The Bridge (US) 1x12

Der Fall des bridge butcher wird in der Episode All About Eva zu den Akten gelegt. Obwohl dabei verfehlt wird, die Verbrechen von David Tate (Eric Lange) zu erklären, ist die Neuausrichtung der Serie „The Bridge“ doch sehr begrüßenswert. Es wird in jedem Fall interessant, zu sehen, welche Geschichte das Format fortan erzählen wird. Gerade ist die Serie um eine zweite Staffel verlängert worden „53504“ - und darin wird sie sich endgültig nicht länger am skandinavischen Original orientieren können.
Evas Flucht
Nach etwas Hühner-Small-Talk und einer Bekreuzigung - bei der Steven Linder (Thomas M. Wright) Geräusche von sich gibt, die wohl nicht einmal der Allmächtige selbst verstehen kann - wird dem Einzelgänger von Bob eine schlechte Nachricht übermittelt: Eva Guerra (Stephanie Sigman), an die Linder sein gutes Herz verloren hat, ist nach Mexiko zurückgekehrt. Dass sie die Sicherheit, aber auch die Isolation von Bobs Ranch gegen die Arbeit in einer Fabrik in ihrem Heimatland eingetauscht hat, lässt sich noch nachvollziehen. So muss sich die junge Frau ja nun beispielsweise keine Sorgen mehr um Hector machen, weil der ja von Linder getötet wurde.
Ungleich weniger verständlich ist jedoch die Tatsache, dass sie zu einem Fremden ins Auto steigt, obwohl sie sich doch der großen Gefahr, die damit für hübsche Mädchen gerade in Juarez einhergeht, bewusst sein müsste. Das Schicksal, das sie fortan erwartet, lässt sich an Grausamkeit kaum überbieten. Erst wird sie von dem Fahrer des roten Wagens mit dem texanischen Nummernschild gefangen gehalten. Als Eva sich danach in ein Polizeirevier flüchtet, geht der Albtraum jedoch weiter.
Unendlicher Schrecken
Der Regisseur S. J. Clarkson hat das Martyrium, das sie jetzt erwartet, gedämpft und verschwommen in Szene gesetzt. Darin spiegeln sich der Schock oder vielleicht auch die Drogen wider, die dem Mädchen allem Anschein nach verabreicht worden sind. Trotz der Unschärfe büßt das Gezeigte jedoch keinesfalls an Wucht ein und schürt sowohl tiefes Mitleid als auch Wut. Denn an den Polizeimarken wird klar ersichtlich, dass sich auch Gesetzeshüter unter den Männern befinden, die Eva wiederholt vergewaltigen. Handelt es sich bei der mädchenmordenden „Bestie“ in Wirklichkeit um ein vielköpfiges, gut organisiertes Monster, das sich aus Gesetzeshütern zusammensetzt? Das Geständnis, das Celia (Ellie Araiza) - die wohl das mexikanische Pendant zu Kitty Conchas (Diana Maria Riva) darstellt - Marco Ruiz (Demian Bichir) am Ende der Episode macht, stellt zumindest eine Beteiligung der Polizisten von Juarez eindeutig klar.

Ein trauriges Bild
Doch nicht nur an der Seite von Eva liefert „The Bridge“ Szenerien, die einen so schnell nicht mehr loslassen. Linders Suche nach der Vermissten zeichnet ebenfalls ein deprimierendes Bild. Dazu trägt die Mauer bei, die über und über mit den teils vergilbten Suchplakaten junger Frauen gepflastert ist. Auch die Hinterbliebenen, die verbissen mit Stöcken im Wüstensand nach den Mädchen suchen, um ihnen wenigstens eine letzte Ehre zuteil werden zu lassen, können in ihrer stillen Anklage stark berühren.
Ruiz und Cross
Der Monat, der seit dem Mord an Gus vergangen ist, hat Ruiz nicht die Härte genommen, mit der er die völlig überforderte Sonya bereits im Krankenhaus abgestraft hatte. Doch die Autistin gibt nicht auf und kann ihren Kollegen durch eine Behandlung mit einem Rührei und einer geradezu masochistischen Sturheit schließlich aus dem Tiefpunkt seiner Depression herausholen.
Als Kraftspender für beide Polizisten fungiert Hank Wade, in dessen Rolle Ted Levine wieder einmal brilliert. Obwohl es etwas merkwürdig anmutet, dass Sonya nicht dazu in der Lage sein sollte, eine Kassette zu reparieren... Dennoch hat die Szene, in der sie sich in Begleitung ihres Mentoren vom Auto ihrer Schwester verabschiedet, eine hohe Intensität inne.
Das Aufkeimen einer Beziehung?
Als Marco verkündet, dass Alma nicht länger ein Teil seines Lebens ist, drängt sich die unheilvolle Ahnung auf, dass es bald auch zu einer unplatonischen Annäherung zwischen ihm und Sonya kommen könnte. Besonders in der Szene, in der die Polizistin den volltrunkenen Ruiz ins Bett transportiert, schien diese Gefahr zu lauern. Doch glücklicherweise wird Marcos Trauerarbeit nicht durch Sex in dem Bett seines Sohnes abgewertet. Wenn man allerdings die beiden Protagonisten im Lichte ihrer vorangegangenen sexuellen Aktionen betrachtet, wäre eine Annäherung zwischen Ruiz und Cross nicht gänzlich abwegig. Zudem sind sich die Zwei durch den Mord an Gus letztendlich auch zwischenmenschlich noch einmal ein ganzes Stück nähergekommen. Doch wie auch beim Rest der Episode lässt „The Bridge“ es langsam angehen, was sich in All About Eva nachhaltig als angemessen und gut herausstellt.
Frye und Adriana
Die unwahrscheinliche Freundschaft, die sich zwischen Daniel Frye (Matthew Lillard) und Adriana Mendez (Emily Rios) entwickelt, wirkt im Leben der beiden wie der einzige Lichtblick. Während Frye mit den Nachwehen seiner Verletzungen und seinem Entzug umgehen muss, wird Adrianas Leben durch die Homophobie ihrer religiösen Mutter vergiftet. Gerade, weil die Abendessen im Hause Mendez sonst so angenehm quirlig und menschlich verlaufen, wirkt die ungerechte Behandlung der lesbischen Journalistin besonders unnötig und tragisch.

Charlotte
„You need someone like me“, verkündet Charlotte Millwright (Annabeth Gish) Fausto Galvan (Ramon Franco), dem sie als Geschäftspräsent die zuvor durch Ray (Brian Van Holt) entwendeten Drogen übergibt. Galvan bleibt seiner gnadenlosen und zutiefst furchteinflößenden Seite treu und sorgt vor der unwirklichen Kulisse übender Trapezkünstler für Gänsehaut. Charlottes Wandel von der ängstlichen Witwe zur skrupellosen Gangsterbraut, die bereits in der Hinrichtung von Tampa Tim ersichtlich wurde, wirkt hingegen noch immer wenig natürlich. Dennoch hat ihre auf Eigeninitiative beruhende Verstrickung in das Kartellgeschäft fraglos einen Reiz inne. Es bleibt in diesem Zusammenhang zu hoffen, dass das Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives nicht zu lange in seiner Tatenlosigkeit verharren wird, da die Behörde in der Serie sonst schnell jegliche Kompetenz einbüßen würde.
Fazit
Die Gerichtsverhandlung gegen Tate wird an sich nicht gezeigt oder kommentiert. Auf der einen Seite ist es sehr gut, dass die Serie den eher beliebig anmutenden Handlungsstrang um den Killer nun überwunden hat und sich wieder dem faszinierenden und beunruhigen Portrait der Grenzregion zuwendet. Auf der anderen Seite wird somit die letzte Chance verwirkt, zu erklären - und somit ein Stück weit zu rechtfertigen -, warum Tate zunächst solch eine politische Agenda an den Tag gelegt hatte.
In der Episode All About Eva gibt es endlich ein Wiedersehen mit Figuren wie Galvan und Steven Linder, dessen Charakter einen sogar fesseln kann, wenn man ihn gerade nicht versteht. Wie Sonya sagt, ist Stevens altruistisches Verhalten sehr ungewöhnlich. Doch dank der schauspielerischen Leistung von Thomas M. Wright wirkt die Figur dennoch plausibel.
Obwohl man den Habitus von Eva und auch von Charlotte nicht immer nachvollziehen kann, ist die erneute Neuausrichtung der Serie geglückt. Die Verstrickung der mexikanischen - und vielleicht auch der amerikanischen - Polizisten in die Morde junger Mexikanerinnen liefert reichlich Material, das es künftig zu erkunden gilt. Mit dieser vorletzten Episode der Jungfernstaffel von „The Bridge“ wird in jedem Fall die Hoffnung geweckt, dass auch die nächste Staffel der Serie wieder Unterhaltung der besonderen Art mit sich bringen könnte.
Verfasser: Thordes Herbst am Donnerstag, 26. September 2013(The Bridge (US) 1x12)
Schauspieler in der Episode The Bridge (US) 1x12
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