The Bridge (US) 1x10

The Bridge (US) 1x10

Die kurze Episode Old Friends vernachlässigt wichtige Charaktere und liefert dabei keine wichtigen Antworten. Stattdessen darf der egozentrische Tate die beiden Protagonisten von The Bridge durch psychische und physische Kriegsführung zugrunde richten.

Charlotte Millwright (Annabeth Gish) ist in „The Bridge“ plötzlich zu allem fähig. / (c) FX
Charlotte Millwright (Annabeth Gish) ist in „The Bridge“ plötzlich zu allem fähig. / (c) FX

Die Serie „The Bridge“ hatte so vielversprechend begonnen. An der Seite des starken Ermittlerteams aus Sonya Cross (Diane Kruger) und Marco Riuz (Demian Bichir) wurden die Zuschauer mit einem omnipräsenten Killer konfrontiert, der eine kompromisslose politische Agenda zu verfolgen schien.

In der facettenreichen Betrachtung der Grenzregion zwischen El Paso und Juarez schlossen wir die Bekanntschaft mit denkwürdigen Figuren wie Graciela Rivera (Alma Martinez), Steven Linder (Thomas M. Wright) und Fausto Galvan (Ramón Franco). In Kombination mit der allgegenwärtigen Bedrohung durch den bridge butcher boten viele Episoden kurzweiliges Vergnügen der besonderen Art. Die Episode Old Friends kann nun zwar mit einigen interessanten Szenen und überzeugenden schauspielerischen Darbietungen aufwarten. Dabei ist der scharfe Fokus auf einen persönlichen Rachefeldzug jedoch ein Dorn im Auge.

Baby Steps

Daniel Frye (Matthew Lillard) gesteht Adriana (Emily Rios), dass er in der Nacht, in der die Frau und der Sohn von David Tate (Eric Lange) ums Leben kamen, mit Santi Jr. gefeiert hatte. Die Tatsache, dass er sich später bestechen ließ und dadurch die Aufklärung der tödlichen Fahrerflucht verhindert hatte, lastet schwer auf dem Gewissen des Journalisten. Die neuerliche Konfrontation mit dem moralischen Schandfleck aus seiner Vergangenheit lässt ihn auf den selbstzerstörerischen Pfad des Alkoholismus zurückkehren. Es wirkt plausibel und berührend, wie Adriana um ihren Kollegen kämpft und wie dieser in der Selbsthilfegruppe den ersten schwierigen Schritt in Richtung Besserung wagt. Matthew Lillard gelingt es dabei ausgezeichnet, die zynische Schale seines Charakters zu brechen. Seinem authentischen Spiel ist es auch zu verdanken, dass Sätze wie „You might be my only real friend“ tatsächlich Bedeutung tragen.

Als man dennoch insgeheim bemängeln möchte, dass Fryes Rückkehr zu den twelve steps nicht die Haupthandlung tangiert, erscheint Tate persönlich auf der Bildfläche. Eigenhändig - und in schönster Dexter-Manier - sorgt er dafür, dass Daniels Handlungsstrang mit dem Rest der Geschichte verwoben wird. Obwohl die Verknüpfung der Erzählstränge an sich verlockend ist, sticht einem bei Tates Überfall auf dem Parkplatz wieder einmal ins Auge, mit wie viel Glück der Killer zu jedem Zeitpunkt gesegnet ist. Gleichzeitig bleibt eine bohrende Frage ungeklärt: Warum hatte Frye am schicksalhaften Abend den Stripclub so lustlos verlassen? Die Rezensentin hofft, dass dieses auffällige Verhalten in einer der verbleibenden Episoden der ersten Staffel von „The Bridge“ noch behandelt werden wird.

Sonya Cross (Diane Kruger) und Marco Riuz (Demian Bichir) sind fast am Ende ihrer Kräfte. © FX
Sonya Cross (Diane Kruger) und Marco Riuz (Demian Bichir) sind fast am Ende ihrer Kräfte. © FX

Der betrogene Ehemann

Die grimmige Bestimmtheit, mit der Tate seinen „Auge um Auge“-Racheplan verfolgt, verdeutlicht zwar unmissverständlich, dass der ehemalige Agent wahnsinnig geworden ist. Dies erklärt jedoch nur unzureichend, warum er seinen - durch und durch persönlichen - Rachefeldzug einst mit dem beißenden Ungleichgewicht zwischen den USA und Mexiko in Verbindung gebracht hatte.

Es lässt einen in keinem Falle kalt, wie Tates Psychoterror und die Entführung von Gus (Carlos Pratts) Ruiz' Nervenkostüm so weit lädiert, dass er seinen Sohn selbst in einem frischen Grab zu suchen beginnt. Tates Strategie, Marco zunächst wieder mit seinem Sohn zu vereinen, nur um ihn ihm dann wieder zu entreißen, erscheint in ihrer ungeheuren Weitsicht und dem reibungslosen Ablauf etwas unplausibel. Zur gleichen Zeit schwingt in Tates Anschuldigungen gegen Ruiz ein fader Beigeschmack mit, den der mexikanische Polizist selbst auf den Punkt bringt: „You killed all of those people because your wife left you?“ Der Mord an den mexikanischen Immigranten, der zusammengesetzte Leichnam auf der Brücke - all dies wird dadurch seiner Bedeutung beraubt. Ohne das politische Element löst sich einer der verlockendsten Bestandteile der Serie in dem Zorn eines betrogenen Ehemannes auf. Der nun gewöhnlich erscheinende Rachefeldzug profitiert einzig durch die Tatsache, dass Ruiz seine Waffe behalten sollte. Welche Teufelei hat sich Tate wohl als Nächstes ausgedacht? Besteht am Ende doch noch die Chance, dass er zu seinen vielschichtigeren Wurzeln zurückkehrt?

Sonyas Tiefpunkt

Schwerer als ihre körperlichen Verletzungen trifft es Sonya, ihren Vertrauten Hank Wade (Ted Levine) belügen zu müssen. Dies betrifft nicht nur ihre gemeinhin kritische Einstellung gegenüber Unwahrheiten, sondern auch die Tatsache, dass Wade wohl die Person ist, die ihr am meisten bedeutet. Dass sie ihren Mentoren tatsächlich belügt, zeigt, wie eng sie mittlerweile auch mit ihrem Partner Ruiz verwachsen ist. Nie haben wir Sonya so schwach und hilflos erlebt. Ihre Augenringe, die Tränen und ihr von Schweiß und Blut getränktes Hemd rufen tiefes Mitgefühl hervor. Gleichzeitig ist es jedoch ein wenig irritierend, wie der gesamte Polizeiapparat in einer Schreckstarre zu verharren scheint. Hoffentlich wird Sonyas kriminalistisches Gespür ihr bald einen entscheidenden Geistesblitz bescheren. Die Luft in dem Tank, in dem Gus gefangen ist, wird nämlich immer knapper.

Emanzipation der anderen Art

Charlotte Millwright (Annabeth Gish) wurde einmal zu oft als whore bezeichnet. Sie geht bei der Testamentsvollstreckung ihres verstorbenen Mannes nicht nur leer aus. Sie wird dazu noch durch ihre Stieftochter Kate (Emily Wickersham) - die weiterhin so dreidimensonal bleibt wie ein Blatt Papier - gedemütigt. Alles, was der Witwe nun bleibt, sind der Tunnel und - entgegen Cesars (Alejandro Patino) ausdrücklichem Rat - ihr dämlicher Lover Ray (Brian Van Holt). Aus den limitierten Ressourcen soll sich wohl Charlottes Motivation speisen, die Rolle der „dummen“ Ehefrau endgültig gegen die einer eiskalten „Geschäftsfrau“ einzutauschen.

Charlotte Millwright (Annabeth Gish) verlangt von Ray (Brian Van Holt); seinen Freund Tim (Don Swayze) zu erschießen. © FX
Charlotte Millwright (Annabeth Gish) verlangt von Ray (Brian Van Holt); seinen Freund Tim (Don Swayze) zu erschießen. © FX

Man ist als Rezensentin von allerlei schießpulvergeschwängerten Serien irgendwann ein gewisses Level an Professionalität bei der Ausführung von Hinrichtungen gewohnt. Wie es aussieht, wenn sich ein Laie im Morden übt, demonstriert Charlotte am Beispiel von Tampa Tim (Don Swayze) auf verstörende Weise. Es birgt zwar dramaturgisches Potential, dass Charlotte ihrem Umfeld künftig mit einer neuen Härte begegnen dürfte - und vielleicht wird Ray ja ihr nächstes Opfer! Falls sich dabei jedoch Tims Gestammel („ATF. They are like so disorganized. It's like they forgot about me.“) bewahrheiten sollte und den Behörden tatsächlich das Verschwinden ihres Informanten entginge, würde dies der authentischen Wirkung von „The Bridge“ einen weiteren schweren Dämpfer verpassen.

Fazit

Marco wird von Tate zur Nadelsuche im Heuhaufen verdammt, in dem jeder Halm mit Bedacht positioniert wurde, um den Suchenden in den Wahnsinn zu treiben. Dass sich dies auch auf den Zustand von Sonya auswirkt, war abzusehen und stimmt so betroffen wie das schreckliche Schicksal von Gus. Dennoch kann Tates Vendetta nicht kompensieren, dass sich darin jegliche politische Ambitionen der Serie in Luft aufgelöst haben.

Was bleibt, ist die Geschichte über eine Entführung, wie man sie schon in zahlreichen anderen Formaten miterleben konnte. Dabei gibt es aber immerhin die Möglichkeit zum Miträtseln. Die auffällig lang gehaltene Szene, in der sich Cross im Haus von Tates Onkel ein Glas Wasser einschenkt, scheint den Zuschauern einen Hinweis geben zu wollen. Vielleicht wird es der Polizistin zufallen, den Sohn zu retten, während Tate mit Marco - dem er fraglos die Hauptschuld am Tod seiner Frau einräumt - noch etwas Größeres geplant hat?

Die Episode Old Friends dauert nur 37 Minuten. Sträflich werden verlockende Erzählstränge, die die Serie dank ihrer unorthodoxen Charaktere so ungeheuer aufwerteten, komplett vernachlässigt. Warum stagniert die Betrachtung von Juarez? Wieso wird darauf verzichtet, die Geschichte um die mädchenmordende „Bestie“ zu vertiefen? Obwohl der gesamte Cast - allen voran Matthew Lillard und die gemarterten Bichir und Krüger - sein Bestes gibt, kann „The Bridge“ in dieser Episode kaum über das Niveau einer durchschnittlichen Kriminalgeschichte hinauskommen.

Verfasser: Thordes Herbst am Donnerstag, 19. September 2013
Episode
Staffel 1, Episode 10
(The Bridge (US) 1x10)
Deutscher Titel der Episode
Alte Freunde
Titel der Episode im Original
Old Friends
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 11. September 2013 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 19. September 2013
Regisseur
Alex Zakrzewski

Schauspieler in der Episode The Bridge (US) 1x10

Darsteller
Rolle
Demian Bichir
Thomas M. Wright
Ted Levine
Matthew Lillard
Emily Rios

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