The Leftovers 2x10

In Vorbereitung auf unseren Rewatch-Podcast zur vierten Staffel von The Wire schaue ich ebenjene gerade wieder und muss bei nahezu jeder Episode daran denken, welch dramaturgische Genies David Simon und Ed Burns waren. Jede Szene, jede Dialogzeile hat dort einen narrativen Zweck. Entweder werden damit Informationen über vergangene oder ausstehende Ereignisse eingebracht - die Verbindungen zwischen den Handlungsbögen, Charakteren und Zeitebenen sind schlichtweg atemberaubend. Für mich gab es bis vor kurzem keine andere Serie, die das so brillant beherrscht - und dann kam die zweite Staffel von The Leftovers.
Don't
Wie um diesen Eindruck sogleich zu untermauern, beginnen die Serienschöpfer Damon Lindelof und Tom Perrotta ihre Finalepisode I Live Here Now mit einer Szene aus der Auftaktepisode Axis Mundi. Evie (Jasmin Savoy Brown) und ihre Freundinnen verabschieden sich darin von ihrer Familie und den neuen Nachbarn, um zu einer stillen Mission aufzubrechen. Im Auto versteinern ihre Mienen, die fröhliche Musik wird ausgemacht, es wird nur noch mit Stiften kommuniziert. Am See machen sie schließlich eine Entdeckung, die erst neun Episoden später ihre ganze Wucht entfalten wird.
Kevin (Justin Theroux) steht mit seinem Betonklotz am Wasser und springt mit unverrücktem Gesichtsausdruck hinein. Evie und Konsorten juckt das kaum - wie geplant packen sie ihre Sachen, legen Spuren einer Entführung und brechen ins Lager der Guilty Remnant auf. Die Tochter eines gewalttätigen Vaters und einer verzweifelten Mutter befindet sich nun auf einer Mission gegen das Vergessen. Wie ihr Zwillingsbruder Michael (Jovan Adepo) später in der Kirche ausführen wird, kämpft sie gegen die familieninterne Kultur der Verdrängung. John (Kevin Carroll) wurde von seinem Schwiegervater - wir erfahren erst in dieser Episode, dass Virgil nicht sein leiblicher Vater war - verletzt, weshalb er versuchte, ihn umzubringen.
Gesprochen hat darüber seitdem niemand. John ging für mehrere Jahre ins Gefängnis - und ließ seine Kinder schweigend zurück. Als er herauskam, war nichts mehr so, wie es vielleicht einmal war. Als sich dann die sudden departure ereignete, weigerte sich John, anzuerkennen, dass Jarden ein besonderer Ort sein soll. Wieder ging er mit Gewalt gegen all diejenigen vor, die das Gegenteil behaupteten und vom vermeintlichen Wunder profitieren wollten. Hierin sind sich Vater und Tochter einig - jedoch aus unterschiedlichen Gründen. Sie glaubt, dass die Welt am 14. Oktober untergegangen ist und will daran erinnern. Er glaubt, dass das Leben so weitergehen muss wie zuvor und setzt diese Überzeugung notfalls mit Gewalt durch.
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Die beiden Glaubensrichtungen kollidieren im zweiten Staffelfinale, wie sie auch im echten Leben zwischen Religionsanhängern und Nichtgläubigen kollidieren können. Der von Patti Levin geplante und von Laurie Garvey (Amy Brenneman) durchgeführte Coup am Ende der ersten Staffel wird hier durch ebenjenen von Meg (Liv Tyler) gespiegelt, die den etwas dürftig aufgestellten Sicherheitsapparat Jardens mit einer Bombendrohung ablenkt, um den als Campbewohner getarnten Mitgliedern ihrer Sekte die Stürmung des Ortes zu ermöglichen.
Fix that, Jesus
Für Familie Murphy kulminieren darin sämtliche ihrer dunklen Geheimnisse. Neben der Aufklärung darüber, was mit Evie passiert ist, wird für ein paar Sekunden auch das unheimliche Zirpen im Haus beleuchtet. Erika (Regina King) hat dahingehend jedoch schlechte Neuigkeiten für ihren Ehemann. Anschließend folgt ein atemberaubendes Ereignis dem nächsten. Die Ranger präsentieren John den Befund der Handabdrucksuntersuchung, was zum Showdown mit Kevin Garvey im Hundezwinger führt. Gleichzeitig lösen Evie und Konsorten auf der Brücke nach Jarden einen Countdown aus, der zur vermeintlichen Bombenexplosion herunterzählt. Erika erfährt da gerade von ihrem Sohn, was der echte Grund für die Überflutung ist, die er und seine Schwester als Kinder im Badezimmer angestellt hatten: Die Unterdrückung von Evies Schmerz über den Verlust des Vaters - ganz so, wie sie es in dieser Familie der Heimlichtuer gelernt hatte.
Die darauffolgende Konfrontation auf der Brücke ist eine der stärksten Szenen der gesamten Serie. Während der gewalttätige Vater mit den eigenen Mitteln davon abgehalten wird, zu seiner Tochter zu stürmen, macht die gehörlose Mutter ebendas. Übertönt von Max Richters grandiosem Score fleht sie ihre Tochter - die Tochter, die nicht mehr sprechen will - an, die Bombe nicht auszulösen. Sollte sie das doch vorhaben, werde sie bei ihr bleiben. Es ist wahrlich herzzerreißend, wie Evie krampfhaft versucht, den eindringlichen Blicken und dem noch eindringlicheren Flehen ihrer Mutter standzuhalten, wie sie versucht, keine Miene zu verziehen, die Selbstbestimmung zu wahren, sich nicht schon wieder von einem Elternteil beeinflussen zu lassen.
Der große Knall bleibt aus, was der Guilty-Remnant-Horde aber einen ausreichenden Überraschungseffekt in die Hände spielt, um die Ranger zu überwältigen und nach Jarden einzudringen. Während der Handlungsbogen um Familie Murphy also ohne übernatürliches Mysterium zu seinem Höhepunkt findet, ist der von Kevin Garvey und seinen Nächsten voll davon. Zunächst ereignet sich bei Nora (Carrie Coon) zu Hause das von Matt (Christopher Eccleston) so sehnlichst herbeigewünschte Wunder. Nach einem weiteren kurzen Erdbeben erwacht Mary (endlich in einer Sprechrolle: Janel Moloney) zu neuem Leben.

Matt ist darüber ganz entzückt, äußert aber sogleich Bedenken, es wieder nach Jarden zurückzuschaffen. Immerhin bestätigt Mary seine Geschichte von der wundersamen Schwangerschaft. Zur Tatenlosigkeit gezwungen, beobachten sie gemeinsam die Vorgänge auf der Brücke, wobei sich für Nora das nächste Unheil ankündigt, weil eine offensichtlich verrückt gewordene Campbewohnerin ständig davon schwadroniert, Baby Lily sei nicht ihres. Wenig überraschend versucht ebenjene Durchgeknallte denn auch, Lily zu entführen, legt das Kind aber während des Sturms auf Jarden einfach auf der Brücke ab.
There is no family
Es war einer der vielen Momente in dieser Episode, in denen mir der Atem stockte. Ich glaubte zwar nicht wirklich, dass Lindelof und Konsorten wirklich ein Baby sterben lassen würden - der Spannung um Noras Rettungsversuch mit der Hilfe von Tommy (Chris Zylka) - der streng genommen immer noch den Auftrag hat, das Kind von Holy Wayne zu beschützen - tat das jedoch keinen Abbruch. Es ist ein bisschen schade, dass Nora in dieser Staffel weniger zu tun hatte als in der ersten und dass diese glimpfliche Situation ziemlich zusammengeschustert daherkommt. Coons herausragende Darstellung - vor allem in ihrer letzten Szene - macht das aber wett.
Ähnliches gilt im Übrigen für Laurie und Jill (Margaret Qualley), die abseits vom Tumult ihren ganz eigenen Konflikt austragen, darin aber keine nennenswerten Fortschritte machen. Jill war in der ersten Staffel mehr Hauptfigur als hier, was der Einführung völlig neuer Figuren geschuldet ist. Trotzdem hätte ich mich über eine Episode aus ihrer Sicht gefreut. Immerhin glänzt Qualley in sämtlichen Szenen, die ihr von Lindelof und Co zugeschrieben wurden. Am Ende scheint sie im schwierigen Versöhnungsprozess mit ihrer Mutter tatsächlich einen Schritt vorangekommen zu sein.
Während in der Beziehung jedoch noch einiges im Argen liegt, endet für ihren Vater eine Reise, die mit dem Auftakt der Serie begonnen hatte. I Live Here Now, sagt Kevin am Ende zu Meg, als Jarden - wie Mapleton vor einem Jahr - schon in Trümmern liegt und die Guilty Remnant Stellung bezogen haben. Er hat da eine Reise hinter sich, die abgefahrener kaum sein könnte. Gleich zweimal hat er den Tod besiegt, gleich zweimal ist er aus dem Hotel der Verstorbenen entflohen, um am Ende zu erkennen, dass das, wovor er die ganze Zeit weglaufen wollte, sein größtes Glück ist. Meg spricht das stellvertretend für ihn aus: „Family is everything.“

Es ist der erdverbundene Schlusspunkt unter einen Handlungsbogen, der vor Vieldeutigkeiten, Ambiguitäten und Mysterien nur so trieft. Neben der Frage, ob Kevin in der Vorhölle, einer Parallelwelt oder doch nur seinem eigenen Verstand gefangen war, stellt sich die ganz praktische Frage, wie er den durch John erlittenen Bauchschuss überleben konnte. Es ist eines dieser Geheimnisse Lindelof'scher Prägung, das niemals eine Auflösung erfahren wird. Während ihrer Versöhnung können Kevin und John nur das umarmen, was offensichtlich mit ihnen passiert: „I don't understand what's happening.“
Thanks for waiting
„Me neither“, gibt Kevin daraufhin ehrlich zu, während abermals das musikalische Leitthema der Serie - die Pianoversion von „Where Is My Mind?“ - einsetzt. Nach dem letzten überstandenen Erdbeben kehren er und John, sich gegeneinander stützend, nach Hause zurück. Während aller Voraussicht nach in Johns Haus niemand auf ihn wartet, ist Kevins Haus gefüllt mit allen Menschen, die ihm etwas bedeuten (außer seinem Vater). Nun endlich versteht er, was Nora in die einfachen, erdenklich schönsten Worte kleidet: „You're home.“
Kevin ist nun zu Hause, er wohnt jetzt hier - er wohnt dort, wo seine Liebsten wohnen. Wie er dorthin gekommen ist, spielt zunächst keine Rolle. Wichtig ist nur, dass er nun vor nichts mehr fliehen muss - keine Hunde mehr, keine Patti mehr, keine Hirsche, keine Betonklötze, kein Wahnsinn. Wohin derweil die Reise für The Leftovers geht, wissen wohl nur die Programmmacher von HBO. Laut Tom Perrotta stehe man bereits in den Startlöchern und warte nur auf eine Entscheidung des Pay-TV-Senders. Auch Lindelof hat sich dahingehend geäußert, unbedingt eine dritte Staffel produzieren zu wollen.
Es wäre äußerst schade, könnten sich die Oberen nicht zu einer weiteren Bestellung durchringen - angesichts des beträchtlichen Zuschauerverlusts jedoch wiederum verständlich. Dieser ist umso erstaunlicher, wenn man sich den Qualitätssprung ansieht, den die schon in der ersten Staffel grandiose Serie noch einmal gemacht hat. Die Entscheidung von Lindelof und seinem Team, die POV-Struktur der Episoden Two Boats and a Helicopter und Guest auf sämtliche Episoden der zweiten Staffel (ausgenommen des Finales) zu übertragen, zahlte sich so sehr aus, dass es nun kaum noch eine Episode gibt, die nicht als „herausragend“ tituliert werden kann.
Noch ist es zu früh, über die Aufnahme des Formats in den Serienolymp zu diskutieren. Seit dem Ende von Mad Men ist diese grandiose Staffel aber ein erstes Anzeichen dafür, dass das „goldene Zeitalter des Fernsehens“ vielleicht doch noch nicht ganz vorbei ist (wir haben ja auch noch The Americans). In ihren besten Momenten war sie so gut wie die Begründer des golden age, wie The Sopranos und The Wire. Liebe HBO-Entscheider, gebt Lindelof, Perrotta, Mimi Leder, Theroux, Brenneman und Coon doch bitte die Chance, mehr von diesem herausragenden Fernsehen zu produzieren.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 7. Dezember 2015The Leftovers 2x10 Trailer
(The Leftovers 2x10)
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