The Americans 3x06

The Americans 3x06

Seit mehreren Wochen liefert The Americans nun schon Serienkost vom Allerfeinsten ab. Auch Born Again bildet da keine Ausnahme. So beständig wie in dieser Staffel ist es der Serie bisher nicht gelungen, eine herausragende Episode nach der nächsten abzuliefern.

Ist Henry (Keidrich Sellati) der nächste? Paige (Holly Taylor) befindet sich schon im Rekrutierungsprozess. / (c) FX
Ist Henry (Keidrich Sellati) der nächste? Paige (Holly Taylor) befindet sich schon im Rekrutierungsprozess. / (c) FX
© (c) FX

Es gibt derzeit keine Serie im Fernsehen, die auf einem so konstant hohen Niveau ihre Geschichte erzählt wie The Americans. Das gilt im Übrigen nicht nur für Dramaturgie und Figurenzeichnung, sondern auch für die optische Umsetzung. Erfahrene TV-Regisseure (in dieser Woche: Kevin Dowling) holen hier Woche für Woche das Maximale aus ihren Arbeitsbedingungen heraus, schließlich wird die Serie im Studio gedreht.

It's not you at all. You're perfect.

Der Look und die Action-set pieces mögen nicht die Lobpreisungen wie diejenigen aus True Detective, Fargo oder Hannibal einheimsen, mithalten können sie mit ihnen aber allemal. Besonders gelungen ist hier die bildliche Unterstützung der dramaturgischen Vorgänge. Es wird immer wieder ein neuer Weg gefunden, Konflikte zwischen den Figuren im Visuellen widerzuspiegeln.

Ein großer Verdienst fällt indes - wie in allen anderen Formaten - den Schauspielern, vor allem den beiden Hauptdarstellern, zu. Keri Russell und Matthew Rhys liefern seit Beginn der Staffel schlichtweg fantastische Arbeit ab. Da sie beide Spione spielen, sind ihre Figuren darin trainiert, selbst bei der schlimmsten Nachricht ein Pokerface zu bewahren. Ihnen gelingt es aber mit minimalen Gesten, Verzweiflung, Schock und Furcht auszudrücken. Trotzdem muss man dafür nicht genau hinsehen. Man erkennt es einfach, es fühlt sich stets vollkommen organisch an, obwohl die Protagonisten manchmal gar nicht wirklich selbst zu wissen scheinen, wie es ihnen denn nun gehen soll.

Der emotionale Wirbelsturm, den diese Serie wöchentlich auf ihre Zuschauer loslässt, funktioniert nur deswegen so gut, weil diese Charaktere eine solch sorgfältige Ausarbeitung durch alle Beteiligten aus der Kreativabteilung erfahren. Die Lebensrealität dieser Figuren bleibt stets in einem dichten Nebel verhangen, der sich durch eine Existenz aus Lügen und Missbrauch gebildet hat. Aber haben sie überhaupt eine Lebensrealität? Spielt sich ihr Leben nicht vielmehr in mehreren unechten Sphären ab, die irgendwie miteinander zusammenhängen, niemals aber eine echte Heimat, echte Sicherheit oder Gewissheit bieten?

Gabriel (Frank Langella) kann von allen am besten manipulieren. © FX
Gabriel (Frank Langella) kann von allen am besten manipulieren. © FX

Die meisten dieser Charaktere (aus einem kleinen Ensemble) greifen dementsprechend oft auf Versatzstücke aus ihren verschiedenen Lebenssphären zurück, um in derjenigen, in der sie sich gerade aufhalten, voranzukommen. Philip (Rhys), Elizabeth (Russell) und Nina (Annet Mahendru) bedienen sich an Geschichten ihres eigenen Lebens, um die von Mächtigeren befohlenen Aufträge ausführen zu können - oder, im Falle Ninas, um die eigene Haut zu retten.

I was whatever they wanted me to be

Letztgenannte sitzt immer noch im Gefängnis in Moskau ein, hat ihr Doppelspiel gegenüber ihrer Zellengenossin Evi (Katja Herbers) aber mittlerweile perfektioniert. Sie gibt vor, nichts essen zu wollen und erzählt ihre eigene Geschichte aus den USA, um Evi zum Reden zu bringen. Von ihrem Auftraggeber bekommt sie dafür ein reichhaltiges Mahl vorgesetzt, das sie wie ein ausgehungertes Tier herunterschlingt. Von den herrschenden Mächten ist sie darauf reduziert worden. In ihr lodert nur noch der Wille zu überleben. Anders ist ihre leere Miene beim Abtransport der verzweifelten Evi kaum zu interpretieren - auch von Mahendru eine sehr starke Leistung.

Der Kampf zwischen den Eheleuten Jennings um eine mögliche Rekrutierung ihrer Tochter Paige (Holly Taylor) für den KGB scheint indes ausgefochten, obwohl darüber keine Worte mehr fallen. Von Gabriel (Frank Langella) unter Druck gesetzt, übernimmt Elizabeth diesen Prozess nun alleine. Wenn überhaupt, kann Philip hier nur noch eingeschränkt eingreifen, gereicht es ihm doch zum Nachteil, dass er Paige nicht direkt warnen kann, weil er sonst die Deckung von sich und Elizabeth aufgeben würde. Er muss in Parabeln mit seiner Tochter sprechen - und hat damit keinen Erfolg.

Elizabeth erklimmt unterdessen schon die nächste Stufe des langen Aufstiegs zu einer Ideologisierung ihrer eigenen Tochter. Es ist wahrlich bemerkenswert, wie stark sie (und auch Philip) selbst indoktriniert wurden - so sehr, dass sie auch Jahre später und nur mit spärlichem Kontakt zur Mutternation noch felsenfest von der Richtigkeit ihrer Mission überzeugt sind. Nun soll also Paige bekehrt werden, wogegen selbst Philip als liebender Vater nicht viel auszurichten weiß. Und auch Elizabeth lässt sich von der Reife und Eigenständigkeit ihrer Tochter nicht von ihrem Vorhaben abbringen - im Gegenteil, diese beiden Eigenschaften bestärken sie eher in ihrem Ansinnen, aus Paige eine Spionin zu machen.

Eiskalt: Nina (Annet Mahendru) kämpft ums eigene Überleben. © FX
Eiskalt: Nina (Annet Mahendru) kämpft ums eigene Überleben. © FX

Der gesamte Vorgang gewinnt durch Philips Mission noch einmal zusätzlich an emotionaler Brisanz. Er bekommt von Gabriel den ernüchternden Auftrag, der 15-jährigen Kimmy (Julia Garner) nun wöchentliche Besuche abzustatten. Gabriel reagiert sogar mit Unverständnis darauf, dass Philip noch nicht mit seiner minderjährigen Zielperson geschlafen hat - eine Vorstellung, die Elizabeth trotz aller Abgeklärtheit immer noch Sorgenfalten auf die Stirn treibt.

I'm more like you than you think

Von Gabriel wird Philip pikanterweise (aber irgendwie auch verständlicherweise) mit der gleichen Taktik zum Gehorsam angehalten, die Philip als Jim auch bei Kimmy einsetzt. Ein Meisterspion muss seine Untergebenen schließlich auch immer wieder dazu bringen, selbst die unmöglichsten Aufträge auszuführen. In den letzten Episoden wurden dafür noch Sex und andere Verführungsmethoden eingesetzt - nun reichen die richtigen Worte zum richtigen Zeitpunkt aus, um das jeweilige Etappenziel zu erreichen.

Philip erfährt also, dass seine ehemalige Geliebte Irina vom KGB gefasst wurde und ihr gemeinsamer Sohn als Soldat in Afghanistan kämpft - zusätzliche Motivation für ihn, die Spionage bei der Tochter des Leiters der CIA Afghan Group aufrechtzuerhalten. Um jedoch nicht mit Kimmy schlafen zu müssen, erfindet Philip eine Geschichte, die seiner eigenen sehr ähnlich ist. Er habe erst kürzlich erfahren, dass er einen Sohn habe, weswegen er sich nun wieder dem Glauben zugewendet habe und Kimmys spirituelle Unterstützung brauche - von der Kimmy, die selbst händeringend nach einer Vaterfigur sucht. Zart besaiteteren Zeitgenossen könnte bei so viel diabolischer Hinterlist glatt schlecht werden.

Elizabeth und Philip müssten eigentlich wissen, welch immensen Schaden sie ihren Zielpersonen zufügen. Immerhin haben sie diesen Prozess am eigenen Leib erfahren - man denke nur an die grausamen Szenen aus der letzten Episode, in denen die sexuelle Aufzucht der beiden gezeigt wurde. Doch eben, weil sie so felsenfest von ihrem Kampf und ihrer Lebensaufgabe überzeugt sind (und das von Gabriel auch immer wieder eingetrichtert bekommen, dieses Mal am Beispiel des Kampfes gegen die Apartheid in Südafrika), können sie gar nicht erkennen, welch ein psychologisches Trümmerfeld sie hinterlassen.

Die Geschichte von The Americans bleibt enorm faszinierend, was angesichts der Konzentration auf wenige Figuren (Stan Beeman (Noah Emmerich) kommt hier auch nur am Rande vor) wirklich überraschend ist. Momentan hat es den Anschein, als könnte diese Serie nichts falsch machen. Die Kombination aus bedächtigen Autoren, begnadeten Schauspielern und routinierten Regisseuren geht voll auf. Lasst uns alle zu Paiges neuem Gott beten, dass diese Serie ja nicht abgesetzt werden möge!

Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 5. März 2015
Episode
Staffel 3, Episode 6
(The Americans 3x06)
Deutscher Titel der Episode
Wiedergeboren
Titel der Episode im Original
Born Again
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 4. März 2015 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 10. Mai 2016
Autor
Tracey Scott Wilson
Regisseur
Kevin Dowling

Schauspieler in der Episode The Americans 3x06

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