The Americans 3x10

Immer wieder haben wir gesehen, wie die erwachsenen Figuren sich zurückerinnern und sich mit den Entscheidungen und Erlebnissen auseinandersetzen, die sie an den Punkt gebracht haben, an dem sie sich schließlich gegenüberstehen. Die Episode Stingers zeigt uns, was es für die Kinder bedeutet, wenn die Eltern sich vor allem mit feindlicher Agentenabwehr beschäftigen und die eigene Familie eher als willkommene bürgerliche Fassade ansehen.
Paige (Holly Taylor) leidet schon seit Beginn der Serie unter der seltsamen Abwesenheit ihrer Eltern, doch erst jetzt kommt sie in das Alter, in dem sie versteht, dass das Verhalten von Elizabeth (Keri Russell) und Philip (Matthew Rhys) nicht normal ist. Weil sie sich in ihrer eigenen Familie ignoriert fühlt, hat sie sich der Kirche zugewendet. Dieses Verhalten können wir in der Episode Stingers bei allen Figuren der zweiten Generation beobachten.
Sie saugen die Aufmerksamkeit auf, wo auch immer sie sie bekommen können. Paige nimmt die von Pastor Tim (Kelly AuCoin) und seiner Frau dankend an. Kimmy (Julia Garner) lässt sich von einem Mann umgarnen, der ihr Vater sein könnte, weil ihre eigenen Eltern ständig abwesend sind. Selbst Henry (Keidrich Sellati) schaut sich außerhalb seiner Familie um.
Die Fälle liegen unterschiedlich, scheinen aber alle etwas gemeinsam zu haben: Die Ersatzeltern stammen ohne Wissen der Kinder aus feindlichen Lagern. In Hinsicht auf Pastor Tim ist noch nichts bewiesen, aber man kann den Gedanken nur noch schwer abwehren, dass hinter ihm mehr steckt, als er bisher zeigt. Hin und wieder scheint es, dass er seine Grenzen sehr weit fasst. Er redet sehr vertraulich mit Paige, was durchaus noch unter Seelsorge fallen kann. Doch er hätte wissen können, dass es kein feiner Schachzug ist, wenn Paige ihre Eltern vor ihm und seiner Frau mit dem Wunsch einer Taufe konfrontiert. Paige hat ihre Eltern vielleicht manipuliert, aber Pastor Tim hat es geschehen lassen. Wenn er so selbstlos und nächstenliebend ist, wie er gerade tut, dann hätte er Paige raten sollen, das Gespräch zunächst unter sechs Augen zu suchen. Immer wieder sind es solche Misstöne, die sein Verhalten verdächtig machen.
In erster Linie jedoch kann man das Misstrauen nicht abschütteln, weil sie parallel dazu sehen, was Philip mit der nur wenig älteren Kimmy macht. Sie weiß - wie Paige bis zur Episode Stingers - nicht, was ihr Vater eigentlich wirklich beruflich macht. Sie weiß nur, dass sie alleine gelassen wird, dass sich niemand um sie kümmert. Sie hat nicht nur Pech mit ihren Eltern in dieser Hinsicht, sie hat offenbar auch kein glückliches Händchen für ihre Freunde. Philip bringt ihr ein Glas Wasser, während er eigentlich nach geheimen Dokumenten sucht, und es wirkt, als wenn es das Fürsorglichste wäre, was jemand in einer langen Zeit für sie getan hat.
Kimmy lässt sich auf einen Mann ein, der im Alter ihres Vaters sein müsste, weil sie dessen Zuwendung zu schätzen weiß.
Philip nutzt das nicht aus, zumindest nicht in dem Maße, wie er könnte. Doch an erster Stelle steht für ihn trotzdem die Suche nach geheimen Unterlagen ihres Vaters, während Kimmy denkt, dass sie eine ganz besondere Liebesbeziehung erlebt oder immerhin ein ungewöhnliches Jugendabenteuer. Die Frage stellt sich, ab welchem Punkt es ihr wehtut, wenn er sie nicht ausnutzt. Wie schlimm ist das, was Philip da gerade tut eigentlich? Es ist nichts Ehrenhaftes, so viel ist klar. Aber wenn er seine Informationen bekommt und Kimmy anschließend verlässt, ohne jemals aufzufallen als das, was er wirklich ist, wie dauerhaft hat er ihr dann geschadet?
Anhand von Kimmy nähern die The Americans-Autoren sich dieser Grundsatzfrage an. Tut einem weh, was man nicht weiß? Diese Frage kann man in jeder Beziehung stellen, die diese Serie uns zeigt. Doch nun, in der dritten Staffel, liefert Paige uns die Antwort: Ja, es tut weh, weil selbst Topspione vielleicht Liebe, Begehren und Zuneigung zwar vorspielen können, aber sie sind nicht fähig, die Abwesenheit zu ersetzen, die sie ihren Lieben zumuten.
Martha (Alison Wright) wollte das lange nicht sehen, aus Verzweiflung, aus Angst, ihre einzige Chance auf Liebe zu verlieren. Henry ist zu jung, um zu erkennen, was nicht richtig läuft in der Familie, aber Paige sieht es. Erwachsene sind vielleicht in der Lage, vieles zu ignorieren, aber Kinder leiden, wenn man ihnen etwas vorspielt, weil sie die Risse sehen, ohne sie sich erklären zu können und vor allem ohne einen Ausweg in eine eigene Welt zu haben. Martha hat die Wahl: Sie kann gehen oder sie kann bleiben und sich selbst etwas vorspielen. Paige kann nicht einfach gehen, ebenso wenig Kimmy und Henry.
Dass Pastor Mike quasi dasselbe mit Paige macht wie Philip mit Kimmy, ist eine ernst zu nehmende Befürchtung. Doch die größere Gefahr könnte auf Dauer Henry werden, der sich von selbst in Stans Leben schleicht. Auch er wird unter dem Mangel an Aufmerksamkeit leiden. Und Stan (Noah Emmerich) hat eine eigene Leere zu füllen, die seine Frau und sein Sohn hinterlassen haben.
Die Schlussszene, in der Paige bewusst wird, dass der größte Feind im eigenen Haus zu Besuch ist, tut beim Zuschauen weh. Paige ist auf der Suche nach ihrem eigenen Leben, sie entwickelt erst ihren Charakter. Und in dieser Situation zwingen ihre Eltern sie dazu, sich zu entscheiden: zwischen ihrer Familie und der Kirche, zwischen schweigen und reden.
Fazit
Die Episode Stingers zeigt uns die Auswirkungen, die die Spionagetätigkeit auf die zweite Generation hat, in bedrückender Ernsthaftigkeit. Die Probleme beginnen da, wo Unbeteiligte in den Kampf der Nationen gezogen werden, die sich nicht dagegen entscheiden können. Noch wissen wir nicht genau, was Paige dem Pastor sagen wird, aber für den Moment fühlt sich das Telefonat wie ihre erste Tätigkeit als Agentin an. Sie sagt ihm Bescheid, damit er keinen Verdacht schöpft, doch sie quält sich sichtlich dabei.
Verfasser: Serienjunkies.de am Donnerstag, 2. April 2015(The Americans 3x10)
Schauspieler in der Episode The Americans 3x10
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