The Leftovers 1x02

Sollten wir in der Auftaktepisode von The Leftovers vielleicht noch daran gezweifelt haben, dass die Serienschöpfer Damon Lindelof und Tom Perrotta ihr Versprechen halten, das Mysterium des ominösen Verschwindens von zwei Prozent der Weltbevölkerung nicht in den Mittelpunkt der Serie stellen zu wollen, so werden wir in Penguin One, Us Zero eines Besseren belehrt. Darin spinnen die Autoren ihre präzise Charakterstudie nämlich kompromisslos weiter, verleihen den Figuren neue Facetten und ermöglichen tiefere Einblicke in deren psychische Konstitution.
Someone needs to tell that dude about the internet
Im Mittelpunkt stehen dabei erneut die Mitglieder der Familie Garvey. Bis auf Tom (Chris Zylka) sind alle immer noch in ihrer Heimatstadt Mapleton, könnten geistig jedoch kaum weiter voneinander entfernt sein. Die Frage nach dem möglichen Wahnsinn von Kevin (Justin Theroux) wird weiter beleuchtet, was jedoch kaum zur Aufklärung, sondern eher zu größerer Verwirrung führt. Zu Beginn träumt er von Aimee (Emily Meade), der besten Freundin seiner Tochter Jill (Margaret Qualley). Im Traum führt sie ihn ins Freie, wo sie den mysteriösen Hundemörder (Michael Gaston) dabei beobachten, wie er ein Mitglied der „Guilty Remnant“ ins Fadenkreuz nimmt.
Das Ende des Traums - Kevins Füße stehen in Flammen - schlägt die Brücke zur Realität, in der sein Nachbar gerade damit beschäftigt ist, die Klamotten seines verschwundenen Bruders zu verbrennen und dabei den Zaun des Garvey-Anwesens gleich mit abfackelt. In der anschließenden Pflichtsitzung mit einem Psychotherapeuten muss sich Kevin gegen dessen Skepsis wehren, kann für die Existenz des Hundemörders aber keine Beweise außer die eigene Aussage anführen. Sein Adjutant Dennis (Frank Harts) findet schließlich den Pick-up-Truck des Unbekannten in seiner Auffahrt, später klopft der „Mystery-Man“ sogar an seiner Tür.
Dabei kommt es zur ersten Interaktion des Gaston-Charakters mit dritten Personen, Jill und Aimee, was aber trotzdem nicht ausschließt, dass Kevin sich das alles einbildet. Der Hundejäger lässt seinen Truck einfach in Kevins Einfahrt stehen und behauptet, er habe dafür keine Verwendung mehr. Wem das noch nicht genug Mysterium war, der kam wohl spätestens bei der Szene zwischen Kevin und seinem Vater (Scott Glenn), der in einer psychiatrischen Klinik einsitzt, auf seine Kosten. Zuerst behauptet Kevin senior, er halte sich selbst für geistig gesund, postwendend beginnt er jedoch, Symptome einer multiplen Persönlichkeitsstörung zu offenbaren.

Die Stimmen in seinem Kopf (oder „they“) hätten ihm verraten, dass „sie“ jemanden schicken würden, der Kevin helfen solle. Gleichzeitig gibt er ihm den Tipp, seine Probleme doch besser für sich zu behalten. Nun vollständig an seiner mentalen Stabilität zweifelnd eilt Kevin zurück zur Polizeiwache, um noch ein zweites Mal nachzusehen, ob der Toaster nicht doch seine Bagels verschluckt hat. Er findet die Brötchenhälften, was ihm jedoch wenig Aufschluss geben dürfte.
I remember
Zuvor hatte er Bürgermeisterin Lucy Warburton (Amanda Warren), die mit seinem Vater scheinbar eine besonders enge Beziehung hat und mit der er im Dauerclinch liegt, nach seinem verschwundenen Bagel befragt. Diese konnte das nur mit einem verständnislosen Kopfschütteln beantworten. Damit konnte Warburton bei mir schon für das zweite Schmunzeln sorgen, nachdem sie zuvor mit sich selbst spaßeshalber ins Gericht gegangen war: „I never should've told you to watch ,The - fucking - Wire'.“ („Ich hätte dir niemals empfehlen sollen, dir ,The - fucking - Wire' anzusehen.“)
In der zweiten Episode schaffen es die Autoren an mehreren Stellen, die tiefdüstere Atmosphäre durch witzige Einlagen aufzulockern. Die beiden abenteuerlustigen Teenager Jill und Aimee verfolgen gemeinsam mit den Prius-Zwillingen die stadtbekannte Nora Durst (Carrie Coon), die ihren Status als am stärksten von der departure betroffene Einwohnerin ausnutzt. Ihr kleines Abenteuer mit dazugehöriger Mutprobe wird von den beiden ständig kommentiert. Nachdem Jill in Noras Handtasche eine Waffe entdeckt hat und Nora kurze Zeit später Pfarrer Matt Jamison (Christopher Eccleston) begegnet, meint Aimee lakonisch: „Oh shit, she's gonna pop Father Nutballs.“ („Oh nein, sie wird ,Pfarrer Spinner' abknallen.“)
Ihre Verfolgungsjagd endet beim Haus eines älteren Ehepaares, das ihren Sohn in der departure verloren hat. Nora arbeitet offensichtlich für eine staatliche Institution, die Kompensationszahlungen an die Familien der Verschwundenen leistet. Dafür muss sie mit den Hinterbliebenen einen langen Katalog unangenehmer Fragen durcharbeiten. Die beiden Senioren werden schon von den ersten Fragen schmerzlich an ihr Kind erinnert. Im Hintergrund sind zahlreiche Glaskrüge zu sehen, die bis an den Rand mit Kleingeld befüllt sind. Horten die beiden ihr Geld? Sammeln sie es, um einzelne Münzen als Glücksbringer einzusetzen? Wahrscheinlich ist dies einfach eine weitere Methode, wie diese Menschen versuchen, mit dem Unerklärlichen zurechtzukommen.

Die einen sammeln Kleingeld, die anderen driften langsam in den Wahnsinn ab, manche schließen sich Sekten an und wieder andere suchen Trost bei einem Wunderheiler. Wayne (Paterson Joseph) musste untertauchen, nachdem das FBI einen Haftbefehl gegen ihn erlassen hatte. Da sie nun - nur halb im Spaß - davon ausgehen, dass er die nationale Sicherheit gefährden könnte, weil selbst Senatoren bei ihm Rat suchen, gehen sie einem anonymen Tipp nach und stürmen sein Anwesen in Nevada.
So what, the tree's supposed to symbolize my old life or something?
Tom gelingt dabei zusammen mit Christine (Annie Q.) die Flucht, wobei ersterer einen FBI-Agenten erschießt. Später treffen sie in einem zuvor vereinbarten Versteck wieder auf Wayne, der die ihn umwehende mystische Aura in wenigen Szenen noch einmal steigert. Zunächst küsst er seine tote Wache Pete (Regisseur Peter Berg in seinem wohl letzten Cameoauftritt) auf den Mund, dann bietet er Tom Erlösung durch Umarmung an. Tom lehnt ab, was bei Wayne auf wohlwollendes Unverständnis stößt: „You're the one motherfucker I can't figure out. You're all suffering and no salvation.“ („Du bist der einzige, aus dem ich nicht schlau werde. Dir geht es nur um das Leiden, nicht um die Erlösung.“)
Das Treffen mit Wayne bleibt ein kurzes - kurz zuvor hatte Tom gar überlegt, seinen Vater um Hilfe zu bitten. Nun zerstört Wayne jedoch auch seine letzte Verbindung zu Kevin und gibt die kostbare Christine („This girl is everything.“ („Dieses Mädchen bedeutet mir alles.“)) erneut in Toms Obhut. Die Szenen in der flimmernden Hitze Nevadas bilden einen tollen Kontrast zu den Handlungssträngen im mittlerweile stark verschneiten Mapleton.
Dort befindet sich die haltlose Meg (Liv Tyler) nach zwei Wochen immer noch mitten im Aufnahmeprozess der „Guilty Remnant“. Sie muss scheinbar sinnlose Aufgaben erledigen, darf jedoch weiterhin sprechen, ihre eigene Kleidung tragen und bekommt mehr als nur den farblosen Brei zu essen. Kevins Ehefrau Laurie (Amy Brenneman) ist ihre Mentorin, Megans steigendes Frustrationsniveau beantwortet sie mit kryptischen Botschaften auf kleinen Zetteln. Gegenüber der strengen Sektenanführerin Patti (Ann Dowd) verteidigt Laurie den Neuankömmling. Am Ende glaubt Patti trotzdem, Meg sei abgehauen. Doch die steht nur im Wald und fällt einen Baum. Sie hat jetzt verstanden, warum.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 7. Juli 2014(The Leftovers 1x02)
Schauspieler in der Episode The Leftovers 1x02
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