The Leftovers 1x03

Nach Jahren als überzeugter Atheist wurde ich in diesem Jahr mehrfach mit meiner ambivalenten Einstellung gegenüber Religion und Kirche konfrontiert. Gleich mehrere Freunde, Bekannte und meine Eltern fragten mich, ob ich schon aus der Kirche ausgetreten sei. 2014 sei das letzte Jahr, in dem es noch kostenlos (oder besonders günstig - ich erinnere mich nicht genau) möglich sei, sich von der entsprechenden Steuer freistellen zu lassen.
This is a story of a boy
Ich musste daraufhin feststellen, dass ich über all diese Jahre nie darüber nachgedacht habe, aus der Kirche auszutreten. Es wäre natürlich der logische Schritt gewesen, nach dem Studium und beim ersten Job sich sofort von dieser zusätzlichen Steuerlast zu befreien. Zu meiner eigenen Überraschung hatte ich auf die Frage jedoch eine eindeutige Antwort: Nein, ich bin noch nicht ausgetreten und plane dies auch nicht.
Es gibt wohl einen kleinen Teil in mir, der, trotz allen negativen Aspekten organisierter und - vor allem - fanatisch ausgeübter Religion, den Glauben an eine höhere Macht als wichtig erachtet. Die Antwort darauf war dann meistens, dass ich ja auch an etwas glauben könne, ohne gleich (zahlender) Teil einer kirchlichen Organisation zu sein. Ich will aber Teil der evangelischen Kirche bleiben, ich bin so getauft worden, ich bin so erzogen worden, ich will vielleicht eines Tages Zuflucht dort finden.
Mitten hinein in diese persönliche Reflexion platzt nun also diese mitreißende, emotional aufwühlende, wunderbar umgesetzte neue Episode von The Leftovers. Für Two Boats and a Helicopter haben sich die Autoren Damon Lindelof und Jacqueline Hoyt entschieden, einem einzigen Charakter den Zeitraum einer ganzen Episode zu gewähren, um seinen verzweifelten Existenzkampf zu porträtieren. In Kooperation mit Regisseur Keith Gordon gelingt das auf umwerfende Art und Weise.

Die Folge vermischt mehrere Elemente an der Grenze zwischen Glauben und Sein mit religiöser Symbolik und einem knallharten Realismus, der vor allem in der Bildsprache seine Entsprechung findet (nimmt man davon einmal die lange Traumsequenz aus). Zu Beginn erzählt Pfarrer Matt Jamison (Christopher Eccleston) in seiner Predigt vor der winzigen Gemeinde eine Parabel von einem Jungen, der schwer erkrankte, weil er sich gewünscht hatte, mehr Aufmerksamkeit von seinen Eltern zu bekommen. Die Predigt wird jäh unterbrochen, ein wütender Mann stürmt in die Kirche und verprügelt Jamison.
What do you believe in, Matt?
Später erhält er von dem zuständigen Bankmitarbeiter die erschütternde Nachricht, dass seine Kirche verkauft werde, sollte er es nicht schaffen, innerhalb eines Tages eine sechsstellige Summe aufzutreiben. Die Episode erzählt fortan die Geschichte von Matt und seiner Mission, die Kirche zu retten. Dabei erfahren wir, dass er und Nora Durst (Carrie Coon), die bei der Departure ihre gesamte Familie verloren hat, Geschwister sind. Zunächst bittet er sie darum, ihm das Geld für die Auslösung der Kirche zu leihen, doch Nora stellt Forderungen.
Er soll seinen Kreuzzug gegen die verschwundenen angeblichen Sünder einstellen. Matt kann dem nicht zustimmen, stattdessen verrät er, dass ihr Ehemann Doug fremdgegangen sei. Die Szene wird durch einen harten Schnitt beendet, wir sehen außer einem verzweifelt wirkenden Lachen keine Reaktion von Nora. Dafür erfahren wir mehr über Matts eigene Familie. Er und seine Frau waren nämlich in den Autounfall verwickelt, der in der allerersten Szene der Serie gezeigt wurde, als die Menschen plötzlich verschwanden. Seitdem ist Mary (Janel Moloney) in völliger Apathie zur Bettlägerigkeit verdammt. Matt pflegt sie mit großer Hingabe und Zuneigung, trotzdem benötigt er die Dienste einer Pflegerin, die er sich aber eigentlich gar nicht leisten kann.
Matt Jamison ist ein Mann voller Überzeugungen, er ist dazu bereit, für seinen Glauben an das Gute die körperliche und seelische Belastungsgrenze zu überschreiten. Er steckt ständig Prügel ein, muss andauernd spirituelle und materielle Rückschläge hinnehmen. Jeder kleine Etappensieg, jedes Körnchen Hoffnung bestätigt ihn jedoch darin, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Eines Nachts hat er denn auch eine Eingebung. Er erinnert sich daran, dass Kevin Garvey senior (Scott Glenn) in seinem Garten einen Notfallfonds für ihn vergraben hat. Als er mitten in der Nacht dort eintrifft, wird er von Laurie (Amy Brenneman) überrascht, die im dunklen Garten sitzt und einsam und schweigend ihrem alten Leben nachhängt.

Ihre Figur taucht in Two Boats and a Helicopter zwar nur für wenige Sekunden auf, stellt uns aber vor das größte Rätsel. Dies ist nun schon die zweite Szene, in der offenbar wird, dass Laurie keineswegs mit ihrem alten Leben abgeschlossen hat. Sie scheint ihre Familie stark zu vermissen, aber wieso hat sie sich dann den Guilty Remnant angeschlossen? Und wie konnte sie dort überhaupt aufgenommen werden? Schließlich scheint Sektenführerin Patti (Ann Dowd) ein strenges Regiment zu führen.
Maybe it's time to let it go
Wir bekommen darauf keine Antworten, Laurie und Matt vereinbaren lediglich, Kevin und Jill nichts von ihrem nächtlichen Besuch zu erzählen. Jamison findet anschließend das Geld in einer leeren Erdnussbutterdose. Woher kommt diese Faszination mit Erdnussbutter? Schon in Penguin One, Us Zero hatte Kevin seinem Vater ein Glas davon mitgebracht. Ich kenne jedenfalls keine symbolische Bedeutung dieses Brotaufstrichs. Religiös-mythologisch aufgeladen sind da schon eher die Tauben, die Matt mehrmals in dieser Episode begegnen.
Zunächst sieht er sie während seiner Recherche zu einem neuen „Sünder“ auf einem Roulettetisch im Casino, dann sorgen sie scheinbar für einen Kurzschluss in der Ampelschaltung. Zu dem Zeitpunkt hat Matt längst schon eine Idee, wie er an das nötige Geld für den Erhalt seiner Kirche kommen kann: Er setzt beim Roulette den gesamten Garvey'schen Unterstützungsfonds mehrfach auf Rot. Warum auf Rot? Weil Schwarz die Farbe des Todes ist?
Seine Eingebung hat ihn jedenfalls nicht getäuscht, und er gewinnt den nötigen Betrag. Wer als Zuschauer zu diesem Zeitpunkt glaubt, er habe den spannendsten Teil der Episode (das Glücksspiel) schon überstanden, der wird durch die folgenden Ereignisse eines Besseren belehrt. Matt wird zunächst ausgeraubt, holt sich das Geld dann aber mit einer ausufernden Gewalttat wieder zurück. Dann eilt er zwei Mitgliedern des Guilty Remnant zur Hilfe, die gerade Opfer eines Anschlags wurden. Als die Täter sehen, dass sich Matt um die beiden Sektenanhänger kümmert, bekommt er selbst einen Stein an den Kopf.

Im Koma hat er einen furchteinflößenden Alptraum, der ihn zu den schlimmsten Ereignissen seiner Vergangenheit führt. Als Junge bekommt er die Diagnose eines Arztes, mit seiner Schwester Nora steht er vor dem brennenden Haus, in dem ihre Eltern starben, am 14. Oktober verunglücken er und seine Frau im Auto, er träumt von Sex mit Laurie und von der eigenen Verbrennung. Als er aufwacht, glaubt er, das Geld noch rechtzeitig zur Bank bringen zu können. Dort muss er jedoch mit Entsetzen feststellen, dass er drei Tage zu spät kommt.
Everything that happened to us, all our suffering, is meaningless
Es kommt jedoch noch schlimmer: Die Käufer seiner Kirche sind die Guilty Remnant. Eine neue organisierte Religion ersetzt somit die alte. Matt Jamison hat die Schlacht in diesem Moment verloren. Es sieht ganz danach aus, als würde er auch den Krieg verlieren. Wie wird dieser zutiefst gläubige Überzeugungstäter darauf reagieren? Wird er resignieren? Wird er neue Inspirationsquellen und Kräfte finden? Schließt er sich sogar selbst den Guilty Remnant an? Mir selbst ist die Beantwortung dieser Fragen eigentlich gar nicht wichtig, und The Leftovers scheint ebenso geringes Interesse daran zu haben.
Zwar wird die Handlung in dieser Episode schnell vorangetrieben, die Serie setzt sich jedoch eindeutig zum Ziel, ein spezielles Stimmungsbild zu schaffen. Hier gelingt das nahezu perfekt. Das ungewöhnliche Erzähltempo und Ecclestons präzises Spiel erschaffen ein atmosphärisch dichtes Spannungsfeld zwischen religiöser Mythologie und weltlicher Verzweiflung. Auch der Vorspann fängt diese Disparität ein. Religiöse Malereien werden darin mit Bildern sündhafter Handlungen vermischt; die in den Himmel geholten Figuren scheinen über ihre Erlösung eher Schrecken als Freude zu empfinden.
Die ausdauernde Traumsequenz erinnert an die The Sopranos-Episode The Test Dream, die beinahe gänzlich aus einem Traum Tony Sopranos bestand. Ich kann mir indes gut vorstellen, dass Two Boats and a Helicopter für viele Zuschauer die „make-it-or-break-it“-Episode der Serie sein wird. Danach wird man wissen, ob einem die Serie und ihre (bisweilen sehr fordernde) Machart gefällt oder eben nicht. Ich kann dies für meinen Teil uneingeschränkt bejahen. The Leftovers ist für mich zu diesem frühen Zeitpunkt in der Staffel die profundeste Neuerscheinung des Jahres - vielleicht auch, weil ich mir selbst gerade Fragen nach der persönlichen Bedeutung von Glaube, Spiritualität und Religion stelle.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 14. Juli 2014(The Leftovers 1x03)
Schauspieler in der Episode The Leftovers 1x03
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