The Americans 3x12

The Americans 3x12

In I Am Abbassin Zadran erntet The Americans erneut, was die Serie in den ersten beiden Staffeln behutsam gesät hat. Es gibt wenige Formate, die solch knisternde, oftmals unangenehme Spannung generieren können. Nur die vielen Handlungsbögen geben ein wenig Anlass zur Sorge.

Elizabeth Jennings (Keri Russell) hört das Telefon eines Hotelzimmers ab. / (c) FX
Elizabeth Jennings (Keri Russell) hört das Telefon eines Hotelzimmers ab. / (c) FX
© (c) FX

Es ist bemerkenswert, aus welch unterschiedlichen Situationen die FX-Spionageserie The Americans den Stoff für kaum auszuhaltende Spannungsmomente zieht. Es gab in dieser dritten Staffel - der bisher besten - mehr zum Gruseln einladende Szenen als bei manch anderen Serien in deren gesamtem Verlauf. Ich erinnere an dieser Stelle gerne an die bemitleidenswerte Annelise, deren Leiche in einen Koffer gestopft wurde, oder die Szene zwischen Elizabeth (Keri Russell) und Philip (Matthew Rhys), in der Mr. Jennings seiner Ehefrau einen schmerzenden Zahn zieht.

I can't be here with you like this

Auch in I Am Abassin Zadran gibt es wieder zwei Szenen, bei denen man schon ein besonders abgebrühter Zuschauer sein muss, um nicht wenigstens ein bisschen zusammenzuzucken. Die erste ereignet sich zu einem frühen Zeitpunkt in der Episode, als Paige (Holly Taylor) vor dem Haus ihrer Ersatzfamilie, dem Pastorenehepaar, von ihren Eltern abgefangen wird. Sie hat sich eine Auszeit von der kaum auszuhaltenden Atmosphäre zu Hause erwünscht, muss aber eigentlich wissen, dass ihre Eltern nicht tatenlos zusehen werden, wie sie sich zu einer anderen Familie flüchtet - wenn auch nur für eine Nacht.

Philip und Elizabeth machen ihrer Tochter vor den Augen von Pastor Tim (Kelly AuCoin) und dessen Ehefrau unmissverständlich klar, dass sie ohne ihre Erlaubnis nirgendwo anders übernachten darf. Diese Konfrontation würde alleine schon genug Unbehaglichkeit beim Zuschauer auslösen, hier wird dieses Gefühl aber noch dadurch verstärkt, dass Paige jederzeit die Wahrheit über ihre Eltern herausschreien könnte. Sie macht es in diesem Fall nicht, forscht aber zu Hause weiter sehr unvorsichtig nach Insignien ihrer Identität.

Von ihren Eltern damit konfrontiert, will sie nicht so recht einsehen, wieso ihr Bruder Henry (Keidrich Sellati) - oder überhaupt irgendjemand - nichts vom großen Familiengeheimnis mitbekommen darf. Intellektuell versteht sie die Notwendigkeit der Geheimhaltung natürlich, aus emotionaler Sicht sind ihre Reaktionen aber sehr leicht nachzuvollziehen. Zu ihrer Verwirrung und dem Gefühl, von einem Tag auf den nächsten in ein Gefängnis geworfen worden zu sein, trägt natürlich bei, wie ihre Eltern auf die Situation reagieren.

Als sie von Pastor Tim nach Hause kommen, warten sie zunächst, bis sich das Garagentor hinter ihnen geschlossen hat, bevor sie das Gespräch beginnen. Danach steigen sie aus dem Auto aus und das Zuschlagen der Türen hört sich an, als schlössen sich gerade eiserne Gefägnisgitter hinter ihr - großartige Arbeit vom Sounddepartment. Später versucht Elizabeth, ihre Hand über den protestierenden Mund der Tochter zu stülpen, was ebenfalls wenig zum Wiederaufbau des Vertrauensverhältnisses beiträgt.

Everything is a lie

Es ist schließlich Philip, der es als Erster schafft, zu Paige durchzudringen. Er zeigt ihr alte Fotos von Familienausflügen, die ihr das Gefühl geben, dass sie eben nicht innerhalb einer einzigen großen Lügenblase aufgewachsen ist. Philip bietet seiner Tochter außerdem an, dass sie ihre Mutter nach Russland begleiten könne, um dort ihre Großmutter ein erstes - und letztes - Mal zu sehen. Es ist ein geschickter Schachzug, hat Paige doch zuvor nach mehreren angeblichen Verwandten gefragt, die natürlich alle keine waren.

Der Handlungsbogen um Paige begeistert schon die gesamte dritte Staffel. Sämtliche dramaturgische Entscheidungen, die das Kreativteam - in dieser Episode zeichnen Peter Ackerman und Stuart Zicherman für das Drehbuch verantwortlich - getroffen hat, haben den gewünschten Effekt. Hier zeigt sich einmal mehr, wie gut es The Americans gelingt, die Spionagegeschichte mit der eigentlichen Geschichte über Familie Jennings zu verweben. Momentan kann der Handlungsbogen um Paige in alle nur vorstellbaren Richtungen gehen - auch das macht ihn so unerbittlich spannend.

Die zweite vor Spannung berstende Szene erfolgt am Ende der Episode, als Clark aka Philip nichts anderes mehr einfällt, um Martha (Alison Wright) zum Bleiben zu bewegen, als ihr seine wahre Identität (oder zumindest seine echte Frisur) preiszugeben. Aber warum ergreift er diese drastische Maßnahme? Ich gehe davon aus, dass Philip sie nicht umbringen wird, das würde ich höchstens Elizabeth zutrauen. Er muss also glauben, dass er sie entweder mit einer neuen Lüge oder mit der endgültigen Wahrheit von sich und seinen Anliegen überzeugen kann. Alison Wright spielt den Horror dieser Entdeckung jedenfalls mit großer Bravour. Auch Regisseur Christopher Misiano holt inszenatorisch alles aus der Szene heraus.

Der Stress im Hause Jennings droht also, ins Unermessliche zu steigen. Henry kann uns schon leid tun, ist er doch mittlerweile völlig sich selbst überlassen. Das hat Elizabeth längst selbst bemerkt - und in der letzten Episode gegenüber Paige auch freimütig zugegeben: „That kid is nuts.“ („Der Kleine ist verrückt.“) Das ist ziemlich witzig - aber auch sehr tragisch. Nur: Was bleibt Elizabeth und Philip anderes übrig? Etwa den Spionagedienst quittieren? Niemals.

The paradox of being American

Trotzdem könnten die Drehbuchautoren ihren Hauptfiguren ein etwas realistischeres Zeitmanagement anerkennen. Diese Staffel ist momentan mit so viel Plot vollgestopft, dass es schwerfällt, den Überblick zu behalten. Deshalb können manche Handlungsbögen auch nicht die erwünschte Wirkung entfalten - ganz einfach, weil sie nicht präsent genug sind. Neben den emotionalen Schwergewichten um Paige und Martha verblassen die Handlungsbögen um Lisa (Karen Pittman), ihren schwierigen Ehemann und ihre ersten Schritte als Spionin - oder um die Agenten der „Rezidentura“ und die Abhöraktion des Postroboters.

Auch Nina (Annet Mahendru) kommt in dieser Episode nicht vor, obwohl es die vorletzte der Staffel ist und sie eine Hauptfigur. Wir haben schon lange nichts mehr von Kimmy gehört oder von Stans neuer Freundin oder seine Exfrau Sandra. Ich will mich nun nicht beklagen, dass die spannungsarme Familiengeschichte der Beemans geopfert wurde. Aber derzeit versuchen die Autoren, zu viele Einzelgeschichten zu balancieren - in dieser Episode kommt auch noch der titelgebende Mudschahed dazu.

Dem Kreativteam bleibt wohl nichts anderes übrig, als manche Handlungsbögen in die bereits bestellte vierte Staffel überschwappen zu lassen. Das ist nicht weiter tragisch, schließlich muss nicht jede Geschichte am Ende einer Staffel mit einem schönen Abschlussschleifchen versehen sein. Und wenn uns The Americans weiterhin solch emotional mitreißende Szenen liefert wie in I Am Abassin Zadran, dann darf der Plot auch gerne ein bisschen überladen sein. Eine Margo Martindale passt da schon irgendwie noch rein.

Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 16. April 2015
Episode
Staffel 3, Episode 12
(The Americans 3x12)
Deutscher Titel der Episode
Ich bin Abassin Zadran
Titel der Episode im Original
I Am Abassin Zadran
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 15. April 2015 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 14. Juni 2016
Autoren
Peter Ackerman, Stuart Zicherman
Regisseur
Christopher Misiano

Schauspieler in der Episode The Americans 3x12

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