The Bridge (US) 1x06

In der Episode ID werden die Zuschauer nicht gerade mit Antworten verwöhnt. Dafür erweitert sich der Blickwinkel von „The Bridge“ ein Stückchen, während gleichzeitig neue Erkenntnisse über die Vergangenheit der Protagonisten Marco Ruiz (Demian Bichir) und Sonya Cross (Diane Kruger) präsentiert werden. Besonders auf Seiten der amerikanischen Ermittlerin sind diese Erkenntnisse herzergreifend.
Humor in kleinen Prisen
Trotz der bitterernsten Thematik der nunmehr sechsten Episode von „The Bridge“, die sich zwischen von Messern durchbohrten Leichen, Drogensüchtigen und toten Prostituierten hin- und herbewegt, kommt es zumindest in der ersten Hälfte der Folge noch zu kleinen humoristischen Einlagen. Als Fausto Galvan (Ramon Franco) Charlotte Millwright (Annabeth Gish) bei der Beseitigung des - durch Linder (Thomas M. Wright) getöteten - Hector (aka „Calaca“; Arturo del Puerto) im Tunnel begegnet, sorgt er durch seinen beiläufigen Gruß für Erheiterung. Auch Daniel Fryes (Matthew Lillard) hektische Säuberungsmaßnahmen fallen in diese Kategorie. Sein erster Schritt im Kampf gegen die Sucht dient dank seiner vielen kreativen Verstecke und der freundlichen musikalischen Untermalung zwar ein Stück weit als Comic Relief. Gleichzeitig ist dieser Schritt aber auch entscheidend für die Entwicklung seines Charakters. Wachgerüttelt durch seine spezielle Rolle im Falle des bridge butcher und inspiriert durch seine gradlinige Kollegin Adriana Mendez (Emily Rios) macht sich bei ihm neuer Arbeitseifer bemerkbar.
Nachforschungen
Gemeinsam führen die beiden Journalisten die Untersuchungen in ihrem prekären Fall fort. Dabei beginnen sie, auffällige Verbindungen zu durchschauen: „The agent who got his head cut off was screwing the hooker who got cut in half.“ Auch stoßen Frye und Mendez auf den Zusammenhang zwischen Galvan, der Beseitigung von 22 Leichen - zu denen auch Galvans Bruder und der Oberkörper von Christina Fuentes zählten - in der Calle Parsonieros und dem polizeilichen Wirken von Ruiz, der den Fall im Sande hatte verlaufen lassen.
Ein Ehrenmann mit Makeln
Was das Journalistengespann jedoch nicht weiß, und was - Galvan zufolge - auch niemand je erfahren sollte, ist die Tatsache, dass Ruiz dem Drogenhändler und Kartellmitglied derweil das Lösegeld zurückgibt, das er ihm für die in der Sonne fixierte Maria ausgelegt hatte. Während an anderer Stelle immer wieder seine Makel als Ehemann thematisiert werden (allem Anschein nach hatte er bereits zuvor einmal seine Ehefrau (die Mutter von Gus (Carlos Pratts)?) für eine Geliebte (Alma (Catalina Sandino Moreno)?) verlassen), kristallisieren sich hier ebenso sein berufliches Ethos wie auch sein stabiles Rückgrat heraus.

Schreckliche Parallelen
Sonya und die traumatisierte Gina Meadows (Cole Bernstein), die als einzige Zeugin das Gesicht des Mörders hatte sehen können, haben viel gemeinsam. So litten beide unter einer drogensüchtigen Mutter. Beide haben zudem einen Menschen verloren, der ihnen nahe stand. Über den großen Verlust, den Sonya noch immer nicht gänzlich verarbeiten konnte, werden in ID endlich wichtige Informationen nachgereicht.
Auf Tuchfühlung mit Jim Dobbs
Hank Wade (Ted Levine), der ausgerechnet bei Ginas Vater eine Therapie gemacht hatte, gibt uns ebenso neue Erkenntnisse über Sonya wie sie selbst. Levine gelingt es wahrlich ausgezeichnet, hinter den betont abgeklärten Schilderungen darüber, wie er einst heimtückisch auf den Mörder und Vergewaltiger von Sonyas Schwester geschossen hatte, die innere Verletzlichkeit seines Charakters nach außen zu tragen. Wade macht sich bis heute große Vorwürfe, seinen späteren Schützling durch den Schuss, der das Hirn von Jim Dobbs (Brad William Henke; Justified) irreparabel beschädigt hatte, der Möglichkeit beraubt zu haben, jemals Antworten zu finden. Dadurch hat er Cross zu einer Existenz der Ungewissheit verbannt, in der sie hilflos nach wirklich allem greift, was die Aussicht auf Nähe zu ihrer toten Schwester verspricht - sei es das in ihrer Schreibtischschublade verborgene Stück Stoff in Leopardenoptik - das wohl ein Teil der Kleidung gewesen war, in der das Mädchen ermordet wurde - oder gar die Hand des Mörders selbst, der nun in umnachtetem Zustand kindliche Zeichnungen anfertigt. All diese zutiefst verzweifelten Gesten vermögen es, tief zu berühren.
Tod einer Unschuldigen
Trotz ihrer ähnlichen Schicksale verhindert es Sonyas Autismus, dass sie und Gina eine Vertrauensbasis aufbauen können: Cross bedient sich mit Frühstück und einem Glas Wasser zwar theoretisch der typischen empathischen „Werkzeuge“, um sich Gina anzunähern. In der Praxis weist ihr Umgang jedoch weiter einen eklatanten Mangel an Feinfühligkeit auf. So sieht Sonya in dem verstörten Mädchen keine Seelenverwandte, sondern in erster Linie eine furchtbar ineffektive Augenzeugin.
Allen vertraulichen Zigaretten und Bemühungen zum Trotz versucht Gina, der Obhut der Polizisten zu entkommen - und muss dafür mit dem Leben bezahlen. Wie auch im Zusammenspiel mit dem behinderten Dobbs wohnt Sonyas Verzweiflung über den Tod ihrer Schicksalsgenossin dank Krügers überzeugendem Spiel eine mitreißende Intensität inne. Dank der ebenfalls ausgezeichneten Leistung ihrer jungen Kollegin Cole Bernstein ist es innerhalb kurzer Zeit möglich gewesen, sich auch für Gina zu erwärmen. Deswegen geht mit ihrem Tod in Kombination mit Sonyas Seelenqualen gleich eine doppelte Wucht einher. Der Mord an Gina macht nicht nur klar, dass der butcher für sein Ziel auch das unschuldigste Opfer in Kauf nimmt, sondern auch, dass er sich sich im unmittelbaren beruflichen Umfeld der Protagonisten bewegt - und sie sogar beobachtet.

Mut zur Lücke
Nach wie vor ist es unmöglich, das verworrene Beziehungsgeflecht, das sich zwischen den verschiedenen Charakteren von „The Bridge“ entspinnt, zu durchschauen. Im Einklang mit dieser eingeschränkten Sichtweise wird auch die Welt von Juarez im Stile von Schnappschüssen betrachtet. An einem schweigsamen Gerichtsmediziner, der einen regelrecht paranoiden Eindruck macht, wird wiederum das grassierende Ausmaß des Falles Fuentes angedeutet.
Ginas Vater Peter (P. J. Marshall), der mit der Columbian Necktie verziert worden war, war entgegen früherer Annahmen doch in das Geschäft mit (verschreibungspflichtigen) Drogen involviert. Wieder manifestiert sich ein Puzzleteil, aus dem sich wohl irgendwann der Masterplan des Killers ablesen lassen wird.
Auch an anderer Stelle wird der Zuschauer nur häppchenweise mit neuen Informationen versorgt. So liefern die SMS-Texte von Gus' Freundin Zina, deren Sichtbarmachung an die britische Serie Sherlock erinnert, nur vage Andeutungen.
Ein weiterer Brandherd tut sich in dem Handlungsstrang um Charlotte Millwright auf, deren fleischiger Freund Ray von nun an die Geschäftsbeziehung mit der bedrohlichen Graciela Rivera (Alma Martinez) fortführen soll. Neben der unterschwellig mächtigen Mexikanerin scheint die physische Überlegenheit Rays regelrecht zu verpuffen. Sowohl sein rüpelhaft-arrogantes Auftreten als auch die zweifelhafte Wahl seiner Geschäftspartner - der schmierige „Tampa Tim“ (Don Swayze, Bruder des verblichenen Patrick Swayze) ist dem Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives in die Fänge geraten - zeichnen düstere Zukunftsaussichten für die Witwe.
Fazit
Obwohl die Episode ID die Handlung um den Perlen-verteilenden bridge butcher wenig vorantreibt, büßt die Serie kaum an Spannung ein. Das ist vor allem den ausgezeichneten Schauspielern zugute zu halten, von denen sich in dieser Folge neben den beiden Protagonisten vor allem Ted Levine und Cole Bernstein auszeichnen.
Zur Zeit wirkt es irritierend, wie viele der Figuren im unmittelbaren Zusammenhang miteinander stehen. Die schiere Masse an vermeintlichen Zufällen schürt jedoch gleichzeitig die Neugier über die Identität des mysteriösen butcher, der über jede dieser Verbindungen Bescheid zu wissen scheint. Ob wir ihn schon gesehen haben? Während das geistige Auge heimlich die verschiedenen Beschäftigten der Polizei von El Paso abtastet, drängt sich bislang kein erhärteter Verdacht auf.
Immer wieder wird man in „The Bridge“ von kleineren Details überrumpelt. So hatte zumindest die Rezensentin nicht mit dem Kuss gerechnet, mit dem Alma Ruiz durch ihren Arbeitskollegen bedacht wird. Weniger erfreulich ist in dieser Folge die vollkommene Abwesenheit von Steven Linder, der trotz des erweiterten Betrachtungsfeldes vernachlässigt wird. Es bleibt zu hoffen, dass diese vielversprechende Figur die Konfrontation mit Fausto Galvan überlebt hat und dass er auch in der zweiten Hälfte der Jungfernstaffel dieser kraftvollen Serie sein Unwesen treiben wird.
Verfasser: Thordes Herbst am Donnerstag, 15. August 2013(The Bridge (US) 1x06)
Schauspieler in der Episode The Bridge (US) 1x06
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