The Leftovers 1x05

Es ist eine traurige Wahrheit des hartgesottenen Kritikerdaseins, dass man sich von schockierenden Gewalttaten in Film und Fernsehen kaum noch aus der Reserve locken lässt. Während emotional aufwühlende Momente noch immer mich berühren können, lassen mich viele Gewaltszenen kalt - unabhängig davon, wie brutal sie sind. Doch was in der Auftaktszene der neuen The Leftovers-Episode Gladys gezeigt wird, wird mich so schnell nicht mehr loslassen. Die brutale, erbarmungslose Steinigung des Guilty Remnant-Mitglieds Gladys (Marceline Hugot) hätte unmittelbarer kaum inszeniert sein können.
Just say the word and everything can go back to normal
Denkt man noch einmal zurück an vergangene Episoden, hat sich dieser Tod in gewisser Weise angekündigt. Gladys war eine sehr prominente, offensichtlich überzeugte Vertreterin der neuen Sekte. Dementsprechend musste sie bisher am meisten Hass einstecken. Der Mord ist nun aber nichts weniger als eine kaltblütige Hinrichtung. Regisseurin Mimi Leder (Vanished, „Deep Impact“) filmt diese Szene in kaum auszuhaltendem blutigem Detail. Überhaupt gelingen Leder in dieser Episode einige einprägsame Bilder. Die übrigen Mitglieder der Guilty Remnant (GR) machen sich nachts auf die Suche nach Gladys und durchkämmen mit Taschenlampen das entsprechende Waldstück. Die Regisseurin schafft mit dem Kontrast zwischen Taschenlampenleuchten und stockdunklem Wald eine beklemmend gespenstische Atmosphäre.
Es ist schließlich Laurie (Amy Brenneman), die Gladys' furchtbar zugerichtete Leiche findet, die immer noch an einem Baum festgebunden ist. Kurioserweise taucht während der Suche auch die weiterhin mysteriöse und immer noch namenlose Figur von Michael Gaston auf (IMDb listet ihn als „Dean“), die weiterhin Jagd auf Hunde macht. Die GR scheinen sich daran nicht weiter zu stören - entweder weil sie den Jäger kennen, oder weil sie zu beschäftigt sind mit der Suche nach ihrer Gleichgesinnten. Oder doch, weil es die Figur eigentlich gar nicht gibt? Für die These, dass Gaston nur ein Hirngespinst von Polizeichef Garvey (Justin Theroux) ist, gibt es in dieser Episode einige Gegenbeweise. Dazu jedoch später mehr.
Gladys exploriert den Umgang der GR mit dem Tod einer der ihren, was einige tiefere Einblicke in deren Modus Operandi, aber nicht unbedingt in deren Motivationen und Ziele zulässt. Noch am Tatort behauptet Anführerin Patti (Ann Dowd), Gladys habe keinerlei Verwandtschaft. Deshalb müsse auch niemand kontaktiert werden. Ihre einzige Familie ist die Sekte. Zurück in deren Hauptquartier räsoniert Meg (Liv Tyler) gegenüber Laurie, wie wenig überrascht sie davon sei, dass ein Mitglied ermordet wurde: „I guess I should be scared, but I'm not.“ („Vielleicht sollte ich Angst haben, doch ich habe keine.“)

Meg wird diese Erkenntnis später zum Anlass nehmen, den Übertritt zum vollwertigen Mitglied der GR zu wagen - inklusive Schweigegelübde und weißer Kleidung. Zuvor hatte Laurie einen Schwächeanfall erlitten, woraufhin sie von Patti zu einer Auszeit eingeladen wird. Die ansonsten immer grimmige Anführerin zeigt sich dabei von einer ganz neuen Seite. Sie vergnügt sich im Auto zu den Klängen von „Kiss is on my list“ von Hall & Oates und gönnt sich und Laurie eine Hotelübernachtung inklusive großzügigem Frühstück. Zu Lauries größter Überraschung beginnt sie auch noch zu sprechen - und hört damit gar nicht mehr auf.
This is fucking good
Sie ermuntert Laurie gar dazu, die nach eigener Auskunft seit acht Monaten kein einziges Wort mehr gesprochen hat. Falls dies ein Test sein sollte, hat Laurie ihn bestanden. Sie weigert sich standhaft, auch nur einen Laut von sich zu geben. Doch vielmehr als ein Test ist dies wohl ein weiteres Initiationsritual, das ein Mitglied mit Zweifeln am Sinn und Zweck dieser Existenz wohl endgültig von der Sache überzeugen soll: „There can't be any doubt, Laurie. Because doubt is fire. And fire is gonna burn you up.“ („Es darf keinerlei Zweifel geben, Laurie. Denn Zweifel ist wie Feuer. Und dieses Feuer wird dich verbrennen.“) Dowd und Brenneman liefern in diesen Szenen vielleicht ihre bisher besten Darstellungen.
Während Laurie also immer tiefer und unumkehrbarer in die ideologischen Arme der GR verschwindet*, kämpft Kevin an mehreren Fronten darum, die Bürger Mapletons und auch die Mitglieder der GR vor weiteren Gewalttaten zu beschützen. Er trifft dabei auf wenig Interesse, ja sogar auf offene Opposition. Sein Vorschlag an den Gemeinderat für eine Ausgangssperre, den Bürgermeisterin Warburton (Amanda Warren) bedingungslos unterstützt, wird in der entsprechenden Versammlung erst niedergeschrien und dann von den Ratsmitgliedern einstimmig abgeschmettert. Bei der öffentlichen Sitzung taucht auch die Gaston-Figur wieder auf. Er spricht im Sinne der empörten Bürger, wenn er sagt, dass er wegen der GR keine Einschränkung seiner persönlichen Freiheit hinnehmen wolle. Könnte irgendetwas amerikanischer sein als das?
*Wobei wir auch hier wieder nicht erfahren, woraus diese Ideologie eigentlich besteht. Ja, die GR wollen an etwas erinnern, das die übrige Menschheit vergessen will. Sie wollen ihre Schuld anerkennen und sich dafür selbst kasteien. Aber war es das schon? Steckt da vielleicht noch mehr dahinter? Und was hatte der Doggybag für Neil zu bedeuten? Hat Patti damit getan, was ich denke? Einen üblen Streich gespielt? Aber dann hätte sie die Tüte doch eigentlich anzünden müssen?

Gaston verrät auch, dass er erst kürzlich nach Mapleton gezogen sei, weil er sich dort Ruhe und Frieden erhofft habe. Dies ist der zweite Hinweis innerhalb der Episode, dass der Charakter keine reine Einbildung von Kevin Garvey ist. Er tritt auch als Augenzeuge des Leichenfunds auf und hat offensichtlich Verbindungen zu einem Förster, der ihm möglicherweise die Erlaubnis erteilt hat, den Wildbestand (und somit auch die Hunde?) zu regulieren. Die Niederlage im Gemeinderat bleibt jedenfalls nicht die letzte für Kevin. Auch bei den GR stößt er überwiegend auf taube Ohren. Trotzdem verteilt er Trillerpfeifen, damit sich die Mitglieder bei unmittelbarer Gefahr Aufmerksamkeit verschaffen können. Bei Megan erkundigt er sich schließlich nach Laurie, bekommt aber nur eine wenig empathische Antwort: „She's not your wife anymore.“ („Sie ist nicht mehr deine Ehefrau.“)
Shut the fuck up
Trotz des Zugeständnisses von Gastons wahrscheinlich realer Existenz spielen die Autoren Damon Lindelof und Tom Perrotta in dieser Episode besonders perfide mit Kevins möglicher Geistesschwäche. Zuhause macht die neu installierte Alarmanlage, was sie will, die Zuständigkeitsfrage für den Mord an Gladys gleicht einem Spießrutenlauf und acht vermeintlich verschwundene weiße Hemden lassen ihn beinahe gewalttätig werden. Acht weiße Hemden - eines für jeden Monat, in dem Laurie bereits schweigt. Und weiß ist die Farbe der Guilty Remnant. Zufall?
Auf der Suche nach dem Täter vernimmt Kevin jedenfalls einen der ersten Verdächtigen: Pfarrer Matt Jamison (Christopher Eccleston). Der hat ein Alibi und bittet Kevin darum, der Leiche eine letzte Ehre erweisen zu dürfen. Zunächst wird ihm dieser Wunsch verweigert, dann besinnt sich Kevin jedoch eines besseren. Jamison bedenkt ihn dafür mit einer christlichen Parabel, deren Moral er folgendermaßen zusammenfasst: „It's easier to stay silent than to speak the truth. Killing these people is pointless. They don't care because they're already dead. What I want is to bring them back to life.“ („Es ist einfacher, ruhig zu bleiben, als die Wahrheit zu sprechen. Es macht keinen Sinn, diese Leute umzubringen. Ich will sie vielmehr zurück ins Leben holen.“)
Dieses Ansinnen setzt der Pfarrer später in die Tat um. Sein öffentliches Gebet für Gladys vor dem Hauptquartier der GR wird jedoch von der wiedererstarkten Laurie mit einem Pfeifkonzert jäh unterbrochen. Gladys' Körper findet indes ein unrühmliches Ende. Weil Kevin nicht verhindern konnte, dass die Leiche an die Bundesbehörde ATF* (Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives) übergeben wird, bekommt sie eine rote Markierung und wird verbrannt. Es scheint in dieser spezifischen (und vielleicht auch anderen) Bundesbehörden eine Verschwörung gegen Mitglieder von Sekten zu geben. Dies wird auch daran deutlich, dass Kevin am Telefon mit dem ATF-Kollegen, den er stundenlang nicht erreichen konnte, ein Angebot erhält, dass die Agenten die GR aus Mapleton vertreiben könnten. Er lehnt dieses Angebot ab. Es könnte aber auch nur eine Einbildung gewesen sein.
*Im Amerika von „The Leftovers“ heißt diese Behörde nun ATFEC: Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives and Cult. Ein schönes Detail.

The Leftovers spielt in Gladys noch viel mehr als üblich mit dem Unwissen des Zuschauers über Kevins mentale Instabilität. Die Alarmanlage funktioniert mal, dann funktioniert sie wieder nicht. Er versucht mehrmals, seinen Kollegen vom ATFEC zu erreichen, der behauptet jedoch, dass er nur eine Nachricht erhalten habe. Es scheint zunächst so, als bilde sich Kevin aka Officer Mustardstain (Polizist Senffleck) ein, seine Hemden in der Wäscherei abgegeben zu haben. Dann stellt sich jedoch heraus, dass der Wäschereibetreiber nur schlampig gearbeitet hat. Diese ständige Ungewissheit hält uns Zuschauer weiter auf den Hinterbeinen und sorgt für einen maximales Interesse an Kevins innerem Konflikt.
Is she okay?
Am Ende, nach einem Zwiegespräch mit seiner Tochter Jill (Margaret Qualley), die mitten in der Episode schon einmal weinend zusammengebrochen ist, realisiert Kevin, dass er die Hoffnung wohl aufgeben muss, Laurie noch einmal aus den Fängen der GR befreien zu können. Er erzählt Jill von der bevorstehenden Scheidung, sie kommentiert das mit einem schlichten: „Das ist okay.“ Dann bricht er weinend zusammen. Schon zuvor, als ihre falsche Annahme, ihrer Mutter sei etwas zugestoßen, von Kevin entkräftet ist, reagiert Jill bemerkenswert gefühlskalt: „I shouldn't have cried. She wouldn't have cried for me.“ („Ich hätte nicht weinen sollen. Sie hätte auch nicht um mich geweint.“)
Von ihrer besten Freundin Aimee (Emily Meade) wird Kevin später aufgeklärt, dass es kein Zweck habe, zu ihr durchdringen zu wollen: „She's Jill. She doesn't really do okay.“ („Es ist Jill. Ihr geht es nie wirklich gut.“) Das Verhältnis zwischen Aimee und Kevin bleibt rätselhaft. Sie taucht ständig leicht bekleidet vor ihm auf, nennt ihn offensiv aufreizend „Mr. Garvey“ und scheint ständig mit ihm flirten zu wollen. Gleichzeitig ist sie von einem Schleier der Unantastbarkeit umhüllt, sie strahlt eine weise Aura aus, die sie in diesem Alter natürlich noch nicht haben dürfte.
Sowieso kann sich Kevin vor Verehrerinnen kaum retten. In der Wäscherei trifft er erneut auf Nora Durst (Carrie Coon), die beiden plauschen kurz miteinander und tauschen dabei vielsagende Blicke aus. Diese Szenen und einige kurze Comic Relief-Einwürfe helfen dabei, die omnipräsente Tristesse zu verarbeiten. The Leftovers lässt sich weiterhin kaum in die Karten schauen, die Serie bleibt wunderbar rätselhaft und verquer. HBO hat es einmal mehr geschafft, eine Perle hervorzubringen.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 28. Juli 2014(The Leftovers 1x05)
Schauspieler in der Episode The Leftovers 1x05
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