The Leftovers 1x04

© gal, was er auch versucht: Kevin Garvey (Justin Theroux) kann kaum einen Erfolg für sich verbuchen. / (c) HBO
Während die vergangene Episode von The Leftovers, Two Boats and a Helicopter, das mitreißende Porträt eines einzelnen, gebrochenen Mannes zeichnete, widmet sich B.J. and the A.C. wieder den Garveys, der Familie im Zentrum der Geschichte. Die Folge beginnt mit einer Montage à la Breaking Bad, die zu den Klängen von „I'm Not the One“ von den Black Keys den Produktionsprozess von Plastikpuppen zeigt. Eine dieser Puppen wird in Mapleton als „Baby Jesus“ im Krippenspiel eingesetzt.
Don't forget me
Eines Morgens ist die Puppe allerdings verschwunden, der Klau dient als Allegorie für den Umgang der Menschen mit Glaube und Religion, mindestens aber für die Bewältigungsmechanismen, die sich die Menschen nach der Katastrophe der Departure angeeignet haben. Die einen heucheln Interesse für religiösen Eskapismus, die anderen haben ihre Hoffnung auf Erlösung bereits aufgegeben. The Leftovers trägt das alles nicht besonders subtil vor, was aber gar nichts ausmacht, da es in dieser Welt voller Absurditäten keinerlei Subtilität bedarf.
Kevin Garvey (Justin Theroux) ist mit den Sicherheitsvorkehrungen für eine bevorstehende Charityveranstaltung beschäftigt. Er bittet Patti (Ann Dowd), die Anführerin der Guilty Remnant (GR), darum, der Veranstaltung doch bitte fernzubleiben. Sie wird dieser Bitte nicht folgen, hat sogar eine Strategie, um ihre Mission weiter voranzutreiben. Die Remnant begnügen sich nämlich nicht nur damit, potenziellen Neumitgliedern aufzulauern und diese überallhin zu verfolgen, sie brechen auch in Häuser ein und stehlen dort die Bilder geliebter Menschen. In Zeiten digitaler Fotografie ist das zwar nur ein symbolischer Akt, doch immerhin einer, der den Betroffenen zusetzen dürfte.
Die Botschaft der GR ist einfach: „There is no family.“ Kevin darf das reichlich schmerzlich erfahren, als seine Ehefrau Laurie (Amy Brenneman) und Meg (Liv Tyler) an seiner Haustür auftauchen. Nach sechsmonatiger Sprachlosigkeit zwischen den Ehepartnern will Laurie nun die Scheidung einreichen. Sie lässt Meg einen Brief vorlesen, in dem sie darlegt, dass es ihr unwiderlegbares Schicksal sei, das selbstauferlegte Leiden auszuhalten: „But I think I'm supposed to be broken. Maybe we all are.“ („Doch ich glaube, dass ich gebrochen sein soll. Vielleicht sollen wir das alle sein.“)

Laurie hat zwar ihr vermeintliches Schicksal akzeptiert, kann ihr altes Leben aber trotzdem nicht ganz loslassen. Von ihrer Tochter Jill (Margaret Qualley) bekommt sie als Weihnachtsgeschenk ein Feuerzeug mit einer Gravur: „Don't forget me.“ Vor Meg spielt sie die starke Gefühllose, später kehrt sie jedoch noch einmal an die Stelle zurück, wo sie das Feuerzeug entwendet hat. Sie bekommt es aber nicht mehr zu greifen - genau wie Kevin, dem der Zugang zu seiner Familie immer weiter zu entgleiten droht.
Get your balls off the son of God
Jill echauffiert sich wortreich über den entwendeten „Baby Jesus“ und fordert Kevin zum Handeln auf. Dabei waren es sie und ihre Clique, die die Puppe geklaut haben. Die Vater-Tochter-Beziehung ist von einer merkwürdigen Distanz durchzogen, wobei immer mal wieder ein Funke gegenseitiger Zuneigung aufblitzt. Kevin verdächtigt sofort Jill und ihre Freunde. Den Zwillingen bietet er Straffreiheit an, sollten sie die Puppe zurückbringen. Er sitzt da schon im Auto des Michael Gaston-Charakters, weil seines plötzlich den Geist aufgegeben hat. Seit zwei Episoden gab es nun keine Hinweise mehr auf Kevins mögliche geistige Unzurechnungsfähigkeit.
Bei fehlender Verwirrung springen in der ausufernden Welt von The Leftovers aber jederzeit andere Figuren in die Bresche. Auf ihrem Roadtrip ohne echtes Ziel machen Tom (Chris Zylka) und Christine (Annie Q.) die unangenehme Bekanntschaft eines leicht bekleideten geistig Verwirrten, der vorgibt, von Christines Schwangerschaft zu wissen und präzise vorhersagt, was ihnen in den kommenden Tagen widerfahren wird: „You walk over the dead. They're all in white“ („Du läufst über die Toten. Sie sind alle in Weiß gekleidet“). Nach dem Angriff des Verrückten bringt Tom seine Schutzbefohlene in ein Krankenhaus, wo er sogleich verdächtigt wird, der Verursacher ihrer Verletzungen zu sein. Er sieht sich zur Flucht gezwungen und stellt dabei seinen Glauben an die Kräfte des Wunderheilers Wayne in Frage.
Dabei bekommt er Besuch von zwei Mitgliedern der Guilty Remnant. Das Aufkeimen dieser Sekte ist also offensichtlich ein nationales Phänomen und nicht nur auf Mapleton und den Bundesstaat New York beschränkt. In diesem schwachen Moment bringt Tom genug Kraft auf, den beiden Emissären den Rücken zu kehren, sucht aber weiterhin nach einem letzten Zeichen von Wayne, ohne das er wohl in den nächsten Bus steigen und Christine ihrem Schicksal überlassen würde. Daraufhin klingelt sein Handy - es ist zwar nur ein automatisierter Werbeanruf, für Tom jedoch Zeichen genug.

Er kehrt zu Christine zurück und organisiert die Flucht aus dem Krankenhaus, indem er sich und seine Begleiterin als Mitglieder einer hippie-esken Gruppierung ausgibt, deren Mitglieder keine Schuhe tragen und sich eine Zielscheibe auf die Stirn malen, um bei der nächsten Departure dabei sein zu können. Interessant, auch hier zu sehen, dass es wohl eine Vielzahl an Gruppen gibt, die jeweils eine eigene Form der Bewältigung des Erlebten gefunden haben. Die beiden Flüchtigen werden indes Zeuge eines bizarren Unfalls. Auf der Autobahn ist ein Lkw verunglückt, der Plastikskulpturen menschlicher Leichen geladen hatte.
I know what's inside you
Diese wurden von Hinterbliebenen der Entschwunden bestellt, damit sie ein Begräbnis abhalten und endlich mit der Unsicherheit über deren Verschwinden abschließen können. Tom und Christine stehen nun also in einem Feld aus Plastikleichen, die alle in weißes Tuch gehüllt sind. Die allzu redselige Christine interpretiert das als wahr gewordene Prophezeiung des Verrückten, der sie umbringen wollte. Über Tom erfahren wir indes, dass Kevin nicht sein leiblicher Vater ist. Einen Polizisten lässt er wissen, dass sein Vater ihn verlassen habe. Gleichzeitig fleht Tom darum, endlich aus Waynes Zugriff entlassen zu werden und nach Hause gehen zu können.
An dieser und anderer Stelle setzt sich ein Problem der Serie fort, das schon seit der Pilotepisode besteht. Die Motivationen einzelner Charaktere wurden bisher nicht eindeutig genug herausgearbeitet. Warum geht Tom nicht einfach wieder nach Hause? Warum glaubt er, Waynes Wünsche kompromisslos erfüllen zu müssen? Ähnliches gilt für Laurie: Es bereitet ihr offensichtlich große Schmerzen, sich von ihrer Familie abzuwenden. Amy Brenneman spielt diesen inneren Konflikt fantastisch, wir sehen eine gebrochene Mutter, deren Blick aussagt, dass sie eigentlich nichts lieber möchte, als ihre Tochter in den Arm zu nehmen und für sie da zu sein. Was bieten ihr also die Guilty Remnant, was sie nicht im Kreis ihrer Familie haben kann? Eine Antwort auf diese Frage bleibt die Serie bislang schuldig.
Trotz der fehlenden Subtilität und der teilweise defizitären Charakterzeichnung ist auch B.J. and the A.C. wieder eine starke, aufwühlende, rätselhafte Episode von The Leftovers. Die Tatsache, dass Kritikern diese Episode nicht vorab zur Verfügung gestellt wurde, lässt zwar erahnen, dass es im Produktionsprozess Schwierigkeiten gegeben hat (was auch durch die Nennung zweier Regisseure im Vorspann bestätigt wird - eine Rarität im Serienbereich). Das Endprodukt widerlegt jedoch Befürchtungen, HBO habe die Folge so lange wie möglich von kritischen Stimmen fernhalten wollen. Sie erreicht zwar nicht die emotionale Intensität der ersten drei Episoden, erhellt dafür jedoch die Vorgeschichte mancher Charaktere und gibt einen tieferen Einblick in den Modus Operandi der Guilty Remnant. So erfahren wir auch, dass Kevin seine Ehefrau einst betrogen hat und Nora Durst (Carrie Coon) und ihr Ehemann high school sweethearts waren. Die Serie bleibt höchst interessant.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 21. Juli 2014(The Leftovers 1x04)
Schauspieler in der Episode The Leftovers 1x04
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