The Bridge (US) 1x09

Die neunte Episode von „The Bridge“ muss sich der Konsequenz stellen, dass in Vendetta der unscheinbare Kenneth Hastings (Eric Lange) als bridge butcher David Tate entlarvt wurde. Die Fahndung von Sonya Cross (Diane Kruger) und Marco Riuz (Demian Bichir) nach dem früheren FBI-Agenten und seinen Geiseln profitiert zwar durch die generell überzeugenden schauspielerischen Leistungen. Es kann jedoch bemängelt werden, dass die mitreißenden mexikanisch-amerikanischen Verstrickungen im Moment allzu stark zugunsten eines Entführungsthrillers vernachlässigt werden.
Der Schrecken hat ein Gesicht
Seit in der vorangegangenen Episode das Rätsel um den unbekannten Serienmörder gelüftet worden ist, muss Eric Lange in seiner Rolle des David Tate ganze Arbeit leisten, um die Spannung zu kompensieren, die durch seine Demaskierung verloren gegangen ist. Obwohl die von ihm angekündigte „Überraschung“ für Alma (Catalina Sandino Moreno) Unbehagen stiftet, kann er kaum so bedrohlich wirken wie ein gänzlich unbekannter und dementsprechend unberechenbarer Antagonist.
Die Geburt eines Wahnsinnigen
Lange trifft dabei keine Schuld. Besonders in der anfänglichen Rückblende gelingt es dem Schauspieler ausgezeichnet, seinen Schmerz greifbar zu machen. Die diffuse Inszenierung des Autowracks, in dem Tates Frau und sein Sohn ums Leben gekommen sind, spiegelt auf geniale Weise Trauma und Schock wider. Die Schreie, die er ausstößt, als er erkennt, dass mit seiner Familie auch ein Teil von sich selbst gestorben ist, sorgen für Gänsehaut. Dadurch kann man dem Exagenten zwar nicht verzeihen, dass er sich in seinem Rachefeldzug zum mehrfachen Mörder Unschuldiger gemacht hat. Dennoch empfindet man mit Tate zwangsläufig ein gewisses Mitleid. Nach und aufgrund der Tragödie verändert sich Tate. Er wandelt sich von einem Idealisten, der den vielen ermordeten Mädchen von Juarez endlich Gerechtigkeit widerfahren lassen wollte, zu einem Irren, der dem Leben eines Käfers und dem eines Menschen gleichermaßen keine Bedeutung mehr zugesteht. Doch was ist Tates Plan? Waren seine nun verblassten politischen Appelle tatsächlich wenig mehr als ein Ablenkungsmanöver? Es entsteht fast der Eindruck, als würde der Killer nach der langjährigen Planung willkürlich vorgehen. Hatte er nicht Jack Childress dazu angehalten, „den Mexikaner“ zu töten? Und warum bringt er erst Alma in seine Gewalt, nur um sie dann anhand der GPS-Koordinaten wieder retten zu lassen, wenn er doch ebenso gut sofort Gus (Carlos Pratts) in seine Gewalt hätte bringen können? Warum sorgt er insgeheim dafür, dass die Angehörgen seines vermeintlichen Erzfeindes Ruiz wieder näher an den Cop heranrücken? Dies hat er bei Gus mithilfe von Zinas Kurznachrichten angeleitet. Auch für Marco und Alma wird ein Neubeginn dadurch erleichtert, dass Ruiz seiner Frau in einer Ausnahmesituation seine Hingabe beweisen konnte.

Fragen über Fragen. In jedem Fall wäre es wünschenswert, wenn die Macher von „The Bridge“ bald zu den politischen Wurzeln zurückkehren würden. Obwohl die Nebenhandlungsstränge bislang noch den Zugang in das Leben an der Grenzregion aufrechterhalten, würde die Serie ansonsten einen ihrer größten Vorzüge einbüßen. Immerhin bevölkern doch schon allzu viele Formate mit ähnlicher Thematik die amerikanischen Sendeanstalten, auch wenn die Geschichte um die Entführung von Alma und ihren beiden Töchtern gut inszeniert und gespielt wurde.
Marcos Schuld und Sonyas Hilflosigkeit
Marco war vor Jahren fr Tates Frau „The man across the bridge“. Als sich in Ruiz' Schuldgefühle, seinen früheren Freund betrogen zu haben die Gewissheit mischt, dadurch indirekt das Leben seiner eigenen Familie aufs Spiel gesetzt zu haben, schaltet er kompromisslos in einen Modus, der außerhalb seiner Lieben keine Prioritäten zulässt. In dieser Extremsituation kann er keine Rücksicht auf Sonyas zwischenmenschlichen Defizite nehmen. Diese werden in The Beetle gleich zweifach prägnant hervorgehoben. Zum einen wird durch Hank Wade (Ted Levine) gezeigt, wie leicht es Menschen normalerweise fällt, in Zeiten der Krise die richtigen, beschwichtigenden Worte „Alles wird gut“ zu formulieren. Zum anderen weist Cross Gus ungeduldig zurück, der sich nach der rührenden Annäherung der beiden in der vorangegangenen Episode wohl falsche Hoffnungen in Bezug auf ihre Zugänglichkeit gemacht hatte.
Kritik und Humor
Die Episode lässt in Bezug auf die Plausibilität ein wenig zu wünschen übrig. Zinas (Tina Ivlev) gut getimtes Aufeinandertreffen mit Gus oder die Tatsache, dass diverse Cops den sich in der Nähe der Zielperson aufhaltenden Tate nicht erspähen können, stechen ins Auge. Auch, dass den Zuschauern bislang eine Erklärung dafür vorenthalten wird, wie Tate seinen Aufprall gegen Sonyas Jeep initiieren konnte, kann beanstandet werden.
Auf der anderen Seite kann „The Bridge“ neuerlich mit Humor herhalten, der einen inmitten des Dramas immer wieder auf angenehme Weise überrumpelt. Dazu zählt besonders Sonyas famose Reaktion darauf, von Gus als „Milf“ bezeichnet worden zu sein: „I know what it means. But I don't have children!?“ Auch einige Aussagen von Bob (Jon Gries), den Steven Linder (Thomas M. Wright) in seinem Handlungsstrang auf dessen Farm besucht, wirken belebend.
Abseits der Haupthandlung
Obwohl Linder die Geschichte momentan entschleunigt, büßt der undurchsichtige Erzählstrang noch nicht seine Faszination ein. Während Stevens Annäherung an Eva (Stephanie Sigman) eine ungeheure Verletzlichkeit innewohnt, manifestiert sich gleichzeitig in Bob ein verlockender Charakter. Die trockene Feststellung „After my first kill I couldn't get enough Cheese Burgers“ des vermeintlich gottesfürchtigen Mannes macht ebenso neugierig auf die Figur wie seine fast schon väterlichen Ratschläge für Linder in Bezug auf das Lügen.

Unerwartet und per Mistgabel scheidet an anderer Stelle Graciela Rivera (Alma Martinez) aus dem Leben. Der Tod ihrer Figur ist insofern bedauerlich, als dass man durch ihre unorthodoxen Geschäftspraktiken immer wieder - auf mehr oder minder erquickliche Weise - überrascht wurde. Andererseits gewinnt der Charakter der Charlotte Millwright (Annabeth Gish) durch den beherzten Mord an Härte. Und auf diesen Charakterzug wird die Witwe sicherlich angewiesen sein, sobald das ATF (Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives) oder die companeros von Rivera auf ihrer Ranch auftauchen. Obwohl Charlottes Wandel von der ängstlichen Witwe, die sich einen starken Mann an ihre Seite holen muss, zur abgebrühten Mörderin - gelinde gesagt - überrascht, gewinnt ihr Handlungsstrang so an Spannung hinzu. Außerdem kündigt sie gegenüber dem grenzenlos loyalen Cesar (Alejandro Patino) entschlossen an, dass man sich als Nächstes mit der Zukunft des Tunnels befassen müsse. Da drängt sich unweigerlich die Frage auf, ob Charlotte wohl ein wenig „bad gebroken“ sein könnte... Mrs. Millwright als neue Königin der Schmuggler?
Fazit
Aufseiten Linders und Charlottes gewinnt die Geschichte in dieser Episode gleichermaßen an vielversprechenden Elementen hinzu. Da in beiden Fällen der Eindruck besteht, dass in „The Bridge“ die Eskalation bevorsteht, lassen sich auch ruhigere Passagen gut ertragen, in denen man sich einfach an den facettenreichen Figuren erfreuen kann.
In Bezug auf die Haupthandlung sollte zukünftig noch etwas besser erklärt werden, wie genau Tate agiert. Der Blick in seine düstere Kommandozentrale kann zwar das strategische Geschick und die langjährige Planung des Killers andeuten. Seine Omnipräsenz und die plötzliche Abkehr von der politischen Agenda sind auf Dauer allerdings Störfaktoren in einer sonst wohl durchdachten Serie.
Glücklicherweise erleichtert es einem der großartige Cast der Serie auch in der Episode The Beetle, über etwaige Unzulänglichkeiten hinwegzusehen. Krüger kann besonders durch dezente Nuancen begeistern, in denen sich - wie in einem verzweifelten Zucken - ihre Hilflosigkeit manifestiert.
Auch Bechir kann in seiner Rolle des Marco Ruiz überzeugen, der vor lauter Angst das innere Tier zum Vorschein kommen lässt und im Zusammenspiel mit Serienfrau Moreno regelrecht glänzen kann. Am eindrucksvollsten hat sich jedoch Carlos Pratts als Gus hervorgetan, der die emotionale Achterbahnfahrt seines Charakters zu jedem Zeitpunkt glaubhaft und packend nach außen tragen konnte.
Während die erste Staffel des skandinavischen Originalformats bereits mit der zehnten Episode zu Ende ging, stehen Cross und Riuz jetzt noch vier weitere Folgen bevor. Man darf also die Hoffnung beibehalten, dass sich die Serie noch einmal vertieft den Konflikten in der Grenzregion zuwenden wird.
Verfasser: Thordes Herbst am Donnerstag, 5. September 2013(The Bridge (US) 1x09)
Schauspieler in der Episode The Bridge (US) 1x09
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