The Bridge (US) 1x08

Wie schon der Episodentitel Vendetta nahelegt, geht es in der achten Folge von „The Bridge“ um Rache. Doch dass es sich dabei nicht nur um das Hauptmotiv des bridge butcher handelt, sondern dass dieser zudem noch enttarnt wird - damit hätte wohl kaum jemand gerechnet. Durch die große Offenbarung, dass es sich bei einem der unscheinbarsten Charaktere um das kriminelle Genie handeln soll, wird die Serie in den verbleibenden fünf Episoden zwangsläufig eine neue Richtung einschlagen.
Der Anfang vom Ende
Vendetta beginnt so vielversprechend, wie die Serie mit der wirklich hervorragenden, vorangegangenen Episode Destino aufgehört hat. Sechs Jahre vor seinem Schlaganfall war der Journalist Daniel Frye (Matthew Lillard) viele, viele Meilen davon entfernt, clean zu sein. Damals machte er lieber mit dem reichen Spross Santi Jr. und jeder Menge Kokain einen Stripclub unsicher. Obwohl Frye dabei zwar keinen sonderlich geistreichen, aber doch einen amüsierten Eindruck macht, verschwindet er sichtlich bekümmert, nachdem sich sein Freund im Porsche auf den Weg über die Grenze macht. Die Sequenz, die an sich wieder das kleine Portrait eines düsteren Lebens zeichnet, verbindet sich später eindrucksvoll mit dem großen Zusammenhang.
Eine Tragödie mit Folgen
Die verhängnisvolle Drogenbeschaffungsfahrt resultierte in dem Tod von der Ehefrau und der Tochter des Gesetzeshüters David Tate. Und genau an diesem tragischen Ereignis laufen die dramaturgischen Fäden zusammen, die sowohl Frye als auch Marco Ruiz (Demian Bichir) mit dem bridge butcher verbinden. Der eine hat sich mit dem fahrlässigen Mörder seiner Familie die Nächte um die Ohren geschlagen, während der andere mit seiner Frau geschlafen hat. Nicht Alma (Catalina Sandino Moreno) war die Geliebte, die der Ehe zwischen Ruiz und der Mutter von Gus (Carlos Pratts) ein Ende bereitet hatte, sondern Mrs. Tate.
Während der echte Kenneth Hastings im trockenen Wüstenboden von Jack Childress (Chris Browning) seine letzte Ruhestätte gefunden hat, hat sich Eric Langes David Tate zwischenzeitlich dessen Idendität einverleibt. Allem Anschein nach hat der unscheinbare Kollege Almas mit der Halbglatze die letzten Jahre damit zugebracht, seine persönliche „Vendetta“ zu planen. Zu Tates favorisierten Opfern gehören nicht nur Ruiz, den sein Handlanger Childress hätte ermorden sollen, sondern auch Santi Jr., dem Tate eiskalt auf einer Herrentoilette die Kehle aufschlitzt.
Bevor der Killer die völlig unbedarfte Alma in seine Gewalt bringt, hinterlässt er in einer schaurigen Geste seinen blutigen Handabdruck auf dem Spiegel. Die Zeit des Rätselns und Spekulierens hat so für die Zuschauer und die Polizisten gleichermaßen endgültig ein Ende.

... Und was ist mit der Politik?
Auch der Leichnam von Santi Jr. ist mit einer der charakteristischen Perlen versehen. Da diese einst um den Hals von Tates Ehefrau baumelten, besteht kein Zweifel mehr daran, dass die Mordserie des bridge butcher einen zutiefst persönlichen Ursprung hat. Nun drängt sich jedoch die Frage auf, warum Tate für seine Rache einen derartig politischen Mantel gewählt hat. Wollte er lediglich die Behörden verwirren, um seine wahren Opfer leichter ausschalten zu können? Oder hat der Exzess, dem sich der Polizist im Anschluss an den Verlust seiner Familie unterwarf, ihn schlichtweg durchdrehen lassen? Oder begreift Tate seinen individuellen Feldzug auf verquere Weise als Chance, der Gesellschaft die in der Grenzregion allgegenwärtige Ungleichheit vor Augen zu führen? Man darf auf die Erklärungen der Serienverantwortlichen gespannt sein...
Sonya und Gus
Diane Kruger und ihre Figur Sonya Cross haben in dieser Episode gleichermaßen die Gelegenheit, ihr Können zum Besten zu geben. Sonyas Gespür verbietet es ihr - auch im Gegensatz zu ihrem erfahrenen Mentoren Hank Wade (Ted Levine) -, sich in einem verfrühten Erfolg zu sonnen. Für seinen kriminalistischen Fehltritt kann sich Wade übrigens ein Stück weit in der Konfrontation mit dem mexikanischen Vorgesetzten von Ruiz rehabilitieren, aus der er als cleverer und beherrschter Sieger hervorgeht.
Aber zurück zu Frau Krüger: Nachdem sich Tim Cooper (Johnny Dowers) mit ihr eindrucksvoll im Ton vergreift, zeigt sie durch grandioses Spiel die verletzlichste Seite ihres Charakters auf. Im zaghaften Gespräch mit Gus gewährt Cross einen Blick auf ihr problemgeplagtes Inneres, das sie sonst so energisch verbirgt. Als Sonya sich und Gus die eigene Hilflosigkeit und ihre Probleme mit der zwischenmenschlichen Interaktion eingesteht, findet Ruiz Jr. genau die richtigen Worte. Trotz der Unwahrscheinlichkeit, die mit einer Liebschaft der beiden einhergeht, hat diese Szene nichts Lächerliches an sich, sondern verströmt angenehme menschliche Wärme in einer Welt, in der kein Charakter frei von Makeln scheint.
Undurchsichtiger Cooper
Während man sich in der vorangegangenen Episode noch für Cooper erwärmen konnte, fragt man sich nun misstrauisch, warum er so eine gravierende Unsensibilität an den Tag legen musste. Handelt es sich bei ihm einfach um einen emotionalen Tollpatsch - oder verfolgt er damit, Sonyas Zweifel an Childress' Schuld lächerlich zu machen, vielleicht doch einen düsteren Hintergedanken?

Das Leben am Tunnel
Die Nebenschauplätze, die noch nicht direkt mit dem Fall des bridge butcher in Verbindung gebracht wurden, verblassen ein wenig neben der großen Enthüllung des Killers. Dennoch gibt es auch hier einige Highlights zu finden. Sowohl der stupide Fleischberg Ray (Brian Van Holt) als auch Graciela Rivera (Alma Martinez) können durch ihr unorthodoxes Verhalten kurzzeitig für Erheiterung sorgen. Obwohl die Geschichte um den Schmuggeltunnel es spannungstechnisch noch nicht mit dem Rest der Handlung aufnehmen kann, kommt durch die in den Maschinengewehren verborgene Armada von Peilsendern vermehrt Dynamik auf. Es mutet zwar etwas merkwürdig an, dass ihr Gehilfe Rivera sie nicht schon nach dem Fund des ersten Senders alarmiert hat. Fest steht jedoch, dass auch Charlotte Millwright (Annabeth Gish) sich in Kürze entweder vor der kriminellen mexikanischen Lebefrau oder aber vor den Behörden verantworten muss.
Und die anderen
Über Adriana Mendez (Emily Rios) erfahren wir eigentlich nur, dass sie es in ihrer religiösen Familie mit ihrer Homosexualität nicht leicht hat. Ihr Ausflug auf die Party des wenig später dahinscheidenden Santi Jr. wirft aber gleichzeitig neue Fragen über dessen Verbindung zu Frye auf. Warum ist Daniel seinem alten Koksbuddy kein Begriff? Die Theorie, dass Frye sich mit Santi im Zuge von verdeckten Nachforschungen - und unter falschem Namen - eingelassen hat, würde auch erklären, warum der Journalist damals nicht freudig in die Arme der Stripperinnen zurückgekehrt war.
Obwohl Steven Linder (Thomas M. Wright) in Vendetta außerhalb seiner verstörenden Träume nicht viel zu tun bekommt, kann sein ambivalter Charakter einen doch problemlos in den Bann ziehen. Wenn sich der Sonderling - zum Leidwesen seiner überarbeiteten Kollegen - bald wieder auf den Weg nach Mexiko begibt, kann man nur hoffen, dass er nicht zum Nächsten wird, den Fausto Galvan (Ramon Franco) schweren, schweren Herzens ins Jenseits befördert.
Fazit
Es mutet sehr überraschend an, dass „The Bridge“ bereits in Vendetta die Identität des großen Killers gelüftet hat, obwohl doch noch fünf Episoden bis zum Ende dieser ersten Staffel ausstehen. Auch wenn von David Tate mit seinen Haarproblemen selbstverständlich eine geringere Bedrohlichkeit ausgeht als von einem Unbekannten, der ja quasi jeder sein könnte. Sein Charakter hat jedenfalls durch den riskanten Mord an Santi neuerlich unter Beweis gestellt, dass man ihn nicht unterschätzen sollte. Es bleibt abzuwarten, wie die Serie mit der neuen Grunddynamik eines Antagonisten umgehen wird, der sich nicht länger hinter Perlen und anonymen Anrufen verbirgt. Gleichzeitig ist es durchaus möglich, dass Tate die vorangegangene Mordserie nicht im Alleingang initiiert hat und uns das perfide Mastermind - welches vielleicht den politischen Touch zu verantworten hat - bislang noch nicht untergekommen ist.
Charaktere wie Linder oder Galvan sind in dieser Folge etwas zu sehr vernachlässigt worden. Auch hofft man, dass für einige der neueren Begebenheiten im Nachhinein noch Erklärungen nachgereicht werden. Dennoch präsentiert die Episode Vendetta eine derartig gute und abwechslungsreiche Unterhaltung, dass der Gedanke an ganze fünf weitere Folgen durchaus optimistisch stimmt.
Verfasser: Thordes Herbst am Donnerstag, 29. August 2013(The Bridge (US) 1x08)
Schauspieler in der Episode The Bridge (US) 1x08
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