The Americans 3x13

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Es bedarf schon einer gehörigen Portion Mut, eine Staffel so zu beenden, wie es Joel Fields und Joe Weisberg mit der dritten von The Americans getan haben. Angesichts der wahrlich bedauerlichen Einschaltquoten dieser Serie spricht es für das Selbstbewusstsein der beiden Showrunner, einfach darauf zu vertrauen, dass ihr Heimatsender FX ihnen angesichts der hohen Qualität ihres Formats schon nicht den Stecker ziehen wird.
They are the focus of evil in the modern world
Nun versucht fast jede Serie, ein Staffelende abzuliefern, das den Zuschauer im nächsten Jahr wieder zum Einschalten animiert. Ja, liebe Leser, es wird erst 2016 neue Episoden von The Americans geben. Das ist die bittere Realität, der wir alle ins Auge sehen müssen. Mit March 8, 1983 bekommen wir aber ein Finale, das bis auf wenige Ausnahmen bestätigt, dass diese Dramaserie die derzeit beste im amerikanischen Fernsehen ist. Wie keine andere ist sie gleichzeitig bedrückend, traurig, witzig, überraschend und emotional mitreißend.
Nach dem großen Cliffhanger am Ende der letzten Episode ist es jedoch verwunderlich, dass Martha (Alison Wright) hier keinen Auftritt bekommt. Erst spät wird die Vermutung bestätigt, dass Philip aka Clarke (Matthew Rhys) seine Perücke abgenommen hat, um Martha zu beruhigen und wieder auf seine Seite zu ziehen. Ich bin mir sicher, dass viele Zuschauer (mich eingeschlossen) durchaus damit gerechnet haben, dass Philip seinen FBI-Maulwurf auch hätte töten können.
Weil er zu Martha bereits eine zu starke emotionale Bindung aufgebaut hat, wählt er einen anderen Pfad - gemordet wird auf diesem aber trotzdem. Das nächste Opfer in Philips scheinbar endloser Mordserie ist Marthas Kollege Gene (Luke Robertson). Um ganz sicher zu gehen, dass Martha in der FBI-Ermittlung um die Wanze im Büro von Frank Gaad (Richard Thomas) entlastet wird, hinterlässt Philip inkriminierendes Material in dessen Wohnung und einen Abschiedsbrief auf dessen Computer. Wohl ist ihm dabei nicht - wohl ist ihm schon lange nicht mehr angesichts all dieser furchtbaren Verbrechen, die er im Namen seines Heimatlandes begehen muss.
In der Vergangenheit machte Philip seinem Unmut bereits öfter bei Kontaktmann und Mentor Gabriel (Frank Langella) Luft. Nun scheint jedoch eine Grenze erreicht zu sein, die seine Fassade auch gegenüber anderen Personen bröckeln lässt. Gegenüber Yousaf (Rahul Khanna) macht Philip nur noch den halbherzigen Versuch, die Scharade als „Scott“ aufrechtzuhalten. Am Ende des Gesprächs, in dem die erfolgreiche Verhinderung der Lieferung von Flugabwehrraketen an die afghanischen Mudschahedin proklamiert wird, gibt Philip freimütig zu: „I feel like shit all the time.“ („Ich fühle mich die ganze Zeit über wie ein Haufen Scheiße.“)
Was it worth it?
Er spricht dabei die Wahrheit, wie wir unschwer an den Variationen gequälter Gesichtsausdrücke erkennen können, die Matthew Rhys seiner Figur auf so wunderbare Weise verleiht. Die Wahrheit über seine deprimierende Existenz führt ihn schließlich alleine ins EST-Seminar, wo er bisher eigentlich immer nur war, um seinem Freund Stan (Noah Emmerich) Beistand zu leisten. Nun sucht er aber selbst nach Antworten, nach Kontrolle über sein eigenes Leben, nach Kontrolle über seinen eigenen Körper, die er vor Jahrzehnten schon an Mama Russland abgegeben hat.
Unerwarteten Trost findet er bei Sandra Beeman (Susan Misner), Stans Exfrau, die das Seminar weiterhin besucht, obwohl sie in einer frischen Beziehung ist. Nach einem erfolglosen Versuch der Kontaktaufnahme schlägt sie einen geheimen Pakt vor, wonach beide vollkommen offen miteinander umgehen könnten. Sie macht denn auch sogleich den Anfang, indem sie zugibt: „I'm not sure anyone in my life has ever really known me.“ („Ich glaube nicht, dass irgendjemand in meinem Leben mich jemals wirklich gekannt hat.“)
Philip behauptet, es sei Elizabeth, die ihn wirklich kenne. Das kommt wohl ziemlich nahe an die Wahrheit heran, wenngleich er auch seiner Ehefrau nicht alles über seine wahren Gefühle erzählen kann. Er ist einfach nicht mehr so stark von seiner Mission überzeugt wie Elizabeth - vielleicht war er es nie. Aber natürlich kann er sich auch nicht gegenüber Sandra offenbaren, schließlich würde sie nicht in ihren schlimmsten Albträumen erahnen können, wer Philip wirklich ist. Es ist schön zu sehen, dass Susan Misner hier eine solch wichtige Rolle zugesprochen bekommt, hat die Serie doch lange nicht gewusst, was sie mit ihrer Hauptdarstellerin anfangen soll.
Zu einer überraschenden Wendung kommt es indes im Handlungsstrang um Stan Beeman, seines Zeichens FBI-Agent und bester Buddy des vernachlässigten Jennings-Sprosses Henry (Keidrich Sellati). Gegenüber seinem Vorgesetzten Gaad gibt Stan zu, dass er mit Oleg Burov (Costa Ronin) von der „Rezidentura“ zusammengearbeitet habe, um Nina Sergeevna (Annet Mahendru) aus russischer Gefangenschaft zu befreien.
They only have my body
Er habe dies aber nur getan, um zu erfahren, ob die ihm anvertraute russische Überläuferin Zinaida (Svetlana Efremova) wirklich eine solche sei - und, um ein Druckmittel gegen Burov zu bekommen, mit dem er ihn schließlich in den Dienst des FBI stellen könnte. Beide Pläne gehen auf, stoßen bei Gaad aber auf wenig Gegenliebe - ganz einfach, weil er über diese Vorgänge nicht informiert wurde. Stans Glück ist es, dass die higher ups, inklusive Präsident Reagan, einen Agenten bevorzugen, der selbst anpackt - gegenüber einem Bürokraten, der stets sämtliche Vorschriften befolgt.
Stan behält also seine Karriere und darf seinen ursprünglichen Plan, Burov umzukehren, weiter verfolgen. Den eigentlichen Plan, warum er diese ganze Aktion überhaupt begonnen hatte - die Rettung Ninas aus dem russischen Gulag -, muss er aber endgültig begraben. Sie ist jetzt ganz auf sich alleine gestellt, begegnet dieser Herausforderung aber nicht gerade mit dem größten Kampfesmut. Ihre Mission mit Anton (Michael Aronov) macht kleine Fortschritte, jedoch wissen wir hier nie genau, welchen Aussagen Ninas wir glauben können - so wie wir eigentlich nie wirklich wissen konnten, was wir ihr glauben sollen.
Anton glaubt jedenfalls, den schwindenden Lebensmut in ihren Aussagen zu spüren und gibt ihr einen Tipp, der den Zwiespalt widerspiegelt, in dem sich Philip befindet. Demnach sollte sie sich von der Sorge um ihr körperliches Wohl verabschieden. Wenn sie ihren Gegnern die Fähigkeit nehme, ihr so Leid zuzufügen, hätten diese keine wirksamen Mittel mehr gegen sie in der Hand. Ihre Gedanken könnten sie schließlich nicht kontrollieren. Hört sich natürlich viel einfacher an, als es wirklich ist - aber das ist die bittere Realität, in der diese Spione damals lebten.
Es ist die bittere Realität, in die Paige Jennings (Holly Taylor) nun geworfen werden soll - wenn es nach dem Willen des Center und ihrer eigenen Mutter Elizabeth (Keri Russell) geht. Die beiden machen sich zu Beginn der Episode auf den Weg nach Westdeutschland, um so nah wie möglich an den Eisernen Vorhang zu kommen, wo es ein letztes Wiedersehen mit Elizabeths Mutter geben soll.
To lie for the rest of my life, that's not who I am
Schon vor dem Treffen schrillen jedoch Paiges Alarmglocken. Als sie mit ihrer Mutter völlig unbehelligt durch Kreuzbergs nächtliche Straßen läuft, bekommt sie erstmals die Paranoia zu spüren, die das Leben ihrer Eltern seit Jahrzehnten bestimmt. Diesem ersten beunruhigenden Zeichen folgt dann die Begegnung mit ihrer Großmutter, die von Regisseur Daniel Sackheim angenehm zurückgenommen inszeniert wird - was nicht bedeutet, dass die Szene nicht die erwartete emotionale Wucht entfaltet.
Hier sieht eine Mutter ihre Tochter wieder, die sie vor Jahrzehnten aufgegeben hat. Hier sieht eine Tochter ihre Mutter wieder, von der sie vor Jahrzehnten verlassen wurde. Hier sehen sich Großmutter und Enkelin zum ersten Mal in ihrem Leben. Die Begegnung währt nur kurz, hinterlässt bei Paige aber einen umso stärkeren Eindruck - nur nicht den Eindruck, den sich Elizabeth davon erhofft hat. Die erste Reaktion ihrer Tochter ist es, für ihre Großmutter zu beten - eine weitere grandiose Szene, die verdeutlicht, dass Elizabeth ihren Frieden mit Paiges Religiosität gemacht hat. Ein großer Schritt, immerhin ist es die Religion des Klassenfeindes.
Die Erlebnisse in Berlin bestärken Paige also lediglich dazu, den Pfad ihrer Eltern niemals einschlagen zu wollen. Weil er ein Leben als Lüge bereithält. Weil sie sieht, was er aus Menschen macht, welches Leid er in ihnen anrichtet. Weil es für sie keinen Grund gibt, für Russland zu kämpfen. Sie äußert diese Bedenken gegenüber Elizabeth, bekommt als Antwort aber nur eine vage Durchhalteparole zu hören. Zu Hause angekommen, die Traurigkeit in den Augen ihres Vaters erblickend, weiß sie schon, was sie als Nächstes machen wird.
Die großartige Abschlusssequenz liefert schließlich eine Parallelmontage, die emotional aufwühlender nicht sein könnte. Philip versucht, Elizabeth seine intimsten Gefühle zu beichten, was durch die berühmte Rede von Ronald Reagan am 8. März 1983, in der er Russland als „Evil Empire“ („Reich des Bösen“) bezeichnete, unterbrochen wird. Im Haus der Beemans spielen Henry und Stan ein Brettspiel, im Haus der Jennings verrät Paige ihre Eltern an Pastor Tim. So leise und schonungslos, so zurückgenommen und brutal kann Fernsehen sein. So brutal gut.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 23. April 2015(The Americans 3x13)
Schauspieler in der Episode The Americans 3x13
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