The Leftovers 2x04

The Leftovers 2x04

Die Episode Orange Sticker lässt den Darstellern viel Raum, ihre gesamte Klasse auszuspielen. Aus einer weniger aufsehenerregenden Folge von The Leftovers wird dadurch ein intimes Spiel der Emotionen, das viel Wut und Angst, aber auch Liebe und Erleichterung enthält.

Nora (Carrie Coon, r.) lädt Jill (Margaret Qualley) zum Trinken und Philosophieren ein. / (c) HBO
Nora (Carrie Coon, r.) lädt Jill (Margaret Qualley) zum Trinken und Philosophieren ein. / (c) HBO

Die Handlung der Episode Orange Sticker knüpft an einem Punkt an, den wir Zuschauer nun schon seit drei Wochen kennen. Weil nach der Auftaktepisode zur zweiten Staffel von The Leftovers aber zunächst die Sichtweise der einen Garveys und danach die der anderen ausgeleuchtet werden musste, kehren wir erst jetzt nach Jarden zurück. Dabei lässt sich unschwer erkennen, dass der starke Fokus auf die Figuren und ihre Emotionen zu Lasten der Dramaturgie gehen kann. Dies ist noch lange keine schlechte Episode - jedoch erreicht sie nicht die narrative Kompaktheit ihrer drei exzellenten Vorgängerinnen.

Gone?

Aufgefangen wird die vergleichsweise ereignisarme Geschichte vom fantastischen Spiel des Ensembles. Im Zentrum stehen dabei wie schon in A Matter of Geography die Mitglieder der Patchworkfamilie Garvey-Durst. Nora (Carrie Coon) wacht während des Erdbebens in ihrer ersten Nacht in Jarden auf und stellt erschrocken fest, dass Kevin (Justin Theroux) nicht im Bett liegt. Wir wissen da längst, dass er im ausgelaufenen Teichbecken zu sich gekommen ist. Nora jedoch sucht im ganzen Haus und auf der Straße nach ihm - ohne Erfolg.

Von Nachbarin Erika (Regina King) erfährt sie, dass deren Tochter Evie ebenfalls verschwunden ist. Allein das kleine Wörtchen „gone“ weckt bei Nora verständlicherweise Assoziationen der schlimmsten Sorte, weshalb sie - nachdem auch noch ein scheinbar orientierungsloser Hund an ihr vorbeirennt - im Haus zusammenbricht. Als sie wieder zu sich kommt, ist der Spuk noch nicht vorbei. Verzweifelt versucht sie, Kontakt zur Außenwelt herzustellen. Nora glaubt, dass es erneut zu einer Sudden Departure gekommen sein könnte - bis endlich Kevin nach Hause kommt. Die Eröffnungsszenen sind ein tolles showcase für Carrie Coon, im Laufe der Episode werden auch ihre Kollegen mit einem solchen bedacht.

Bei Theroux dauert das bis kurz vor Schluss. Dann explodiert die Unsicherheit über seinen fragilen Geisteszustand, die in Form von Patti (Ann Dowd) immer größeren Raum einnimmt. Hier findet sie echten Spaß daran, Kevin zu quälen - so sehr, dass sie ihn mit dem Song „Never Gonna Give You Up“ von Rick Astley sogar rick-rolled. Oder sind es Lindelof und Konsorten, die uns Zuschauer hier foppen wollen? Wie dem auch sei - Pattis Gesangseinlagen sind die einzige Erheiterung, die uns diese erneut unnachgiebig bedrückende Episode gewährt.

Kevin (Justin Theroux) kehrt zum Ort seines angeblichen Selbstmordversuchs zurück. © HBO
Kevin (Justin Theroux) kehrt zum Ort seines angeblichen Selbstmordversuchs zurück. © HBO

Bevor Kevin von seiner ständigen Begleiterin mit ihren niederschmetternden Diagnosen (als „Wahrheit“ würde ich ihre Aussagen nicht einstufen) bedacht wird, verbringt er eine verwirrende Nacht mit seinem Nachbar John (Kevin Carroll). Der glaubt, zu wissen, wer ihn über das Verschwinden seiner Tochter aufklären kann. Isaac (Darius McCrary), dem in Axis Mundi von John noch das Haus niedergebrannt wurde, reagiert auf dessen Konfrontation aber mit nachvollziehbarer Aggression.

There are no miracles in Miracle

Der Ausflug endet für Kevin und John im Krankenhaus, wo Erika ihren angeschossenen Ehemann behandelt. Sie macht sich Sorgen über seine zunehmend eskalierenden Vergeltungsmaßnahmen und stellt gleichzeitig fest, dass es so wohl nicht weitergehen werde: „Things are gonna change now.“ Die Frage nach Veränderung ist das verbindende Element dieser Episode. Je nach Sichtweise bedeutet dies für manche Charaktere, dass sie bisher in Jarden einer großen Illusion aufgesessen sind: „You're no safer here than anywhere else.

Würde man Kevins Geist Glauben schenken, müsste man davon ausgehen, dass es erneut zu einer Departure gekommen sei. Sie gibt dem Gepeinigten nicht nur darüber vermeintliche Aufklärung, sondern auch über die Situation, in der er sich nach dem Erdbeben wiedergefunden hat: „There are people who really wanna fuckin' die, like me and you.“ Zusätzliche Verwirrung stiftet der unermüdliche Pfahlbewohner, der offenbart, dass er Kevins Begleitung nicht für eine Einbildung hält: „Who's your friend?“ Ob er Patti nun wirklich gesehen hat oder Kevin sich das nur einbildet, können wir nicht feststellen. In der Hoffnung auf dramaturgische Kohärenz tippe ich jedoch darauf, dass auch das eine Chimäre war.

Doch auch viele übrige nicht-imaginierte Figuren sind davon überzeugt, dass es zu einer weiteren Departure gekommen ist. John glaubt jetzt schon, dass es völlig nutzlos ist, weiter nach der eigenen Tochter zu suchen. Auch sein Sohn Michael (Jovan Adepo) kann sich eine Wiederkehr seiner Schwester nicht vorstellen, weswegen er am Ende auch den namengebenden orangenen Sticker der Regierung vom Haus abkratzt. Dieser zeigte einst an, dass dort tatsächlich niemand verschwunden ist - was nun seiner Überzeugung nach nicht mehr stimmt. In diesem Zusammenhang fällt mir die Szene aus der Auftaktepisode wieder ein, in der Evie und ihre Freundinnen nackt durch den Wald rannten. Ist es etwa das, was passiert, wenn man in jener Welt verschwindet?

Erika (Regina King) hat eine dunkle Vorahnung. © HBO
Erika (Regina King) hat eine dunkle Vorahnung. © HBO

Nora ist indes vom Gegenteil überzeugt. Nachdem sie - wie Kevin vor ihr - eine ominöse Begegnung mit Virgil (Steven Williams) erlebt hat, lädt sie die minderjährige Jill auf einen Drink ein, um ihr die eigene Vorstellung vom jüngsten Ereignis zu unterbreiten. Sie interpretiert die Verschwundenen vom 14. Oktober nämlich als Auserwählte, die wie in der biblischen Geschichte von Noah eine Arche betreten hätten, um damit vor einer Katastrophe gerettet zu werden. Damals seien bereits alle aufgenommen worden, die auserwählt waren: „Why in God's name would it take on any more?

Is it real?

Unverrückbar ist ihre eigene Theorie jedoch nicht, weshalb sie Bekräftigung bei ihrem Bruder Matt (Christopher Eccleston) sucht. Der ist trotz der jüngsten Ereignisse weiterhin felsenfest davon überzeugt, dass Jarden ein besonderer Ort ist. Er begründet das mit einem Erlebnis, das er kurz nach seiner Ankunft hatte. Mitten in der Nacht sei seine apathische Ehefrau Mary (Janel Moloney) aufgewacht, um mit ihm zu sprechen. Am Morgen jedoch sei sie in ihren katatonischen Zustand zurückgefallen. Er wertet das als Beweis dafür, dass in Jarden unerklärliche Dinge vor sich gehen. Angesichts seiner Unzurechnungsfähigkeit ist jedoch anzunehmen, dass er sich diese Geschichte eingebildet hat.

Echte Überzeugung dürfte dieser Besuch in Nora also nicht geweckt haben, weshalb sie mit einer ganz praktischen Maßnahme reagiert. Um einen weiteren nächtlichen Ausflug Kevins zu verhindern, kettet sie sich mit einer Handschelle an ihn. Ihm dürfte das durchaus recht sein, schließlich war er zuvor genuin verzweifelt über Pattis herzzerreißende Aussage, wonach er sich umbringen wolle und nur durch ein Wunder noch am Leben sei: „If not for an act of divine intervention, you'd be gone.

Showrunner Lindelof und sein Co-Autor Tom Spezialy nutzen die Episode Orange Sticker, um die Wahrnehmung der Departure als göttliches Ereignis wieder stärker zu fokussieren. Das schlägt sich auch in der audiovisuellen Umsetzung nieder, in der Max Richter neben seinem bekannten Score auch mehrmals religiöse Gesänge platziert, die mir so präsent bisher nie aufgefallen waren (wenn sie denn überhaupt je eingesetzt wurden).

Die Suche der Protagonisten nach Erklärungen für dieses neue unerklärliche Ereignis nimmt der Folge etwas vom emotionalen punch, den die vorherigen drei hinterließen. Auch die dramaturgische Struktur, die sich in der zweiten Staffel noch stärker auf Geschichten aus verschiedenen Perspektiven konzentriert, trägt dazu bei. Nicht zuletzt wegen des großartigen Ensembles bleibt The Leftovers trotzdem mitreißendes, fundamental aufwühlendes Fernsehen.

Trailer zu Episode 2x05: 'No Room at the Inn'

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 26. Oktober 2015

The Leftovers 2x04 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 4
(The Leftovers 2x04)
Deutscher Titel der Episode
Orange Blätter
Titel der Episode im Original
Orange Sticker
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 25. Oktober 2015 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 8. Januar 2016
Autoren
Damon Lindelof, Tom Spezialy
Regisseur
Tom Shankland

Schauspieler in der Episode The Leftovers 2x04

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