The Following 1x07

Zu Beginn der Episode Let Me Go wird dem Zuschauer der etablierteste Erschrecktrick der Welt vorgefĂŒhrt. Die Gefangene von Bo (Jacinto Taras Riddick) verharrt reglos in ihrer Kiste, bis sie den kleinen Joey (Kyle Catlett) möglichst wirkungsvoll ĂŒberrumpeln kann. Dem Zuschauer hingegen beschert eine derartig billige Strategie eher ein empörtes Stirnrunzeln als einen Adrenalinkick. Auf den misslungenen Auftakt folgen eine ganze Reihe von enttĂ€uschende Passagen, die die Handlung aber immerhin maĂgeblich vorantreiben.
Claire hat genug
Claire (Natalie Zea) strapaziert mit ihrer Weigerung, auf kĂŒnftigen Kontakt zu Followern zu verzichten, bereits in den ersten Minuten die Nerven. Die BeschĂŒtzerinstinkte einer Mutter wirken zwar wie eine Urgewalt, doch eine bockige Haltung Ă la âWenn ihr meinen Sohn nicht findet, darf ich so unvernĂŒnftig sein, wie ich willâ hilft niemandem weiter. Auf der anderen Seite ist es durchaus nachvollziehbar, dass Claires Vertrauen in die Ermittler gelitten hat... Phrasen wie Debra Parkers (Annie Parisse) „I will make sure nothing goes wrong“ haben es so auch verwirkt, eine Aura der Sicherheit heraufzubeschwören.
Carrolls Flucht
Weil Ryan Hardy (Kevin Bacon) seinem Gegenspieler Joe Carroll (James Purefoy) im GefĂ€ngnis drei Finger gebrochen hatte, erwirkt der Killer erfolgreich seine Ăberstellung in eine andere Haftanstalt. In Anbetracht der frappierenden Inkompetenz, durch die sich das FBI bislang hervorgetan hat, kann man dies schon fast als offizielle Haftentlassung Carrolls betrachten. Obwohl Mike Weston (Shawn Ashmore) mittlerweile immerhin die Verbindung zwischen Carrolls Besuchern und dessen potentiellen AnhĂ€ngern erkannt hat, kommt Joe frei. Da hilft es auch nichts, dass Weston und Hardy ĂŒber eine Kombinationsgabe verfĂŒgen, die schon an Hellseherei grenzt: „The warden has got a teenage daughter enrolled in college - are you thinking what I am thinking?“
Nachdem bereits die erfolgreiche AnwĂ€ltin Olivia Warren (Renee Goldsberry) und auch Claire Matthews mehr oder minder anstandslos dazu bereit waren, mit den Serienkillern zu kooperieren, ist nun auch der GefĂ€ngnisdirektor Gene Montero (Nestor Serrano) an der Reihe. WĂ€hrend bei Joes Exfrau und Montero zumindest noch das Leben ihrer Kinder auf dem Spiel steht, ist dieses merkwĂŒrdige PhĂ€nomen bei Olivia noch weniger nachvollziehbar - auch mit abgeschnittenen Fingern.

Weil die Frau in Bos KĂ€fig Dana Montero (Audrey Esparza) ist, kann der GefĂ€ngnisdirektor seinem Hochsicherheitsgefangenen völlig problemlos die Flucht ermöglichen. Er bezahlt dafĂŒr mit seiner Karriere, wĂ€hrend AnwĂ€ltin Warren durch ihre NaivitĂ€t gar mit ihrem Leben bezahlt. Nachdem sie Joe noch selbst in die Freiheit fĂ€hrt, erwĂŒrgt Carroll Olivia in einer wenig kreativen Geste fĂŒr Hardy: „Tell him: He is killing me - and it is all because of you.“
Follower-Entwicklungen
Joey genieĂt als Sohn des Bosses weiterhin gewisse Privilegien und kann kurzzeitig Dana befreien, nachdem er instinktiv den richtigen SchlĂŒssel fĂŒr ihren KĂ€fig ausfindig gemacht hat. Doch wie schon bei Meghan (Li Jun Li) ist auch Danas Fluchtversuch nicht von Erfolg gekrönt. Deswegen findet sich die junge Frau wenig spĂ€ter in den Armen von Charlie (Tom Lipinski) wieder.
Der Follower mit dem militĂ€rischen Hintergrund wird zu einem wahren SympathietrĂ€ger unter den AnhĂ€ngern Carrolls: Nicht nur hatte er sich in der vorangegangenen Folge gegenĂŒber Claire als empathisches Wesen zu erkennen gegeben. Jetzt hĂ€lt Charlie auch noch sein Versprechen gegenĂŒber Joey und lĂ€sst Dana am Leben. Ein Vertrauensbeweis, der sich im Umgang mit dem Sprössling des Mentors noch als nĂŒtzlich erweisen könnte. Gleichzeitig offenbart sich hier, dass es Follower verschiedener Klassen gibt. Der unbeherrschte Bo war so nicht mehr als eine Schachfigur, die durch Charlie entsorgt wird.
Carroll auf Reisen
Es ist dem bedrohlichen Flair der Serie zutrĂ€glich, dass Carroll wieder auf freiem FuĂ ist. Aber warum kann der in den Nachrichten ja quasi omniprĂ€sente Serienmörder wie ein Unsichtbarer durch die Menschenmassen wandeln, die sich in einer Cafeteria tummeln? Und WIEDER machen sich Weston und Hardy nicht die MĂŒhe, VerstĂ€rkung zu rufen. Das soll doch gefĂ€lligst ein Passant erledigen. Auch Westons Verhalten, auf der Verfolgungsjagd mit der Pistole in der Hand und mit lautem GebrĂŒll erst einmal eine Panik auszulösen, sorgt fĂŒr Verdruss.
Besonnener agieren da schon Carrolls neue Begleiter David (Arian Moayed) und Louise (Annika Boras). In aller Ruhe nehmen sie sich ihrem Mentoren an. Louise bringt noch mit einer derartig erschreckenden BeilĂ€ufigkeit einen Wachmann ums Leben, dass dieser zu verdutzt ist, um zu schreien. Doch sollte eine Rasierklinge - die offenbar nicht als Stichwaffe, sondern nur zum âSchlitzenâ benutzt wird - ihr gut gebautes Opfer wirklich derartig aufwandlos auĂer Gefecht setzen können?

Ryans geschundener Körper wird durch den superschnellen David mithilfe einer StahltĂŒr so rabiat in Mitleidenschaft gezogen, dass einem fast selbst der Arm schmerzt. Carroll kichert ein wenig vor sich hin und preist sich nicht nur als kriminelles Genie, sondern auch als Schöpfer eines einzigartigen Werkes. Weil er Hardy nicht dessen Fortgang vorenthalten möchte, muss der Ermittler vorerst am Leben bleiben.
Warum Carroll, der doch einen ĂŒbergeordneten Wert auf seinen literarischen Intellekt legt, plötzlich statt Poe lieber die Beatles zitiert, ist nicht schlĂŒssig. Doch was ist schon schlĂŒssig an den GedankengĂ€ngen eines Psychopathen? Zudem gelingt es Purefoy dabei auf hĂŒbsche Weise, in seinem Charakter eine instabile Euphorie zum Vorschein kommen zu lassen.
Hardy hat genug
„They lost the helicopter.“ - „Of course.“ Bei diesen widrigen Arbeitsbedingungen ist es kaum verwunderlich, dass aus Hardy - der wirklich alles alleine machen muss - nun der Jack Bauer herausplatzt. Das halbherzige „I can't let you hurt him, Ryan!“ von Mrs. Parker kann er mit einem entschlossenen „We have got to start doing things a different way“ kontern, bevor er dem Follower David einen Finger in seine Schusswunde bohrt.
Carrolls Plan geht in Bezug auf Hardy auf: Nicht nur wird ihm der Zorn von Claire zuteil - Ryan kompromittiert auch seine eigene Moral, indem er David foltert. Der Verfall des Exagenten trĂ€gt bereits jetzt derartig suizidbejahende ZĂŒge, dass man sich fragt, wie lange der Mann noch weitermachen kann.
Die Killer-WG
Das Ende der Folge kann zwar nicht ĂŒber die diversen dilettantischen Passagen hinwegtrösten. Dennoch wirkt es - nicht zuletzt dank der dĂŒsteren Untermalung durch Karin Dreijer Anderssons Lied âIf I Had a Heartâ - Ă€uĂerst stimmungsvoll. Die hohe Anzahl der Follower, die Carrolls neues Refugium bewohnen, feuert ebenso die Sehfreude an wie die Wiedervereinigung des sichtlich ergriffenen Carrolls mit seinem Sohn.
Fazit
Die Episode Let Me Go bringt eine Reihe von entscheidenden Entwicklungen mit sich. Doch leider ist der Weg in Carrolls Freiheit mit einer Reihe von dramaturgischen Stolpersteinen gepflastert. Spannende Passagen mĂŒssen immer wieder gegen Vorhersagbarkeit ankĂ€mpfen. AuĂerdem leidet die Serie durch die Wiederholung einiger erzĂ€hlerischer Elemente. So werden FlĂŒchtende stets wieder eingefangen und Carroll haucht Hardy ein neuerliches „This is all for you“ entgegen.
Es bleibt zu hoffen, dass der vielversprechende Schluss mit Carroll im Kreise seiner AnhĂ€ngerschaft halten wird, was er verspricht. Ein Ende von Hardys Kampf gegen den Killerkult ist zumindest noch nicht abzusehen - schlieĂlich wurde die Serie gerade um eine zweite Staffel verlĂ€ngert „47345“...
Verfasser: Thordes Herbst am Dienstag, 5. MĂ€rz 2013(The Following 1x07)
Schauspieler in der Episode The Following 1x07
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?