, bleibt sein Geheimnis. Effektiv ist es allemal.

In der Mitte der Episode scheint das Glück der Garnes zunächst perfekt: Elena hat ihr Versprechen eingehalten und den beiden ein wunderschönes Baby überreicht, die kleine Oksana. Aber als die Eltern dann ein bisschen Zeit mit ihrem Kind verbringen, scheint irgendwas nicht ganz zu stimmen. Weder schreit das Mädchen noch lacht es. Würde es nicht atmen, hielte man es gar für tot. Doch da Joe und Anka so viel Hoffnung in diese Reise gesetzt haben, sind beide gewillt, ihren Zweifel für sich zu behalten und ihn vielleicht zu verlieren. Gelingen soll das am Ende allerdings nur einem von ihnen...
Mütterchen Russland
Zu Beginn der Episode kann man als Zuschauer nur rätseln, warum die Zwei überhaupt nach Wladiwostok flogen, um sich ihren Traum von einer Familie zu erfüllen. Klar: Offensichtlich hat Gott oder wer auch immer sie nicht selbst mit Nachwuchs gesegnet, aber warum dann nicht in Amerika adoptieren? Die offizielle Version hat mit Ankas angeblicher Abstammung von der Zarendynastie der Romanows zu tun. Inoffiziell schwingen jedoch noch andere Gründe mit: Erstens wollen sie nicht, dass eines Tages die echten Eltern des Kindes zurückkehren, was in den USA nicht auszuschließen wäre, und zweitens wollte zumindest Anka anscheinend ein kaukasisches Kind.
Das behauptet jedenfalls Joe im Eifer des Gefechts, als das Paar endlich ehrlich zueinander ist und offen - vielleicht sogar ein wenig zu offen - über das Problem mit Oksana diskutiert. Als Anka herausfindet, dass das Baby einen durch Alkoholkonsum in der Schwangerschaft ausgelösten Hirnschaden davongetragen hat, beschließt sie wissentlich egoistisch, die Adoption abzusagen. Joe ist schockiert von der vermeintlichen Kaltherzigkeit seiner Frau, wodurch es zum schlimmsten und vermutlich letzten Streit ihrer Ehe kommt. Auf eine Seite schlagen will man sich als Zuschauer nicht, denn beide haben aus ihrer jeweiligen Perspektive recht - Joe aus einer prinzipiell-ethischen Sicht und Anka aus einer realistisch-pragmatischen.
Ist Anka ein Monster, weil sie nur ein gesundes Baby adoptieren will? Oder ist Joe das Monster, weil er als Märtyrer die Schuld auf seine Frau abwälzt, anstatt zu ihr zu stehen? Oder ist Elena als Vermittlerin das Monster, weil sie den beiden nicht das Kind gab, was sie ihnen versprochen hatte? Andererseits: Hat nicht gerade dieses Kind liebende Eltern umso nötiger? Fragen über Fragen, die selbst Unbeteiligten Schmerzen bereiten. Eine Antwort geben kann natürlich auch Weiner nicht beziehungsweise die Drehbuchautoren Andre und Maria Jacquemetton (beide ebenfalls Mad Men).
Doch dafür gipfelt End of the Line mit einem für The Romanoffs eher untypisch subtilen Finale. Nach dem großen Streit sagt Anka tatsächlich die Adoption ab. Und als Elena protestiert, schlägt sich Joe dann doch noch überraschend auf die Seite seiner Frau. Kurz weckt Weiner den Eindruck, als würden die beiden gleich sterben, denn zwei Stühle als Anspielung auf den Tod der echten Romanows lösen in Anka tiefes Unbehagen aus. Doch dann bietet Elena ihren Kunden plötzlich ein neues Baby an und sie geben der Versuchung nach. Auf dem Weg nach Hause sehen wir zwei strahlende Eltern, doch in den letzten Sekunden wendet sich der Vater von seiner Familie ab, da die Unschuld seiner Ehe in Russland gestorben ist. Bleibt nur zu hoffen, dass sich The Romanoffs nächste Woche auf einer etwas optimistischeren Note verabschiedet...
Hier kannst Du „The Romanoffs: Staffel 1“ bei Amazon.de kaufen
Verfasser: Bjarne Bock am Sonntag, 18. November 2018(The Romanoffs 1x07)
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?