The Americans 3x03

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Es ist eine gute Woche, um Serienkritiker zu sein. Am Sonntag startete die ausgezeichnete „True Crime“-Serie The Jinx: The Life and Deaths of Robert Durst bei HBO „65690“, vorgestern lief bei FX die beste Justified-Episode seit der zweiten Staffel „65721“ und jetzt kommt auch noch diese wunderbare neue Episode von The Americans hinzu, Open House. Darin trifft die herausragende visuelle Umsetzung des arrivierten TV-Regisseurs Thomas Schlamme auf knisternde Spannung, leisen Humor und bewegende emotionale Momente.
Win some, lose some
Der fortwährende Streit zwischen den Eheleuten Jennings um die richtige Erziehung ihrer Tochter Paige (Holly Taylor) und die bevorstehende Entscheidung, eventuell auch sie zu einer Spionin ausbilden zu lassen, dient dabei als Leinwand für die Spionageaktivitäten und die Beziehung von Elizabeth (Keri Russell) und Philip (Matthew Rhys). Schon zum zweiten Mal innerhalb von nur drei Episoden entkommt Elizabeth nur knapp ihrer Ergreifung durch die amerikanischen Geheimdienste.
Die Szenen, in denen sie mit Unterstützung ihrer Kollegen versucht, sich in ihrem Auto aus der Umzingelung durch die Gegenseite zu winden, sind von Schlamme hervorragend inszeniert. Als Zuschauer wissen wir ebenso wenig wie Elizabeth, wo sich ihre Verfolger befinden. Und, als sie schließlich ein Funkgerät zugesteckt bekommt, wissen wir noch weniger als sie - es sei denn, wir kennen sämtliche Straßenkarten von Washington, D.C. aus den frühen 80er Jahren auswendig. Uns bleibt also nichts anderes übrig, als - wie Philip, dem zwischendurch die unbemerkte Flucht aus dem Auto gelungen ist - zu Hause zu sitzen und die Daumen zu drücken.
Die Tragweite einer möglichen Verhaftung Elizabeths wird umso größer, spielt man einmal durch, was dann passieren würde. Was würde Philip tun? Die Kinder einpacken und unter einem Vorwand schnellstmöglich mit ihnen abhauen? Ihnen die Wahrheit erzählen und sich dann stellen? Ihnen die Wahrheit erzählen und dann flüchten? Oder darauf hoffen, dass Elizabeth eisern schweigt, was aber angesichts ihrer Bekanntschaft mit Stan Beeman (Noah Emmerich) wohl ein aussichtsloses Unterfangen wäre? Wie man es auch betrachtet - die Ergreifung Elizabeths wäre eine Totalkatastrophe und das Ende von Familie Jennings.
Letztendlich dürfte das Erlebte dazu beitragen, dass Philip mit gestärkter Verhandlungsposition in die nächste Streitrunde um Paiges Zukunft geht. Dieser Kampf ist für ihn aber noch lange nicht gewonnen, schließlich muss er nicht seine Ehefrau, sondern auch seinen handler Gabriel (Frank Langella) und das center überzeugen. Diese Auseinandersetzung ist noch lange nicht an ihrem Ende angelangt - und das ist angesichts des darin verborgenen enormen Konfliktpotentials auch gut so.
You can live without wants, but you can't live without needs
Ansonsten müssten wir uns vielleicht darüber wundern, woher Henrys (Keidrich Sellati) Begeisterung für seine ehemalige Nachbarin Sandra Beeman (Susan Misner) kommt, wenngleich sich diese Frage eigentlich erübrigt, sobald man Sandra Beeman einmal gesehen hat. Aber Spaß beiseite: Philips Sorge um seine Tochter wird umso eindrucksvoller, wenn man sich ihre Einstellung dazu vor Augen hält: „I really wish you guys would stop worrying about me.“ („Ich wünschte mir, ihr würdet euch weniger Sorgen um mich machen.“)
Weil The Americans in seinen ersten zwei Staffeln viel Zeit darauf verwendet hatte, die Annäherung von Philip und Elizabeth gemäß des Ausspruchs des neuen KGB-asset Hans (Peter Mark Kendall) eingehend zu beleuchten, kann die Serie daraus nun mit beiden Händen emotionalen pay off schöpfen. Zunächst antwortet Elizabeth als Hans' Ausbilderin auf sein Bonmot noch kühl mit einem Zitat von Karl Marx: „The production of too many useful things results in too many useless people.“ („Die Produktion von zu vielen nützlichen Dingen führt zu zu vielen unnützen Menschen.“)
Nach ihrer Beinaheergreifung und der (zumindest kurzzeitigen) Versöhnung mit Philip setzt sie den Avancen ihres neuen Untergebenen aber entschieden ein Ende. Das Kernstück dieser Zuwendung des Ehepaares zueinander ist aus dramaturgischer und inszenatorischer Sicht die Szene, in der Philip seiner Ehefrau in der Waschküche wortlos den schmerzenden Zahn zieht. Die Synästhesie von Bild und Ton - Schlamme filmt seine Protagonisten überwiegend in Close-ups - ließ mich noch mehr erschaudern als bei der Knochenbrecherszene aus der letzten Episode. Die schauspielerische Leistung von Rhys und Russell darin ist außergewöhnlich gut. Sie klammern sich aneinander, schauen sich tief in die Augen, sprechen sich so das gegenseitige Vertrauen und die genuine Liebe aus, die sie erst entwickeln und auch akzeptieren mussten. Es bedarf gar keiner Worte. Grandios.
Der Plot konzentriert sich indes auf die versuchte Infiltration der CIA „Afghan Group“. Als schwächstes Gruppenmitglied identifiziert Gabriel einen gewissen Ted Paaswell (David Furr), der wegen seiner bevorstehenden Scheidung sein Haus verkauft, was Philip und Elizabeth die Gelegenheit gibt, dort herumzuschnüffeln. Weil sie aber bei dessen nachfolgender Beschattung zu unvorsichtig sind, geraten sie in die missliche Situation, selbst beschattet zu werden. Dass es am Ende Elizabeth ist, die beinahe erwischt wird, liegt schlicht und einfach daran, dass sie sich zufällig ans Steuer gesetzt hat.
People love hearing how right they are
Das aufwühlende Ereignis hält Ehepaar Jennings aber keinesfalls davon ab, am nächsten Abend seine Arbeit gleich wieder aufzunehmen. Dabei stellt sich denn auch heraus, dass nicht Paaswell die vielversprechendste Personalie ist, sondern Isaac Breland (Frank Deal). Dessen Tochter Kimberly (Julia Garner) ist der Grund für die Scheidung von Ted Paaswell und seiner Ehefrau. Sie liegt darüber im Clinch mit ihrem Vater und dürfte sich deshalb laut Philips Berechnungen für einen Infiltrationsversuch bestens eignen.
Stan Beeman kommentiert indes die misslungene Ergreifung lapidar: „They are hard to get.“ („Sie sind schwer zu kriegen.“) Sein neuer Kollege Aderholt will etwas über Stans berühmte Zeit als verdeckter Ermittler bei der „Aryan Nation“ erfahren, bekommt aber nur einen Ratschlag zu hören: „Menschen lieben es, wenn man ihnen sagt, wie Recht sie haben.“ Aderholt selbst hat in seiner Karriere auch schon eine respektable Leistung vorzuweisen, denn ihm ist es gelungen, einen „illegal“ wie Philip und Elizabeth zu erwischen. Es dürfte interessant werden, zu sehen, was er zur Jagd auf die beiden Zielpersonen beitragen kann.
Am Ende merkt Stan Beeman, dass sein Ratschlag möglicherweise auch von der russischen Überläuferin Zinaida (Svetlana Efremova) beherzigt wird. Warum sollte diese Erkenntnis auch noch niemand anderem aufgefallen sein? Während Stan also ernüchtert seiner Schutzbefohlenen zusieht, entschließt Oleg Burov (Costa Ronin), sich den Wünschen seines einflussreichen Vaters um seine Rückkehr nach Russland zu widersetzen. Im Hintergrund wird da gerade das Bild des verstorbenen Breschnew durch das seines Nachfolgers Andropov ersetzt. Für diejenigen, die die Basisarbeit erledigen, ist das jedoch nicht von Belang.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 12. Februar 2015(The Americans 3x03)
Schauspieler in der Episode The Americans 3x03
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