The Leftovers 3x06

© in packendes Gespräch jagt das nächste. / (c) HBO
Kurz vor ihrem Ende befindet sich die in jeder Hinsicht außergewöhnliche HBO-Dramaserie The Leftovers auf der Höhe ihrer Schaffenskraft. Nahezu spielerisch beweist die Episode Certified, mit wie viel Selbstbewusstsein und Sicherheit das Autorenteam rund um Damon Lindelof und Tom Perrotta mittlerweile vorgeht. Es weiß, was es will, und es holt es aus sich und seinen unendlich talentierten Schauspielern heraus. Dramaturgischer Ballast wird über Bord geworfen, um schneller zum emotionalen Herz der Serie vordringen zu können.
Clean, quiet certainty
In dieser Episode steht Laurie Murphy (Amy Brenneman) im Mittelpunkt, aber es geht auch um einen vorläufigen Endpunkt der Reise der übrigen Protagonisten. All ihre Geschichten werden von den Drehbuchautoren Patrick Somerville und Carly Wray meisterhaft miteinander verzahnt, wobei überflüssige Plotdetails zugunsten einer schier unglaublichen emotionalen Fallhöhe geopfert werden. Bei vielen anderen Serien hätte man sich darüber ärgern können - hier ist man einfach nur froh darüber, mehr Zeit im emotionalen Haushalt von Laurie, Nora (Carrie Coon), Kevin (Justin Theroux), John (Kevin Carroll) und den anderen verbringen zu dürfen.
Sie alle sind nun an einem Punkt angekommen, an dem sie sich sicherer sind als jemals zuvor, was der richtige nächste Schritt ist. Zwar wissen wir selbst am Ende der Episode noch nicht, ob sie diesen Weg konsequent beschreiten werden, aber es sieht doch stark danach aus, als seien sie dazu fest entschlossen. Weil dieser Erkenntnisgewinn so wichtig, so zentral für die geistige Gesundheit unserer Hauptfiguren ist, erlauben sich Somerville, Wray und Regisseur Carl Franklin, der Episode eine klassische Struktur vorzuenthalten. Die Frage, wie manche Figuren zueinander gefunden haben, steht hinter der emotionalen Wahrheit ihrer Realität zurück.
Mit anderen Worten: Sie holen sich die Kontrolle zurück, wie es Mark Linn-Baker gegenüber Nora in der Episode Don't Be Ridiculous formuliert hatte. Jedoch gerät das Resultat daraus selbst für eine traurige Serie wie „The Leftovers“ abgrundtief düster. Für Laurie, Nora und Kevin bedeutet es, den Übertritt ins Reich der Toten zu wagen oder zumindest zu riskieren. Wie diese Episode eindrucksvoll darlegt, ist es genau das, was sie wollen, weil sie glauben, dort erleichtert aufatmen zu können, dort nicht mehr mit der unbeantwortbaren Frage nach dem Sinn des Lebens konfrontiert zu werden.

So kehrt The Leftovers zu seiner Ausgangssituation zurück, was anhand eines Rückblicks bebildert wird, in dem ebenjene Frau auftaucht, die in der allerersten Serienszene ihr Baby an die Sudden Departure verloren hatte. Sie ist eine Patientin von Laurie, und bettelt ihre Therapeutin voller Verzweiflung um einen Rat an, was sie denn nun tun solle. Laurie ist da bereits schon so tief in die eigene Verlorenheit abgetaucht, dass sie ihrem Gegenüber gar nicht mehr richtig zuhören kann. In diesem Moment beschließt sie zum ersten Mal, Selbstmord zu begehen.
Tell me what to fucking do
Kurz nachdem sie sich alle verfügbaren Pillen eingeworfen hat, verwirft sie diese Idee aber schon wieder. Stattdessen entscheidet sie sich dazu, den Guilty Remnant beizutreten. Diese Impulsivität ist typisch für Laurie - und auch die Entschlossenheit, mit der sie ihre Entscheidungen durchzieht. Wir erinnern uns, wie sie mit ähnlicher Aggressivität um aussteigewillige GR-Opfer warb oder einem potentiellen Verleger ihrer eigenen Sektengeschichte an den Hals sprang, als der wagte, Kritik an ihren Einlassungen zu üben. Laurie Murphy ist ein Mensch des Moments, und das umso mehr, seit das Leben noch weniger Sinn ergibt als vorher.
So bewegend diese und später folgende Szenen sind, so witzig sind diejenigen, die uns zumindest teilweise über die verlorenen australischen Stunden aufklären. Bevor Laurie nämlich mit dem gestohlenen Bully bei der Farm ankommt, wo Grace (Lindsay Duncan) und Kevin senior (Scott Glenn) ihren wahnwitzigen Plan für den siebten Jahrestag der Departure zusammenzimmern, verbringt sie eine für uns Zuschauer größtenteils amüsante, für die involvierten Figuren aber auch hochdramatische Nacht mit Nora und Matt (Christopher Eccleston).
Wie sich die drei gefunden haben, wird nicht erklärt. Muss es aber auch nicht. Viel wichtiger ist die emotionale Reise, die sie gemeinsam unternehmen - und natürlich die erschütternden Schlussfolgerungen, die sie daraus ziehen. So nonchalant, wie es nur eben geht, vertreiben sich die drei eine Nacht damit, über Selbstmord zu sprechen und vergangene Missetaten, die sie sich gegenseitig angetan haben. Sie müssen wach bleiben, weil Nora Drs. Bekker (Victoria Haralabidou) und Eden (Katja Herbers), ein Pärchen, ausspioniert.

Noch behauptet sie da, es sei zum Zwecke ihrer Überführung. Am darauffolgenden Morgen jedoch erfahren wir - und Laurie - in einer der packendsten Szenen der gesamten Serie, dass sie nun doch plant, sich vom LADR dorthin schießen zu lassen, wo sich angeblich ihre verschwundenen Familienmitglieder aufhalten. Laurie wird sie dabei nicht mehr aufhalten, weil sie selbst ja bereits eigene Selbstmordgedanken verfasst hat. Und auch Matt kommt seiner Schwester nicht in den Weg, weil er in der letzten Episode seinen Frieden mit „Gott“ und allem, wofür dieser Begriff für ihn stand, gemacht hat.
We're all gone
Wie wir wissen, ist dies wohl nicht Noras letzter Auftritt, es muss doch noch geklärt werden, wo die alte Nora aus dem Ende der Auftaktepisode lebt (außerdem heißt die letzte Episode The Book of Nora). Wäre dem nicht so, wäre dies ein toller und gebührender Abschied für sie gewesen. Ähnlich verhält es sich mit Kevin, von dem sich Laurie ebenfalls verabschiedet - und das auf ebenso irritierende wie urkomische Weise, indem sie den übrigen Tischgästen ein starkes Schlafmittel verabreicht, damit niemand dazwischenfunken kann. Kevin senior, John und Michael (Jovan Adepo) planen nämlich, Kevin abermals ins Jenseits zu befördern, damit er dort deren letzte Wünsche erfüllen beziehungsweise die Welt vor dem Untergang retten kann.
Die vermutlich finale Unterhaltung zwischen den ehemaligen Eheleuten Garvey ist ob ihrer emotionalen Intensität bemerkenswert. Laurie eröffnet Kevin, dass sie davon ausgeht, die Welt sei nach dem 14. Oktober längst in einer Art Jenseits verschwunden. Hat das Leben schon zuvor keinen Sinn ergeben, so hat es sich seitdem komplett erübrigt, auch nur darüber nachzudenken. Kevin kontert das mit einem ähnlich bestürzenden Bekenntnis: Er hat sich im Tod stets lebendiger gefühlt als im eigentlichen Leben: „It was real.“ So ehrlich das auch ist, so hundsmiserabel es Kevin im Diesseits stets erging, so bitter ist es doch, dieser Wahrheitsbombe beim Explodieren zuzusehen.
Wie nicht anders gewohnt, liefern Brenneman, Theroux, Coon und Eccleston in diesen Szenen fantastische Darbietungen ab. Wie geht es jetzt weiter? Hat sich Laurie wirklich beim Schnorcheln umgebracht, wie es ihr von Nora empfohlen wurde, auch wenn der Anruf von Jill (Margaret Qualley) und Tommy (Chris Zylka) die Motivation für diesen Freitod zunichte gemacht hat? Wird sich Kevin wirklich vom eigenen Vater ertränken lassen? Wird Nora vom LADR in eine Parallelwelt geschossen oder einfach nur in ihre Einzelteile zerlegt? Wer überlebt? Wer verlässt diese Welt? Was bedeutet Überleben, was bedeutet Leben? Bedeutet es überhaupt irgendetwas?
Niemand von uns hat darauf eine Antwort, keine Religion, keine Sekte, keine Philosophie. Wir können uns von der Leere zerreißen lassen, wir können sie vergessen, wir können sie ignorieren. Oder wir schauen The Leftovers und sind glücklich und traurig zugleich.
Trailer zu Episode 3x07: 'The Most Powerful Man in the World (and His Identical Twin Brother)'
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 22. Mai 2017The Leftovers 3x06 Trailer
(The Leftovers 3x06)
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