The Americans 3x04

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Ein Markenzeichen zu diesem frühen Zeitpunkt in der dritten Staffel von The Americans waren diese zwei Szenen aus den letzten beiden Episoden, die uns erschaudern ließen. Wir konnten beinahe nicht hinsehen, weil die Szenen so greifbar inszeniert waren, dass wir den Schmerz der Protagonisten (in einem Fall: der Leiche) fast schon körperlich fühlten. In der neuen Episode, Dimebag (der Titel bezieht sich auf eine Handelsgröße im Drogenverkauf), gehen nun nicht diese physischen Unerträglichkeiten unter die Haut, sondern die emotionale Kälte, der sich unsere Figuren ausgesetzt sehen.
I don't sleep much these days
Gerade wegen dieser Wandlungsfähigkeit ist The Americans die derzeit beste Serie im amerikanischen Fernsehen. Der behutsame Charakteraufbau aus den ersten beiden Staffeln kommt nun voll zum Tragen. Es ist natürlich schade, dass diese Serie fast niemand sieht und sie wohl um weitere Verlängerungen kämpfen werden muss (wie einst The Wire). Angesichts der hohen Wertschätzung von FX-Präsident John Landgraf wird es wohl aber mindestens noch eine weitere Staffel geben. Hoffen wir's.
Aber, bevor wir zu weit in die Zukunft blicken, wollen wir uns der nächsten exzellenten Episode widmen. Der seit Beginn der neuen Staffel schwelende Streit zwischen Elizabeth (Keri Russell) und Philip Jennings (Matthew Rhys) um ihre Tochter Paige (Holly Taylor) erreicht hier die nächste Eskalationsstufe. Dieser Handlungsbogen wird dabei so geschickt mit dem übergreifenden Erzählstrang um die Infiltration der CIA Afghan Group verbunden, dass die emotionale Fallhöhe der Hauptfiguren ein neues, bisher ungekanntes Niveau erreicht.
Ich habe es zuvor schon einmal geschrieben, wiederhole mich hier aber gerne: Es war der vielleicht beste Schachzug des Autorenteams um Joe Weisberg und Joel Fields (in dieser Episode hatte Peter Ackerman die kreative Federführung), Paige in die unausweichlichen Krakenarme des center zu treiben. Der Konflikt zwischen den Eheleuten Jennings ist nämlich pures dramaturgisches Gold. Und in dieser Episode reift Paige zu einer Figur, über die nicht nur gestritten wird, sondern die auch selbst einen denkwürdigen Beitrag zur Eskalation dieses Streits leistet.

Zu ihrem Geburtstag wünscht sich Paige lediglich ein Abendessen mit Pastor Tim (Kelly AuCoin) und seiner Ehefrau. Philip und Elizabeth wundern sich zwar über diese Zurückhaltung, erwarten aber nicht das Level an Kaltschnäuzigkeit, das sie schließlich beim eigentlichen Dinner an den Tag legt. Dort überrumpelt sie ihre Familie mit der Ankündigung, sich taufen lassen zu wollen: „You wash away your old self and make yourself clean for Jesus Christ.“ („Man reinigt sich von seinem alten Ich und macht sich sauber für Jesus Christus.“)
Who wears the pants in that family?
Die in der Philosophie von Karl Marx und seiner Vorstellung von Religion als „Opium für die Massen“ geschulten Elizabeth und Philip werden durch diese Verlautbarung nicht etwa zusammengebracht, sondern driften nur weiter auseinander. Zu tief scheint die Spaltung der beiden über diesen Streitpunkt, was auch daran ersichtlich wird, dass sie sich zuvor wie ein bereits geschiedenes Paar darum streiten, was ein angemessenes Geschenk für Paige sein könnte.
Philip macht einen guten Einwand: „If you tell her now, this will all blow up.“ („Wenn du es ihr jetzt sagst, wird das für uns nach hinten losgehen.“) Elizabeth, für die es schon immer unvorstellbar war, die einstmals zugelegte Identität abzustreifen, schlägt dieses Argument daraufhin so nieder: „At least she'll know who she is.“ („Wenigstens wird sie wissen, wer sie ist.“)
Wo diese grundlegende Meinungsverschiedenheit hinführen wird, lässt sich zu diesem Zeitpunkt schwer abschätzen - vor allem auch, weil die Aussagen der Eheleute während ihrer Streitereien merkwürdig opak bleiben. Auf dem Höhepunkt ihrer Auseinandersetzung platzt es aus Elizabeth heraus: „It is just happening, Philip. And yes, I am, I am doing it, with or without you.“ („Es passiert schon längst, Philip. Und ja, ich mache es, mit oder ohne dich.“) Was genau sie damit meint, wird nicht ganz klar. Glaubt sie, dass sich Paige auf ganz natürliche Weise zur Spionin entwickeln wird oder spielt sie dabei schon eine aktive Rolle?
Dieses narrative Im-Trüben-Fischen, diese komplexe, bisweilen widersprüchliche Figurenzeichnung wird nur weiter verstärkt, als Philip und Elizabeth beschließen, die Tochter des Afghan-Group-Leiters zu rekrutieren - Kimberly (Julia Garner) ist nämlich ungefähr im selben Alter wie Paige. Es bedarf schon einer besonderen Form der Persönlichkeitsspaltung, zuerst vehement gegen die Rekrutierung der eigenen Tochter zu protestieren, um dann die Tochter eines Feindes zu verführen. Philip beherrscht die dafür nötigen Techniken perfekt und weist auch keine bemerkenswerten Gewissensbisse darüber auf, was uns nur noch einmal vor Augen führt, dass er immer noch mit vollem Herzen für sein Vaterland arbeitet.
Elizabeth widmet sich indes einer alten Bekanntschaft von den Anonymen Alkoholikern, die beim Rüstungsunternehmen Northrop am Fließband arbeitet. Es wird zwar nicht ersichtlich, wie nützlich sie als einfache Arbeiterin sein kann, dieser Nebenplot dient aber als Spiegel für die Ehe der Jennings, die ebenso zu zerfallen droht, wie es bei der Ehe von Lisa schon geschehen ist (wenngleich aus anderen Gründen).

Auch Philip bekommt einen solchen Spiegel vor die Nase gehalten, als er Stan (Noah Emmerich) zum wiederholten Male zu einem Selbsthilfekurs begleitet. Stan wird dabei erstmals zum Mitmachen aufgefordert. Seine Teilnahme endet damit, dass er laut „This is bullshit!“ ausruft. Mit wem er dabei gesprochen hat - mit seiner eingebildeten Ehefrau oder dem Seminarleiter -, wird dabei nicht klar. Am Ende versucht Stan immerhin, seine Lehren aus dem Erlebten zu ziehen und entschuldigt sich bei Sandra (Susan Misner) - eine Geste, die aber viel zu spät kommt.
I was an asshole. And I loved her.
Dies könnte ein Abschluss für Stan und seine Ehefrau (baldige Exfrau?) gewesen sein, ist von der dramaturgischen Schlagkraft dieser Geschichte nun doch beinahe nichts mehr übrig. Mehr Spannung verspricht da schon Stans Verdacht gegenüber der russischen Überläuferin Zinaida (Svetlana Efremova), den er auf eigene Faust verfolgt, weil sein Vorgesetzter Frank Gaad (Richard Thomas) die Theorie nicht ernst nehmen will. Noch wünschenswerter - wenn auch sehr unwahrscheinlich - wäre indes eine Rückkehr von Nina (Annet Mahendru) in die USA.
Sie sieht erstmals Licht im dauerdunklen sowjetischen Kerker, als ihr eine Hafterleichterung versprochen wird, sollte sie es schaffen, ihrer Zellengenossin Evi (Katja Herbers) Informationen über deren vermutete Spionageaktivitäten zu entlocken. Man kann förmlich beobachten, wie sehr dieser Auftrag Nina mit neuem Leben erfüllt. Sogleich macht sie sich an die Arbeit und zieht sämtliche Register der unauffälligen Informationssammlung - oder glaubt hier jemand ernsthaft, dass sie in ihrer letzten Szene wirklich einen Albtraum hatte?
Hier ist ebenfalls schwer abzusehen, welches dramaturgische Ziel das Autorenteam mit Ninas Geschichte verfolgt. Soll sie nicht bald schon sterben, müsste irgendein nachvollziehbarer Weg gefunden werden, wie sie wieder in die USA zurückkehren könnte. Ansonsten bleibt ihr Handlungsstrang zu weit entfernt von allen übrigen Handlungsbögen. Für den Moment könnte meine Freude über sämtliche Auftritte Annet Mahendrus aber nicht größer sein. Diese passen sich wunderbar ein in die perfekt geölte Maschine, die The Americans derzeit ist.
Das gilt im Übrigen nicht nur für die wunderbar verflochtene Dramaturgie, sondern auch für die herausragende visuelle Umsetzung. TV-Veteran Thomas Schlamme hat nun schon die zweite Episode hintereinander verfilmt. Meinetwegen könnte er ab sofort sämtliche Episoden betreuen, wenn er dabei so großartige Shots liefert wie den von Elizabeth am Küchentisch. Sie hat da gerade die Nachricht ihrer Tochter erfahren und die Kamera fährt nun so auf sie, dass sie ein Pfeiler vom Rest der Tischgesellschaft zu trennen scheint. Einfach großartige Arbeit!
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 19. Februar 2015(The Americans 3x04)
Schauspieler in der Episode The Americans 3x04
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