The Bridge (US) 1x11

The Bridge (US) 1x11

Die Episode Take the Ride, Pay the Toll erweckt den Eindruck, als würde sie die erste Staffel bereits zu einem Abschluss bringen. Es steht in den Sternen, was auf das makelbehaftete, aber dennoch ungemein berührende Quasifinale von The Bridge folgen wird.

Marco Ruiz (Demian Bichir) sieht sich in „The Bridge“ mit einer schrecklichen Entscheidung konfrontiert. / (c) FX
Marco Ruiz (Demian Bichir) sieht sich in „The Bridge“ mit einer schrecklichen Entscheidung konfrontiert. / (c) FX

Die amerikanische Serie „The Bridge“ ist in der elften Episode an dem Punkt angelangt, an dem die erste Staffel der skandinavischen Originalversion zu Ende ging. Überhaupt scheint in Take The Ride, Pay The Toll die Geschichte des wahnsinnigen Killers David Tate (Eric Lange) auszulaufen. Während die finale Auseinandersetzung zwischen Tate und Marco Ruiz (Demian Bichir) sich allzu sehr in die Länge zieht, bringt die Episode doch auch ungemein fesselnde Szenen hervor.

Rays Rehabilitation

Eigentlich wäre das Leben oder Sterben von Ray (Brian Van Holt) der Rezensentin verhältnismäßig egal gewesen. Doch sein Charakter wird in dem Vorspiel der neue Episode von „The Bridge“ in einem derartig verlockenden Licht präsentiert, dass sich Ray ein Stück weit für seinen grassierenden Stumpfsinn rehabilitieren kann. Seine Einfalt ist glücklicherweise nicht über Nacht verschwunden. So geben sowohl sein (zum besseren Verständnis in Spanisch formuliertes) „Hola?“ als auch die Weise, wie er später verdattert seinen Körper nach Schusswunden abtastet, Grund zur Erheiterung. Als er seinem guten alten Freund Tampa Tim die letzte Ehre erweist, indem er ihn durch den Tunnel gen Mexiko schleift, tun sich zudem derartig viele neue Geheimnisse auf, dass man gerne noch ein bisschen an Rays Seite verharrt wäre.

Wer war der Mann, den Ray (bzw. Tims Leiche) in Notwehr erschießen musste? Wann wird das ATF aus seiner Untätigkeit herausbrechen? Es erscheint reichlich unwahrscheinlich, dass das bureau tatsächlich zu „unorganisiert“ ist, um seine diversen Wanzen und Informanten im Blick zu halten. Und was für exotische Köstlichkeiten befinden sich in dem Päckchen mit dem Skorpionaufdruck, das Ray so herrlich geistesgegenwärtig und abgebrüht an sich nimmt? Wie wird Charlotte Millwright (Annabeth Gish) auf das Präsent reagieren? Werden Ray am Ende die Fingerabdrücke zum Verhängnis werden, die er am düsteren Tatort hinterlässt, oder machen ein paar unidentifizierte Spuren mehr oder weniger in Juarez den sprichwörtlichen Kohl einfach nicht fett? Während ein wenig mehr Spielzeit an der Tunnelfront also durchaus positiv zu bewerten gewesen wäre, wird an anderer Stelle dieser Episode allzu viel Zeit investiert.

Tate vs. Ruiz und Frye

Tate hat nicht nur Marco, sondern auch Daniel Frye in seine Gewalt gebracht und auf die Bridge of the Americas verfrachtet, um dort den letzten Akt seines Racheplanes auszuführen. Ruiz soll den Journalisten erschießen. Nur so besteht - laut dem Killer - Hoffnung darauf, das Leben von Gus (Carlos Pratts) zu retten, der sich nach wie vor in dem vollaufenden Wassertank befindet. Anstatt den Wegfall seiner politischen Agenda zu rechtfertigen, malt Tate wieder und wieder und bis ins kleinste Detail den Schrecken aus, der mit dem Unfalltod seines Sohnes einhergegangen war. Es ist fraglos nachvollziehbar, dass Marco Frye nicht ohne zu zögern hinrichtet. Dennoch verliert die Konfrontation durch die allzu lange Ausdehnung an Wucht.

Ray (Brian Van Holt) ist gar nicht so dumm... © FX
Ray (Brian Van Holt) ist gar nicht so dumm... © FX

Nach Marcos endgültiger Tötungsverweigerung kommt es dann doch noch zu einer Überraschung, als Tate die Waffe ungerührt selbst auf den Journalisten richtet. Rückwirkend betrachtet war es also eine tragische Fehlentscheidung von Ruiz gewesen, die Pistole dem Wahnsinnigen zu überlassen. Doch am Ende überlebt Frye sowieso, was trotz all der fatalen Begleitumstände nicht gänzlich unplausibel ist und in Anbetracht seines liebgewonnenen Charakters als gute Nachricht verbucht werden kann. Vielleicht hätte ein - all seiner Möglichkeiten beraubter - Tate ja sonst am Ende doch noch die Sprengladung gezündet...

Gegen die Zeit

Auch Sonyas (Diane Kruger) Suche nach dem Wassertank im Haus von Davids Onkel dehnt sich etwas zu lange aus. Schließlich hatte sich der Aufenthaltsort von Gus' feuchtem Gefängnis für Sonya bereits in der vorangegangenen Episode Old Friends (1x10) angedeutet. Zudem könnte man sich hier die berechtigte Frage stellen, wieso den Ermittlern bei ihrer Spurensuche der Geruch einer frisch gezogenen Wand entgehen konnte. Ebenso verwunderlich stimmt es im Übrigen, dass Hank Wade (Ted Levine) es Adriana (Emily Rios) gestattet, die Polizisten zu begleiten, aber das nur nebenbei.

Im Gegensatz zur Handlung auf der Brücke wird Sonyas zeitintensive Suche nach Gus am Ende durch die überraschende und verstörende Erkenntnis gerechtfertigt, dass jede Rettung zu spät kommt. Die Tatsache, dass auch Sonyas anschließender Sprint in Richtung Marco Ewigkeiten in Anspruch nimmt, wird auf beeindruckende Weise durch Krügers Spiel wettgemacht. Sonyas Mimik, als sie sich krampfhaft eine Lüge abringt, um Ruiz vor dem letzten Sündenfall zu bewahren, ist schlichtweg großartig in Szene gesetzt.

Von Schuld und Bitterkeit

Marco muss mit dem Gefühl leben, dass seine Verfehlungen der Vergangenheit indirekt seinen Sohn das Leben gekostet haben. Obwohl sein Schmerz und die Trauer - der Demian Bichir in der Leichenhalle auf berührende Weise Ausdruck verleiht - nachvollziehbar sind, stimmt sein grausames Verhalten gegenüber Sonya fast noch betroffener als der Tod von Gus. So brechen einem die Bemühungen der Autistin, ihrem „Freund“ gerecht zu werden, fast das Herz. Mit der von Tränen gezeichneten Hilflosigkeit und der ausufernden Verzweiflung der Protagonistin gelingt Krüger eine weitere Glanzparade, deren Intensität man sich nicht entziehen kann.

Im Krankenhaus spielt sich zwischen den beiden Protagonisten Sonya Cross (Diane Kruger) und Marco Ruiz (Demian Bichir) Betrübliches ab. © FX
Im Krankenhaus spielt sich zwischen den beiden Protagonisten Sonya Cross (Diane Kruger) und Marco Ruiz (Demian Bichir) Betrübliches ab. © FX

Im Kopf des Killers

Falls die Geschichte von Tate nun tatsächlich zu Ende erzählt sein sollte, würde dies den Gesamteindruck der ersten Staffel von „The Bridge“ empfindlich trüben. Zu gewichtig sind die Fragen, die in Bezug auf die vielen politischen Aspekte der früheren Episoden bislang ungeklärt bleiben. Dass Santi Jr., den doch eigentlich die Hauptschuld trifft, ein gnädigeres Schicksal ereilt hat als Gus und sogar Frye, muss vielleicht mit der Tatsache „erklärt“ werden, dass wahnsinnige Menschen zumeist nicht sonderlich logisch agieren. Doch warum die toten Mexikaner und weshalb hat Tate so viel Aufwand und Zeit in Childress investiert? Soll das wirklich alles Ablenkung gewesen sein?

Fazit

Das überragende Spiel von Diane Kruger und die dramaturgisch vielversprechende Entscheidung, Gus sterben zu lassen, können einige der teils gewichtigen Makel dieser Episode verblassen lassen. Während große Gefühle hervorgerufen werden, herrscht Endzeitstimmung bei „The Bridge“.

Die Art und Weise, wie Marco Ruiz am Ende dem Licht entgegen humpelt, wirkt wie die Definition von einem Ende. Doch im Unterschied zur Originalversion „Bron“ (bzw. „Broen“) stehen in der amerikanischen Adaption noch zwei Episoden aus, bevor die Jungfernstaffel der Serie vorübergeht. Diese Aussicht stimmt die Rezensentin gleichzeitig hoffnungsvoll - und auch ein wenig skeptisch. Zum einen legt nicht nur der nächste Episodentitel (All About Eva) nahe, dass es bald endlich ein Wiedersehen mit Steven Linder (Thomas M. Wright), Bob (Jon Gries) und dem nicht minder verlockenden Fausto Galvan (Ramón Franco) geben wird. Selbst der Handlungsstrang der Charlotte Millwright und ihres nun sehr viel interessanter erscheinenden Gehilfen Ray (ergänzt um den großartigen Cesar (Alejandro Patino)!) birgt vielversprechendes Potential.

Obwohl es ungemein befriedigend wäre, von Tate noch eine schlüssige Erklärung für seinen Kurswechsel zu erhalten, scheint sein Erzählstrang zu diesem Zeitpunkt nicht mehr allzu viel herzugeben. Zudem wäre es schön, zu sehen, wie Ruiz seine grausame Verfehlung gegenüber Sonya wiedergutmacht. Doch die Gefahr, dabei in allzu konturlose dramaturgische Gewässer abzudriften, ist in beiden Fällen groß. Ob „The Bridge“ um eine zweite Staffel verlängert werden wird, ist zu diesem Zeitpunkt ebenso ungewiss wie die Richtung, die die Serie nun einschlägt. Fest steht jedoch, dass die hinzuaddierten beiden Folgen maßgeblich mit darüber entscheiden werden, ob die US-Adaption am Ende über das Original aus dem hohen Norden triumphieren wird.

Verfasser: Thordes Herbst am Freitag, 20. September 2013
Episode
Staffel 1, Episode 11
(The Bridge (US) 1x11)
Deutscher Titel der Episode
Entscheidung auf der Brücke
Titel der Episode im Original
Take The Ride, Pay The Toll
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 18. September 2013 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 26. September 2013
Regisseur
John Dahl

Schauspieler in der Episode The Bridge (US) 1x11

Darsteller
Rolle
Demian Bichir
Thomas M. Wright
Ted Levine
Matthew Lillard
Emily Rios

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