The Killing 3x10

Die Episode Six Minutes findet ein neues Traumpaar: WĂ€hrend Holder (Joel Kinnaman) sich noch in seiner Schuld suhlt, finden die The Killing-Fans in Linden (Mireille Enos) und Seward (Peter Sarsgaard) einen starken Ersatz fĂŒr die Chemie zwischen den beiden Ermittlern.
Erinnerungen
Einige Elemente des ersten Falles wiederholen sich in der dritten Staffel von The Killing. WÀhrend der Larsen-Fall durch die Suche nach Lindens Sohn unterbrochen wurde, um die Charaktere Linden und Holder nÀher kennenzulernen, begleiten wir in dieser Staffel Linden in den Besucherbereich des Todestraktes, um ihr und Seward nÀher zu kommen. Und das funktioniert dank der Schauspieler und der intensiven Dialoge ebenso gut wie einst bei unserem Lieblingsermittler-Duo.
GlĂŒcklicherweise haben die Serienmacher aber auch aus Fehlern gelernt und die Geschichte um die GefĂ€ngniswĂ€rter wesentlich komprimierter und spannender erzĂ€hlt als einst die Verwicklungen um die BĂŒrgermeisterwahl in Seattle. Becker (Hugh Dillon) und Henderson (Aaron Douglas) sind besser in den Fall eingeflochten als das Wahlkampfteam der ersten Staffel. Auch die Tatsache, sich auf zwei Personen zu beschrĂ€nken, ist eine gute Entscheidung.
Neben dem Fall
Wir haben Henderson als zurĂŒckhaltenden, eher unsicheren WĂ€rter kennengelernt, dem es schwer fĂ€llt, sich in die oft herzlose Art im GefĂ€ngnis einzufĂŒgen.
Wir sehen ihn als jemanden, der es allen möglichst recht machen möchte, der Becker nicht auf die FĂŒĂe treten will und sich um einen professionellen Abstand zu den Gefangenen bemĂŒht. Zudem haben wir gesehen, dass Beckers Privatleben in Scherben liegt. In der AuĂenwelt ist er jemand, der sich als Verlierer begreift. Seine Frau betrĂŒgt ihn, und er ist unfĂ€hig, etwas dagegen zu unternehmen. Das geht so weit, dass sein Sohn die Initiative ergreift und auf den Liebhaber seiner Mutter schieĂt. Beckers Familienleben ist ihm komplett aus den HĂ€nden geglitten. Die einzige Umgebung, in der er Macht hat, ist das GefĂ€ngnis. Den Todgeweihten gegenĂŒber holt er alles auf, was er im Privatleben nicht kann: Er nimmt Einfluss auf deren Leben, und rĂ€cht sich in gewisser Weise fĂŒr sein eigenes Leiden an denen, die ihm hilflos ausgeliefert sind.
Das trĂ€gt in der Episode Six Minutes deutlich sadistische ZĂŒge, er stört die letzten Treffen zwischen Linden und Seward und gefĂ€hrdet damit die einzige Hoffnung, die der Gefangene noch hat. Und er verhindert ein Treffen zwischen Vater und Sohn. Er setzt alles daran, dem Todgeweihten seinen Seelenfrieden zu verweigern. Genauso wie er selbst keinen Frieden findet.
Die kurze Szene, in der Becker im entscheidenden Moment erstarrt und Henderson eingreifen muss, ist intensiv. Besonders da wir wissen, dass der junge Vater von Anfang an eigentlich gar nicht im Hinrichtungsteam sein wollte.

Die WĂ€rter zeigen uns, dass Horror und Grausamkeit mehr sein kann als der Serienkiller. Horror kann auch das sein, was Menschen einander im Rahmen des gesetzlich ZulĂ€ssigen antun, wenn sie unfĂ€hig sind, ihrem eigenen, persönlichen Leid zu entkommen. Becker ist kein geborener Sadist wie Sewards Mitgefangener. Er ist jemand, der oft den KĂŒrzeren gezogen hat und oft der Hilflose gewesen ist. Nun rĂ€cht er sich in seiner Rolle als WĂ€rter an denen, ĂŒber die er Macht hat. Doch im letzten Moment kneift er, er findet keine Freude daran, jemanden zu töten. Wir sehen auch, was aus einem Mann wie Henderson wird, wenn er in gewisse Situationen gebracht wird. Er schreit Seward an, weiterzugehen auf dem Weg zu seiner eigenen Exekution. Aber was kann er auch anderes tun? Er ĂŒbernimmt fĂŒr Becker und erfĂŒllt seine Pflicht, auch wenn man nur erahnen kann, was das in ihm auslösen wird.
GesprÀche
Die Episode Six Minutes spielt komplett in und vor dem GefĂ€ngnis. Im Zentrum der Story stehen die GesprĂ€che zwischen Linden und Seward. Es ist ein Rennen gegen die Zeit, doch anders als in anderen Krimis rast Linden nicht durch die Weltgeschichte, um letzte Beweise zu sammeln. Sie kann nicht viel mehr tun als zu hoffen, dass das, was sie bisher gesammelt hat, ausreicht. Sie begleitet Seward durch seine letzten Stunden, durch Hoffnung und Verzweiflung, durch Angst und Trotz. Einige Szenen sind schwer zu ertragen, sie treffen genau ins Schwarze. Und es sind nicht nur die, in denen Seward die Verzweiflung packt, es sind vielmehr die, in denen der Gefangene und die Ermittlerin gemeinsam vorsichtig ĂŒber ihre Kinder scherzen. Linden kann generell nicht gut ĂŒber ihren Sohn sprechen, ihr Versagen in dieser Beziehung ist das groĂe Drama ihres Lebens. Auch sonst ist sie eher selten zu Scherzen aufgelegt. Doch im Angesicht dieser Tragödie, auf die beide keinen Einfluss mehr haben, bleibt nicht viel mehr als eine kurze Flucht aus der Hilflosigkeit in die Leichtigkeit.
Andere Szenen scheinen auf den ersten Blick weniger gelungen. Linden hat seit jeher die Tendenz, ĂŒberzureagieren. Das fĂŒhrt sie auch fort, als Adrian (Rowan Longworth) ihr sagt, er habe seinen Vater in der Nacht gesehen. Sofort ist sie von seiner Schuld ĂŒberzeugt und stĂŒrmt aus dem GefĂ€ngnis. Soll diese Szene ganz simpel noch einmal Zweifel an seiner Unschuld nĂ€hren? Dann wĂ€re sie wenig gelungen. Doch nach allem, was wir gesehen haben, dĂŒrfen wir den Serienautoren groĂes Talent in der Darstellung von Menschen in Extremsituationen unterstellen. Und man kann diese Szene auch so lesen, dass es Lindens Fluchtversuch aus der Hilflosigkeit ist. Sie merkt, dass sie Seward wahrscheinlich nicht retten können wird. Und ein Teil von ihr möchte dem Unausweichlichen entkommen. Wenn sie sich selbst von seiner Schuld ĂŒberzeugen kann, hat sie keine Verpflichtung mehr, das alles durchzumachen, sie kann gehen und den Mörder seinem Schicksal ĂŒberlassen.
Doch im richtigen Moment steht wieder einmal Holder bereit und holt sie zurĂŒck auf einen schweren Weg. Es ist der richtige Weg, denn die Abwendung hĂ€tte sie sich auf lange Sicht wohl selbst nicht verzeihen können.

Die groĂen Szenen, die, in denen Linden mit Adrian vor dem GefĂ€ngnis wartet, die, in der sie beobachten muss, wie sein Genick nicht bricht und er sich in den Tod quĂ€lt, sind intensiv. Doch die wahre StĂ€rke der Serie The Killing zeigt sich immer wieder in den kleinen, stillen Szenen, wenn die beiden miteinander reden, die Hinrichtung immer vor Augen.
SchuldgefĂŒhle
Holder gerĂ€t in der Episode Six Minutes ein bisschen in den Hintergrund. Er trĂ€gt sich immer noch mit SchuldgefĂŒhlen wegen Bullets Tod. Er verfĂ€llt in alte Muster und bekĂ€mpft seine GefĂŒhle mit Rauschmitteln. Auch wenn es nur Alkohol ist, zeigt das doch, wie tief er gefallen ist. Er steht vor einer wichtigen Entscheidung. Was er die Schuld mit sich machen lĂ€sst, wird festlegen, was fĂŒr ein Mensch er in Zukunft sein wird.
Auch wenn er in dieser Episode ein StĂŒck im Abseits steht, darf man sich viel fĂŒr das Finale versprechen. The Killing ist nicht die Serie fĂŒr ein Happy End, nicht einmal die Serie, die einen runden, zufriedenstellenden Abschluss garantiert. Aber wir dĂŒrfen uns dennoch erhoffen, kleine Zeichen dafĂŒr zu bekommen, als welche Person Holder aus der Situation hervorgeht.
Zu spÀt
Seward ist tot. Linden hat den Wettlauf gegen die Zeit verloren. Auch wenn man es kommen sehen konnte, ist es schmerzhaft anzuschauen. Und alles, was jetzt noch kommen kann, wird nicht weniger schwer zu ertragen sein. War Seward schuldig? Wenn nicht, wen oder was hat er beschĂŒtzt? Werden wir ĂŒberhaupt erfahren, ob Seward definitiv unschuldig war?
Die Autoren haben ihre Sache gut gemacht. Es hÀtte in jede Richtung ausschwenken können, bis zum Ende konnte man mit Linden und Seward hoffen und hatte dennoch gleichzeitig immer die geringe Wahrscheinlichkeit vor Augen.
In Sachen Mördersuche gehen wir ohne neue Hinweise ins Finale, das als Doppelepisode ausgestrahlt wird. Dass Joe Mills im Alleingang gehandelt hat, ist unwahrscheinlich. Dass er es ĂŒberhaupt war, ist bisher nicht in Stein gemeiĂelt. Doch wer darĂŒber hinaus als TĂ€ter in Frage kommt, ist offen. Pastor Mike (Ben Cotton) scheint entlastet. FĂŒr Linden und die anderen Ermittler gibt es im Moment keinen anderen VerdĂ€chtigen. FĂŒr uns könnten es theoretisch viele sein. Zum Beispiel Reddick (Gregg Henry), der die belastenden Ringe prĂ€sentiert hat. Aber seit Tante Terry wissen wir, dass in der Serie The Killing niemand sicher ist, und mit der seitdem herrschenden Paranoia kann man auch Figuren wie Twitch (Max Fowler) und Skinner (Elias Koteas) noch nicht von einem Restverdacht freisprechen. Und erinnert sich noch jemand an Bullets Vergewaltiger Goldie (Brendan Fletcher)? Könnte es sein, dass, wie im ersten Fall, entgegen aller Wahrscheinlichkeit eine Frau ihre Finger im Spiel hat? Möglich ist so gut wie alles.
Fazit
Die Serie The Killing zeigt nicht nur die Suche nach einem Mörder. Sie bringt uns nicht nur die Schmerzen der Opfer nah, sondern aller Personen, die von einem Verbrechen betroffen sind - auch indirekt. In der Episode Six Minutes verliert Linden den Kampf um Sewards Leben, ohne die Gewissheit seiner Unschuld oder Schuld zu haben. Es ist eine groĂartige Episode, die streckenweise so intensiv ist, dass man sie nur schwer ertragen kann.
Verfasser: Serienjunkies.de am Montag, 29. Juli 2013(The Killing 3x10)
Schauspieler in der Episode The Killing 3x10
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?