The Americans 3x07

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Selbst wenn eine Episode der FX-Spionageserie The Americans auf den ersten Blick keine großen Plotfortschritte macht, passiert unter der Oberfläche so viel, dass man schon verdammt aufmerksam sein muss, um ja nichts zu verpassen. Walter Taffet ist dafür ein exzellentes Beispiel - eine Episode, die sich viel Zeit lässt, das Seelenleben ihrer Figuren zu erkunden, wenn es auch zwei Szenen gibt, die äußerst spannend und vor allem hervorragend inszeniert sind.
You always play against the odds
Für die Regie zeichnete hier zum ersten Mal Noah Emmerich verantwortlich, der im Tagesgeschäft die Rolle von FBI-Agent Stan Beeman spielt. Laut seinem IMDb-Profil war dies Emmerichs erste Regiearbeit, was man der Episode jedoch zu keinem Zeitpunkt ansieht. Ihm gelingen viele eindrückliche Bilder und auch das actionreiche set piece am Ende der Episode ließe eigentlich vermuten, dass hier ein Profi am Werk war. Vielleicht hat er sich aber auch einfach nur von der bisherigen Regiearbeit solcher Veteranen wie Thomas Schlamme, Adam Arkin oder Daniel Sackheim inspirieren lassen.
Selbst gab Emmerich zu Protokoll, dass es reiner Zufall gewesen sei, dass er genau diese Episode inszenieren würde, was wiederum passt, weil es eine Episode der Nebencharaktere ist. Marthas (eine herausragend aufspielende Alison Wright) Welt bricht darin beinahe zusammen, weil sie bemerkt, mit wem sie sich eingelassen hat, als sie Clark aka Philip Jennings (Matthew Rhys) heiratete. Hier dämmert es ihr, dass sie noch nicht mal die Wohnung des Mannes kennt, den sie liebt. Und auch, als sie diese Wohnung dann endlich sieht, will sich ihr ungutes Gefühl nicht verabschieden.
Sie fragt ihren Ehemann, wann die beiden denn endlich ein normales Leben führen könnten. Seine ausweichende Antwort, wonach ein solches normales Leben nicht erstrebenswert sei, kann ihre neu erweckten Zweifel nicht zerstreuen. Aus Liebe hat sie diesem Mann blind vertraut. Kann sie sich überhaupt sicher sein, dass er wirklich der ist, für den er sich ausgibt? All diese Gedanken werden losgetreten, als ihr Chef beim FBI, Frank Gaad (Richard Thomas), unter tatkräftiger Mithilfe des ambitionierten neuen Kollegen Aderholt (Brandon J. Dirden) die Wanze findet, die sie im Auftrag Clarks dort vor langer Zeit (in der ersten Staffel!) platziert hat.
Hernach wird das gesamte Büro von einem Spezialisten durchsucht, außerdem wird der titelgebende Agent Walter Taffet (Jefferson Mays) beauftragt, den Verräter zu finden. Die gesamte Sequenz ist sowohl von Emmerich wunderbar spannend inszeniert als auch von Wright hervorragend gespielt. Wenngleich ein Großteil der Zuschauerschaft nicht wissen dürfte, wie es sich in diesem Moment anfühlt, möglicherweise als Verräterin ertappt zu werden (wobei sie sich selbst ja eigentlich gar nicht als Verräterin sieht), so können wir doch ihre Angst nachvollziehen - und ihre Befürchtung, wegen eines aus Liebe erteilten Gefallens in große Schwierigkeiten zu geraten.
There's nothing so great about normal
Gegenüber Philip gibt sie angesichts dieser - für sie schockierenden - Erkenntnis nicht zu, was mit ihr nicht stimmt. Sie behauptet einfach, es gehe ihr nicht gut. Interessant ist dabei, wie schwer es Philip fällt, Marthas abnormales Verhalten zu interpretieren. Gegenüber Elizabeth (Keri Russell) äußert er lediglich die Vermutung, dass es etwas mit ihrem Wunsch nach einem Adoptivkind zu tun haben könnte. Seine Ahnungslosigkeit spricht wiederum dafür, dass er derzeit zu viele komplexe Problemgebiete auf der Tagesordnung hat, als sich wirklich genuine Gedanken um Martha machen zu können.
Vielleicht könnte er das trotzdem, würde er nicht ständig dieses nagende Gefühl der Ohnmacht verspüren. Mit Elizabeth befindet er sich schon lange im Clinch um die richtige Erziehung ihrer gemeinsamen Tochter Paige (Holly Taylor), wobei er hier zu Beginn erfährt, dass Elizabeth einfach ohne ihn beschlossen hat, Paige für den KGB zu rekrutieren: „I told you I was moving forward.“ („Ich habe dir doch gesagt, dass ich weitermachen werde.“) Außer einem spontanen, kaum eindrucksvollen Wutanfall bringt Philip darauf nichts hervor.
Seinem ihm unbekannten Sohn Mischa kann er ebensowenig beistehen, obwohl der sich im Afghanistan-Krieg in unmittelbarerer Gefahr befindet als Paige im oberen Mittelklasseghetto von Falls Church. Philip versucht also, seinen Ärger gegenüber Elizabeth mittels kalter Schulter zu begegnen und plant eine Übernachtung bei Martha. Aber auch dort wird er wieder weggeschickt. Momentan ist er der Machtloseste in diesem äußerst fragilen Spionagegefüge. Trotzdem muss er weiter seinen Job erledigen, die Konflikte und Kriege der Welt fechten sich schließlich nicht alleine aus.
Der Kalte Krieg wird auch im Ehebett der Jennings ausgetragen. Weil Martha die Nacht alleine verbringen will, schleicht Philip zurück zu Elizabeth. Im Bett beschließt er, seiner noch halb schlafenden Ehefrau von Mischa zu erzählen. Zunächst bleibt Elizabeth von ihm abgewendet liegen, nach einer gefühlten Ewigkeit dreht sie sich aber zu ihm um. Sie ist nicht traurig, sie ist nicht verärgert - sie ist verständnisvoll. Es ist der erste Moment genuiner Zuneigung zwischen den beiden, seit der Streit um Paige offen ausgebrochen ist.
You're not a part of this discourse
Für Philip dürfte das enorme Erleichterung bedeuten, muss er sich nun doch nicht mehr nur mit Nachbar Stan bei Pizza und Bier verklausuliert über seine Eheprobleme unterhalten. Ein weiterer angenehmer Nebeneffekt: Er kann sich wieder auf die Arbeit konzentrieren, was unbedingt vonnöten ist, steht doch eine gefährliche Operation auf dem Plan. Am Ende einer gemächlich erzählten Episode wartet also noch ein besonderes Stück Actionfernsehen auf uns Zuschauer.
Philip und Elizabeth arbeiten mit ihren südafrikanischen Counterparts Hans (Peter Mark Kendall) und Reuben Ncgobo (Dwayne A. Thomas) zusammen, um zwei Abgesandte der Apartheid-Regierung zu entführen, die einen Anschlag planen, der die Anti-Apartheid-Bewegung diskreditieren soll. Es funktioniert natürlich nicht alles so, wie man sich das im Hinterkämmerchen zusammengebastelt hat, was Elizabeth dazu zwingt, eine unschuldige Zeugin der Aktion mit einem Kopfschuss zu ermorden. Sie verzieht dabei keine Miene.
Solche Szenen rufen uns in Erinnerung, welch eiskalte Kampfmaschinen unsere lieben Nachbarn aus der Washingtoner Suburbia doch sein können. Außerdem zahlt sich hier die bislang porträtierte Ausbildung des südafrikanischen asset Hans aus. Es gibt in The Americans derzeit viele offene Handlungsbögen, die auf eine spannende Konklusion im zweiten Teil der exzellenten dritten Staffel warten oder vielleicht sogar in eine vierte Staffel übertragen werden - wenn es denn eine gibt. Alles andere wäre Blasphemie.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 12. März 2015(The Americans 3x07)
Schauspieler in der Episode The Americans 3x07
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