The Leftovers 3x05

© att Jamison (Christopher Eccleston) erlebt eine Art Katharsis. / (c) HBO
Wie angesichts ihres Titels nicht schwer zu erraten ist, erzählt The Leftovers in der Episode It's a Matt, Matt, Matt, Matt World zum dritten - und wahrscheinlich letzten - Mal von den Leiden des nicht mehr ganz so jungen Pastors Matt Jamison (Christopher Eccleston). Im Gegensatz zu den Spotlight-Episoden der ersten und zweiten Staffel findet diese hier allerdings ein geradezu versöhnliches Ende für die Figur, die wie keine andere seelische und physische Qualen über sich ergehen lassen musste, seit am 14. Oktober vor bald sieben Jahren Menschen einfach verschwanden.
We're not in control of this thing
Manche würden argumentieren - und lägen damit nicht hundertprozentig im Unrecht -, dass sich Matt diese Leiden zum großen Teil selbst eingehandelt hat. Er gehört nämlich zu einer ganz besonders schwierigen Art von Gläubigen, die nicht nur im stillen Kämmerchen ihren Gottesbildern huldigen, sondern auch jede Gelegenheit ergreifen, ihre Mitmenschen zu missionieren. Entsprechend wenig überraschend war es denn auch in der Vergangenheit, wie viel Hass Matt in Episoden wie Two Boats and a Helicopter oder No Room at the Inn entgegenschlug.
Mehrere gute Beispiele für sein anstößiges Verhalten liefern seine ersten Auftritte in dieser Episode. Zuvor darf jedoch ein französischer U-Boot-Offizier für den Abschuss einer Nuklearrakete sorgen, deren Detonation auf unbesiedeltem Land im Südpazifik ebenjene Explosion war, von der Kevin (Justin Theroux) am Ende der letzten Folge erfahren hatte. Warum der Soldat erst seinen Kameraden tötet, um sich dann im Abschussraum einzuschließen und mittels Yoga-Übung den Befehl zu geben, wird nicht erklärt. Die Szene liefert lediglich einen Grund für die erschwerte Reise der Gruppe rund um Matt.
Zur Reisegruppe stößt überraschend auch Laurie (Amy Brenneman), die von allen Figuren dieser Serie wohl den größten Gegenpol zu Matt darstellt. Seiner Hingabe zu spirituellen Erklärungen begegnet sie mit kühlem Rationalismus. Also verwundert es auch kaum, dass die beiden sogleich aneinander geraten. Dabei wird offenbar, wie vernarrt Matt in seinen Glauben ist. Ihm fällt gar nicht ein, in Melbourne auch seiner Schwester Nora (Carrie Coon) einen Besuch abzustatten, weil er nur daran denken kann, Kevin vor dem Jubiläum der Departure heimzuholen.

Schon vor dieser Episode wurde Matts unumstößlicher Glaube, stets die richtigen Zeichen seines Gottes zu erkennen, schmerzlich illustriert. Schließlich widmet er seine Zeit lieber der Suche nach Kevin, den er für den neuen Jesus hält, statt alles daran zu setzen, seine Ehefrau Mary (Janel Moloney) und den gemeinsamen Sohn zurückzuholen - ebenjene Ehefrau, die wie durch ein Wunder aus einem jahrelangen Koma erwachte und ihm ein Kind gebar, obwohl sämtliche früheren Versuche gescheitert waren. Der Grat zwischen Glaube und Wahnsinn ist bei Matt ein äußerst schmaler.
What happened to your wrath?
Für ihn ist eben alles eine Prüfung, jedes noch so schwierige Problem ist der Versuch Gottes, ihn zu verführen, ihn vom Glauben abfallen zu lassen. Begonnen hatte alles mit seiner Krebserkrankung als Kind, bevor das elterliche Haus niederbrannte und er und Nora zuschauen mussten, wie der Rest ihrer Familie im Feuer starb. Seitdem gibt es keine Ereignisse im Leben von Matt, die keinem tieferen Sinn entspringen. Er macht sich darüber - zumindest unterbewusst - keinerlei Illusionen: „There has to be a reason.“ Er ist quasi das Serien-Gegenstück zum überzeugten Nihilisten Rust Cohle aus True Detective.
Diese schier unverrückbare Überzeugung bringt Matt im Laufe der Episode nicht nur die Opposition von Laurie ein, sondern auch von den beiden anderen Mitreisenden John (Kevin Carroll) und Michael (Jovan Adepo), die ja eigentlich seine Unterstützer sein sollen. Aber selbst sie finden, dass er sich den Trip nach Australien zu einfach vorgestellt hat, dass ja gar nicht klar sei, ob Kevin überhaupt mit nach Hause kommen wolle, dass man ihm diese Entscheidung selbst überlassen müsse. Von diesen Argumenten will Matt jedoch zunächst nichts wissen.
Vielleicht hat er ja neuen Eifer entwickelt, seit er weiß, dass er abermals tödlich erkrankt ist. Wir erfahren das erst am Höhepunkt der Episode, für Matt ist es jedoch seit Tagen und vielleicht Wochen ein weiterer Grund, seinen unumstößlichen Thesen zu folgen. Jedenfalls gelangt die Gruppe mit der Hilfe von Pilot Arturo (Benito Martinez) nach Australien, strandet aber wegen des durch den atomaren Zwischenfall verhängten Flugverbots in Tasmanien, statt gleich nach Melbourne zu gelangen. Dort nimmt der „Leftovers“-typische Wahnsinn dann endgültig seinen Lauf.

Zum ersten Mal in drei Staffeln musste ich dabei für mich selbst feststellen, dass dieser Wahnsinn eine kleine Spur zu überdreht daherkommt. Die Drehbuchautoren Lila Byock und Damon Lindelof schicken Matt und seine Crew auf eine Fähre, die sie nach Melbourne bringen soll. Weil es die einzige ist, die rechtzeitig dort ankommen würde, müssen sie damit vorlieb nehmen, dass an Bord die ungezügelte Sexparty einer Art Kult gefeiert wird, der dem in den 70er Jahren real existierenden Löwen Frasier huldigt. Viel wichtiger für den Fortlauf der Geschichte - und Matts Seelenheil - ist aber ein weiterer Passagier, der mit der Mega-Orgie offenbar nichts zu tun hat.
You're denying paternity?
Ebenjener Mitfahrer nennt sich selbst Gott und gibt, wenn man ihn darauf anspricht, wortlos eine Karte heraus, die die wichtigsten Fragen zu seiner Person beantwortet. Wir haben von diesem David Burton bereits mehrfach gehört, wenn auch nur am Rande. In der zweiten Staffel gab es eine Episode, in der ein Fernsehbericht über ihn zu sehen war, in dem behauptet wurde, er sei von den Toten wiederauferstanden. Außerdem übergab der mittlerweile verstorbene Säulenmann Michael einen Brief, der an Burton adressiert war, ebenfalls in der zweiten Staffel. Die vermeintlich bedeutendste Verbindung besteht aber zu Kevins Traum- beziehungsweise Todesland, in dem er diesem Burton zwei Mal begegnete.
Was das alles für die - aus meiner Sicht ziemlich uninteressante - Frage bedeutet, ob Kevin wirklich im Reich der Toten wandelte oder sich alles nur einbildete, sollen sich andere überlegen, die an der Lösung solcher Fragen ein größeres Interesse haben. Viel wichtiger ist in diesem Zusammenhang die Entwicklung, die Matt durchmacht, als er realisiert, welch falschen Idolen er beinahe sein ganzes Leben lang hinterhergelaufen ist. Ausgerechnet Mr. Gott ist es, der ihm diese Erleuchtung beschert, indem er ihm offenbart, wofür er all seine Opfer gebracht hat: „You did it for yourself.“
Die abschließende Szene mit einem zufrieden lächelnden Matt könnte gut und gerne seine letzte sein. Er hat erkannt, wie irre sein Verhalten war, hat erkannt, dass sich die Welt weiterdreht, auch wenn er Kevin vor dem 14. Oktober nicht zurück nach Jarden gebracht hat. Plötzlich hat er keine Eile mehr, plötzlich ist das wirre Flimmern in seinen Augen weg. Er will nur noch die Verhaftung des Gott-Imitators begutachten und dann von Bord gehen, als die mysteriöse Frau aus der vorigen Nacht ihre Warnung wahrmacht und den Löwen an Bord freilässt. Der rennt zielgerichtet auf Burton zu und versenkt seine scharfen Zähne in dessen Rücken.
Matts lakonischer Kommentar: „That's the guy I was telling you about.“ Wenn es ein Satz aus The Leftovers schaffen sollte, in den Olymp der Unsterblichkeit aufgenommen zu werden, dann sollte es dieser sein. In der Szene krönt Eccleston seine blitzsaubere, mitreißende, völlig uneitle schauspielerische Leistung, die stets zum Besten gehörte, was diese Serie zu bieten hatte. It's a Matt, Matt, Matt, Matt World ist für mich die schwächste der drei Matt-Episoden, gibt der Figur aber einen runden Abschluss, der sie deutlich ruhiger wird schlafen lassen. Und trotz all seiner Fehler, trotz all seines blinden Eifers hat Matt das verdient.
Trailer zu Episode 3x06: 'Certified'
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 15. Mai 2017The Leftovers 3x05 Trailer
(The Leftovers 3x05)
Schauspieler in der Episode The Leftovers 3x05
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