The Deuce 2x09

The Deuce 2x09

Der zweite Akt von The Deuce ist vorbei, viel hat sich für die Charaktere verändert. Wie schneidet die Staffel im Vergleich zur ersten ab? Und worauf können wir uns in der dritten und letzten Staffel im Herbst 2019 freuen?

Szenenbild von „The Deuce“: Eileen (Maggie Gyllenhaal) genießt den Erfolg, zumindest für eine kurze Weile. (c) HBO
Szenenbild von „The Deuce“: Eileen (Maggie Gyllenhaal) genießt den Erfolg, zumindest für eine kurze Weile. (c) HBO
© zenenbild von „The Deuce“: Eileen (Maggie Gyllenhaal) genießt den Erfolg, zumindest für eine kurze Weile. (c) HBO

Schon beachtlich, wie weit es die Figuren von The Deuce seit dem Serienstart vor gut einem Jahr geschafft haben. Kennen lernten wir sie in der Auftaktstaffel zu Beginn der Siebziger. Eileen alias Candy (Maggie Gyllenhaal) war damals „nur“ eine einfache Straßenprostituierte, der ständigen Gefahr ausgesetzt, von einem Freier misshandelt oder gar getötet zu werden. Im Finale der kürzlich abgeschlossenen zweiten Staffel des HBO-Dramas sitzt sie derweil auf dem Gästesessel einer landesweiten Late-Night-Show. Ihr erster Feature-Film „Red Hot“ ist ein einmaliger Erfolg, nicht nur in der Pornobranche, aber trotzdem wird ihr nicht der Ruhm zuteil, den sie eigentlich verdient hätte.

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Dank des Filmes geht es auch dem Pornostar Lori (Emily Meade) inzwischen deutlich besser, zumindest auf dem Papier. Nach einer langen Tortur kann sie sich endlich aus den Fängen ihres Zuhälters C. C. (Gary Carr) befreien, dessen Existenzberechtigung endgültig erloschen ist. Doch, bevor die alten Schurken langsam alle aussterben, werden auch einige Helden noch mit in den Abgrund gerissen, so zum Beispiel die Aktivistin Dorothy (Jamie Neumann). Ohnehin scheint es in der düsteren Fantasiewelt des Serienschöpfers David Simon kein Glück ohne Haken zu geben, ähnlich wie damals bei The Wire - obwohl die Charaktere dort oft überhaupt keine Veränderung in ihrem Leben bewirken konnten.

Marcel Reich-Ranicki soll einst gesagt haben: „Lieber weine ich im Taxi als in der U-Bahn.“ So gesehen können wir uns als Zuschauer wenigstens ein bisschen freuen, dass Eileen und Co nun nicht mehr in Armut leiden, sondern in moderatem Wohlstand. Zumal das Geschäft mit dem Sex in Anbetracht der bevorstehenden Erfindung des Internets sowieso bereits ein Ablaufdatum hat. Aber wer weiß, wie die Protagonisten von The Deuce dastehen, wenn die Serie im Herbst 2019 in ihre dritte und letzte Staffel gehen wird, die dann übrigens in den Achtzigern spielt. Wer ein Happy End erwartet, hat bislang nicht richtig hingeschaut...

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann filmen sie noch heute...

Niemand würde widersprechen, wenn behauptet wird, dass Eileen der eindeutige Star dieser Staffel ist. Zum Wohl der Serie hielten sich die von James Franco gespielten Zwillingsbrüder Vincent und Frankie ein bisschen mehr im Hintergrund - vielleicht auch wegen der persönlichen Schlagzeilen rund um den Schauspieler. Die Geschichte der beiden hatte zuletzt ohnehin nur wenige interessante Wendungen, weshalb Simon und sein Autorenkollege George Pelecanos das Hauptaugenmerk auf die Figur von Gyllenhaal legen konnten. Ihr Weg zum Durchbruch ist durch Höhen und Tiefen gepflastert, eine echte Achterbahnfahrt also.

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Szenenbild von The Deuce: Auch Lori (Emily Meade) darf sich kurzzeitig wie ein echter Star fühlen.
Szenenbild von The Deuce: Auch Lori (Emily Meade) darf sich kurzzeitig wie ein echter Star fühlen. - © HBO

Eileen sieht das Pornogenre als eine Kunstform, zumindest redet sie sich das ein, da sie sowieso in keiner anderen Branche eine Chance erhalten würde. Wäre es nicht 1977, sondern 2018, dann würde sie vermutlich versuchen, „normale“ Filme zu drehen. Trotz ihrer von Erfolg gekrönten Idee, das Grimm-Märchen „Rotkäppchen“ als erotische Version für Erwachsene neu zu beleben, findet sie nicht die Anerkennung, die sie haben wollte. In besagter Late-Night-Show wird sie wie ein Ochse durch die Manege getrieben, zur Belustigung der Zuschauer, die in ihr niemals eine visionäre Filmemacherin, sondern nur ein schmuddeliges Straßenmädchen sehen werden.

Selbst ihr neuer Freund Russell (Jim Parrack), der sie in der Finalepisode Inside the Pretend (2x09) zur Premiere von „Red Hot“ begleiten darf, scheint sie nicht wirklich zu respektieren und prahlt stattdessen vor seinen Freunden damit, wie gut der Sex mit einem Pornostar wie Candy sei. Bis zur Fertigstellung des Filmes muss sie zahlreiche Erniedrigungen erleiden, angefangen bei der Beschaffung des Geldes, das ihr erst gewährt wird, als sie ihrem schmierigen Finanzier den Wunsch eines Blowjobs erfüllt. Der Einzige, der sie wirklich ernst zu nehmen scheint, ist Harvey (David Krumholtz), ihr Kollege, denn er weiß natürlich, was sie auch hinter der Kamera drauf hat.

Zucht und Ordnung

Die tragischste Wendung in Eileens Storyline kommt ganz am Ende: Nach ihrem großen Auftritt im Fernsehen weiß schließlich jeder, womit sie ihr Geld verdient, also auch die Kinder in der Klasse ihres Sohnes Adam (Mikey Moughan). Ihr eigener Vater verbietet ihr fortan, ihn zu sehen und beweist somit einmal mehr, wie grausam gottesfürchtige Konservative sein können. Wir erinnern uns: Schon in der ersten Staffel setzte der strenge Patriarch seinen eigenen Sohn, der homosexuell ist, einer schrecklichen Schocktherapie aus. Aber er ist natürlich nicht der einzige Tyrann in der Serie...

Der persönliche Dämon Loris heißt C. C. Er und die andere Pimps müssen mit ansehen, wie ihr eigener Berufsstab immer mehr verschwindet. „Seriöse“ Etablissements wie Bobbys (Chris Bauer) und Frankies Show Land holen das Sexgeschäft weg von der Straße und machen die „Beschützer“ der leichten Mädchen somit überflüssig. Einige Zuhälter sehen in dem Wandel aber auch eine Chance, so zum Beispiel Larry (Gbenga Akinnagbe), der von Eileen zum männlichen Star ihres Filmes gemacht wird. Seine Leseschwäche gleicht er aus mit der Gabe der Improvisation, so dass er sich sogar als schwarzer Performer durchsetzen kann. C. C. hingegen ist nicht bereit, sich an den Fortschritt anzupassen, der auch auf politischer Ebene bald ganz New York erfassen wird.

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Szenenbild von The Deuce: Frankie (James Franco) bedeutet für C. C. (Gary Carr) bald den Untergang.
Szenenbild von The Deuce: Frankie (James Franco) bedeutet für C. C. (Gary Carr) bald den Untergang. - © HBO

Wie bereits angedeutet, stirbt C. C. am Ende dieser Staffel. Im Handgemenge mit seinen Konkurrenten Frankie und Bobby, die ihm seiner Meinung nach noch Geld schulden für Lori, zieht der Zuhälter den Kürzeren. Als Lori später erfährt, dass ihre Nemesis ein für alle Mal verschwunden ist - nachdem sie vorher noch eine letzte traumatisierende Begegnung mit ihr hatte -, kann sie ihre Gefühle zunächst gar nicht richtig einordnen. Die Schauspielerin Meade bietet in dieser Szene vielleicht den Höhepunkt der gesamten Staffel. Gemeint ist natürlich der grandiose Moment, als aus ihrem Weinen langsam ein Lachen wird. Nun kann sie endlich nach L.A. und ihr altes Leben hinter sich lassen.

Andere haben weniger Glück: Die ehemalige Prostituierte Dorothy, die ja ebenfalls unter der Herrschaft von C. C. stand, überlebt die Staffel nicht. Sie wurde als Freiheitskämpferin für die Männer zur Gefahr und letztlich dann zur Märtyrerin. Vielleicht kann Abby (Margarity Levieva) ihr Erbe bewahren, zumindest bei Darlene (Dominique Fishback) gelang es ihr ja schon ganz gut. Ebenfalls tödlich endet die Geschichte dieses Jahr für Flanagan (Don Harvey), der nach dem Totschlag seiner Geliebten von seinem Kollegen Alston (Lawrence Gilliard Jr.) dazu gedrängt wird, sich selbst zu stellen. Stattdessen wählt der Polizist den Suizid. Abgesehen von diesem persönlichen Rückschlag kann aber auch Alston als einer der Gewinner angesehen werden, denn in seinem neuen Job stellt er sich ziemlich geschickt an und er findet eine Freundin.

Ein ganz normales Leben

Deutlich kleiner sind die Konflikte dieses Jahr für Vincent, den einstigen Hauptcharakter der Serie. Er eröffnete zu Beginn der Staffel mit dem Club 366 sein zweites Standbein, erneut ermöglicht durch die Mafia. Doch seiner Freundin Abby zuliebe will er seine zwielichtigen Kontakte einstellen und stattdessen endlich auf den Pfad der Rechtschaffenen zurückkehren. Insgeheim wünscht er sich vor allem sein altes Familienleben zurück, das ihm mit seiner Exfrau Andrea (Zoe Kazan) einst zu langweilig wurde. Das einzige Problem: Die deutlich jüngere Abby will sich nun selbst erst einmal austoben und statt einer Ehe oder ähnlichen Verpflichtungen lieber die offene Beziehung beibehalten. So verguckt sie sich beispielsweise in den neuen Charakter Dave (Sebastian Arcelus).

Ebenfalls recht unspektakulär ist der Handlungsstrang von Paul (Chris Coy), der genau wie Frankie einen weiteren Klub eröffnet und genau wie Frankie Probleme mit seinen gefährlichen Geschäftspartnern hat. Und genau wie Frankie plagen auch ihn diverse Beziehungsprobleme mit seinem neuen Freund Kenneth (Michael Stahl-David). Simon und Pelecanos hätten sich durchaus fragen können, ob es bei den vielen Doppelungen all das wirklich gebraucht hätte. Allerdings wäre es wohl keine gute Idee gewesen, den Radiergummi als Erstes beim wichtigsten LGBTQ-Charakter anzusetzen...

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Szenenbild von The Deuce: Abby (Margarita Lavieva) und Vincent (James Franco) brechen auf in eine ungewisse Zukunft.
Szenenbild von The Deuce: Abby (Margarita Lavieva) und Vincent (James Franco) brechen auf in eine ungewisse Zukunft. - © HBO

Auf der anderen Seite führen die Serienmacher mit dem Ed-Koch-Handlanger Gene Goldman (Luke Kirby) in dieser Staffel auch einen neuen interessanten Charakter ein, der zwar verheiratet ist, aber mit Männern schläft. Ein Label will er nicht verpasst bekommen, zumal er als homo- oder bisexueller Mann damals vermutlich nicht mit der „moralischen Säuberung“ New Yorks beauftragt worden wäre. Spätestens jetzt sollte klar geworden sein, wie viele Figuren sich im Serienuniversum von The Deuce inzwischen herumtummeln, womit wir nun bei den Problemen der Staffel angekommen wären...

Die Summe aller Teile

Der US-Kritiker Alan Sepinwall eröffnet in seiner Kritik der zweiten Staffel den naheliegenden Vergleich zwischen The Deuce und The Wire, dem bisherigen Meisterstück von David Simon. Seiner Meinung nach verfüge zwar auch das period piece über alle Einzelteile zum Erfolg, doch anders als beim damaligen Drogendrama, das für viele bis heute als beste Serie aller Zeiten gilt, würden die Zahnräder noch nicht ineinandergreifen, so dass der größere Zusammenhang kaum erkennbar sei.

Soll heißen: The Deuce hat zwar viele spannende Storylines - einige natürlich deutlich spannender als andere -, doch bislang finden sie alle nur nebeneinander und eben nicht miteinander statt. Und das trifft den Nagel auf den Kopf, wieso bei der Serie häufig dieses gewisse Etwas zu fehlen scheint. Selbstverständlich haben wir es hier noch immer mit einer der besten Dramaserien zu tun, die es aktuell zu sehen gibt - sowohl mit Blick auf das Drehbuch als auch mit Blick auf die Schauwerte -, aber, ob das Werk irgendwann auch als Klassiker in Erinnerung behalten werden wird, ist derzeit fraglich...

Schlussendlich müssen wir die dritte Staffel im nächsten Jahr abwarten, um zu sehen, ob die große Verbindung vielleicht noch klarer wird. Glücklich sein können wir allerdings schon jetzt, denn die nächste HBO-Serie von David Simon ist bereits bestellt (wir berichteten bereits davon). Ohnehin sollten wir dem Fernsehgott jeden Tag danken, dass es solche hochwertigen Nischenformate wie The Deuce in den Zeiten der überdimensionalen Epen wie Game of Thrones, The Walking Dead und bald auch der geplanten „Herr der Ringe“-Serie von Amazon überhaupt noch existieren dürfen.

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Verfasser: Bjarne Bock am Montag, 12. November 2018
Episode
Staffel 2, Episode 9
(The Deuce 2x09)
Titel der Episode im Original
Inside the Pretend
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 4. November 2018 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 12. November 2018
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Montag, 12. November 2018
Autor
David Simon
Regisseur
Minkie Spiro

Schauspieler in der Episode The Deuce 2x09

Darsteller
Rolle
Gbenga Akinnagbe
Gary Carr
Dominique Fishback
Luke Kirby
Jamie Neumann
Michael Rispoli
Method Man
Zoe Kazan
Olivia Luccardi
Kim Director

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