The Bridge (US) 1x05

Episode für Episode können sich die Eigenheiten der Ermittler Sonya Cross (Diane Kruger) und Marco Riuz (Demian Bichir) weiter herauskristallisieren. Die Charakterisierung der beiden wird zum Glück oft auf subtile Weise vorangetrieben. Da auch die anderen Figuren aus „The Bridge“ mittlerweile ein verlockendes Eigenleben entwickelt haben und wir an ihrer Seite tief in die raue Welt von Juarez eindringen können, gerät der Fall um den Serienkiller beinahe in den Hintergrund.
Von Serienmördern und Businessmännern
Der Einstieg in die neue Episode von „The Bridge“ wird von einem scharfen Kontrast bestimmt. Erst regt Fausto Galvans (Ramon Franco) fast schon philosophisches Zwiegespräch mit seinem Handlanger zum Schmunzeln an. Etwas unbeholfen muss sich Galvan selbst versichern, dass es sich bei ihm nicht um einen Serienkiller handelt. Schließlich stellt das Töten in seinem Job als „hombre de negocios“ („Geschäftsmann“) schlichtweg eine berufliche Notwendigkeit dar und kein vergnügliches Hobby. Nach dieser Definition fiele auch der große Unbekannte, der durch die Medien den Namen bridge butcher bekommen hat, nicht in die Kategorie der Serienmörder - schließlich mordet auch er aus einer pragmatischen Notwendigkeit heraus: Er will die Aufmerksamkeit der Menschen mit allen Mitteln auf das ungerechte Gefälle lenken, das zwischen den USA und Mexiko grassiert. Auch die Selbsteinschätzung des butcher als „nichts Besonderes“ im Telefonat mit Sonya belegt, dass er sich nicht durch den Narzissmus auszeichnet, der für psychopathische Serienmörder so charakteristisch ist.
Humor und Schrecken
Aus derartigen Gedankenspielen wird der Zuschauer unsanft herausgerissen, als der Humor, den Galvans Selbstreflexion mit sich brachte, durch einen eiskalten Mord des Geschäftsmannes erstickt wird. Ein Cousin des Würgemörders Hector (Arturo del Puerto), dessen Gesicht und Finger von vorausgegangener Folter zeugen, bringt Galvan auf die Spur von Steven Linder (Thomas M. Wright). Dann wird er eiskalt erschossen. Aus Notwendigkeit, versteht sich.
Neben Galvan heitert auch dessen neuestes Zielobjekt kurzzeitig die dunkle Atmosphäre auf, die „The Bridge“ so eindringlich verströmt. Nachdem er Hector in einer ungemein nervenzehrenden Szene aus Notwehr mit einem Bügeleisen erst heiß- und dann kaltmacht, stellt er sich bei der Beseitigung der Leiche reichlich amateurhaft und ungeschickt an. Sowohl die Frischhaltefolie, mit der er provisorisch den Kopf des Toten umwickelt, als auch die hilflose Anwandlung, den Leichnam aus einem Fenster zu werfen, untermalen, dass dies wohl die erste Leichenbeseitigung ist, mit der sich der Sonderling konfrontiert sieht. Hoffentlich wird im Handlungsverlauf noch erörtert werden, wie es Galvan gelingen konnte, Linder mitten im Nirgendwo bei dem Vergraben der Leiche zu ertappen. Immer wieder kommt es in der Serie zu derartig glücklichen Zufällen, dass der Zuschauer darüber kurzzeitig ins Stocken gerät. Glücklicherweise gelingt es den außergewöhnlichen und vielschichtigen Figuren schnell, einem über logische Stolpersteine hinwegzuhelfen.

Verknüpfungen
Es kreuzen sich nicht nur die Wege von Galvan und Linder. Auch an anderer Stelle von The Beast werden vormals isolierte Erzählstränge miteinander verbunden. Zunächst unternehmen wir an der Seite der durch ihre Eltern vernachlässigten Ladendiebin Gina Meadows (Cole Bernstein) eine symbolträchtige Reise nach Mexiko. Der üppige Gegenverkehr aus mexikanischen Arbeitern bei der Überquerung der Brücke untermalt dabei, welche Seite der Grenze von der Mehrzahl der Menschen präferiert wird. Es ist auffällig, dass an der mexikanishen Seite - abseits des ebenfalls nicht gänzlich untadeligen Ruiz - kaum ein gutes Haar gelassen wird. Das Leben in Juarez ist zwar hart und ein vermehrtes Aufkommen von Verbrechen lässt sich nicht verleugnen. Dennoch wird sicherlich nicht jeder Mexikaner zum kriminellen Opportunisten, sobald sich für ihn die Chance ergibt. Glücklicherweise trifft Gina auch auf Esme, die die unvorsichtige „Gringa“ in Sicherheit bringt. Dabei kann sie zum einen das düstere Bild Mexikos ein wenig aufhellen und zum anderen Gina und die Zuschauer gleichermaßen über „Die Bestie“ aufklären, die in der Gegend um Juarez immer wieder junge Mädchen ermordet. „Zufällig“ zählt auch Esmes Schwester zu den ungesühnten Opfern.
Bestie vs. Brückenschlachter
Dank Esmes verstörenden Schilderungen schließt Gina später eine Verbindung zu dem Mädchenmörder, als sie den Mord an ihrem Vater mit ansehen muss - bei dem es sich „zufällig“ um den Psychologen des enthaupteten Agenten Ralph Gedman gehandelt hatte. Doch ob tatsächlich die „Bestie“ oder doch der bridge butcher für die Columbian Necktie verantwortlich ist, die den Hals von Peter Meadows (P. J. Marshall) entstellt, ist unklar. Bernstein leistet in ihrer Rolle der Gina - wie auch alle anderen Darsteller - sehr gute Arbeit. Schnell kann man sich für das verstörte Mädchen erwärmen und hofft, dass sie nicht durch ihr Wissen über den Killer in Gefahr geraten wird.
Entwaffnende Naivität
„Ask me no questions, I will tell you no lies.“ Sowohl Ruiz als auch Daniel Frye (Matthew Lillard) bedienen sich dieses Satzes und verraten dadurch indirekt, dass es sich bei ihnen um Individuen handelt, die sich an ihren Lebensraum angepasst haben. Dennoch lassen sie sich jeweils durch Sonyas unverstellte Art aus dem Konzept bringen, die eher versehentlich ihre wunden Punkte attackiert. Frye zwingt sie durch die neugierig anmutende Thematisierung seiner Sucht in die Defensive, während sie durch ihre zwischenmenschliche Tollpatschigkeit, die oft einen ignoranten Eindruck macht, die Ehekrise im Hause Ruiz einleitet.
Die Szene um Marcos verräterisches Portemonnaie ist dabei ebenso gelungen und unhysterisch in Szene gesetzt wie die stille Verzweiflung seiner Frau Alma (Catalina Sandino Moreno).

Das durch den Betrug an seiner schwangeren Frau angekratzte Image von Marco wird gleich zweifach wieder aufgewertet: Zum einen gibt er Charlotte Millwright (Annabeth Gish) dezent zu verstehen, dass er sich zukünftig wieder auf seine Ehefrau konzentrieren wird. Zum anderen setzt er sich für die von der Sonne gemarterte Maria (Karen Sours) ein. Auch, als Ruiz die Nacht auf Sonyas Couch verbringt, macht er eine einfühlsame Figur. Diese Szene wird durch Hank Wade (Ted Levine) übrigens mit einem brillanten Gesichtsausdruck quittiert, der irgendwo zwischen blankem Erstaunen und zaghaftem Amüsement verortet liegt. Die Tatsache, dass sich Cross und Ruiz trotz aller Komplikation näherkommen, macht ebenso neugierig auf die nachfolgenden Entwicklungen wie die neuen Erkenntnisse über den Mord an Sonyas Schwester.
Der große Zusammenhang
Der praktisch allwissend erscheinende bridge butcher weist die Ermittler auf eine Verbindung zwischen dem FBI und mexikanischen Prostituierten hin. So hat die Ermittlungsbehörde allem Anschein nach davon gewusst, dass der enthauptete Agent Ralph Gedman ein regelmäßiger Kunde von Christina Fuentes gewesen war. Die verwerflichen Verstrickungen umhüllen wie ein unheilvoller Schatten das gesamte Szenario. Obwohl auch mit der Suche nach dem Killer, die durch neue Indizien am Leben gehalten wird (ist der Mörder ein Polizist?), ein gewisser Reiz einhergeht, ist „The Bridge“ doch weit mehr als eine bloße Kriminalgeschichte.
Fazit
Mit Kritik an den Logiklöchern möchte die Rezensentin sich vorerst zurückhalten. Schließlich entpuppt sich in dieser Folge auch Sonyas spontan verkümmertes Spanisch schlichtweg fast schon als Herangehensweise der Ermittlerin. Überhaupt gelingt es der Serie, die Zuschauer so fest in ihren Bann zu ziehen, dass man bereit ist, über kleinere Mäkel hinwegzusehen. Die generelle Härte des Lebens in Juarez und Details wie The Columbian Necktie - die Kennern der Serien Hannibal und Breaking Bad bereits ein Begriff sein dürfte - zeichnen ein trostloses, aber dennoch faszinierendes Bild.
Die Geschichte verdichtet sich zusehends, wobei besonders Linders einzigartiger Charakter die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Der Handlungsstrang der Charlotte Millwright scheint momentan zu stagnieren. Die Vertrauensbasis, die der Sex mit Ruiz geschaffen hat, erscheint hier weitaus vielversprechender als das ausgeprägtes Nähebedürfnis der Witwe. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass auch Charlottes Handlungsstrang - angereichert durch die Präsenz der bedrohlichen Pferdemörderin Graciela Rivera (Alma Martinez) - noch an Spannung gewinnen wird. Insgesamt ist The Beast eine weitere packende Folge von „The Bridge“, die durch die Regisseurin Gwyneth Horder-Payton sehr dezent und feinfühlig in Szene gesetzt wurde.
Verfasser: Thordes Herbst am Donnerstag, 8. August 2013(The Bridge (US) 1x05)
Schauspieler in der Episode The Bridge (US) 1x05
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