The Leftovers 1x06

The Leftovers 1x06

The Leftovers gönnt sich mit Guest erneut eine Episode, die sich nur einer Figur widmet. Lindelof und Perrotta setzen hiermit ihr Ansinnen um, die Serie eher Charakterstudie als Ursachenforschung sein zu lassen. Es gelingt ihnen einmal mehr auf wunderbar eindringliche Weise.

Carrie Coon liefert als Nora Durst in „Guest“ eine herausragende Darstellung. / (c) HBO
Carrie Coon liefert als Nora Durst in „Guest“ eine herausragende Darstellung. / (c) HBO

Nach Two Boats and a Helicopter ist Guest die nunmehr zweite Episode von The Leftovers, die sich ganz der Geschichte einer einzigen Figur verschreibt. Die erschütternde Parabel um Matt Jamison (Christopher Eccleston) und seinen Kampf um die eigene Kirche wird nun durch den Kampf seiner Schwester ergänzt, als three time legacy (in etwa: „dreifach Verlassene“) in ein auch nur annähernd normales Leben zurückzukehren.

I'm a fucking mess

Dafür hat sich Nora Durst (Carrie Coon) ein System eingerichtet, das es zulässt, das Erlebte zu verarbeiten und sich trotzdem den Schmerz zu bewahren, den das Verschwinden der gesamten Familie ausgelöst hat. Nora kauft weiterhin ein, als habe sie eine vierköpfige Familie zu versorgen, räumt die neue Milch an die Stelle der alten, welche sie - ungeöffnet - in den Abfalleimer wirft. Gleichzeitig beauftragt sie eine Prostituierte, auf ihre schusswestengeschützte Brust zu schießen - vielleicht, um für einen kurzen Augenblick zu spüren, was ihre Lieben im Moment ihres Verschwindens gespürt haben könnten.

Der Konjunktiv ist in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung, ist er doch der zentrale Auslöser für beinahe sämtliche Verwerfungen innerhalb der schockbelasteten Gesellschaft von The Leftovers. Niemand weiß, was wirklich am 14. Oktober passiert ist - und trotzdem hat jeder eine Theorie dazu, jeder hat einen Mechanismus entwickelt, damit fertigzuwerden, jeder glaubt, der eigene Weg sei der beste, nachhaltigste, gesündeste. Weil es für die departure keine nachvollziehbare Erklärung gibt, sprießen die absurdesten Verschwörungstheorien und Wanderprediger haben großen Zulauf.

Es gibt aber auch ganz nüchterne, banale Auswirkungen der Katastrophe. So wurde natürlich ein Regierungsministerium namens U.S. Department of Sudden Departure („US-Ministerium für das plötzliche Verschwinden“) eingerichtet. Nora ist dort beschäftigt, sie besucht Hinterbliebene und stellt ihnen einen langen Katalog peinlich intimer Fragen, damit das Ministerium dann darüber befinden kann, ob ihnen die Auszahlung einer Kompensationszahlung zusteht. Noras Vorgesetzter bekommt eines Tages den Hinweis der Statistikabteilung, all ihre Befragten hätten bei einer bestimmten Frage (Nr. 121) mit „Ja“ geantwortet. Erst später finden wir heraus, welche Frage sich dahinter verbirgt.

Nora (Carrie Coon) lässt sich zu Beginn willentlich großen Schmerz zufügen. © HBO
Nora (Carrie Coon) lässt sich zu Beginn willentlich großen Schmerz zufügen. © HBO

Nora weist sofort sämtliche Schuld von sich, ihr Chef akzeptiert das so. Er schickt sie zu einer Konferenz einiger mit der departure beschäftigter Unternehmen und Regierungsstellen, wo sie an einer Podiumsdiskussion teilnehmen soll. Dort entwickelt sich sogleich ein Kevin-Finnerty-Szenario. Bei der Registrierung ist Noras Ausweis nicht aufzufinden, die zuständige Mitarbeiterin glaubt, es handle sich um einen harmlosen Fehler. Nora hegt jedoch den Verdacht, dass sich jemand mit einer falschen Identität Zugang zu der Podiumsdiskussion verschaffen will.

Do you want to feel this way?

Fortan ist Nora als „Guest“ („Gast“) unterwegs, was gleich in der ersten Nacht zu massiven Problemen führt. Nach einer ausschweifenden Feier mit einer Gruppe hedonistischer Konferenzteilnehmer wird sie mitten in der Nacht unsanft vom Sicherheitsdienst des Hotels geweckt. Sie habe angeblich in der Hotelbar randaliert und erheblichen Sachschaden verursacht. Der Wachmann will ihrer Geschichte keinen Glauben schenken und schickt sie auf die Straße.

Das kann Nora nicht auf sich sitzen lassen. In ihrer eigenen Jetztwelt hat sie ein Anrecht auf ihre Ängste und Sorgen, auf ihre Trauer. Und darauf, diese Trauer mit anderen teilen zu dürfen. Sie will nicht von einer fremden Person gespielt werden, sie will selbst erfahren, wie die Menschen auf ihr Schicksal reagieren, diese Reaktionen sind unverzichtbarer Teil ihres Verarbeitungsprozesses. Also lässt sie sich in einem Copyshop einen Ausweis fälschen, was vom Sicherheitsdienst jedoch unmittelbar entdeckt wird.

Als der Chef des Sicherheitsdienstes von ihrem Schicksal erfährt, gibt er ihr doch eine Chance. Auf dem Podium sitzt tatsächlich eine Betrügerin, es ist eine Verschwörungstheoretikerin, die nach ihrer Entdeckung noch eine Brandrede darüber hält, wie sehr die Regierung in die Katastrophe involviert sei. Nora darf nun doch an der Konferenz teilnehmen - was aber gar nicht der eigentliche Grund ist, warum sie das vermeintliche Schicksal nach New York brachte. Ihre heftige Auseinandersetzung mit einem Buchautor, den sie als Opportunisten brandmarkt, führt sie nämlich direkt in die Arme des Wunderheilers Wayne (Paterson Joseph), der hier einen überraschenden Auftritt bekommt.

Am Ende findet Nora bei Wunderheiler Wayne (Joseph Paterson) Erlösung. © HBO
Am Ende findet Nora bei Wunderheiler Wayne (Joseph Paterson) Erlösung. © HBO

Zum ersten Mal bekommen wir einen Einblick in den Modus Operandi des Wanderpredigers. Wie und warum Wayne nun ausgerechnet in New York auftaucht, könnte an dieser Stelle natürlich in Frage gestellt werden, ist aber für Noras Charakterstudie von geringem Belang. Vielmehr schafft es The Leftovers auch in Guest, zu überraschen. Bis zum Auftreten Waynes wird die Geschichte nämlich geradlinig erzählt, sämtliche dramaturgischen Falltüren öffnen sich nicht.

Do you believe the departed is in a better place?

Nora hätte sich den Identitätsklau ja auch einfach nur einbilden können, ein solcher Handlungsstrang hätte sich bestens in die bisherige Erzählung eingefügt. Doch sie behält am Ende Recht, sie leidet nicht unter Wahnvorstellungen wie Kevin (Justin Theroux), der hier - wie schon in Two Boats and a Helicopter - einen Kurzauftritt bekommt. Zum ersten Mal gönnen Lindelof und Perrotta einer ihrer Helden einen persönlichen Triumph - verleihen diesem Glücksmoment aber gleichzeitig eine mysteriöse Aura und den Makel des Unerklärlichen.

Nach der kostspieligen Behandlung durch Wayne ist Nora wie ausgewechselt. Wir erinnern uns: In der Pilotepisode war auch der Kongressabgeordnete Witten (Brad Leland) nach der Umarmungstherapie ein scheinbar glücklicherer, ausgeglichenerer Mensch. Nora kauft nun keine Lebensmittel mehr für ihre verschwundenen Familienmitglieder, sie speichert die Entschuldigungsnachricht ihres Bruders Matt ab, hört auf, der Affäre ihres verschwundenen Mannes hinterherzuspionieren, kreuzt bei Frage 121 nicht immer nur „Ja“ an und wirkt bei der Interaktion mit Kevin richtiggehend gelöst. Eine Verabredung? Liebend gerne. Muss ja nicht gleich Miami sein.

Guest ist zwar auch eine Einzelepisode, hat jedoch eine gänzlich andere Struktur als die von Matt Jamison. Sie ist geerdet innerhalb eines greifbaren Weltbildes, Matts Handlungsbogen blutet regelmäßig ins Metaphysische über. Und doch gibt es am Ende den überraschenden Moment, dass die müde, abgekämpfte, kaputte Nora dazu bereit ist, sich einem zynischen Wunderheiler anzuvertrauen. Das Überraschende daran: Es funktioniert! Ganz so, wie diese Serie funktioniert, die doch eigentlich gar nicht funktionieren dürfte.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 4. August 2014
Episode
Staffel 1, Episode 6
(The Leftovers 1x06)
Deutscher Titel der Episode
Gast
Titel der Episode im Original
Guest
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 3. August 2014 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 21. November 2014
Autoren
Damon Lindelof, Kath Lingenfelter
Regisseur
Carl Franklin

Schauspieler in der Episode The Leftovers 1x06

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