The Bridge (US) 1x13

Die erste Staffel von The Bridge (US) geht mit der Episode The Crazy Place zu Ende. Die Drehbuchautoren im Umfeld von Elwood Reid geben sich darin alle Mühe, die Zuschauer auch für die zweite Staffel der Serie zu begeistern. Leider wirken einige Begebenheiten dabei allzu übertrieben, während an anderer Stelle die Chance auf einen packenden Schlussakkord für Staffel eins vertan wird.
Hilfe und Glück im schlimmsten Unglück
Nach den schrecklichen Torturen, die Eva Guerra (Stephanie Sigman) in der vorangegangenen Episode All About Eva über sich ergehen lassen musste, wird ihr nun gleich zweifach Glück zuteil. Erst hat sie es einem mitleidigen Polizisten zu verdanken, dass sie nicht als Leichnam in der Wüste endet, sondern in einer Art Auffangstation für Verfolgte und Verdammte unterkommt. Dann kommen ihr zudem die Ermittler Sonya Cross (Diane Kruger) und Marco Ruiz (Demian Bichir) zu Hilfe, die sie über die Grenze in die USA schmuggeln, wo sie sich unter dem Dach von Hank Wade (Ted Levine) von ihren Verletzungen erholen kann.
Steven Linder (Thomas M. Wright), der die Suche nach seiner „Braut“ erst initiiert hatte, macht in all seinen Auftritten einen sehr ergreifenden Eindruck: Erst fungiert er als mit einem Foto bewaffneter Zeuge für die verschwundenen Mädchen aus Juarez, wobei wieder die Hilflosigkeit der Angehörigen zutage kommt. Als er dann später in Wades Haus die Hand der schlafenden Eva in die seine nimmt, fragt man sich bei dem Anblick dieser stillen Empathiebekundung, was der Sonderling wohl als nächstes tun wird. Ob er wohl an der Seite seiner Auserwählten verharrt - oder ob er sich doch der Rache verschreiben wird?
Im Umfeld des Tunnels
Während auf Seiten von Linder erst mal eine fragile Ruhe einkehrt, tritt im Handlungsstrang der Charlotte Millwright (Annabeth Gish) eine neue Figur auf die Bildfläche. Arliss Frome (Timothy Bottoms) ist viel zu gut über all ihre illegalen Unternehmungen informiert. Doch für wen arbeitet der mysteriöse Geselle? Greift in Gestalt von Frome endlich das Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives in die Handlung ein? Doch warum sind in seinem Umfeld dann keine weiteren Agenten zu sehen?
Während die Einführung von Frome auf überzeugende Weise die Spannung schürt, wird in dieser Episode bei der Charakterzeichnung von Ray (Brian Van Holt) etwas weniger Geschick an den Tag gelegt. Er findet so penetrant stets genau die falschen Worte, dass man sich hier doch ein bisschen mehr Subtilität gewünscht hätte. Nachdem Ray sich in der Episode Take The Ride, Pay The Toll (1x11) durch seine Geistesgegenwart im Tunnel ein Stück weit rehabilitiert hatte, wünscht man dem komplett hohl erscheinenden Charakter nun wieder das Verderben an den Hals - so viel ignorante Überheblichkeit muss in einer derartig harschen Umgebung bestraft werden.

Während man Cesar (Alejandro Patino) in seiner engelsgleichen Geduld bewundert, ist es einfach nicht nachvollziehbar, warum Charlotte Ray nicht längst verjagt hat. Sie hat sich auf ein Spiel mit den Großen eingelassen, und die wandelnde Schwachstelle namens Ray scheint dabei ein Garant für das Desaster zu sein.
Ein neuer Fall
Sonya möchte sich dem Fall um die Bestie von Juarez annehmen, und den vielen ermordeten Mädchen Gerechtigkeit widerfahren lassen. So wenig wie Zweifel daran bestehen, dass dieser Fall in der zweiten Staffel von „The Bridge“ eine wichtige Rolle spielen wird, gibt zur gleichen Zeit Marcos Verhalten Rätsel auf: Seit dem Moment, in dem er bedeutungsschwer zum Messer greift, nachdem er ein Foto von Gus betrachtet hat, steht fest, dass seine erste Priorität von nun an die Rache sein wird. Leider verkommt in diesem Zusammenhang der Cliffhanger der Episode, in dem Ruiz Fausto Galvan (Ramon Franco) offenbart, David Tate selbst umbringen zu wollen, zur Randerscheinung. Auch Marcos Lüge gegenüber Sonya, dass ihm das weitere Schicksal von dem Mörder seines Sohnes nichts mehr bedeute, kann den Racheakt kaum überraschender erscheinen lassen. Dafür klingt seine Beteuerung, „Don't worry. I won't do anything stupid“, allzu schal.
Zur gleichen Zeit geht mit der Tatsache, dass Ruiz alles verloren hat, was ihm wichtig war, aber ein gewisser Reiz einher. Seine Figur gewinnt dabei an Härte, die ihm und Sonya noch nützen wird, wenn sie sich weiter in die hochgefährlichen Gewässer vorwagen, die die Verbindung zwischen den mexikanischen Polizisten und den ermordeten Mädchen bedeuten. Eine kleine Kostprobe eines zu allem bereiten Marco gibt es schon in The Crazy Place zu sehen. Obwohl es nicht unbedingt angenehm ist, ihm dabei zuzusehen, wie er einen seiner mexikanischen Kollegen brutal zusammenschlägt, ist es doch irgendwie beruhigend, dass auch das Teams der „Guten“ zu skrupellosem Betragen fähig ist.
Eine neue Story
Daniel Frye (Matthew Lillard) und Adriana Mendez (Emily Rios) sollten doch eigentlich nur eine herzerwärmende Geschichte über den Geburtstag einer älteren Dame schreiben. Doch diese ist erstens tot und hat zweitens eine so überwältigende Menge Geld gehortet, dass ihr wohl selbst ein Walter White dafür Respekt zollen würde. Bedauerlicherweise sind die Aneinanderkettung von Zufällen und das Timing für den neuen Fall des Journalistengespanns in ihrer Kombination dann doch etwas zu krass geraten. Die etwas übereifrigen Bemühungen, den Grundstein für spektakuläre investigative Nachforschungen für die kommende Staffel zu etablieren, gehen zulasten der generellen Atmosphäre. Fast verkommt der Handlungsstrang der beiden zu einer Karrikatur seiner selbst. Die Tatsache, dass ein Teilbetrag der 65 Millionen US-Dollar in Euro gefunden wird, macht zwar ein bisschen neugierig. Doch gemeinhin wirkt auch die geheimnisvolle Nachricht - „Forget the money. Who is Millie Quintana?“ - an Frye und Mendez eher wie der Auftakt zu einer Folge der Drei Fragezeichen als der Bestandteil einer Dramaserie für Erwachsene.

Ein Mädchen verschwindet
Dass mit Daniela Mendez zu allem Überfluss noch ein weiteres Mädchen verschwindet, tut dem „Quasi-Finale“ ebenfalls keinen Gefallen. Es ist zwar herzergreifend, beobachten zu müssen, wie Adrianas Mutter in stetig wachsender Verzweiflung an der Bushaltestelle auf ihre Tochter wartet. Doch trotzdem verfehlt es die Handlung an dieser Stelle, tief bewegen zu können - das weiß das unplausible Aufkommen von neuen Brandherden im unmittelbaren Umfeld der Protagonisten zu verhindern.
Fazit
Welcher Ort ist wohl mit dem Episodentitel The Crazy Place gemeint? Ist es die Farm, auf der Ruiz und Cross Eva gefunden haben und in der sich verlorene Gestalten apathisch vor- und zurückwiegen? Oder bezieht sich der Titel vielleicht auf den Geist von Marco, der nach schlimmsten Entbehrungen nun in einen unzurechenbaren Vendetta-Modus umgeschwungen ist? Oder handelt es sich bei dem „verrückten Ort“ vielleicht generell um die Grenzregion zwischen El Paso und Juarez, in der sich regelmäßig Dinge abspielen, die man sich nicht einmal in Alpträumen vorstellen möchte? Vielleicht wollten die Drehbuchautoren damit aber auch die 13. Episode an sich beschreiben, denn die vielen Ereignisse, die sich insbesondere im Umfeld von Frye und Mendez anbahnen, erscheinen doch zu überfrachtet, um noch als normal zu gelten.
Das Problem dieses Staffelfinales besteht zum einen darin, dass sich die Panik der Serienverantwortlichen abzuzeichnen scheint, nun ohne die Unterstützung der skandinavischen Vorlage agieren zu müssen, und dennoch große Unterhaltung bieten wollen.
Zum anderen ermangelt es Marcos finalem „I want to kill him myself“ aus den bereits angeführten Gründen einer spektakulären Wirkung, weswegen ein charakteristischer Knalleffekt in diesem Finale ausbleibt. Der Mord an dem Polizisten, der Marco die Wahrheit über Eva erzählt hatte, kann zwar auf gekonnte Weise die Gnadenlosigkeit hervorheben, mit der in Juarez Befehlsverweigerung und Versagen bestraft werden. Doch da man zu dem Charakter des Ermordeten als Zuschauer keine Beziehung hatte aufbauen können, hält sich auch hier die aufrüttelnde Wirkung in Grenzen.
Obwohl in diesem Finale beim besten Willen nicht alles gelungen ist, wird doch die Mehrheit der faszinierenden Figuren, die aus „The Bridge“ nach wie vor etwas Besonderes machen, verlockend in Stellung gebracht. Es bleibt zu hoffen, dass es den Autoren in der zweiten Staffel gelingen wird, sich ihnen als würdig zu erweisen.
Verfasser: Thordes Herbst am Freitag, 4. Oktober 2013(The Bridge (US) 1x13)
Schauspieler in der Episode The Bridge (US) 1x13
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